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Neuerscheinung

DIE SIEBTE SÄULE

DIE SIEBTE SÄULE

  • Format: Klappenbroschur
  • Seiten: ca. 328
  • ISBN: 978-3-95835-396-1

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DIE SIEBTE SÄULE

  • ISBN: 978-3-95835-397-8

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Ein terroristischer Fanatiker mit Visionen, die ihm befehlen, die Apokalypse und damit das Ende aller Tage herbeizuführen …

Eine uralte Bruderschaft von Assassinen, seit Jahrhunderten verschwunden, kehrt zurück …

Ein LKW mit einer grauenvollen Waffe verlässt den Sudan, durchquert die gesetzlosen Bergregionen Algeriens, auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel …

Das PROJECT schickt Nick Carter und Selena Connor in die brennenden Wüsten Westafrikas, in die Slums von San Diego und in die bitterkalten Berge des Hindukusch, bevor ihre finale Konfrontation mit dem Feind über das Schicksal der westlichen Welt entscheidet.

Kapitel 1

Zwölf stand reglos da, unsichtbar in einer Welt in stummem Grau. Der dichte Londoner Nebel umgab ihn wie das Flüstern aus einem Grab. Der Nebel roch nach alten, unreinen Dingen, denn der verseuchte Flusslauf der Themse war nicht weit entfernt. Sein Körper vibrierte vor unbändiger Energie. Jeder Tropfen Feuchtigkeit auf seiner Haut war fiebrige Erwartung, jedes Geräusch erschien ihm zehnmal so laut. Er hörte die sich nähernden Schritte. Ein Mann mit einem dunklen Mantel und Hut war gleich einem Gespenst aus dem grauen Vorhang des Nebels getreten. Ein Regenschirm schwang locker an seiner Seite. Zwei Leibwächter gingen wie gewöhnlich direkt hinter ihm. Dieser Mann war niemals allein unterwegs. Der Attentäter zog einen uralten Dolch aus seinem Ärmel, als der Mann an ihm vorbeischritt. Er trat aus den Nebelschwaden und stieß die Klinge tief in die Mulde direkt an der Schädelbasis seines Zielobjekts, wandte sich mit geübter Leichtigkeit um und brach der ersten Wache das Genick. Ein blitzschneller Schlag auf den Kehlkopf schickte den zweiten auf die Knie, ein toter Mann, der noch zu atmen versuchte. Zwölf bückte sich und wischte mit dem teuren Mantel des Toten das Blut von seinem Dolch. Er nahm einen kleinen Gegenstand aus der Tasche und platzierte ihn bei der Leiche. Dieser trug eine ungewöhnliche Inschrift.

Die Inschrift wies den Weg, führte aber ins Nichts. Es sollte jene verwirren, die nach ihm suchen würden. Verwirrung war gut. Der Attentäter verschmolz wieder mit dem stillen Nebel. Sein Meister würde zufrieden sein.

 

Kapitel 2

Hätte Nick Carter eine Erinnerung gebraucht, wie sehr sich in den letzten Wochen alles verändert hatte, hätte er nur auf sein Mobiltelefon schauen müssen. Es war schwarz, glänzend und hatte eine Unmenge Knöpfe. Es gab eine Direktwahltaste für das Weiße Haus, für den Siebten Stock in Langley, für den Direktor der NSA, für den Generalstab, für die DIA und noch ein halbes Dutzend mehr, deren Bedeutung er noch gar nicht kannte. Wenigstens ist es nicht rot, dachte er bei sich. Das Telefon war Teil seines neuen Jobs als Co-Direktor von PROJECT. Dazu gab es noch ein neues Büro mit einem großen Flat-Screen-Monitor an der Wand, einem braunen Ledersessel und dickem Teppichboden. Es gab auch einen eindrucksvollen Schreibtisch mit einem verschlüsselten Computersystem, das mit den Cray-Hauptrechnern im Keller vernetzt war. Außerdem gab es zwei Fenster. Das eine zeigte hinaus auf die Eingangshalle. Das andere gewährte ihm einen Ausblick auf den Bürobereich bis hinüber zu Stephanie Willits Zimmer. Stephanie leitete zurzeit das Tagesgeschäft von PROJECT. Nick kümmerte sich um den Außendienst, war verantwortlich für Taktik und Strategie. Dafür begab er sich an Orte, an die kein Mensch freiwillig gehen würde, der noch bei Verstand war.

Gemeinsam gingen sie die Tagesberichte der großen Geheimdienste durch, die für den Präsidenten bestimmt waren. Manchmal mussten sie darauf hinweisen, dass der Kaiser nackt war, womit sie sich innerhalb der Gemeinde der US-Geheimdienste unbeliebt machten. Nick stand auf, um sich an der chromglänzenden Maschine eine Tasse starken Kaffee einzuschenken. Er ging an seinen Tisch zurück, wo ein dicker Umschlag geduldig auf ihn wartete. Steph hatte ihn mit erhobenen Brauen überreicht, als er hereingekommen war. Die gehobenen Augenbrauen bedeuteten für gewöhnlich, dass sein Tag kompliziert werden konnte. Er nippte an seinem Kaffee, öffnete den Umschlag und nahm den Inhalt heraus. Dokumente und Fotos. Die erste Aufnahme zeigte einen Mann, der auf dem nassen Pflaster lag. Seine blauen Augen waren offen und leer. Eine Blutlache hatte sich unter seinem Kopf ausgebreitet. Carter legte das Foto zur Seite und begann zu lesen. Der Tote war Sir Edward Hillary-Smythe, der britische Außenminister. Ein mächtiger Mann, ein Falke, ein Verfechter von harten Sanktionen gegen den Iran, und wenn nötig, auch für einen Einsatz des Militärs gegen das Regime in Teheran. Das Einzige, was hätte schlimmer sein können, wäre ein Anschlag auf die Königin selbst gewesen. Sir Edward war eine sehr bekannte und kontroverse Persönlichkeit gewesen, ein möglicher Nachfolger für den Mann in 10 Downing Street. Stephanie kam in sein Büro.

»Ich wette zehn zu eins, dass wir noch vor Mittag einen Anruf von Rice bekommen.«

James Rice war der Präsident der Vereinigten Staaten. Die Wahlen standen vor der Tür. Es war noch nicht einmal Weihnachten, aber die politische Rhetorik bekam bereits harte Untertöne.

»Ich nehme keine Wetten an, Steph. Außerdem ist es ein Problem der Briten. Der MI-5 ist ziemlich gut.«

»Nicht gut genug, um seinen Tod zu verhindern.«

»Warum lief er überhaupt draußen im Nebel herum?«

»Sir Edward liebte seine Abendspaziergänge.«

»Hat niemand etwas mitgekriegt?«

»Warst du schon mal im dicken Londoner Nebel?« Stephanie setzte sich in einen der braunen Ledersessel. »Schon zwei Blocks entfernt würdest du nicht mehr hören, dass eine Bombe hochgeht. Außerdem hat der Mörder ein Messer benutzt. Machte keinen Lärm. Schaltete gleichzeitig zwei Agenten vom MI-5 aus.«

»Ein Profi.«

»Genau. Rein, raus, ein Attentat, schnell und schmutzig.«

»Weiß jemand, wer dahinterstecken könnte? Hat sich jemand zu dem Attentat bekannt?«

»Ja und nein.« Steph war Mitte dreißig. Das dunkle Haar reichte ihr bis zu den Schultern. Sie bevorzugte große Goldohrringe und trug ein goldenes Armband um ihr linkes Handgelenk. Sie hatte volle Lippen, breite Wangenknochen und dunkle Schatten unter dunklen Augen. Wenn man sie ansah, dachte man unweigerlich an Kakao und Kekse und an ein warmes Bett in einer kalten Nacht. Man hätte meinen können, dass sie mehrmals die Woche mit einer Familienkutsche zum nächsten Spielplatz fuhr. Aber da läge man falsch. Auf dem Schießstand setzte sie auf dreißig Meter alle dreizehn Schuss ins Schwarze, in unter dreißig Sekunden. Sie war ein Genie am Computer und konnte jede Firewall der Welt hacken. Sie war verheiratet gewesen und mittlerweile geschieden. Sie lebte allein in ihrem Washingtoner Apartment. Gemeinsam mit Nick leitete Stephanie eine der geheimsten Anti-Terror-Einheiten der Welt. Carter hatte keine Ahnung, was sie so trieb, wenn sie nach Hause ging. Aber das musste er auch nicht. Er vertraute ihr, das war genug.

Carter starrte auf das Bild des Toten und fühlte Ärger auf sich zukommen. Er nahm ein weiteres Foto aus dem Stapel, auf dem etwas mit einer ungewöhnlichen Inschrift zu sehen war. »Was ist das?«

»Der Mörder hinterließ es bei dem Toten.«

»Eine Nachricht?«

»Scheint so.«

»Irgendein Schriftzug. Selena sollte sich das mal ansehen.«

»Sie ist unten im Computerraum. Ich schick‘ ihr eine Nachricht.«

Selena war ein phänomenales Sprachtalent. Wenn irgendjemand die Inschrift entschlüsseln konnte, dann war sie diese Person. Ein paar Minuten später sah er zu, wie sie durch die Tür hereinspazierte. Sie bewegte sich auf eine Art und Weise, die ihn an eine Kreuzung zwischen einer Tänzerin und einer geschmeidigen Raubkatze erinnerte, graziös und gefährlich schön. Sie war knapp eins-siebzig, ein wenig kleiner als Nick. Sie hatte hohe Wangenknochen und einen natürlichen Schönheitsfleck über der Oberlippe. Ihre Augen hatten eine ungewöhnliche Violettfärbung. Ihr Haar war rotblond. Sie trug ein maßgeschneidertes graues Kostüm und eine lavendelfarbene Bluse, die zur ihrer Augenfarbe passte. Ansonsten hatte sie nur eine schmale goldene Uhr am linken Handgelenk und trug einfache Ohrringe. Nicht jedem gelang es, eine Glock 10mm in einem Schnellziehholster wie ein Modeaccessoire aussehen zu lassen, aber Selena bekam auch das hin. Wenn Leute draußen auf der Straße sie zusammen sahen, waren sie zunächst verwirrt. Niemand hätte Nick auf den ersten Blick als gutaussehend bezeichnet. Kantig vielleicht. Ungeschliffen. Zäh, mit stechenden grauen Augen, die ständig in Bewegung zu sein schienen. Frauen sagten von ihm, dass er nicht übel aussah, vielleicht ein wenig furchteinflößend. Jemand, den man im Auge behalten sollte. Aber niemals gutaussehend. Selena war in einer ganz anderen Liga. Sie war eine beinahe perfekte Schönheit.

»Was ist los?« Sie setzte sich neben Stephanie.

»Jemand hat heute Morgen den britischen Außenminister ermordet und das hier zurückgelassen. Ergibt das für dich einen Sinn?« Er reichte ihr das Foto.

Sie studierte es. »Es bedeutet: Mohammed und Ali. Die Schrift ist Arabisch. Es ist ein sogenanntes Ambigramm, ein kalligrafisches Vexierbild mit verschiedenen möglichen Bedeutungen.«

»Was bedeutet das da?«

»Es ist ein schiitisches Ambigramm. Eine seiner Bedeutungen ist, dass Ali Mohammeds rechtmäßiger Nachfolger ist, der von Allah und Mohammed dazu bestimmt wurde, die muslimische Glaubensgemeinschaft anzuführen.«

»Und?«

»Ali war Mohammeds Cousin. Nach dessen Tod trat er seine Nachfolge an, weil das seine göttliche Bestimmung war. Sunnitische Muslime aber glauben, dass Abu Bakr Mohammeds rechtmäßiger Nachfolger sein müsse. Die Schiiten behaupten, dass Abu Bakr nur ein Opportunist war, der die Macht an sich reißen wollte. Die islamische Welt befindet sich seit diesem Zeitpunkt ständig im Krieg.« Sie runzelte die Stirn. »Ich habe es schon einmal gesehen, kann mich nur nicht erinnern, wo. Aber es fällt mir sicher wieder ein.«

Carter rieb sich sein Ohrläppchen. »Wenn du an Schiiten und Terrorismus denkst, dann meinst du sicher Teheran. Sir Edward war ein Hardliner, wenn es um den Iran ging. Vielleicht steckt der iranische Geheimdienst dahinter.«

»Das wäre ein wenig voreilig.« Selena glättete eine Falte in ihrem Rock. »Ich frage mich, warum er ermordet wurde.«

»Wenn wir herausfinden, wer es war, dann wissen wir auch, warum.« Er wechselte das Thema. »Steph, hast du schon etwas von Ronnie und Lamont gehört?«

»Vor zwei Stunden. Bisher alles Routine. Sie sollten sich bald wieder bei uns melden.«

 

Kapitel 3

Unter der gnadenlosen Sonne Afrikas hockten Ronnie Peete und Lamont Cameron in einem mitgenommenen, blauen Toyota Pick-up. Die Temperatur lag über 40 Grad im Schatten und die Türgriffe waren heiß genug, um sich daran die Finger zu verbrennen. Ronnie schien die Hitze nichts auszumachen, doch über Lamonts braune Züge rann der Schweiß. Das Rinnsal folgte der Linie aus Narbengewebe, die quer über sein Auge und seinen Nasenrücken reichte, und tropfte auf seinen sandfarbenen Burnus. Es sah zu seinem Partner hinüber. »Wie kommt es, dass du nicht schwitzt?«

»Das ist doch nicht heiß. Du solltest mal eine Schwitzhütte ausprobieren. Da drin ist es heiß.«

Ronnie war ein Navajo und in einem Reservat aufgewachsen, bevor er zu den Marines ging. Er war bei der Aufklärung gewesen, in derselben Einheit wie Nick. »Eine Schwitzhüttenzeremonie geht über drei Tage«, erklärte er. »Klar, wir konnten dann und wann rausgehen und uns abkühlen.«

»Kennst du auch eine Schattenzeremonie?«

Ronnie grinste.

Lamont hob sein Fernglas. »Da tut sich was.« Er konzentrierte sich auf einen niedrigen, zweistöckigen Betonbau mit Flachdach, der von einem mit Stacheldraht gekrönten Drahtzaun umgeben war. Er sah kahl, schmutzig und langweilig aus. Lamont gab das Fernglas weiter. »Sie laden etwas in den Lastwagen.«

Der Lastwagen war gestern aufgetaucht, zusammen mit einem Kerl mit weißem Vollbart und grünem Turban, der sich mit bewaffneten Wachen umgab. Lamont hatte drei schnelle Fotos gemacht und sie an Stephanie geschickt. Der Laster sah aus wie viele tausend andere Lastwagen in Afrika. Man nutzte sie, um so ziemlich alles zu transportieren, von Ziegen bis zu Soldaten. Er hatte keine besonderen Kennzeichen, aber die Nummernschilder stammten aus dem Sudan. Da sie sich direkt außerhalb von Khartoum befanden, war das keine große Überraschung. Fünf bärtige Männer mit AK-47-Sturmgewehren standen in der Nähe und wirkten angespannt. Zwei weitere hoben einen olivfarbenen Metallcontainer von der Größe einer Seekiste zu jemandem im Inneren des Lastwagens hinauf. Zwei weiße Toyota Pick-ups mit fest montierten Degtjarjov-MGs warteten in der Nähe. Die russischen Waffen waren in diesem Teil der Welt ziemlich populär. Das Gebäude ähnelte einer der Chemiefabriken, die das US-Militär hier vor Jahren bombardiert hatte. Dort wurde damals VX produziert, ein tödliches Nervengas, das aus Pestiziden synthetisiert wurde. Die ausgebombte Ruine war in Khartoum zu einer Touristenattraktion geworden. Vielleicht produzierte wieder irgendjemand VX. Deshalb brieten Ronnie und Lamont jetzt in der afrikanischen Sonne: Um herauszufinden, ob etwas an der Sache dran war.

»Sie gehen sehr behutsam mit dieser Kiste um. Als würden sie rohe Eier transportieren.« Ronnie justierte sein Fernglas. Das Sonnenlicht reflektierte von den Linsen und tanzte über die Frontscheibe. Ronnie fluchte lautlos. Jemand zeigte in ihre Richtung. Bei den Pick-ups entstand hektische Aktivität. »Scheiße, wir sind aufgeflogen. Zeit zu verschwinden.«

Lamont startete den Motor. Er wendete, fädelte auf die Straße nach Khartoum ein und trat das Gaspedal durch. Ronnie wandte sich um und sah, dass die bewaffneten Pick-ups ihnen folgten. Ihr Toyota raste durch die Ausläufer von Khartoum. Die Verfolger näherten sich und die Schützen an den MGs eröffneten das Feuer. Kaum, dass die ersten Schüsse fielen, rannten die Anwohner in Deckung und die breite Straße leerte sich. Jeder im Sudan kannte das Geräusch von Gewehrfeuer.

Lamont und Ronnie duckten sich. Das Heckfenster explodierte in einem Hagel aus Glassplittern. Kugeln durchlöcherten die Frontscheibe, ließen den Staub um sie herum hochspritzen und schlugen in die weißgekalkten Wände der umliegenden Gebäude ein. Ein paar Geschosse prallten vom Kabinendach ab. Es klang, als schlüge jemand mit einem Hammer auf den Stahl. Hinten auf der Ladefläche, unter einer Segeltuchplane, lag ein Granatwerfer. Aber da hinten nützte er ihnen nichts. Ronnie stieß seine Tür auf. »Ich schnapp' mir den Granatwerfer.« Er kletterte nach draußen und hielt sich am Dachrahmen fest, wo eben noch das Heckfenster gewesen war. Glassplitter schnitten in seine Handfläche. Er fluchte, schwang ein Bein über die Ladekante und rollte sich auf die Ladefläche. Er kroch zu dem Granatwerfer und schlug die Plane beiseite. Sie wurde vom Fahrtwind erfasst und landete auf der Straße hinter ihnen. Er öffnete die Transportkiste, holte das lange Abschussrohr heraus und lud die erste Granate.

Einer der Schützen zielte auf ihre Hinterreifen. Sie zerplatzten mit hörbarem Knall und verwandelten sich in verbogene Felgen und zerfetztes Gummi. Lamont rang mit der Lenkung des Pick-ups. Ronnie kam hoch, kniete sich hin und feuerte. Die Granate zog eine Rauchspur hinter sich her. Er spürte den heißen Wind der Schüsse, die ihn verfehlten und die Kabine trafen. Lamont schrie auf. Das vordere der sie verfolgenden Fahrzeuge verschwand in einem Feuerball. Der zweite Pick-up passierte das brennende Wrack. Das charakteristische Hämmern des russischen MGs hallte von den umliegenden Hauswänden wider. Ronnies zweite Granate zerfetzte den Pick-up, nachdem sie dessen Frontscheibe durchschlagen hatte. Der Wagen wurde von der Straße gehoben, kippte um und explodierte dann. Ihr eigener Wagen geriet ins Schleudern, rammte seitlich eines der Gebäude und schrammte an der Außenwand entlang, bis er schließlich zum Stehen kam.

Ronnie sprang von der Ladefläche, öffnete die Fahrertür und zog Lamont hinter dem Lenkrad hervor. Seine Schutzweste hatte zwei der Kugeln aufgehalten. Eine dritte hatte seinen Arm getroffen. Blut durchtränkte seinen Burnus. Seine braunen Züge hatten jetzt die Farbe von dünnem Milchkaffee und waren schmerzverzerrt. Er drückte den verletzten Arm gegen seinen Körper. Dünne Flammen züngelten unter der Motorhaube ihres Pick-ups hervor. Jetzt, wo die Schießerei vorbei war, kamen die Anwohner wieder aus ihren Häusern und Geschäften.

Lamont hatte die Hautfarbe eines Äthiopiers, aber blaue Augen. Ronnie hatte indianische Züge. Sie trugen einheimische Kopfbedeckungen, Umhänge und hatten Bärte. Sie gingen nicht als Sudanesen durch, aber niemand würde sie für Amerikaner halten. Ronnie zog seine Pistole, um unnütze Diskussionen zu vermeiden. Niemand sprach sie an. Sie rannten die Straße hinunter und verschwanden in einem Labyrinth aus Hinterhöfen und schmalen Gassen, das sich zwischen den Häuserzeilen erstreckte. Hinter ihnen ging der Wagen in Flammen auf und schickte eine schwarze Rauchsäule in den wolkenlosen Himmel.

Ronnie hielt in einer menschenleeren Seitenstraße an. Ein dünner Strahl Sonnenlicht fiel zwischen den schmutzfarbenen Wänden herab. Er schnitt Lamonts Ärmel auf. Über dem Ellbogen zeigte sich ein gesplitterter Knochen, wo die Kugel den Arm durchschlagen hatte.

»Wie schlimm sieht's aus?« Lamonts Stimme war ganz rau vor Schmerz.

»Nicht gut. Muss die Blutung stoppen. Das wird wehtun.« Ronnie schnitt Streifen aus seinem Burnus und verband die Wunde. Er improvisierte eine Schlinge. Lamont biss die Zähne zusammen. Ronnie behielt die Straße im Auge und drückte eine der Tasten an seinem Telefon. Der Anruf konnte zwar abgehört werden, aber ohne den richtigen Chip am anderen Ende konnte man nichts verstehen.

Es entstand eine kurze Verzögerung, als der Anruf über den Satelliten weitergeleitet wurde. Stephanie antwortete. »Ja, Ronnie?«

»Wir haben ein Problem. Wurden von zwei Fahrzeugen verfolgt. Haben uns um sie gekümmert, aber unser Wagen ist im Eimer. Lamont hat eine Kugel abbekommen. Ich bin nur leicht verletzt.« Er sah auf seine blutige Hand hinunter. »Holt uns hier raus. Lamont muss sofort in ein Krankenhaus.«

»Geht zum sicheren Haus. Wir evakuieren euch von dort.«

»Sie haben etwas auf einen Siebeneinhalbtonner geladen. Wir haben den Laster letzte Nacht verwanzt.«

»Wir werden sie orten. Ruft wieder an, wenn ihr in Sicherheit seid.«

»Geht klar.« Ronnie legte das Telefon beiseite.

Ende der Leseprobe

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