Buchcover:

Die Wiedererweckten des Herbert West

von Tim Curran

Tim Currans Hommage an H.P. Lovecrafts Kurzgeschichte »Reanimator – Der Wiedererwecker«

INHALTSBESCHREIBUNG


In H.P. Lovecrafts Kurzgeschichte »Reanimator – Der Wiedererwecker« lernen wir Herbert West kennen – einen ebenso genialen wie irregeleiteten Forscher, der davon überzeugt ist, dass der menschliche Körper nichts weiter als eine organische Maschine sei, die man selbst nach dem Tod wieder »neu starten« könne. Als Sanitäter begibt sich West unter anderem an die Flandern-Front des Ersten Weltkrieges, denn dort gibt es genug menschliches Material für seine Experimente …

Tim Currans Hommage »Die Wiedererweckten des Herbert West« lässt uns tiefer in dieses dunkle Kapitel eintauchen. Wir erfahren von geheimen Laboren, Legionen wandelnder Toter und grausamen Experimenten, einer Monstrosität, die sich von den Toten ernährt, und einem unvorstellbaren Wesen jenseits von Leben und Tod, welches sich im Schutze der Nacht auf die Suche nach seinem wahnsinnigen Schöpfer begibt.

Zum Geleit … Schreckensbilder

Über meine Erlebnisse im Weltkrieg mit Dr. Herbert West spreche ich nur mit allergrößtem Widerwillen, Ekel … und Entsetzen. In die Schützengräben, die voller Wasser und Leichen waren – dorthin verschlug es uns nämlich 1915.

Vielleicht trieb mich naiver Patriotismus oder Nationalismus an, zum Wohle der Menschheit zu handeln und die Leben Verwundeter zu retten – ein Eifer, der sich nicht wieder entfachen lässt, sobald die Wahrheit des Krieges offenbar wird –, doch bei Herbert West war das nie der Fall. Er schimpfte zwar freiweg auf den Hunnen, sah unseren Dienst beim Ersten Jägerbataillon der kanadischen Armee jedoch insgeheim als bloßes Mittel zum Zweck an. Mein Kollege verfolgte kaum eigennützige Beweggründe, verstehen Sie? Obwohl er ein außerordentlicher, ja nahezu übernatürlich begabter Chirurgus war, ein biomedizinischer Fachmann und ein Wunderkind der Wissenschaft, galt Wests Besessenheit von jeher nicht den Lebenden, sondern den Toten: der Wiederherstellung von abgestorbenem Gewebe, genauer gesagt der Reanimation menschlicher Gebeine. Im Krieg an sich, der wie eine riesige, rußende Fabrik Grässliches absonderte, fand er ein mustergültiges Umfeld für seine undurchsichtige Forschungsarbeit … ganz zu schweigen von unbegrenztem Zugriff auf Rohmaterial in Hülle und Fülle.

Ich zog als Wests Kollege in den Krieg, das stimmt, glaubte aber aus tiefster Überzeugung, dem leisen Ruf einer höheren Macht zu folgen, ein Werkzeug des Guten in jenem üblen Terz zu sein, eben dank meiner Fähigkeiten als Wundarzt. Ich kam mit hohen Idealen an, und verließ Flandern binnen eines Jahres als gebrochener, hohläugiger Mann, dessen Glaube an die Menschheit an einem Seidenfaden hing. Viele Monate lang haderte ich mit meinen Erinnerungen, schattenhaft verderbten Fehlgeburten – ein reges Gewimmel, das mir die Kehle zuschnürte, bis ich einstweilen weder schlucken noch einen einzigen Atemzug tun konnte.

Nichteingeweihte, die dies ein wenig zu melodramatisch finden, mögen sich Folgendes vorstellen:

Flandern, 1915.

Ein klaustrophobisch enges Geflecht aus unter Wasser stehenden Schützengräben, die sich durch zerbombtes Gelände ziehen wie tiefe Operationswunden; jeden diesigen Tag lang bis spät in die finsteren Nächte hinein knatternde Maschinengewehre und prasselnde Hochgeschwindigkeitsgeschosse, donnernde Mörser und Erstickungsschreie vergaster Soldaten, die sich in Stacheldrahtzäunen verfangen haben; der Gestank von Pulverdampf, Fäulnis durch Nässe und Exkremente; verwesende Leichen, die in schlammigen Sümpfen versinken, über Sandsäcke jagende Ratten; aufflammende Leuchtkugeln, niedergehende Granaten … und der Tod. Großer Gott, der Tod nahm überhand, säte und erntete, holte die abstoßende Frucht seines Samens im Übermaß ein, während der Leichenberg höher wurde und der Regen nicht nachließ.

Dieses Umfeld war der Nährboden, der jemanden mit Herbert Wests besonderen Talenten zum Aufblühen brauchte.

Anders als ich mit meinem Glauben an die Existenz einer menschlichen Seele und deren Himmelfahrt nach dem Tod bis zu Gottes Thron saß West keinen solchen Fehlvorstellungen auf, wie er es selbst nannte. Er war ein wissenschaftlicher Materialist und eingeschworener Darwinist, für den die Seele religiöse Schwärmerei widerspiegelte und die Kirche nur als politische Instanz zur Kontrolle der Massen beziehungsweise zum Durchsetzen der eigenen monetären Interessen existierte. Lebewesen seien, wie er behauptete, im Sinne eines mechanistischen Weltbildes zu verstehen, und darum organische Maschinen, die man nach Belieben formen könne … und hätte ich daran gezweifelt, wäre es mir wiederholt mit einem Reagenz bewiesen worden, das er dazu entwickelt hatte, den Toten Leben einzuhauchen … nicht selten mit Ergebnissen, die ich gar nicht zu beschreiben vermag.

Selbst jetzt, so viele Jahre später, kann ich West sehen – dürr und bleich mit Brille vor blauen Augen, die überirdische Stärke ausstrahlten –, wie er sich durch haufenweise Leichen wühlte, mir gegenüber geschmacklose Bemerkungen fallenließ und mit seiner dunklen, kalten Stimme kicherte: taxierend wie ein Fleischer, der nur die erlesensten Stücke auswählt … ein Knäuel Gedärm, ein ausnahmsweise unbeschädigtes Organ, ein ausgesprochen wohlproportioniertes Glied oder einen selten intakten Kadaver; auch sehe ich Leiber in gefluteten Einschlagkratern treiben sowie schwarze Wolken schwirrender Schmeißfliegen … und die verstörten Blicke junger Männer, die sich Hals über Kopf in ihre eigenen Gräber stürzten.

Flandern sehe ich ebenfalls.

Ich sehe Wests Werkstatt – eine umgebaute Scheune, die teils Operationstheater, teils Teufelshand entsprungenes Labor war; ich sehe konservierte Präparate und Gläser, worin Blutserum brodelte … Teile, die sich nicht mehr hätten rühren dürfen, es aber dennoch taten, schauderhaft wie in einem Anflug von dämonischem Leben. Zuletzt sehe ich den enthaupteten Major Sir Eric Moreland Clapham-Lee, den West wiederbelebt hatte, und höre den Kopf aus einem Gefäß voller dampfender Reptilgewebe schreien, kurz bevor das Gebäude bei einer Bombardierung durch die Deutschen lichterloh in Flammen aufging.

Schlimmer aber – viel schlimmer – sind jene Träume, die mich in den schwärzesten Abgründen der Nacht heimsuchen. Darin begegnet mir Michele: gewandt, gespenstisch … kommt sie zu mir wie eine verstoßene Geliebte zu später Stunde. Sie trägt ein weißes Hochzeitskleid, das jedoch einem wabernden Totenschleier gleicht. Es ist mit Schlamm und rötlichem Schmutzwasser bespritzt, befallen von Schimmel und Insekten; diese höre ich summen und knacken. Michele riecht nach ihnen und Moder, zu gleichen Teilen schimmlig, dreckig und wie Graberde. Sie nähert sich mir mit ausgestreckten Armen, und ich eile ihr genauso schnell entgegen. Ihre Brautschleppe ist verfärbt, verschlissen und von fetten Friedhofsratten angefressen worden, weshalb sie stinkt wie die Untiefen der zusammenfallenden Gräben Flanderns. Als sie mich umschlingt, zittre ich, weil ich ihr grabkaltes Fleisch und Holzwürmer spüre, die sich in ihrer Kleidung winden. Ihre Ausdünstungen sind so übel, dass ich würgen muss.

Sie küsst mich nicht.

Denn sie hat keinen Kopf.

 

Die wandelnden Toten

Creel war seit vier Monaten Korrespondent beim Zwölften Bataillon Middlesex in Flandern, als man ihn zur Begleitung eines kleinen Stoßtrupps einlud, der gerade mehr schlecht als recht zusammengestellt wurde. Die Sergeants baten nicht um Freiwillige; indem sie durch den vorderen Graben zogen, pickten sie wahllos Männer heraus, als seien es Äpfel in einem Fass, die sich alle nur schwerlich für dieses Unterfangen erwärmen konnten.

Irgendwie war er davon ausgegangen, man lege bei so etwas ein wenig mehr Wert auf militärische Akkuratesse, doch es verhielt sich damit nicht anders als sonst im Krieg. Ich und du, Müllers Kuh … Als Creel in die Gesichter der Ausgesuchten schaute, fragte er Sergeant Burke, was geschehen würde, so sich jemand mitzugehen weigere.

Da schnitt der Angesprochene jene gequälte Miene, die ihm sein Kamerad sehr oft abzufordern schien. Er war Creels Aufpasser. Seine Aufgabe bestand darin, ihm zur Seite zu stehen, um nach Möglichkeit zu gewährleisten, dass er keinen Ärger bekam und unversehrt blieb … falls sich so etwas überhaupt realistisch verlangen ließ.

»Tja, sie würden sich einen anderen greifen, was denken Sie denn?«, erwiderte Burke. »Den Jemand dürften sie dann abführen und erschießen.«

Das notierte sich Creel, belustigt von seiner eigenen Frage.

Als Journalist blieb er vom geteilten Leid des Generalstabs und der befehlshabenden Offiziere unbescholten. Die Briten verfügten bereits über ihre eigenen sorgfältig beobachteten Kriegsberichterstatter, weshalb sie keinen dahergelaufenen Yankee vom Kansas City Star brauchten, der ihnen zungenfertig und anmaßend ins Gehege kam, doch Präsident Roosevelt war nicht von seinem Standpunkt abgerückt und hatte behauptet, amerikanische Reporter nicht über britische und kanadische Einheiten berichten zu lassen schade den Kriegsanstrengungen … mit anderen Worten: Wenn es der amerikanischen Öffentlichkeit nicht von Amerikanern schöngeredet wurde, konnte er dem Volk niemals weismachen, man müsse Soldaten und Dollars bereitstellen.

So kam es, dass das Britische Expeditionskorps nachgab – was es gemeinhin nur ungern tat, egal worum es ging.

Der Stoßtrupp bestand aus vier Mann: Sergeant Kirk, Corporal Smallhoouse sowie den Privates Jacobs und Cupperly. Neben seiner Enfield-Büchse mit aufgesetztem Bajonett trug Jacobs 50 Schuss Munition bei sich. Kirk fungierte als Mann fürs Grobe; er hatte einen Tornister voller Mills-Granaten. Smallhouse zählte ebenfalls zu den Grenadieren, und Cupperly schließlich war der zweite Schütze mit einem 50er-Patronengurt.

Zudem führten zwei andere Sergeants jeweils einen weiteren Stoßtrupp an.

»Wir gehen jetzt da raus und spielen ein paar böse Bubenstreiche«, sagte Kirk grinsend. »Denen die Laune verhageln, in die Suppe spucken, den Kopf verdrehen – das ist unser Job; Furunkel am Arsch des Hunnen sollen wir sein. Das wird ein Heidenspaß.«

Creel wunderte sich darüber, wie gerne Kirk, der dem Vernehmen nach ein recht anständiger Kerl sein musste, solche Überfälle mochte. Seine Augen funkelten arglistig, während er verschlagen grinste, als sei die auferlegte Pflicht tatsächlich eine knabenhafte Teufelei: Toilettenhäuschen umwerfen oder wurmstichige Äpfel aufs Lehrerpult legen.

Nach Einbruch der Dunkelheit wagten sie sich aus dem Graben – Burke dackelte mit Creel hinterher – ins aufgeweichte und mit Leichen gespickte Niemandsland. Mit schwarz beschmierten Gesichtern blieben sie so gut wie unkenntlich, entweder tief geduckt oder durch den Schlamm robbend, derweil sich aasfressende Ratten ringsum tummelten, ganze Legionen gleich einem dunklen Strom. Nachdem sich Kirk auf den Bauch gelegt und ein Loch in den Zaun geschnitten hatte, dauerte es nur wenige Minuten, bis sie auf zwei vorgezogene deutsche Wachen stießen. Jacobs und Cupperly nahmen sich ihrer leise an: hochfahrende Schatten, die ihnen hinterrücks die Gewehrgriffe überzogen und ihre Bajonette in die Hälse rammten. Sie brauchten nicht lange, und abgesehen von dem Gegurgel, während das Blut aus den offenen Kehlen der Männer strömte, belief sich der Geräuschpegel auf den Knall, als die Kolben jeweils gegen die Helme schlugen.

Sachte ließen sich die Angreifer in die ersten Gräben fallen, die deutlich vor den eigentlichen Stellungen der Deutschen lagen. Sie schlichen hindurch, indem sie von einer Scharte zur nächsten vorrückten und Granaten lupften, wenn sie Bewegungen hörten. Auf diese Weise töteten sie ein halbes Dutzend Hunnen – eine ziemlich wirkungsvolle Methode, wie Creel fand, nicht zuletzt wegen des Überraschungsmoments. Weniger als eine Stunde zuvor hatte Artilleriefeuer die Deutschen aus den Löchern in ihre höher gelegenen Sandsackburgen getrieben. Zurückgeblieben waren lediglich Wachen, und die mussten alle dran glauben, da die drei Stoßtrupps nichts anbrennen ließen, sondern die Gräben zügig räumten, Rüstzeug stahlen und alles zerstörten, was sie nicht mitnehmen konnten.

Burke meinte später zu Creel, es sei ein fast perfekter Überfall gewesen, denn normalerweise würden die Deutschen hören, wenn sie den Draht durchschnitten, und das Feuer mit Maschinengewehren eröffnen.

Gemeinsam sicherten die drei Trupps einen über 400 Fuß langen Grabenabschnitt, ehe sie bemerkten, dass die deutsche Verteidigung einen Gegenangriff lancierte.

Sie kletterten mit drei Gefangenen hinaus und kehrten eher stolpernd als laufend hinter ihre eigene Frontlinie zurück. Alles in allem war es eine halsbrecherische, nervenaufreibende Zerstreuung für ein paar Stunden Zeit gewesen.

Einer der geschnappten Deutschen, ein alter, weißhaariger Sergeant mit nur noch zwei Zähnen im Mund, hatte sofort aufgegeben, die Hände hochgehoben und »Kamerad!« gerufen.

»Viele von ihnen schmeißen die Brocken einfach so hin«, bemerkte Burke. »Sind nur froh, diesen verdammten Krieg hinter sich bringen zu können.«

Die drei wurden zu einem der britischen Unterstände gebracht, wo ein Nachrichtenoffizier sie verhörte. Creel, Burke und ein paar andere warteten mit ihnen dort. Ersterer gab dem alten Sergeant eine Zigarette, woraufhin dieser grinsend sein praktisch nicht mehr vorhandenes Gebiss zeigte. Während er rauchte, brummelte er immer wieder »Kamerad«, wie um dem Nachdruck zu verleihen. Nach einer Weile aber begann er, sehr grimmig dreinzuschauen, ohne sein anhaltendes Gebrabbel zu unterlassen, und zeigte hinaus ins Nichts. »Die Toten … die Toten!«, rief er dann mit Augen so schwarz wie ausgebrannte Kohlen. »Die Toten … sie sind wieder unter uns! Die Toten sind auferstanden!«

»Lass das Geplapper bleiben«, verlangte Burke.

Falls es aber nichts weiter als das war, so doch das ungewöhnlichste Geplapper, das Creel in diesem Krieg gehört hatte. Sein Deutsch mochte zu wünschen übriglassen, doch was der Sergeant meinte, verstand er allzu deutlich, und die Furcht, die dabei mitschwang, ließ sich nicht leugnen.

Die Toten, wiederholte der Reporter für sich. Die wandelnden Toten.

Dies war der Moment, da ihm das eine oder andere Licht aufging und er Blut leckte.

Ende der Leseprobe

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