DIVINE: BLICK INS FEUER

4,99 12,99 

Cheryl Kaye Tardif

THRILLER

Band 1
Serie: Divine

»Dieses fesselnde Buch ist ein echter kanadischer Kriminalroman… Tardif überrascht ihre Leser immer wieder mit unvorhersehbaren Wendungen, bevor sie die Geschichte überzeugend abschließt.« [Midwest Book Review]

Lieferzeit: sofort nach Zahlungseingang, versandkostenfrei

Auswahl zurücksetzen

Beschreibung


CFBI-Agentin Jasmine McLellan und ihr Team sind nicht nur übersinnlich begabt, sondern auch auf der Jagd nach einem Serienbrandstifter, der bereits das Leben von drei Opfern auf dem Gewissen hat.

Jasi und ihr Team – der Profiler Ben Roberts und Opfer-Empathin Natassia Prushenko – ermitteln gemeinsam mit Brandon Walsh, dem Leiter der Behörde für Brandstiftung. Ihre aufreibende Jagd nach dem Killer führt sie von Vancouver nach Kelowna, Penticton und Victoria. Während ihrer Ermittlungen stoßen sie auf einige düstere Geheimnisse.
Vor allem der Tod des dritten Opfers wirft grausame Fragen auf. Offensichtlich handelt es sich hierbei kaum um ein unschuldiges Opfer. Die Jagd nach dem Mörder spitzt sich zu, als Jasi klar wird, wer dessen nächstes Ziel sein wird.
Mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten wagt sie sich in die glühenden Überreste des Anschlagsortes, um den Gedanken des Mörders auf die Spur zu kommen – Gedanken, die von Zerstörung und Rache beherrscht sind. Jasi erkennt, dass der Killer schon auf der Lauer liegt … und zwar ganz in ihrer Nähe.

»Glaubwürdige Charaktere, und glühend heiße Wendungen. Fans von J.D. Robb [alias Nora Roberts] wird dieses Buch vollauf begeistern… Nach DIVINE – Blick ins Feuer brennt man einfach nur darauf, die Fortsetzung zu lesen.« [Kelly Komm, Autorin des englischen Fantasy-Hits Sacrifice]


auch hier erhältlich (Auswahl) … AMAZON | THALIA | WELTBILD | HUGENDUBEL | MAYERSCHE | BÜCHER.DE | KOBO

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2015

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

296

ISBN

978-3-95835-091-5

eISBN

978-3-95835-092-2

Leseprobe


Es fing immer mit dem toten Mädchen in ihrem Schrank an.
Nacht für Nacht öffnete die kleine Jasmine die Schranktür und freute sich auf ein paar ordentlich sortierte, hübsche Kleider – ein Kind in ihrem Alter, dessen Körper an einem pinken Springseil über dem Boden baumelte … vollkommen leblos.
Das tote Mädchen hatte langes blondes Haar. Ihre blauen Augen starrten ausdruckslos ins Leere, waren umrahmt von großen schwarzen Schatten. Ein lautloser Schrei war auf ihren weit aufgerissenen Lippen festgefroren. Das pinke Seil lag fest um ihren Hals; eine enge, pinke Halskette des Todes. Man konnte den lila-schwarzen Bluterguss deutlich erkennen.
Noch seltsamer als die Tatsache, dass das Mädchen in Jasmines Kleiderschrank baumelte, war jedoch, dass ihre Haut und ihre Kleidung verbrannt waren.
Entsetzt schrak die kleine Jasmine zurück.
Als der leblose Körper des Mädchens sacht von einer sanften Brise nach vorne geschaukelt wurde, entfuhr Jasmine ein markerschütternder Schrei. Sie rannte die Treppen hinunter und suchte verzweifelt nach ihren Eltern.
»Daddy?«
Ihr Hals war wie zugeschnürt.
»Mommy?«
Dann schrie sie. »Mommy, ich brauche dich! Hilf mir!«
Im Erdgeschoss angekommen war sie umgeben von dunklen Schatten.
Dann sah sie sie.
Rote Augen funkelten bedrohlich am Ende des Flurs.
Jasmine trat zögerlich zurück. Sie wollte rennen, aber ihre Füße gehorchten ihr nicht mehr. Ihr zierlicher Körper begann zu zittern, während die Augen sie weiter verfolgten.
Als sie einen Blick über die Schulter warf, sah sie, wie sich ein Umriss auf sie zubewegte, die Arme apathisch nach ihr ausgestreckt – flehend.
Das Mädchen aus dem Schrank war nicht mehr tot.
Ihre mit Blasen überzogenen Hände griffen nach Jasmine.
Dem weit aufgerissenen Mund des Mädchens entfuhr ein grausames Kreischen.
Gefangen und verängstigt fing Jasmine an zu schreien …

***

Schweißnass schreckte Agent Jasi McLellan aus ihrem Albtraum hoch. Ein durchdringendes Geräusch pochte in ihrem Kopf, den sie benebelt zur Wand neben ihrem Bett drehte.
Eine Wand mit Videobildschirm, eine Vid-Wall, war die neueste Erweiterung ihres Sicherheitssystems. Die Wand war in vier Monitore unterteilt – jeder war auf eine bestimmte Funktion programmiert.
Der Monitor für Nachrichten blinkte grell.
Irgendjemand hatte versucht, sie zu erreichen.
»Nachricht öffnen«, murmelte sie.
Endlich verstummte das Geräusch.
Jasi warf einen Blick auf die Uhr. 5:30 Uhr am Morgen, verdammt noch mal. Wer in Gottes Namen würde sie an ihrem freien Tag um diese Uhrzeit bloß anrufen wollen?
Auf dem Monitor leuchteten Worte auf, gefolgt von einer tiefen Stimme mit drängendem Unterton. »Jasi, wir brauchen dich! Ben.«
Sie war sofort hellwach.
»Nachricht an Ben.«
Nachdem das System eine Verbindung zu Bens mobilem Datakom-Gerät hergestellt hatte, sagte sie: »Gib mir fünfzehn Minuten. Ende der Nachricht.«
Während sie weiter auf den Bildschirm mit der Nachricht starrte, wurde ihr klar, dass ihr Urlaub jetzt vorbei war. Kurz überlegte sie, was so wichtig sein konnte, dass Ben sich gezwungen sah, ihre Auszeit zu unterbrechen. Eigentlich hatte sie gehofft, sich in den nächsten zwei Tagen endlich etwas ausruhen zu können.
Sie wühlte sich durch ihre verschwitzten Laken, setzte sich auf die Bettkante und griff nach ihrem eigenen Datakom.
Sie öffnete ihren Kalender.
Für heute war ein schwarzes X eingetragen.
»Oh Gott«, stöhnte sie.
Heute war ihr sechsundzwanzigster Geburtstag.
Jasi hasste Geburtstage.
Schwungvoll stieß sie sich von der Bettkante ab und schlug sich in der Dunkelheit den Zeh an ihrer Kommode an. Der stechende Schmerz ließ sie leise fluchend zusammenfahren.
»Badlicht an, Stufe 2!«
Ihr Home Security & Environmental Control System tauchte den Raum sofort in ein angenehm gedämpftes Licht. An manchen Tagen war sie Ben mehr als dankbar für die Installation von H-SECS in ihrer neuen Wohnung. An anderen Tagen, wenn sie sich mal wieder nicht an ein bestimmtes Kommando oder den Sicherheitscode für ihren Waffenschrank erinnern konnte, bekam Ben natürlich ordentlich was zu hören.
Kopfschüttelnd humpelte Jasi ins direkt angrenzende Badezimmer.
Konnte dieser Tag überhaupt noch schlimmer werden? Vielleicht sollte ich einfach wieder zurück ins Bett … und zwar bis morgen früh.
Schnell setzte sie sich auf den Toilettendeckel und betrachtete ihren pochenden Zeh. Missmutig stand sie auf, lehnte sich an das Waschbecken und begutachtete ihr Spiegelbild.
In diesem Moment holten sie die Erinnerungen an den Albtraum wieder ein.
»Wieso kannst du mich nicht in Ruhe lassen?«, flüsterte sie dem toten, imaginären Mädchen zu.
Jasi spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und runzelte die Stirn, als sie sich mit den Ellenbogen am Waschbecken abstützte und ihre verquollenen grünen Augen bemerkte. Mit den Fingern fuhr sie über eine kleine Narbe an der linken Seite ihres Kinns. Eigentlich war die Narbe kaum sichtbar, aber Jasi wusste, dass sie da war.
Sie riss sich aus ihren Gedanken, warf ihrem Spiegelbild einen letzten mitleidigen Blick zu und steuerte auf die Dusche zu.
»Dusche an, Massage, 40 Grad«, sagte sie laut, während sie ihren Slip und ihr Nachthemd auszog. »Radio an, Lautstärke 7.«
Aus den Deckenlautsprechern ertönte Musik von ihrem Lieblingssender und sie humpelte in die geräumige Duschkabine. Langsam streckte sie die Arme aus und spürte, wie sich ihre Muskeln merklich entspannten. Erleichtert seufzte sie auf, während das dampfende Wasser alle Gedanken an das tote Mädchen den Abfluss hinunterspülte.
Jasi schäumte ihre langen kastanienbraunen Haare gründlich ein und ließ sich den Kopf eine Weile von dem angenehm warmen Wasserstrahl massieren. Sie verzog das Gesicht, während sie versuchte, ihre welligen Locken mit einem groben Kamm zu bändigen. Ihre Haare machten einfach, was sie wollten. Es war nicht das erste Mal, dass Jasi gute Lust hatte, sie einfach abzuschneiden. Aber sie befürchtete, dass sie dann mit einem Afro dastand, und das ging einfach gar nicht. Damit würde sie niemand mehr ernst nehmen.
Plötzlich klingelte ihr Datakom.
Die fünfzehn Minuten waren vorbei.
Leise fluchend spuckte sie die restliche Zahnpasta aus und verfehlte dabei nur knapp den Seifenspender.
»Datakom an!«
»Guten Morgen, Sonnenschein!«, dröhnte eine männliche Stimme. »Hast du uns vermisst?« Benjamin Roberts, ihr Freund und Kollege, wartete gar nicht erst auf ihre Antwort. »Divine hat ein Command Meeting angesetzt. Er lässt ausrichten, dass es ihm sehr um deinen Urlaub leid tut, aber wir brauchen deine Hilfe.«
Die Stimme folgte Jasi ins Schlafzimmer, wo sich das Licht auf Kommando einschaltete.
Sie seufzte laut. »Klar, ich hab heute schließlich auch nichts Besseres zu tun. Zum Beispiel ausschlafen, ins Kino gehen oder mich leidenschaftlich mit einem gutaussehenden Fremden im Bett wälzen.«
Nervös umrundete sie den Kleiderschrank, riss die Tür auf und trat schnell einen Schritt zurück. Man konnte nie wissen, wer oder was sich darin versteckte.
Der Schrank war leer.
»Sag mal, stör ich dich wirklich nicht?«
Sie griff nach ein paar Kleidern und stieß die Tür schnell wieder zu.
»Na, schön wär’s. Was ist denn überhaupt passiert, Ben?«
Schnell schlüpfte sie in ein Paar lässige Jeans und eine leichte Bluse, während sie seine Antwort abwartete.
»Bist du noch in der Dusche, Jasi? Vielleicht solltest du mal die Vid-Wall einschalten.« Sie hörte ihn kichern.
»Ja, klar!«
»Wir haben einen Fall in der Nähe von Kelowna – einen Brand.« Ben war wieder ganz ernst. »Ein Opfer, Dr. Norman Washburn, Arzt im Krankenhaus von Kelowna.«
Jasi runzelte die Stirn und legte sich noch einen Schulterholster an.
Kelowna.
Dort war sie seit Jahren nicht mehr gewesen.
Nicht seit den verheerenden Waldbränden auf dem Okanagan Mountain im Jahr 2003.
Jetzt, neun Jahre später, würde sie zurückkehren. Sie wusste, dass sie hierfür einige Vorkehrungen treffen musste.
»Was hat das denn mit uns zu tun?«
»Tut mir leid, Jasi. Ich weiß, dass du eigentlich gerade frei hast. Aber der Fall ist wirklich heftig. Es gibt eine Verbindung zu einem anderen Brand. Zwei Opfer – eine Mutter und ihr Kind aus Victoria. Der Fall ist ungelöst.«
Lange war kein Laut mehr zu hören.
»Ben?«
Sie hörte ihn leise glucksen. »Übrigens: Alles Gute zum Geburtstag, Jasi.«
»Wo liegt die Verbindung zu dem Arzt in Kelowna?«, fragte sie und ignorierte die Anspielung auf ihren Geburtstag.
Als Ben ihr mitteilte, was die Ermittler am Tatort gefunden hatten, griff Jasi nach ihrer 9-Millimeter-Beretta, überprüfte die Sicherung und steckte sie in den Halfter. Sie eilte aus der Wohnung – dicht gefolgt von einem Schatten.

Ein Taxi brachte sie zu einem abgeschiedenen Gebäude im West End.
Auf dem Dach der scheinbar heruntergekommenen Lagerhalle wartete ein Helikopter. Die Motorengeräusche vermischten sich mit dem Straßenlärm der Umgebung. Vancouver war ständig in Bewegung. Eine Stadt, die niemals schlief.
Mit der Handtasche über der Schulter tippte Jasi ihren Sicherheitscode ein und nannte laut ihren Namen. Seit Neuestem war die Tür zusätzlich durch eine Spracherkennungssoftware gesichert.
Die Tür öffnete sich und sie schlüpfte in die kleine Luftschleuse. Ein Mann in Militärkleidung und mit Bürstenhaarschnitt begrüßte sie. In einer Hand hielt er locker sein Gewehr.
»Hi, Thomas«, winkte sie ihm zu.
Der Waffentechniker war groß und muskulös; sein Gesicht hatte Ähnlichkeit mit einem Pitbull. Als er sie erkannte, schenkte er ihr ein für seine Verhältnisse überaus freundliches Lächeln. »Agent McLellan. Schön, Sie wiederzusehen.«
Jasi holte ihre Beretta aus dem Halfter und legte sie in eine durchsichtige Plastikschale. Die Schale lief über ein Band in ein Loch in der Wand, wo die Pistole durchleuchtet und die Registrierdaten überprüft wurden.
Thomas winkte sie durch.
Über einen kurzen Gang gelangte sie in einen großen Raum voller Computer und technischem Equipment. Sie folgte einem zweiten Wachmann zunächst zu dem Ganzkörper-Scanner, dann dem Metall- und Pulverdetektor und ließ geduldig ihre Fingerabdrücke überprüfen.
Als letztes wartete noch der Netzhaut-Scanner.
»Ich sehe was, was du nicht siehst«, kicherte Vanda, die diensthabende Technikerin, als sie Jasi entdeckte.
»Und zwar jede Menge Augenringe … die zu dem Gesicht einer Sechzigjährigen passen«, brummte Jasi während der Prozedur.
»Also für eine Sechzigjährige haben Sie sich verdammt gut gehalten, junge Dame«, scherzte Vanda und winkte Jasi durch die Kontrolle.
»Ach ja? Also wenn Divine mich das nächste Mal aus dem Urlaub holt, dann stell ich mich einfach tot!«
Jasi ging zur letzten Sicherheitskontrolle. Hier wurde der kleine Tracking-Chip überprüft, der ihr in den Bauchnabel implantiert worden war. Der Chip diente dazu, vermisste Agenten aufzuspüren – und zur Identifikation. Besonders wenn anhand des Körpers keine eindeutige Identifikation mehr möglich war.
Auf der anderen Seite des Kontrolldurchgangs wartete bereits Benjamin Roberts. »Sie haben freies Geleit, oh Königin der Finsternis.« Er machte eine ausholende Bewegung und Jasi bemerkte seine schwarzen Handschuhe.
Thomas schob die Schale mit der Waffe in Bens Richtung. Er runzelte die Stirn. »Weißt du, Jasi, es gibt inzwischen auch etwas bessere Modelle als dieses alte Teil.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ja, weiß ich. Aber sie hat eben einen sentimentalen Wert.«
Er reichte ihr die Waffe.
»Alles Gute zum Geburtstag, Agent McLellan«, rief Thomas.
Jasi warf Ben einen vernichtenden Blick zu. »Was hast du gemacht? Vielleicht gleich eine Zeitungsannonce geschaltet?«
»Ach was, nur eine kleine Vid-Wall-Übertragung auf der Hastings«, lachte er. »Aua! Nicht immer gleich der Ellenbogen!«
Jasi beobachtete ihren Kollegen mit seinen breiten Schultern und den grauen Augen. Benjamin Roberts war Mitte dreißig. Ein großer eindrucksvoller Mann, der Armani-Anzüge wie eine zweite Haut trug, wodurch sein muskulöser Körper perfekt zur Geltung kam.
»Ein neues Paar?«, fragte sie mit einem Blick zu seinen Handschuhen.
»Das Futter der alten war hinüber.«
Sie versuchte sich vorzustellen, wie anstrengend der Alltag für ihn manchmal sein musste.
Ben war ein Psychometrischer Empath.
Wenn er jemanden berührte, empfing er stoßweise Gedanken oder Gefühle. Die Handschuhe wurden speziell für ihn konstruiert, um ihm einen normalen Alltag zu ermöglichen. Das Innenfutter der Lederhandschuhe blockte seine übernatürliche Begabung. Es war wichtig, ihn nicht allzu vielen Einflüssen auszusetzen, damit er sich genau auf laufende Ermittlungen konzentrieren konnte.
Abgesehen davon war Ben auch ein außergewöhnlicher Kampfsportler und der beste Profiler, den das CFBI zu bieten hatte. Seit über fünfzehn Jahren arbeitete er nun schon für das kanadische Federal Bureau of Investigators, lange bevor es überhaupt als CFBI in der Öffentlichkeit auftrat.
In den späten 1990er-Jahren strebte die kanadische Regierung eine Politik der „offenen Tür“ mit den USA an – und damit auch einen regen Informationsaustausch. Den Anfang machte ein Computerprogramm, auf welches beide Länder Zugriff hatten, um Informationen über sämtliche Verbrecher, Vergewaltiger, Pädophile, Entführer oder Serienmörder mit nur wenigen Mausklicks einsehen zu können.
Das CSIS-Programm sollte Kanadas nationale Sicherheit gewährleisten und internationale Terroraktivitäten überwachen.
2003 wurde das CFBI dann offiziell als kanadisches Gegenstück zu dem neu gegründeten FBI in den USA präsentiert. Letztendlich übernahm das CFBI auch CSIS und vernetzte es mit mehreren Abteilungen. Agents wurden über Ländergrenzen hinweg eingesetzt und wieder abgezogen, eben je nach Bedarf.
Manche Agents hatten übernatürliche Fähigkeiten und wurden Psychic Skills Investigators genannt – PSIs.
Die Öffentlichkeit kam natürlich zu keiner Zeit auf die Idee, dass die Regierung mit übernatürlich begabten Agents arbeitete. Selbst jetzt, im Jahr 2012, blieb diese Tatsache ein gut gehütetes Geheimnis.
»Hey! Jasi! Ben! Hier drüben!«, rief eine Frau.
Jasis zweite Partnerin, Natassia Prushenko, war groß und mit wahnsinnig langen Beinen gesegnet – und mit einem Busen, für den Jasi töten würde. Sie trug ihre kurzen schwarzen Haare als fransigen Stufenschnitt. Ihre saphirblauen Augen funkelten geheimnisvoll. Die beiden hatten sich seit fast zwei Wochen nicht mehr gesehen, doch Jasi bemerkte sofort, dass irgendetwas an ihr anders war. Abgesehen von den kupferfarbenen Strähnchen in ihren pechschwarzen Haaren.
Natassia reichte ihr einen versiegelten braunen Umschlag. Dann gab sie Ben einen ähnlichen Umschlag und salutierte neckisch. »Agent Prushenko meldet sich zum Dienst, Sir.«
»Ach komm, hör schon auf, Natassia«, knurrte Ben und verdrehte seine grauen Augen, bevor er in den Helikopter stieg.
Natassia schmunzelte und setzte sich neben ihn. »Aye, aye, mon capitaine.«
Jasi warf ihr einen neugierigen Blick zu.
Warum grinste Natassia bloß wie ein Honigkuchenpferd?

Als sich Ben nach vorne lehnte, um etwas mit dem Piloten zu besprechen, kniff Jasi ihre Freundin in die Seite.
»Willst du mir mal sagen, was mit dir los ist?«
»Später.«
Jasi zuckte mit den Schultern und widmete sich der Aussicht. Gerade flog der Helikopter unter einer Wolkendecke hindurch. British Columbia verzauberte sie immer wieder aufs Neue mit seiner wunderschönen Landschaft, den üppigen Wäldern und majestätischen, schneebedeckten Gipfeln.
Der Pilot setzte sie sicher auf einem Landeplatz mitten in einem eingezäunten Gelände ab. Hoch oben auf dem Elektrozaun surrten zahlreiche Kameras, die ihre Ankunft genau dokumentierten. In der Mitte der Anlage befanden sich zwei riesige Gebäude, die von einer sterilen Betonfläche umgeben waren. In beiden Häusern gab es einen Empfangsbereich und unzählige Büros.
Die meisten waren leer – jedenfalls sah es so aus.
Offiziell war der Gebäudekomplex eine Forschungseinrichtung namens Enviro-Safe. Für Jasi und ihre Kollegen vom CFBI war es Divine Operations – von den meisten Agents einfach Divine Ops genannt. Divine Ops an sich war allerdings nicht sichtbar. Es befand sich mehr als fünfzehn Meter tief unter der Erde und erstreckte sich über ein Labyrinth von Tunneln und Bürokomplexen.
»Aha, die Sache ist anscheinend wirklich wichtig«, murmelte Natassia mit dunkel glitzernden Augen, als sie Jasi aus dem Helikopter folgte.
Am Ende der Rollbahn erwartete sie bereits ein ungeduldig wirkender Mann.
»Allerdings«, stimmte Jasi zu. »Irgendein hohes Tier steckt da mit drin. Ich glaube, dieser Brand wird uns noch ganz schön ins Schwitzen bringen. «
Sie stieß Natassia neckisch in die Seite und eilte auf den Gründer von Divine Ops zu.
Matthew Divines Forschungen im Bereich übersinnlicher Phänomene hatten ursprünglich zu dem Aufbau von Kanadas größter PSI-Trainingseinrichtung geführt. Die Regierung hatte das Gebäude einfach als Labor deklariert – zur Erforschung von Umwelteinflüssen auf die Bevölkerung, die Tier- und Pflanzenwelt und das Wetter.
Die Anwohner wussten nichts vom CFBI auf diesem Gelände. Sie hatten keinen blassen Schimmer, dass sich unter ihren Füßen ein Netz von Büroeinheiten vollgepackt mit der allerneusten Computertechnik versteckte. Ihnen war nicht klar, dass es sich bei den Mitarbeitern von Enviro-Safe eigentlich um hochqualifizierte Regierungsangestellte handelte, die auch noch übersinnlich begabt waren.
Sie wussten jedoch, dass Matthew Divine und Enviro-Safe der Region viel Geld einbrachten. Als sich Enviro-Safe ansiedelte, gab es im näheren Umkreis eine kleine Stadt. Ursprünglich hieß sie Mont Blanc, wurde jedoch 2005 umbenannt.
Der Stadtrat hatte sich einstimmig für einen neuen Namen entschieden:Divine.

Selbstbewusst ging Jasi mit ihren sportlichen eins-siebzig auf Matthew Divine zu. Der Mann war durchschnittlich groß, durchschnittlich aussehend, aber überdurchschnittlich intelligent. Seine langen grauen Haare waren mit einem Lederband zu einem Pferdeschwanz gebunden. Seine aufmerksamen braunen Augen wurden von einer altmodischen Schildpattbrille eingerahmt. Niemand wagte es, ihn zu fragen, warum er seine Sehkraft nicht einfach wie die meisten Brillenträger bei EYE korrigieren ließ.
Divine hatte die Arme verschränkt. Der düstere Ausdruck auf seinem glatt rasierten Gesicht alarmierte Jasi.
Ein Serienmörder war auf der Jagd.