Buchcover:
Neuerscheinung

Dinner in the Dark

INHALTSBESCHREIBUNG


Gruber erzählt Geschichten über die gefährliche Diskette eines russischen Wissenschaftlers, abartigen Sex für einen guten Zweck und den Plan eines raffinierten Auftragskillers, der selbst zum Opfer wird.

Entdecken Sie eine James-Bond-Hommage und den ersten Kurz-Krimi mit dem niederländischen Profiler Maarten S. Sneijder.

Gruber entführt Sie außerdem in die Wüste Nevadas, ins Wien des Jahres 1953 und nach Miami an Bord des größten Kreuzfahrtschiffs aller Zeiten.

18 CRIME STORYS, VON KRIMI-SATIRE BIS PSYCHO-THRILLER.

Das tapfere Schneiderlein


Jedes Jahr veranstaltet die ehrenwerte Gesellschaft des Syndikats – das ist eine Vereinigung aller deutschsprachigen Krimi-Schriftsteller, bei der ich Mitglied bin – ein Krimi-Festival: Die sogenannte Criminale.

Die Criminale tagt jedes Jahr in einer anderen Stadt, und das Besondere daran ist, dass es als Begleiterscheinung immer eine Krimi-Anthologie mit etwa zwanzig Kurzgeschichten gibt, die in der Umgebung des Festivals spielen.

Im Jahr 2014 fand die Criminale in der bayrischen Städtegemeinschaft Nürnberg, Fürth und Schwabach statt, und der Ars Vivendi Verlag erstellte die Anthologie dazu. Neben den Autorenkollegen Bernhard Aichner, Nina George, Peter Godazgar, Sunil Mann, Beate Maxian und Jutta Siorpaes war unter anderem auch ich mit einer Story vertreten.

Meine Geschichte spielte in Schwabach, und deshalb reiste ich im Jahr davor zu Recherchezwecken nach Schwabach. Meine Frau und ich waren sogar mit dem Oberbürgermeister zu Mittag essen, und er organisierte für mich ein Treffen mit der Psychiaterin des Stadtkrankenhauses und dem Betreiber des Schwabacher Puppentheaters.

Warum das alles für die nun folgende Story wichtig ist?

Sie werden es in diesem Mini-Psycho-Thriller gleich selbst herausfinden …


Warum glauben die Leute eigentlich immer alles, was ihnen auf die Nase gebunden wird? Die Altstadt von Schwabach ist zwar der schönste Teil der Stadt, ein heiteres Sammelsurium aus Torbögen, Giebeldächern, bunten Häuserfassaden, Brunnen, Kirchen und holprigen Kopfsteingässchen, aber dennoch ist sie ein kriminelles Pflaster, eine Brutstätte für Mord und Totschlag. Eine Goldschlägerstadt für die einen – eine Totschlägerstadt für die anderen. Ich kann es beurteilen, immerhin wohne ich bereits ein Leben lang dort. Seit fünfunddreißig Jahren, um genau zu sein. In einem alten Fachwerkhaus neben der Fleischbrücke, im ersten Stock, mit Balkon und Aussicht auf die funkelnde Schwabach, die mitten durch die Innenstadt fließt – der einzige Lichtblick meines eintönigen Alltags.

Ich verdiene meine Brötchen als Marionettenspieler im Schwabacher Puppentheater. An den Wochenenden spielen wir oft zwei Vorstellungen pro Tag – die Eltern laden ihre Kleinen bei uns ab, damit sie wenigstens für eine Stunde ihre Ruhe haben.

Am letzten Sonntag im Juni nach der Mittagsvorstellung – ich weiß noch, es hatte gerade aufgehört zu regen – kam ich nach Hause, wollte die Wohnungstür aufsperren und merkte, dass etwas nicht stimmte.

Das Schloss war aufgebrochen, die Eingangstür nur angelehnt und hing verbogen im Rahmen. Holzspäne lagen auf dem Schuhabtreter. Natürlich hätte ich gleich die Polizei verständigen können, das wäre sogar vernünftig gewesen, aber meine Welt ist nicht immer logisch, und ich handle nicht immer schlüssig. Doch das verstehen so wenige.

Mit zitternden Händen hob ich die Späne auf. Mein Herz pochte bis zum Hals, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und stolperte wie benommen in die Wohnung. Es roch nach Pfannkuchensuppe und knusprig gebratenem Schäufele mit Klößen. Annemarie bereitete gerade das Mittagessen zu. Hoffentlich ist ihr nichts zugestoßen!

»Annemarie! Um Himmels willen, Annemarie?«, rief ich nach meiner Frau und lief durch Vorraum und Wohnzimmer.

Sie lag auf dem Küchenboden, ein umgekippter Kochtopf neben ihr. Ihre Küchenschürze war hochgerutscht, bis über ihre Oberschenkel. Annemarie war nur zwei Jahre älter als ich und sah unendlich hübsch aus – sogar jetzt, obwohl ihrer Pose etwas Obszönes anhaftete. Ihr Hals war unnatürlich verrenkt. Die kalten, aufgerissenen Augen starrten mich anklagend an. Wie konntest du mich nur allein lassen, anstatt zu verhindern, dass ich hier verblute? Ein schwarzer Messergriff ragte aus ihrem Hals, und in diesem Moment erkannte ich, dass die dunkle Pfütze unter ihrem Kopf keine Bratensoße war.

Mein Herz raste und noch bevor ich nach ihrem Puls fühlen konnte, ließ mich ein Geräusch erstarren, als hätte man mir einen Eimer Eiswasser über den Rücken gegossen.

Jemand durchwühlte im Schlafzimmer die Schubladen und bemühte sich dabei nicht einmal, besonders leise zu sein.

Spätestens jetzt hätte ich die Polizei verständigen sollen, doch gerade in einer Situation wie dieser konnte ich nicht rational denken. Wie hypnotisiert betrat ich das Schlafzimmer. Da stand er und kehrte mir kurz die Seite, danach den Rücken zu. Er erinnerte mich an mich als ich zwanzig war, sportlich, kurzes schwarzes Haar und eine dunkle Windjacke. Matsch klebte an seinen Schuhen. Gierig stopfte er Annemaries Schmuck aus ihrer Perlmuttschatulle in seine Jackentasche. Hinter ihm lagen die offenen Medikamentenschachteln auf dem Boden verstreut, jede Menge Silberfolien mit Haldol- und Risperdal-Tabletten.

Er musste mich gehört haben, denn plötzlich fuhr er wie ein Raubtier herum. Unsere Blicke trafen sich. Was war ich doch nur für ein Idiot gewesen! Angstvoll wich ich zurück. Ein fast doppelt so alter Puppenspieler stellte für ihn keine Gefahr dar. Das musste er nicht nur an meinem Zittern, sondern auch an meinem Blick erkannt haben.

Ansatzlos stürzte er auf mich zu, stieß mich rücklings an die Wand und wollte aus dem Schlafzimmer rennen. Doch in einer unüberlegten Reaktion packte ich ihn am Ärmel. Dieser Wahnsinnige hatte Annemarie getötet! Ich konnte ihn nicht so einfach davonkommen lassen.

Jetzt endlich schrie ich um Hilfe und packte ihn an der Kehle. Sogleich fuhren seine Finger in mein Gesicht, stießen in meine Augen und krallten sich in meine Wangen. Ich musste loslassen. Tränen schossen mir in die Augen, Blut lief mir übers Gesicht. Als ich wieder klar sehen konnte, war er verschwunden.

Im Wohnzimmer stand die Balkontür offen. Dieser Mistkerl war über die Brüstung auf den schmalen grünen Uferstreifen neben der Schwabach gesprungen. Als ich ins Freie taumelte, sah ich nur noch, wie er unter der Brücke verschwand.

Dann dachte ich an Annemarie und mir liefen die Tränen übers Gesicht.

Kurz darauf traf ein fetter Mann von der Kripo ein. Ein Kerl mit Seehundbart, langen Koteletten, aber dem Blick eines Wiesels. Jemand im Haus hatte meine Hilferufe gehört und die Polizei alarmiert.

Ich gab meine Aussage zu Protokoll. Der Kommissar schrieb jedes Wort mit, massierte sich dabei aber ständig die Schläfe.

»Sie haben wohl nicht zufällig Melperon im Haus?«, fragte er schließlich.

»Was? Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »So etwas nehme ich nicht.«

Er sah zum Kotzen aus, doch das interessierte mich nicht die Bohne.

Völlig verstört und gebrochen saß ich auf der Wohnzimmercouch. Der Beamte musste mich wohl für verrückt halten, denn ich wollte Annemarie noch einmal sehen, doch er ließ mich nicht zu ihr in die Küche. Die Spezialisten von der Spurensicherung mussten vorher kommen, alles aufnehmen, und erst dann würde die Leiche abtransportiert werden.

»Sind wir fertig?«, wollte ich wissen.

»Eine Frage habe ich noch«, antwortete er und blätterte durch seine Notizen. »Sie haben ausgesagt, dass Sie beim Betreten der Wohnung laut nach Ihrer Frau gerufen haben?«

Ich nickte.

»Trotzdem hat der Dieb im Schlafzimmer weitergemacht? Hätte er Ihr Rufen nicht hören müssen?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Woher soll ich wissen, was im Kopf dieses Mannes vorgegangen ist?«

»Und obwohl Sie wussten, dass sich ein Mörder in Ihrem Schlafzimmer aufhielt, haben Sie es unbewaffnet betreten. Warum?«

Ich zuckte erneut mit den Achseln. »Keine Ahnung. Sind wir fertig?«

»Eine Frage noch.« Er musterte mich aufmerksam. »Sie sagten, Sie hätten während des Kampfes mit dem mutmaßlichen Mörder um Hilfe gerufen.«

»Mutmaßlich?«, wiederholte ich.

Er hob wie zur Bestätigung die Augenbrauen. »Aber die Nachbarn hörten im Treppenhaus nur die Rufe einer Frau, woraufhin sie die Polizei verständigten. Niemand hörte den Ruf eines Mannes. Wie erklären Sie sich das?«

»Hören Sie, woher soll ich das wissen?«

»Sie sagten, Sie wären geradewegs von der Mittagsvorstellung des Puppentheaters nach Hause gekommen. An Ihren Schuhen klebt aber Matsch, der in der ganzen Wohnung verteilt ist. Woher stammt er?«

»Ich weiß es nicht. Womöglich bin ich durch den Park heimgelaufen.«

»Ein Umweg durch den Park, obwohl – wie Sie sagten – Ihre Frau mit dem Mittagessen auf Sie wartete?«

Nun war es offensichtlich, dass mir der Fettsack etwas anhängen wollte. »Ich kann mich nicht mehr erinnern«, behauptete ich deshalb, um mich nicht tiefer in den Schlamassel zu reiten.

»Die Kratzspuren an Ihren Wangen sehen aus wie von den Fingernägeln einer Frau.« Er deutete mit dem Kugelschreiber auf mein Gesicht. »Unter den Fingernägeln Ihrer Ehefrau habe ich Blutspuren und Hautreste gefunden. Wie erklären Sie sich das?«

Ich wurde zornig. »Bezichtigen Sie etwa mich des Mordes?«

»Ich möchte, dass Sie sich konzentrieren und meine Fragen beantworten. Sie sagten, der Mann wäre über den Balkon gesprungen. Am Bachufer befinden sich aber keine Schuhabdrücke oder Vertiefungen.«

Ich entgegnete nichts.

»Hatten Sie Streit mit Ihrer Frau?«

»Wie lange dauert es noch, bis Ihre Kollegen von der Spurensicherung eintreffen?«, fragte ich.

Er blickte auf die Armbanduhr. »Etwa fünf Minu…«

Das kurzstielige, zweischneidige Messer mit dem schwarzen Griff ging wie durch Butter in seinen Hals.

Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern röchelte bloß mit weit aufgerissenen Augen. Sein Notizbuch fiel zu Boden. Seine schwabbeligen Arme schlugen wenige Sekunden lang um sich. Während er kopfüber von der Couch sackte, hörte sein Herz auf zu schlagen und der Blutschwall, der im Sekundentakt aus seiner Halsschlagader pulsierte, versiegte langsam.

Warum ich das getan habe? Nein, ich bin nicht verrückt, aber wie ich zuvor schon sagte, man darf nicht alles glauben, was einem erzählt wird. Manchmal lüge ich. Natürlich habe ich Annemarie getötet, aber ich hätte nicht gedacht, dass der fette Kerl die Unstimmigkeiten meiner Geschichte so schnell entlarven würde. Was hätte ich machen sollen? Ihn doch nicht etwa am Leben lassen oder aufs Revier begleiten? Ich hatte keine Lust auf fünfzehn Jahre Knast.

Mir blieben also nur noch vier Minuten Zeit, bevor seine Kollegen von der Spurensicherung eintreffen würden. Zeit genug, um beide Messer aus den Leichen zu ziehen, Schmuck, Reisepass und einen schönen Batzen Bargeld zusammenzuraffen, meine blutbesudelten Kleider zu wechseln und die Wohnung zu verlassen. Über den Balkon.

Ja, richtig. Über den Balkon! Drei Meter in die Tiefe. In Wahrheit bin ich nicht so unsportlich, wie man vielleicht vermuten würde.

Während der Kripowagen durch die Fußgängerzone raste, lief ich unter der Brücke am Ufer der Schwabach entlang, kletterte an der nächsten Brücke empor und ging zügig über das Kopfsteinpflaster. Es klarte auf. Die ersten Sonnenstrahlen an diesem Tag trockneten die Pfützen, die Steine dampften und die Giebeldächer der Fachwerkhäuser glänzten.

Ich verließ unauffällig die Altstadt und ging in die Wittelsbacherstraße, wo sich das Schwabacher Puppentheater befand. Die Plakate im Schaufenster zeigten Szenen aus unserem aktuellen Stück: Das tapfere Schneiderlein.

Der Torbogen stand offen. Ich betrat den Innenhof. Rechts lag die Marionettenbühne. Die Glastür sah aus wie eine ehemalige Gefängnistür, was nicht verwunderte, da das Gebäude seit 1750 existierte und schon als Frauengefängnis und Irrenanstalt gedient hatte. Irgendwie passte die Arbeit eines Marionettenspielers dazu, die in ihren Grundzügen eine leicht schizophrene Tendenz trug.

In dem Gebäude war es totenstill. Ich betrat den rückwärtigen Bühnenbereich. Die letzten Kinder hatten die Vorstellung längst verlassen und meine Kollegin befand sich schon beim Mittagessen. Um diese Tageszeit war man hier völlig ungestört. Daher hatte ich diesen Platz als Treffpunkt mit Evelyn ausgewählt.

Sie erwartete mich bereits. Lautlos wie ein Geist trat sie aus der Dunkelheit hervor. Ihr langes, schwarzes glänzendes Haar floss lasziv wie dunkle Schokolade über ihre Schultern. Sie trug hochhackige Schuhe und ein eng tailliertes, schulterfreies rotes Cocktailkleid. Evelyn war eine rassige Schönheit, mit der es wert war durchzubrennen – falls nötig, bis ans Ende der Welt.

Halb im Schatten, halb im Sonnenlicht, das durch ein winziges Dachlukenfenster fiel, verharrte sie im Zwielicht, umgeben von Holzpuppen, die an langen Fäden hingen. Sie hielt eine Marionette im Arm und bewegte den Holzkiefer der Figur.

»Alles erledigt, mein tapferes Schneiderlein?«, kiekste sie mit verstellter Stimme.

»Hör auf, das ist nicht witzig«, entgegnete ich. »Ja, alles erledigt.«

Ich zog sie zu mir heran und presste ihren Schoß gegen meine Lenden.

»Uuuh …«, stöhnte sie und setzte die Holzfigur auf das Mischpult für die Ton- und Beleuchtungstechnik.

Ihre Pobacken fühlten sich fantastisch an.

Sie umschlang meinen Hals und fuhr mir mit den Fingern durch den Seitenscheitel. »Ich liebe deinen muskulösen Körper und deine starken Arme.« Sie schmiegte sich an meinen Brustkorb. »Woher hast du eigentlich diese Jacke?«

Sie stellte den Kragen meiner schwarz-gelb gestreiften Jack-Wolfskin-Jacke auf.

»Aus Annemaries Wandschrank. Gehört wahrscheinlich ihrem Mann.«

»Hast du den Schmuck gefunden?«, fragte sie.

Ich nickte. Allerdings verschwieg ich, dass ich auch 37.000 Euro hatte mitgehen lassen. Annemaries Mann war der Stadtkämmerer von Schwabach. Er verwahrte seit wenigen Tagen diese Summe Bargeld zu Hause, die für die Lieferung eines Kilogramms Goldgranulat für die Goldschlägerwerkstatt seines Schwiegervaters bestimmt gewesen war.

»Hier ist der Rest.« Sie reichte mir ein Kuvert, in dem sich die vereinbarten 20.000 Euro befanden.

Manche Männer töten aus Liebe, andere wegen des Geldes. Ich gehöre nicht zu jener Sorte, die sich von einer Frau blenden lässt und im Affekt eine hormongesteuerte Tat begeht.

Ob ich tatsächlich im Puppentheater arbeite?

Ach bitte! Wie schon gesagt, man sollte nicht immer alles glauben, was einem erzählt wird. Ich nehme nur gut bezahlte Aufträge an. Die Frau, die ich getötet habe, war auch nicht meine Ehefrau gewesen. Bloß ein weiterer Job.

Und Evelyn? Meine Geliebte? Leider nicht. Bloß eine Auftraggeberin, die ich allerdings sehr attraktiv fand. Nichts weiter als eine Frau, die eine Konkurrentin aus dem Weg räumen wollte. Evelyn hatte sich aus welchen Gründen auch immer in den Kopf gesetzt, erst Frau Stadtkämmerer und später Frau Bürgermeister zu werden. Die Welt war verrückt – drehte sich im Kreis wie ein Karussell voller Narren. Und ich bediente den Hebel.

Nachdem ich einen kurzen Blick auf die violetten Scheine in dem Kuvert geworfen hatte, ließ ich es in meiner Jackentasche verschwinden und griff zur Marionette. Das Tapfere Schneiderlein hing an mehreren durchsichtigen, reißfesten Nylonfäden, die stark genug waren, dass sie auch als Angelschnur für die Hochseefischerei verwendet werden konnten. Mit geübtem Griff wickelte ich die Schnur zweimal um Evelyns Hals und zog zu. Sie starrte mich entsetzt an und versuchte wie ein Fisch nach Luft zu schnappen. Ihre Fingernägel wollten sich in meinen Hals krallen, aber ich ließ ihr nicht einmal die Möglichkeit, um Hilfe zu schreien oder Piep zu sagen.

Die Nylonschnur schnitt mir in die Handballen, doch nach einer Minute war alles vorüber. Evelyns schlaffer Körper sackte zu Boden und ihr schönes blutrotes Kleid glänzte im Licht des Dachlukenfensters. Wie gesagt – die Welt war ein verrückter Ort.

Der Auftrag war bezahlt, das Geld des Opfers geklaut, sozusagen als Bonus – und alle Spuren beseitigt. Immerhin wäre es naheliegend gewesen, dass Evelyn in Verdacht geraten wäre und nach einem zweistündigen Verhör alles gestanden hätte, was sie über mich wusste. Das war zwar nicht viel, aber selbst eine kurze Personenbeschreibung – schlank, hoch gewachsen, pockennarbiges Gesicht und Seitenscheitel – hätte mir und meinem Geschäft schon schaden können. Wer sauber arbeitet, darf keine Spuren hinterlassen.

Und die Leiche?

Ich hätte sie durch die Bodenluke in den hohlen Unterbau der Bühne zerren oder in einem der Felsenkeller der alten Hugenotten verstecken können, die sich wie ein Labyrinth unter der Altstadt ausbreiteten. Doch ich brauchte die Leiche genau dort, wo sie jetzt lag. Schließlich hatte ich einen anderen Plan … aber zu dem komme ich noch früh genug.

Ich verschwand also durch den Innenhof genauso unauffällig ins Freie, wie ich gekommen war, und lief durch den Park Richtung Bahnhof. Dieselbe Strecke, die ich zuvor durch die matschige Wiese genommen hatte.

Ich besaß Evelyns 20.000 Euro, Annemaries Schmuck und das gesamte Vermögen ihres Vaters, des Goldschlägers. Damit ließ es sich bis Jahresende erstklassig leben. Zudem lag ich gut in der Zeit. Der Zug nach Nürnberg würde in zehn Minuten im Bahnhof einfahren. Ich kaufte noch eine Sonnenbrille am Kiosk, lief zum Bahnsteig und sprang in den letzten Waggon. Alles klappte perfekt. Es musste dieser Zug sein, eine Sonderfahrt mit Dampflok und Nostalgiewaggons, die einmal im Jahr durch Schwabach ratterte. Ich liebe diese alten Abteile, deren Falttüren man während der Fahrt öffnen, die Plattform betreten und den Kopf in den Fahrtwind hinausstrecken konnte. Der Duft der weiten Welt.

Freiheit!

Auf dem Weg zum Speisewagen kam mir ein großer Mann in meiner Statur mit kurzen blonden Haaren entgegen.

Er versperrte mir den Weg, starrte mich eine Weile an und tippte mir schließlich mit dem Finger auf die Brust. »Das ist meine Jacke.«

»Ich weiß, auf meiner klebt Blut. Ich habe sie aus dem Schrank deiner Frau.«

»Und Annemarie?«

»Tot.«

Er nickte langsam. Endlich schien er zu begreifen. »Und Evelyn?«

»Ebenfalls.«

Wiederum nickte er langsam. »Ich hätte nicht gedacht, dass du es tatsächlich durchziehst.«

»Tja, Max …« Ich lächelte. »Wo die Liebe hinfällt. Und du?«

Max lächelte ebenfalls. »Ich komme gerade aus dem Rathaus. Das Büro des Oberbürgermeisters stand wie immer offen.« Er stellte eine blaue Sporttasche zu Boden und zippte sie auf. Darin lag eine wuchtige Holzschatulle. »Die Gemeinde wird frühestens im Juli bei der 75-Jahrfeier des Parkbades entdecken, dass die Amtskette des Oberbürgermeisters fehlt.« Er öffnete die Schatulle und ließ mich einen Blick hineinwerfen.

Ich schätzte, dass die mit Goldwappen bestückte Kette auf dem Schwarzmarkt mindestens 15.000 Euro bringen würde, schon allein deshalb, weil sie aus der Goldschlägerstadt Schwabach stammte.

Max zippte die Tasche zu, stand auf, umarmte und küsste mich. Seine Zunge schmeckte nach Pfefferminz-Bonbon. Er wusste, dass ich diesen Geschmack liebte.

Meine Hand fuhr hinten in seine Hose und umklammerte seine stramme Pobacke. Wie immer trug er keinen Slip.

Er kniff den Arsch zusammen. »Du Tier«, keuchte er.

Wer mich kennt, weiß, dass ich tatsächlich ein Tier bin. Und was für eines! In Wahrheit gab mir Evelyn die 20.000 Euro, um Annemarie, Maximilians Frau aus dem Weg zu räumen, ahnte jedoch nicht, dass Maximilian lieber Schwänze mochte. Als Stadtkämmerer musste er so tun, als wäre er glücklich verheiratet, obwohl er am liebsten mit einem Mann durchbrennen wollte. Und so reifte in uns der Plan, die goldene Amtskette zu klauen, das Geld der Goldschlägerwerkstatt abzustauben und zusätzlich Evelyn um 20.000 Euro zu erleichtern. Anders wären wir an ihr Geld nicht rangekommen. Und so hatte das Tapfere Schneiderlein beide Frauen auf einen Streich erledigt.

»Ich brauche einen Joint«, sagte ich.

Max küsste mich. »Den hast du dir redlich verdient.«

Wir gingen zum Ende des Waggons, wo die Anhängerkupplungen lautstark unter uns klapperten. Ich steckte mir eine selbstgedrehte Zigarette an und zog die Falttür auf. Kühler Fahrtwind vertrieb den Geruch nach Shit. Die Bäume rasten an uns vorbei. Bald würden wir in die nächste Station einfahren. Reichelsdorfer Keller. Der Wald lichtete sich und das weitläufige Ufer der Rednitz kam in Sicht.

»Pass bloß auf, dass du nicht runterfällst«, sagte Max.

»Keine Sorge.«

Der Zug rumpelte über die Brücke, die über den Fluss führte.

»Komm her, nimm einen Zug, dann bist du entspannter.« Ich hielt ihm den Joint hin.

Max griff nach der Zigarette. Da packte ich ihn am Kragen und warf ihn vom Zug. Er kam nicht einmal dazu, zu schreien. Sein Körper knallte gegen das Eisengeländer, stürzte in die Tiefe und versank in der grauen Flut. So kann es gehen, sehr geehrter Herr Stadtkämmerer – gerade noch oben und im nächsten Moment steht einem das Wasser bis zum Hals.

Man darf eben nicht alles glauben, was einem auf die Nase gebunden wird.

In Wahrheit hasse ich Pfefferminzgeschmack genauso wie Schwule. Aber hätte ich mich nicht an Max rangemacht, hätte er Evelyn niemals dazu überredet, für ihr gesamtes erspartes Geld einen Auftragsmörder zu engagieren, der seine Frau aus dem Weg räumen würde.

Ich wischte meine Fingerabdrücke von den beiden zweischneidigen Messern und warf sie ebenfalls aus dem Zug ins Wasser. Die Kripobeamten würden sie garantiert finden.

Nun hatte ich tatsächlich alle Spuren beseitigt, die auf mich hätten deuten können. Für die Kripo würde der Fall eindeutig auf der Hand liegen: Stadtrat Maximilian Ivanovic war hinter das lesbische Verhältnis zwischen Evelyn und seiner Frau gekommen, hatte beide ermordet, als Draufgabe noch einen Kommissar von der Kripo erstochen und anschließend Selbstmord begangen. Alles war perfekt.

In der nächsten Station stieg ich aus und lief über den Bahnsteig zum Parkplatz, wo mein Leihwagen stand. Doch drei Männer kamen aus der Unterführung und stellten sich mir in den Weg. Die Sonne zeichnete einen Regenbogen im Nieselregen. Weit und breit war sonst niemand zu sehen.

»Wohin so schnell?«, fragte der schmächtige Weißhaarige.

»Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht.« Ich wollte mich an dem alten Knaben vorbei drängen, doch seine Begleiter, ziemlich kräftige Hünen, traten links und rechts an mich heran. Einer legte mir mit einer herablassenden Selbstverständlichkeit die Hand auf die Schulter, was ich gar nicht leiden konnte.

Der Weißhaarige musterte mich eindringlich. »Haben Sie schon wieder vier Menschen ermordet?«

Der Scheißkerl kannte die Wahrheit! Ich sah es an seinem Blick. Aber woher? Ich hatte doch an alles gedacht. Und warum schon wieder? Falls er nicht lockerlassen würde, musste ich auch ihn und seine Begleiter loswerden – dann hätte ich tatsächlich sieben an einem Tag erledigt.

»Ich kann Ihnen Geld geben«, bot ich an.

»Ich glaube nicht, dass Sie genug dabeihaben.«

»Doch.« Ich kramte in meiner Jackentasche. Sie war leer. Mir wurde heiß, als ich die Taschen durchsuchte. Annemaries Schmuck und das Bargeld waren genauso verschwunden wie Evelyns Kuvert. Wo war die blaue Sporttasche mit der Schatulle und der Amtskette?

»Was zum Teufel …?«

»Diese Lügen bringen uns doch nicht weiter.« Er gab den beiden Männern ein Zeichen. Sie packten mich, krempelten meinen Hemdsärmel hoch und der Weißhaarige setzte mir eine Spritze in die Vene.

»Hilfe!«, rief ich, aber ich bekam keine Luft mehr. Bestimmt waren sie von der Polizei, wollten mir eine Wahrheitsdroge verabreichen und ein Geständnis aus mir herauspressen. Ich musste weg! Ich versuchte mich zu befreien, doch je mehr ich zappelte, desto fester packten sie mich. Hilfe! Sieht denn niemand, was die hier mit mir machen?

Meine Knie wurden weich und die beiden Hünen zwängten meine Arme in eine Jacke. Alles wurde plötzlich so langsam und easy, als hätte ich eine Überdosis Shit inhaliert.

Die Männer führten mich über die Treppe in die Bahnunterführung. Merkwürdigerweise roch es gar nicht nach Erbrochenem oder Katzenpisse, sondern nach Arzneimitteln. Plötzlich stand da ein Krankenbett an einer weiß gefliesten Wand. Sie legten mich aufs Bett, entfernten meinen Hosengürtel und die Schnürsenkel von meinen Schuhen. Danach fixierten sie meine Hände und Füße am Bett.

»Ich möchte einen Anwalt sprechen«, murmelte ich mit schwerer Zunge.

»Sie sind nicht in Haft«, sagte der Weißhaarige emotionslos, öffnete eine Dose und entnahm eine farblose Tablette, die er zwischen den Fingern drehte. »Seit drei Monaten höre ich immer wieder die gleiche Geschichte von Ihnen. Es wird Ihnen leichter fallen, die Wahrheit zu akzeptieren, wenn ich Ihre Dosis erhöhe. Diesmal werden Sie Ihr Medikament nehmen, und ich mache höchstpersönlich eine Mundkontrolle.«

Er presste meinen Mund auf, legte mir die Pille auf die Zunge, hielt mir die Nase zu und kippte Wasser aus einem Becher nach. Ich spuckte das Wasser aus, röchelte, doch dann musste ich schlucken. Kurz darauf fielen mir die Augen zu und ich träumte von einer Zeit, als ich noch …

»Mama! Mama, ich bin mit den Hausaufgaben fertig.«

»Endlich! Räume deine Schultasche für morgen ein, Zähneputzen, Pyjama anziehen, ein Abendgebet sprechen und dann ab ins Bett.«

Draußen dunkelte es bereits.

»Aber Mama.«

»Nichts da.« Sie setzte den roten Lippenstift kurz ab und sah mich an. »Mama hat heute noch viel zu tun.«

Mutter hatte es schon wieder vergessen. Tränen schossen mir in die Augen.

»Aber Mama, du hast gesagt, dass ich zehn Mark für mein Sparschwein bekomme, wenn ich noch vor acht mit den Hausaufgaben fertig werde.«

Sie schmunzelte. »Was du alles erfindest?«

»Erfindest? Mama, ich habe mich extra beeilt!«

»Zehn Mark! In welcher Traumwelt lebst du eigentlich?«

»Mama, tu nicht so! Du hast es versprochen.«

»Hör auf, mich zu nerven. Du weißt doch, was ich alles um die Ohren habe. Worum soll ich mich denn noch alles kümmern? Wäre dein Vater noch hier, dann … ach, aber der ist ja mit diesem Scheißkerl durchge…« Meine Mutter sprach nicht weiter und schob mich stattdessen ins Badezimmer.

»Aber du hast es versprochen, Mama!«

»Gar nichts habe ich, du Nichtsnutz. Hör auf zu heulen!«

»Du hast es gesagt, genauso wie Onkel Alfred letzte Woche. Der hat auch versprochen, dass ich …«

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht immer alles glauben sollst, was man dir erzählt!«

Langsam öffnete ich die Augen und hörte eine bekannte männliche Stimme … eine Stimme, die ich hasste.

»Ja, es sind noch Besuchszeiten. Kommen Sie herein, er ist gerade aufgewacht.«

Ein Mann stand im Türrahmen. Er flüsterte mit einer älteren Frau im roten Kleid. Ich sah sie nur unscharf, aber ich erkannte sie an ihrem Geruch. Pfefferminze!

»Er war mit Medikamenten nicht ausreichend eingestellt und hatte gestern eine akut-psychotische Phase. Wir wissen noch nicht, wie er sich rausmogeln konnte. Jedenfalls wollte er das Krankenhausgelände verlassen, aber wir konnten ihn rechtzeitig …«

»Hat er schon wieder …?«

»Die gleiche Geschichte wie immer. Möglicherweise – wie ich Ihnen schon sagte – ein nicht verarbeitetes jahrelanges Trauma.«

»Aber woher hat er bloß diese wahnhaften Vorstellungen?«

»Paranoide Schizophrenie kann über Generationen vererbt werden. Oder vielleicht stammt das Trauma aus seiner Kindheit. Oft genügen kleine banale Dinge als Auslöser.«

»Darf ich kurz zu ihm?«

»Selbstverständlich, Frau Schneider.«

Sie kam an mein Bett und nahm meine Hand.

»Du hast schon wieder fantasiert«, flüsterte sie. »Weißt du, keine von deinen Visionen ist je wirklich passiert.«

Das ist nicht wahr, Mama. Du lügst schon wieder.

Ende der Leseprobe

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