Buchcover:

Der Smaragd-Buddha

INHALTSBESCHREIBUNG


Die Abenteurer Drake, Allie und Spencer sind zurück – und dieses Mal verschlägt es sie in die unwegsamen Dschungel von Myanmar. Ihr Ziel ist es, einen legendären Schatz rund um eine Jade-Statue, den Smaragd-Buddha, aus dem Khmer-Reich zu finden. Gleichzeitig stehen sie aber auch noch im Dienst des CIA und sollen vor Ort das abgestürzte Flugzeug mit der Tochter eines US-Senatoren und deren Freund an Bord bergen.
Das Ganze wäre natürlich zu einfach, wenn nicht noch ein paar rachsüchtige Chinesen, schießwütige Armeen und hinterhältige Drogenhändler auf den Plan treten würden, um den Glücksrittern das Leben schwer zu machen.

Russell Blakes »Drake Ramsey«-Reihe holt die Abenteuer eines Indiana Jones in unsere Zeit – mit allen Zutaten, die das Genre braucht: mystische Schätze, exotische Schauplätze, grandiose Action und filmreife Wortgefechte.

Prolog


1431 v. Chr., im Grenzgebiet von Burma und Laos

 

Vogelschreie hallten durch das abgelegene Tal, als der Dschungel zu einem neuen Tag erwachte. Zwanzig Khmer-Krieger verließen ihr Nachtlager am Ufer eines Flusses und spähten in den dichten Nebel, der von den nahegelegenen schroffen Felsformationen herabgestiegen war. Eine Gruppe müder Ochsen graste nur wenige Meter abseits des Wassers und an ihrer Seite saß ein hochrangiges Mitglied des königlichen Hofes auf einer schweren Holzkarre. Dunkle Ringe unter seinen Augen erinnerten an die vielen schlaflosen Stunden auf der langen Reise in diese unerforschte Wildnis.

Die Ladung des unförmigen Gefährts bestand aus zahlreichen Truhen, die die Reichtümer des Imperiums der Khmer beinhalteten – heilige Reliquien, goldene Kelche sowie Edelsteine von unermesslichem Wert. Doch der absolut größte Schatz war lediglich in eine Decke eingewickelt worden: Der legendäre Smaragd-Buddha, dessen kleinerer Bruder im thailändischen Königshaus verweilte, das sich momentan im Krieg mit den Khmer befand.

Seinem überlegenen Rivalen aus dem Süden hatte das Imperium der Khmer nicht viel entgegenzusetzen, bereits vor Wochen war der prächtige Tempel von Angkor Wat der Thai-Armee in die Hände gefallen. Doch schon als König Ponhea Yat von seinen Spionen die Kunde erhalten hatte, dass die feindlichen Soldaten auf dem Vormarsch waren, hatte er Chey, einem seiner engsten Vertrauten, den Auftrag gegeben, die nationalen Reichtümer in Sicherheit zu bringen.

Ein großer Mann in schwerer Rüstung näherte sich dem Wagen, seine narbigen Gesichtszüge in tiefe Falten gelegt. Sihanouk war einer der berüchtigtsten Krieger im ganzen Königreich, und es ging ihm ganz eindeutig gegen den Strich, den Geleitschutz für diese Operation zu stellen, während anderswo gegen die Eindringlinge gekämpft wurde. Es war nicht seine Idee gewesen, wie eine alte Frau im Dschungel herumzuirren, doch Befehle waren Befehle: Er sollte Chey, den Gesandten des Königs, tief in unbekanntes Gebiet eskortieren, bis sie ein geeignetes Versteck für den Schatz finden würden.

»Ich habe selten ein Tal gesehen, das abgeschiedener und besser versteckt ist, als dieses«, setzte Sihanouk an, »doch frage ich mich trotzdem, ob unser Schatz hier am Ende der Welt besser aufgehoben ist als zuhause, wo er von loyalen Kriegern verteidigt werden könnte.«

»Unsere Aufgabe war, einen geeigneten Ort für ein Versteck zu finden. Alles andere liegt außerhalb unserer Verantwortung«, entgegnete Chey.

»Bisher war uns das Schicksal gewogen«, sagte Sihanouk. »Hoffen wir nur, dass die verfluchten Eingeborenen uns in Ruhe lassen, bis unsere Arbeit vollendet ist.«

»Habe Zuversicht, dann wird sich alles zum Guten wenden!«

Sihanouk musterte Chey skeptisch. »Auch wenn ich deinen Optimismus begrüße, werde ich mein Schwert griffbereit halten.«

Es gab kaum Sympathie zwischen Chey, der von den Soldaten als windiger Opportunist betrachtet wurde, und Sihanouk, der sich seine Sporen im Kampf verdient hatte. Für den Krieger waren die Entscheidungen des Königs, wen er in seinen inneren Kreis aufnahm, immer wieder irritierend. Doch er hatte dem König nach dessen Belieben zu dienen, auch wenn das bedeutete, sich von Chey herumkommandieren zu lassen. Trotzdem gab ihm dieser schleimige Aal ein ungutes Gefühl und er fieberte dem Ende seiner Mission entgegen – denn dann könnte er sein Volk endlich wieder ehrenhaft verteidigen.

»Hast du schon eine bestimmte Stelle im Kopf?«, fragte Sihanouk.

Chey grinste ihn verschlagen an. »Ich habe da so eine Idee.«

»In dieser Nebelsuppe wird es schwierig, sich zu orientieren.«

»Der Schleier wird sich bald lüften. Die Männer sollen sich nützlich machen, während wir warten – schicke sie zum Fischen, damit wir etwas essen können. Nachdem wir unsere Bäuche gefüllt haben, werden wir die Suche nach einer geeigneten Stelle beginnen.«

Am frühen Vormittag hatte sich der Nebel verzogen und Chey führte Sihanouk den Fluss hinunter, auf der Suche nach einer geeigneten Höhle. Wie er es erwartet hatte, gab es einige davon, doch die Jahrmillionen währende Erosion des Kalksteines war sehr unregelmäßig verlaufen und die meisten der Höhlen waren für ihre Zwecke zu flach. Schließlich fanden sie eine perfekte Vertiefung mit einer sehr schmalen Öffnung, die vom Fluss aus nicht eingesehen werden konnte und die in ein größeres Gewölbe mit mehreren abzweigenden Kammern führte.

 

Ein Monat verging, in dem die Männer in langen Arbeitstagen den weichen Stein weiter aushöhlten, bis die Gewölbe ihren Ansprüchen genügten. Am letzten Morgen überwachte Chey persönlich, wie der Karren entladen und die Truhen in den Höhlen verstaut wurden. Der letzte Gegenstand, der seinen Weg in diesen neu angelegten Tempel fand, war der Smaragd-Buddha, der im Schein der Fackeln fast von selbst zu leuchten schien, während seine goldene Robe wie Morgentau im Sonnenlicht glänzte.

Am nächsten Morgen verwischten die Männer ihre Spuren. Sie zerlegten den Wagen und warfen die Holzteile in den Fluss, bevor sie sich an den Abmarsch machten. Chey bildete diesmal die Nachhut der Kolonne, statt sie zu leiten, denn seine Arbeit war getan: Er hatte einen sicheren Aufbewahrungsort für den Schatz gefunden.

Abends machten sie am Fuße des Berges rast, den sie auf dem Weg in das versteckte Tal hinabgestiegen waren. Nachdem Chey seinen Anteil des Fisches gegessen hatte, den sie als Proviant für den Rückweg eingepackt hatten, näherte er sich den versammelten Männern am Lagerfeuer und zog eine Karaffe aus seinem Beutel.

»Meine Freunde, ich beglückwünsche euch! Der König hat mich gebeten, diesen edlen Tropfen mit euch zu teilen – den feinsten Reisbrand der Khmer. Ich trinke auf jeden von euch und eure heldenhafte Tat!«

Chey brach das Sigel der Flasche und nahm einen langen Schluck, bevor er sie an Sihanouk weiterreichte, von wo aus sie ihre Runde durch die Reihen der Männer nahm. Jeder probierte das angenehm brennende Getränk in vollen Zügen und im Handumdrehen war das Gefäß leer. Chey entschuldigte sich und verzog sich in die Büsche, um seine Blase zu erleichtern. Er kehrte jedoch erst eine halbe Stunde später zurück, als das Feuer nur noch aus einigen glühenden Kohlen bestand, umringt von schlafenden Männern, denn das Betäubungsmittel hatte seinen Dienst getan. Chey hatte vorher ein Gegenmittel genommen.

Er trat an Sihanouk heran und zog das Schwert des Kriegers. Dann hielt er kurz inne und musterte die tödliche Klinge, bevor er sie ohne jegliche Skrupel in die Kehle ihres Besitzers rammte. Sihanouk bäumte sich kurz auf, dann zuckten seine Glieder einmal kurz und ein letztes, gedämpftes Röcheln erklang aus seiner Kehle, bevor er leblos zusammensackte. Chey wandte sich von der Leiche ab und wiederholte seine feige Tat, bis auch der letzte Mann sein Leben ausgehaucht hatte. Er ließ seinen Blick über die Armee der Toten schweifen und nickte anschließend zufrieden. Dann bemächtigte er sich Sihanouks Gürtel mit der daran befestigten Schwertscheide und legte ihn sich um die Hüften.

Chey ging zu dem Beutel mit Vorräten und prüfte dessen Gewicht. Er war schwer, aber wenn es sein musste, konnte er auf dem Weg Nahrungsmittel wegwerfen, die er nicht mehr tragen wollte. Doch im Zweifelsfall wäre es besser, zuviel mitzunehmen als zu wenig. Also schulterte er den Sack und machte sich im Mondlicht auf den Rückweg, den dunklen Pfad hinunter, der ihn in eine ungewisse Zukunft und zurück zu seinem König führen würde, der den Mord an seinen eigenen Männern befohlen hatte, um das Versteck der Schätze geheim zu halten.

Damit war Chey der Einzige, der die Wahrheit kannte, und er war ein Überlebenskünstler. Was auch immer in seiner Heimat auf ihn warten würde, seinem Schwur würde er Folge leisten und trotz aller Widrigkeiten dem König die genaue Position des Tempels mitteilen. Woraufhin er sicherlich fürstlich entlohnt werden würde.

Er musste es nur noch lebend dorthin schaffen.

 

Kapitel 1


Islamabad, Pakistan

 

Die Sterne glitzerten durch einen leichten Dunstschleier über dem Rawalsee. Der Verkehr tröpfelte nur noch vor sich hin und die Kakofonie schlecht gewarteter Motoren klang ab, während sich die Dunkelheit breitmachte. Stattdessen war die Luft jetzt vom Klang laut aufgedrehter Fernseher erfüllt, der durch die vielen offenen Fenster der Straße drang. Auch der Klang polyrhythmischer Musik war vielerorts zu hören, als in dem Vorort Bhara Kahu die Nacht hereinbrach. Hier lebten überwiegend Arbeiter, denn die Gegend war nur fünf Minuten von Islamabad entfernt und durch einen Highway, der sich am Rand des Sees entlang schlängelte, mit dem Industriezentrum verbunden.

Ein Müllfahrzeug rumpelte auf dem Weg zur örtlichen Müllkippe die staubige Straße hinunter. Ihm folgte ein streunender Hund, in dessen klagenden Augen ein Funke von Hoffnung auf ein paar Essenreste blitzte. Lichter tanzten hinter den mit Eisenstangen gesicherten Fenstern der kleinen Häuser mit hohen Mauern, die oben mit einem Überzug aus Glasscherben gegen aufdringlichen Besuch gesichert waren.

Vier Männer saßen vor einem winzigen Café an einem runden Glastisch, spielten Karten und rauchten extrastarke filterlose Zigaretten, deren schwerer Rauch sich träge in den Himmel erhob. Ein Junge, kaum älter als zehn Jahre, brachte ihnen ein emailliertes Tablett mit vier Tassen schwarzen Kaffees, der die Konsistenz von Rohöl besaß. Die Männer lachten über einen Scherz, prosteten sich zu und machten dann mit ihrem Glücksspiel weiter, wobei sie sich scherzhaft gegenseitig verfluchten, während sie Stapel von Münzen auf dem Tisch hin und her schoben.

Im Schritttempo näherte sich ein verbeulter Nissan-Kombi, dessen Scheiben so dunkel gefärbt waren, dass sie fast undurchsichtig waren. Vor dem Café kam der Wagen zum Stehen, und es war unübersehbar, dass die Männer in ihrem Tun erstarrten. Einer von ihnen griff unter sein weit geschnittenes Hemd, doch als das Beifahrerfenster des Wagens heruntergelassen wurde, entspannte er sich und winkte den Insassen zu.

Jack Rollins beobachtete diesen Vorgang durch sein Nachtsichtgerät. Er lag im zweiten Stock eines Hauses am Ende der Straße auf einem Tisch am Fenster, trug eine schwarze Sturmhaube sowie einen dazu passenden Overall, was ihn in dem dunklen Raum so gut wie unsichtbar werden ließ. Neben ihm lag eine Kalaschnikow AKM mit klappbarer Schulterstütze sowie einer Munitionstasche mit sechs Magazinen. Auf der anderen Seite ein Scharfschützengewehr des Kalibers 50 mit kompaktem Nachtsicht-Zielfernrohr. Die im Magazin befindlichen Explosivgeschosse konnten den Kopf eines Menschen noch aus einem Kilometer Entfernung in Sprühnebel verwandeln.

Er tippte seinen Ohrstöpsel an, um sich zu vergewissern, dass immer noch alles im grünen Bereich war. Das als positive Antwort erwartete Klicken kam eine Sekunde später. Doch das Ziel hatte sich nicht mehr gezeigt, seit er vom Isha Sallat aus der nahegelegenen Moschee zurückgekehrt war. Dies war das letzte Gebet des Tages, was die Gläubigen sicher bis zum Morgengrauen geleiten sollte. Jack hätte den Mann am liebsten direkt auf offener Straße erledigt, doch seine Befehle lauteten anders – und deswegen wartete er geduldig.

»Seht ihr irgendwas auf eurer Seite?«, murmelte er. Sofort erklang eine flüsternde Stimme in seinem Ohr. »Es hat sich nichts verändert. Das Licht im Haus ist noch an. Draußen sitzen ein paar Handlanger mit Sturmgewehren. AKs, natürlich.«

»Natürlich.« Die Gewehre vom Typ AK-47 gab es in der Punjab-Region Pakistans wie Sand am Meer. Das war ein Resultat der ewig andauernden Kämpfe im nahe gelegenen Afghanistan. Damit kannte sich Jack nur all zu gut aus, da er dort zwei Dienstzeiten hinter sich gebracht hatte. Die Afghanen waren verdammt harte Hunde und kannten kaum etwas anderes als den Krieg – denn die meisten von ihnen waren damit aufgewachsen, erst gegen die Russen und dann gegen die Amerikaner zu kämpfen.

Damit habe ich kein Problem, dachte Jack. Wir tun alle, was wir tun müssen, um zu überleben.

»Irgendwelche Aktivität in den anderen Häusern?«, fragte er.

»Negativ. Alles ruhig. Bis auf Saddam, natürlich. Der schläft nie.«

Saddam war der Spitzname, den sie dem Scharfschützen auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes gegeben hatten, Teil der Sicherheitsvorkehrungen von Jacks Ziel. Hamal Qureschi hieß der Mann. Eigentlich gehörte er noch zu den moderaten Stimmen unter denjenigen, die den Koran extremer interpretierten. Er war ein passionierter Gottesmann, der von vielen respektiert und gehört wurde. Aus diesem Grund waren seine Behauptungen, dass die neuesten, unorthodoxen Gruppierungen von Terroristen in Wahrheit Marionetten des Westens waren, höchst gefährlich. Für ihn selbst waren sie sogar zum Todesurteil geworden.

»Wahrscheinlich hält ihn sein schlechtes Gewissen vom Schlafen ab«, vermutete Jack. »Oder er träumt von den fünfundfünfzig Jungfrauen.«

»Ich glaube, es geht um zweiundsiebzig Jungfrauen.«

»Egal«. Jack sah auf die Uhr. »In zwanzig Minuten legen wir los. Sind die Blendgranaten bereit?«

»Na klar. Und in meinen Klamotten sehe ich aus wie Omar der Teppichhändler, deswegen werden sie nichts ahnen, bevor es zu spät ist.« Jacks Leute waren mit authentischer Kleidung ausgestattet worden, ganz wie es diese verdeckte Operation verlangte. Sie sollten als örtliche Gruppierung wahrgenommen werden, Terroristen, die nach dem Blut eines Landsmannes trachteten. Der Mord an Hamal Qureschi würde einen Aufschrei zur Folge haben und hoffentlich das Interesse an Verschwörungstheorien dämpfen. Ob das klappen würde, lag nicht in Jacks Ermessen. Er war nur der Handlanger, der die Drecksarbeit machen musste. Und seinen Job machte er wirklich gut.

»Alles klar. Lasst uns Funkstille halten, bis wir losschlagen. Es kann nicht mehr lange dauern. Bleibt wachsam!«

Jack beendete das Gespräch und sah zu, wie der demolierte Nissan davonrollte, wobei er eine schwarze Rauchwolke zurückließ. Schon seit drei Tagen waren Jack und seine Leute in diesem Kaff, um alles vorzubereiten – und nun war endlich ihre große Stunde gekommen. Das Warten war wirklich der härteste Teil an dem Job. Aus seiner Erfahrung wusste er, sobald die ersten Schüsse fielen, würde alles in Windeseile vorbei sein. Etwa zwei Minuten, für deren Vorbereitung hunderttausende Dollar in die Beschaffung von Informationen, Waffen, falschen Papieren und Bestechungsgeldern geflossen waren. Zwei Minuten, um den großen Qureschi und seine Wachen ins Jenseits zu befördern.

Die vier Kartenspieler waren bereits in seinem Plan vermerkt. Wenn sie es wagen sollten, Gegenwehr zu leisten, würde er sie ausschalten, ohne mit der Wimper zu zucken. Kollateralschäden waren schließlich bei so einer Mission nicht zu vermeiden. Berufsrisiko, dachte Jack und wünschte den Männern insgeheim, dass sie einfach beim ersten Anzeichen von Gefahr in Deckung gehen würden, statt dem Geistlichen zur Seite zu springen.

Das Satellitentelefon auf dem Tisch begann zu blinken, womit es einen eingehenden Anruf anzeigte. Es gab nur eine Person, die diese Nummer kannte, und Jack nahm blitzschnell ab.

»Abbruch. Ich wiederhole, Abbruch!«, tönte es aus der Leitung.

Jacks Augen verengten sich. »Warum?«

»Ihr seid aufgeflogen!«

»Aufgeflogen? Wie das denn?«

»Haut einfach ab! Es ist vorbei! Jemand hat vor einer Stunde alle Details ins Internet gestellt – wir haben es gerade erfahren. Die Uhr läuft! Du kannst davon ausgehen, dass die Pakistanis alles daran setzen werden, euch zu schnappen! Ihr müsst euer Bestes geben, um das zu verhindern!«

»Könnt ihr sie nicht ablenken?«

»Das machen wir schon, sonst wärt ihr längst tot! Aber wir können sie nicht mehr lange aufhalten. Verschwindet! Jetzt sofort!«

»Alles klar. Ich melde mich, wenn die Luft rein ist.«

Jack legte auf und dachte kurz nach, dann steckte er sich den Ohrstöpsel wieder ein und gab die Informationen an sein Team weiter. Am Ende des Häuserblocks sprang der Motor eines Autos an und der Wagen verschwand in die Nacht. Mehr musste Jack nicht wissen. Seine Jungs waren alle schon groß. Den Fluchtplan kannten sie auswendig und jeder von ihnen würde seine eigene Route nehmen, um das Land zu verlassen.

Ein Glück, dass er jede Mission genauestens durchplante und dabei höchst argwöhnisch war. Viele seiner Kollegen würden sich einfach an die Standardprozeduren halten, statt Geld und Zeit in einen Plan zu investieren, den nur sie selbst kannten. Aber Jack gehörte nicht dazu. Die Narben, die Kugeln und Schrapnelle an seinem Körper hinterlassen hatten, erinnerten ihn bei jeder Dusche daran, wie gefährlich sein Beruf war.

Er zerlegte in Windeseile das Barrett-Gewehr, das er extra auf schnelle Demontage optimiert hatte, und ließ es zusammen mit der AKM und den Magazinen in einem schwarzen Nylon-Seesack verschwinden. Als Letztes warf er das Nachtsichtgerät und die Sturmhaube hinein.

Zwanzig Sekunden später war er die Treppe hinuntergeeilt und näherte sich gerade dem Eingangstor, als er auch schon das unverkennbare Geräusch eines schweren Helikopters vernahm, der sich schnell näherte. So viel zu den Hinhaltetaktiken. Es würde eine verdammt knappe Nummer werden.

Er öffnete das Tor und hetzte den zerbröselnden Gehweg hinunter – der Anspruch, sich unauffällig zu benehmen, war dahin. Er musste die Gegend verlassen, bevor ein besonders gewissenhafter pakistanischer Polizeibeamter auf die Idee kam, das ganze Gebiet abriegeln zu lassen.

An der nächsten Ecke bog er in eine düstere Gasse ein, deren Straßenlaternen längst defekt waren, und joggte dann auf einen verbeulten Pick-up-Truck vom Typ Toyota Hilux zu. Er ließ sich hinter das Lenkrad gleiten und warf seine Tasche auf den Beifahrersitz. In der Fahrerkabine blieb es dunkel; die Glühlampe hatte er als Vorsichtsmaßnahme entfernt. Solche Kleinigkeiten konnten den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, das wusste er genau.

Der Motor sprang mit einem Röcheln an und er legte den erste Gang ein. Nachdem er zwei Blocks hinter sich gelassen hatte, sah er im Rückspiegel zwei Hubschrauber mit gleißenden Suchscheinwerfern, die über die Dächer der Nachbarschaft tanzten, in der er sich eben noch aufgehalten hatte.

»Verdammt«, murmelte er und kämpfte gegen den Drang an, das Gaspedal durchzutreten. Wenn er Glück hatte, würde er es schaffen. Wenn nicht … tja. Er durfte jedenfalls nicht zulassen, dass er geschnappt wurde. Seine rechte Hand streifte über den Griff seiner Pistole und er verzog das Gesicht. Er hoffte wirklich, dass es nicht dazu kommen würde, aber es gab Schlimmeres als den Tod.

Sirenen heulten in der Ferne auf und er versuchte abzuschätzen, aus welcher Richtung sie kamen. Sobald die örtliche Polizei alarmiert war, würden seine Chancen immer weiter sinken. Jacks Gedanken kreisten um das Gespräch mit seinem Einsatzleiter. Jemand hatte Details von einer streng geheimen Operation ins Netz gestellt. Was hatte das zu bedeuten? Natürlich war ganz offensichtlich, dass sie infiltriert worden waren. Aber wie konnte das sein? Rein technisch war es absolut unmöglich.

Das Jaulen einer Sirene ganz in seiner Nähe bewies das Gegenteil. Ein Polizeitransporter bog um eine Ecke hinter ihm und raste auf ihn zu. Jack wog seine Optionen ab, während er das Fahrzeug im Außenspiegel näherkommen sah. Er war gerade im Begriff, eine Vollbremsung zu machen, als der Polizeiwagen mit quietschenden Reifen in eine Seitenstraße abbog.

»Ganz ruhig bleiben, Jack«, sagte er zu sich selbst. Auf einmal sehnte er sich nach einem Drink, obwohl er seit über zehn Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt hatte. Doch nun sah er ganz klar einen golden schimmernden Bourbon vor seinem geistigen Auge, roch das herrliche Aroma und spürte, wie die Flüssigkeit seine Kehle hinunterrann und sich ein wohlig-warmes Gefühl in seinem Körper ausbreitete. Alte Gewohnheit, dachte Jack und fuhr in gemäßigtem Tempo weiter, wobei er die Ohren spitzte, um weitere mögliche Verfolger rechtzeitig wahrzunehmen.

Als er den Stadtrand erreicht hatte, fiel sein Blick auf die Tankanzeige. Halbvoll, was bedeutete, dass er es noch locker nach Peshawar schaffen würde, wo er ein paar Tage untertauchen konnte, um sich dann nach Afghanistan abzusetzen. Es grenzte zwar an Selbstmord, hier in der Gegend nachts herumzufahren, aber er hatte keine Wahl.

So wenig Lust er auch dazu verspürte, als Nächstes musste er an einem Müllcontainer halten und seine Waffen wegwerfen. Denn die würden ihn verraten, und man musste es seinen Gegnern ja nicht zu leicht machen. Es war klar, dass sie auf ihn Jagd machen würden, aber die Waffen würden garantiert nie gefunden werden – denn auf dem Schwarzmarkt brachten sie einen stolzen Preis ein, der für einen Müllmann mehrere Monatslöhne bedeutete.

Mit einem letzten Kontrollblick auf die Straße hinter ihm kletterte er wieder in den Wagen und steuerte ihn nach Westen auf den Kyber-Pass zu. So würde ihm hoffentlich die Flucht gelingen.

Ende der Leseprobe

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