Buchcover Vorne

OPERATION ISKARIOT

von Rick Jones
Serie: Die Ritter des Vatikan
Band 3
»Eine fantastische Geschichte voller unvorhersehbarer Wendungen. Rick Jones ist die Zukunft des Thrillers.« [Richard Doetsch, Bestseller-Autor von THE THIEVES OF FAITH und THE 13th HOUR]

OPERATION ISKARIOT

  • Format: Klappenbroschur
  • Seiten: ca. 388
  • ISBN: 978-3-95835-301-5

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OPERATION ISKARIOT

  • ISBN: 978-3-95835-302-2

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Als Commander der »Ritter des Vatikan«, einer geheimen Elite-Einheit der Katholischen Kirche, ist es Kimball Haydens Aufgabe, für den Schutz und die Sicherheit ihrer Würdenträger zu sorgen.

Doch dann scheint ihn seine eigene Vergangenheit einzuholen – ein Geist aus vergessenen Zeiten, stärker, schneller und gnadenloser als jeder Soldat, dem er sich bisher gegenüber sah.

Systematisch dezimiert dieser Unbekannte Haydens ehemalige Spezialeinheit, die Force Elite, jedoch nicht ohne kleine Hinweise zu hinterlassen. Denn eingeritzt im Fleisch seiner ehemaligen Kameraden findet sich stets ein Wort: ISKARIOT. Nun ist es an Hayden, den beinahe übermächtigen Gegner auszuschalten, bevor dieser seinen persönlichen Rachefeldzug bis in die Mauern des Vatikan hineintragen kann.

Kapitel 1


Anwesen von Senator Cartwright, Washington, D.C. | Mehrere Jahre zuvor


Senator Joseph Cartwright war ein sehr ehrgeiziger Mann, dessen ausgeprägte Selbstherrlichkeit häufig im Versammlungssaal zutage trat. Er wusste, dass ihn genau die Monster, die er selbst erschaffen hatte, eines Tages töten würden.

Im Arbeitszimmer auf seinem Landsitz schloss er gerade die Fensterläden wegen der ständig zuckenden Blitze, während sich draußen ein abendliches Gewitter entlud, und hastete dann zu seinem Schreibtisch hinüber, um mehrere ganz besondere Unterlagen zusammenzuraffen.

Insgesamt waren es acht Biografien von Männern, die nach der Pfeife von Personen in den höchsten politischen Positionen des Landes tanzten – eine in sich geschlossene, unaufhaltsame Gruppe, an deren Gründung er sich selbst beteiligt hatte.

Der Senator band jetzt die braunen Aktenordner trotz seiner Arthritis mit erstaunlich flinken Händen zusammen und hoffte dabei, sein Tod würde den Anfang vom Ende eines Unterfangens darstellen, das auf entsetzliche Weise fehlgeschlagen war.

Als er die Augen schloss, und sich über die Dokumente beugte, kam Cartwright nicht umhin, wieder einmal jene Reue zu empfinden, die ihn ständig quälte, weil er in seiner Annahme, unantastbar zu sein, dazu verleitet worden war, über das Ziel hinauszuschießen, indem er gewisse Würdenträger zu vehement und ungeduldig bedrängt hatte, ohne länger darüber nachgedacht zu haben, mit welch schrecklichen Machtmitteln sie die ganze Zeit jonglierten.

Jetzt, da seine Amtszeit als Senator jäh tödlich enden würde, belastete ihn die späte Einsicht, weshalb er sich wünschte, nie jemanden provoziert zu haben, der einflussreicher war als er.

Draußen vor den heruntergezogenen Jalousien seines Arbeitszimmers schlug gerade nicht weit entfernt ein Blitz in die Erde ein, der aussah wie eine Treppe, wobei das Licht im Zimmer zuerst flackerte und dann schließlich ganz ausfiel, woraufhin sich eine Finsternis im Haus ausbreitete, die so tief und leer wirkte wie ein Schwarzes Loch.

Während der Senator spürte, wie sein flatternder Puls einen Herzschlag lang komplett aussetzte, wurde ihm bewusst, dass die Acht bald kommen würden, um ihn zu töten.

Ihm blieb höchstens noch eine Minute, vielleicht auch zwei.

Mit den Akten in seinen knochigen krummen Händen ging er neben dem Schreibtisch in die Hocke, stemmte eine Schulter gegen das Paneel an dieser Seite und drückte einmal kräftig dagegen. Es ließ sich hinein- und dann nach oben schieben, um eine kleine Aussparung zu offenbaren, deren Maße jenen eines Brotkastens entsprachen. Er hatte stets Geheiminformationen dort aufbewahrt und sie oft zur Erpressung gegen die Acht eingesetzt, um die politischen Leben derjenigen umzuschreiben, zu verfälschen oder zu zerstören, die seine Ansichten nicht teilten.

Jetzt würde er sie noch ein letztes Mal benutzen, wobei er darauf spekulierte, dass jemand die Akten später entdecken und verwenden würde, um die Acht und ihre Hintermänner in die Knie zu zwingen.

Nachdem er die Ordner in das Geheimfach gelegt hatte, zog Cartwright das versenkte Paneel wieder nach unten und ließ es sorgsam einrasten. Die Holzteile fügten sich so fest zusammen, dass man die Rillen dazwischen kaum wahrnehmen konnte.

Als er sich wieder erhoben hatte – mühsam, weil ihm die Schmerzen allmählich die Brust zuschnürten und ihm den Atem zu rauben drohten – stützte sich der Senator mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte, um sein Gleichgewicht wiederzuerlangen.

Wo seid ihr nur?

Draußen flackerte es erneut kurz und grell. Ein betörend unverfälschtes Licht, das durch die Ränder der Jalousien fiel und die Umgebung wie Feuer erhellte. Die rasch aufeinanderfolgenden Blitze froren die Bewegungen gegenüber im Raum ein.

Der Senator richtete sich auf und wartete, in der Annahme, dass gleich eine Kugel sein Leben beenden würde.

Stattdessen aber traf ihn der Schreck, fast genauso schlimm wie ein Schuss. Denn ein kleiner Junge rief plötzlich nach ihm: »Großpapa?«

Oh nein!

Vor lauter Angst hatte er seinen Enkel komplett vergessen; seinen einzigen Nachkommen und letzten noch lebenden Verwandten. Sollten die Acht ihn hier finden, würden sie ihn ebenfalls den Regeln gemäß, die Cartwright selbst aufgestellt hatte, gnadenlos umbringen.

Er ging auf ein Knie hinunter und winkte, damit der Kleine schnell in seine Arme gelaufen kam. Während er ihn fest an sich drückte und mit seinen arthritischen Händen streichelte, flüsterte er immer wieder »Es tut mir so leid« und vergoss dabei Tränen in die strubbeligen Haare des Knaben.

Dessen Stimme klang so unschuldig, dass sie dem Senator in Hinblick darauf, was ihnen beiden in Kürze bevorstand, das verkommene Herz brach.

»Es tut mir so leid«, wisperte er wieder, während er sein Gesicht in den Schopf seines Enkels schmiegte. »Es tut mir … so … leid.«

In diesem Moment, als er den Jungen betrachtete, erkannte er in dessen Zügen die seiner Tochter wieder. Das Kind hatte die Augen und Lippen seiner Mutter, einen wirklich anmutigen Schmollmund.

»Du bist deiner Mama wie aus dem Gesicht geschnitten«, sagte er zu ihm. Oh könnte sie jetzt bloß hier sein und sehen, wie groß du schon geworden bist.

Zwei Jahre zuvor hatte Cartwrights Tochter gerade mit dem Auto einen Straßendamm überquert, als ein betrunkener Fahrer von einer Leitplanke geprallt und frontal mit ihr zusammengestoßen war. Sie musste gestorben sein, als sie durch die Windschutzscheibe geflogen war. Der Gerichtsmediziner hatte nach dem tragischen Unfall einigen Aufwand betrieben, um sie zusammenzuflicken, was den ästhetischen Anforderungen für eine Bestattungsfeier mit offenem Sarg allerdings dennoch nicht gerecht geworden war.

Darüber hinaus hatte der Senator in jener Zeit zum ersten Mal überhaupt die Ohnmacht erlebt, in keiner Weise auf den Verlauf der Ereignisse einwirken zu können. Befehlsgewalt hin oder her, ihm war schnell klar geworden, wo seine Fähigkeiten aufhörten, und dass Tote auferstehen zu lassen, nicht zu seinen Stärken zählte. Diese qualvolle Lehre hatte ihn auf den Status eines Normalsterblichen mit empfindlichen Schwächen zurückgeworfen.

Als Mensch mit unbeirrbaren Überzeugungen hatte er den Schmerz infolge des Verlusts seiner Tochter aber durch die Verdrängung von Schuldgefühlen gelindert und sich schließlich, ohne an Macht einzubüßen aufgerafft, bis er wieder ein politischer Halbgott gewesen war, der andere unterdrücken konnte, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Bis jetzt zumindest.

Der alte Mann schloss die Augen erneut und fuhr seinem Enkel zärtlich mit einer Hand über den Rücken.

Dann zwang er sich, gefasster zu wirken als er sich fühlte, und zog das Kind wieder an sich, um ihn wissen zu lassen, dass ihm seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit zuteilwurde. »Markie, ich möchte, dass du mir zuhörst, und zwar ganz genau. Hast du mich verstanden?«

Der Kleine nickte.

»Du musst dir dringend ein Versteck suchen«, verlangte Cartwright von ihm. »Ich will, dass du dich vor den Blitzen versteckst und vor dem Donner auch. Und egal was passiert, egal, was du siehst oder hörst: Verlass dein Versteck auf keinen Fall, ist das klar?«

»Großpapa …«

»Ist das klar, Markie?«

»Ja.« Der Junge fürchtete sich sichtlich, was den Senator dazu bewog, ihn noch einmal kräftig zu umarmen.

»Ich liebe dich, Markie. Vergiss das niemals. Ich liebe dich mehr als das Leben selbst.« Daraufhin entzog er sich dem Jungen und betrachtete seinen Enkel noch ein letztes Mal, während er ihn mit ausgestreckten Armen festhielt und sich fragte, was für ein Mann wohl aus ihm hätte werden können, wenn er verschont geblieben wäre.

Plötzlich hörte er ein Geräusch an der Tür – ein leises Klacken, als der Riegel zurückschnappte – dann eine Bewegung am Türknauf. Er drehte sich langsam im Dunkeln um.

Der Senator stieß das Kind jetzt sanft an, damit es in die finsterste Ecke des Zimmers ging. »Schnell, Markie. Versteck dich. Und nicht wieder rauskommen!«

Während der Junge in den schattigsten Winkel des Raums lief, stand Cartwright beschwerlich auf, wobei seine steifen Kniegelenke wie zum Protest knackten, und wartete mit trotzig vorgeschobenem Kinn auf die Männer.

Im selben Moment, als die Tür nach innen aufging, erhellte ein weiterer Blitz das gesamte Zimmer. Im staccatoartigen Geflacker konnte man erkennen, dass niemand im Flur stand.

Der Senator schluckte schwer; sein Hals war trocken wie altes Pergamentpapier.

Nun sagte er mit zitteriger Stimme, die einem beherrschten Ratsmitglied nicht gerecht wurde: »Zeigt euch.«

Beim zweiten Wort blitzte es wie auf Kommando noch einmal, und das gleißende Licht gab die Acht endlich preis.

Die Meistersoldaten verharrten regungslos vor Cartwright wie antike Statuen.

Es waren acht Elitekämpfer, jeder äußerlich unverkennbar und mit sehr speziellen Fertigkeiten ausgestattet. Gemeinsam stellten sie ein Mordkommando dar, dass Senatoren und Stabschefs in erster Linie als die Force Elite kannten.

Sie hatten sich bereits im Zimmer verteilt. Einer sah aus wie der andere; wächserne Gesichter mit vollkommen gefühlskalten Augen.

Keiner bewegte sich.

Keiner sagte etwas.

Ihre Militäruniformen waren schwarz, und sie trugen matt glänzende Stiefel und schwarze Barette mit dem Symbol der Gruppe. Einem grinsenden Totenschädel mit zwei wie Knochen überkreuzten Tantō-Messern.

Meine Kinder …

Als weitere Blitze ausblieben, wurden die Acht plötzlich eins mit der Finsternis.

»Wie könnt ihr mir das nur antun?« Der Senator trat einen Schritt zurück, was wohl seinem Selbsterhaltungstrieb geschuldet war. »Ich habe euch erschaffen! Euch alle

Draußen donnerte es kurz laut, und die darauffolgende, unbehagliche Stille schien eine kleine Ewigkeit zu dauern.

Schließlich fügte Cartwright wie ein Politiker mit allumfassender Macht hinzu: »Ich verlange sofort, dass ihr mir antwortet!«

Die Lamellen der Fensterläden dämpften das Licht kaum, als es abermals blitzte, und es wurde erneut blendend hell im Zimmer. In dieser Sekunde blickte der Senator ins Antlitz seines Mörders, der nur wenige Zoll vor ihm stand – er spürte den flachen Atem des Mannes auf seiner Haut und bemerkte sofort, wie ausdruckslos dieser ihn anschaute.

Er hatte weder gehört, wie der Mann nähergekommen war, noch wie die übrigen den Raum verlassen hatten.

Er stand seinem Mörder nun ganz allein gegenüber.

»Wo sind denn die anderen hin?«, rang er sich ab und schaute sich panisch um. Waren die Acht wirklich imstande, sich so schnell und leise zu bewegen, dass sie keine Hinweise darauf hinterließen, überhaupt je dagewesen zu sein?

»Sie kennen die Verordnung«, erwiderte der Mörder schlicht. »Die anderen suchen gerade das Anwesen ab. Niemand darf zurückgelassen werden.«

»Dann dürften sie enttäuscht sein«, gab Cartwright zurück, »denn außer mir ist niemand hier.«

»Doch, ein Junge. Fünf Jahre alt.« Der Mörder äußerte dies so dermaßen gleichgültig und empfindungslos, dass der Senator genau wusste, dass sie ihre Mission absolut unparteiisch und pflichtbewusst ausführen und alle töten würden, die zu exekutieren sie beauftragt worden waren, sogar ein unschuldiges Kind.

»Mein Enkelsohn ist aber nicht hier«, behauptete Cartwright hastig.

Noch ein Blitz. In der vorübergehenden Helligkeit konnte er einen weiteren Blick auf das Gesicht des Mannes erhaschen, in dem sich nichts als Gleichgültigkeit lesen ließ. Er sah jung aus mit seinen ebenmäßigen Zügen und der straffen Haut, die sich über seine spitzen Wangenknochen und eine sogar noch markantere Kieferpartie zu spannen schien. Er war bestimmt zwei Meter groß, und seine Figur wies ihn als Gewichtheber aus, der viele Stunden Training dafür aufgebracht hatte, seine Arme, Brust und Schultern zu stählen. Außerdem galt er unter einer Reihe von Killern als Wunderkind und war der Jüngste in seiner Gruppe.

»Bitte«, flüsterte Cartwright nun. »Ich habe dich erschaffen. Ich habe dein ganzes Team erschaffen. Ohne mich wäre die Force Elite gar nichts.«

Im Dunkeln hörte er, wie der Mann langsam ein Kampfmesser aus der Scheide zog.

»Sie haben sich leider zu weit aus dem Fenster gelehnt, Senator.«

»Ich habe ein Monster geschaffen, und jetzt bringt es mich um!«

»Ich führe lediglich die Befehle eines Ranghöheren aus. Das wissen Sie … und Sie kennen auch den Grund dafür.«

Cartwright wich zurück, und streckte seine Hände flehentlich nach vorn aus. »Bitte tut meinem Enkelsohn nichts«, bat er mit ernster Stimme. »Ich verlange nichts weiter von euch, als ihn zu verschonen.«

»Würde ich dies tun, wäre es eine Pflichtunterlassung.«

»Er ist doch gerade mal fünf Jahre alt, verdammt!«

»Und außerdem eine Bedrohung, die es auszumerzen gilt.«

Erneut flammte ein Blitz auf. In einer seiner Hände hielt der Mörder ein KA-BAR-Messer dessen Klinge auf der einen Seite glatt und auf der anderen gezackt war.

»Ich habe dich einst entdeckt. Ich habe dich zu dem gemacht, was du heute bist«, sagte der Senator. »Willst du wirklich denjenigen umbringen, der dich zum Kopf der Acht ernannt hat, zum Anführer der Force Elite?«

Der Einbrecher entgegnete darauf nichts. Er rückte lediglich mit hochgehaltener Waffe näher, bereit zum Zustechen, Aufschlitzen und zum Töten. Dann sagte er: »Der Höflichkeit halber, Senator, werden Sie nicht zu leiden brauchen.« Mit diesen Worten fuhr er Cartwright waagerecht über die Kehle. Der tiefe Schnitt, der nun aufklaffte, erinnerte an ein abscheuliches Grinsen, und das herausfließende Blut leuchtete bei jedem weiteren Blitz auffallend rot, während sich das Opfer mit einer seiner unförmigen Hände, deren Finger wie Krallen gekrümmt waren, an den Hals fasste. Mit dem anderen Arm ruderte er wild, um sich an der Schreibtischkante festhalten zu können, als sich alles um ihn herum drehte, immer schneller, wie ein Strudel sich verdichtender Schatten, aus deren Tiefe sich eine noch schwärzere Finsternis anbahnte.

Genau in dem Moment als er die Kante zu fassen bekam, fiel der Senator auf die Knie und fuhr hektisch mit der blutüberströmten Hand an der Abdeckung des Geheimfachs entlang. Es war seine letzte Handlung vor dem Tod, und der rote Streifen auf dem Holz war der endgültige Schlussstrich unter seiner Zeit als berufener Politiker.

Noch während Cartwright am Boden verblutete, begann der Killer, das Arbeitszimmer zu durchsuchen.

Irgendwo mussten schließlich die Lebensläufe sein.

Der Junge hatte sich währenddessen in einem Schrank unter den Buchregalen versteckt und den Wortwechsel von dort aus mitverfolgt, und auch das Flehen seines Großvaters um sein Leben gehört. Dann war ein grässliches Geräusch gefolgt … schmatzend oder verschleimt … das Röcheln eines Mannes bei dem Versuch, trotz einer riesigen Halswunde weiter zu atmen.

Bald darauf bekam das Kind in der anschließenden Stille Angst, und seine Ungewissheit bezüglich dessen, was vor der Schranktür geschehen war, nötigte ihn trotz des Verbots, leise nach seinem Großvater zu rufen.

Jetzt erfolgten Schritte: vorsichtig und leise, wie schwerelos auf dem Teppichboden. Jemand kam auf die Regale und auf den Schrank zu.

War es sein Großpapa?

Ringsherum wurden nun Türen geöffnet und wieder geschlossen, weshalb der Knabe seine Beine anwinkelte und die Knie vor seine Brust zog. Er verschränkte seine Arme davor, als wenn er sich besonders kleinmachen wollte. Dies tat er jedoch vergeblich, da nun auch sein Schrank geöffnet wurde.

Er schaute jetzt über seinen Kniescheiben hinweg. Seine Wangen waren nass vom Weinen, und seine schmächtige Brust bebte heftig, weil er stumm vor sich hin schluchzte.

Der Killer sah ihn einen Moment lang nachdenklich an, wobei sich die Blicke der beiden begegneten.

Im weißen Licht eines erneuten Blitzes bemerkte der Junge, dass sein Großvater mit halb geschlossenen Lidern neben dem Schreibtisch saß. Die Vorderseite seines Hemdes glänzte rot wie ein kandierter Apfel. Als der Mörder in dieselbe Richtung schaute, fiel ihm auf, wie der Kleine den Senator fokussierte. Dann drehte er sich wieder zu dem Kind um.

Während der Mörder erneut in den Schrank schaute und Mark seinen Blick erwiderte, tanzten weitere Blitze wie Schwerter in einem Kampf und leuchteten den Raum noch länger als zuvor aus. Der Mann hielt noch immer sein Messer in der Hand, und der Junge richtete seine Aufmerksamkeit unentwegt darauf. Dann begriff er plötzlich den Zusammenhang … die Waffe und ihr Besitzer … das blutbesudelte Hemd seines Großvaters.

Schließlich schüttelte er panisch den Kopf. Nein-nein-nein-nein-nein.

Der Mörder streckte nun eine Hand in den Schrank hinein, legte sie beschwichtigend auf den Kopf des Kindes und ließ sie dann hinunterrutschen, sodass sie seine Wange streifte. Ohne ein Wort zu sagen, zog er den Arm wieder heraus und machte die Tür leise zu. Der Kleine konnte darüber nur staunen.

Er durfte tatsächlich am Leben bleiben.

Mehrere Stunden später, nachdem sich das Gewitter wieder verzogen hatte und der Tag unter einem schiefergrauen Himmel angebrochen war, der weitere Regenfälle ankündigte, verließ der Junge langsam sein Versteck und kroch zu dem alten Mann, der an den blutverschmierten Schreibtisch gelehnt dalag.

»Großpapa?«

Als er den Arm der Leiche anfasste, spürte er dessen Steifheit; die einsetzende Totenstarre.

»Oh, Großpapa.« Er brach erneut in Tränen aus und fühlte sich auf einmal furchtbar allein.

Nachdem das Kind fast bis zur Besinnungslosigkeit geweint hatte, fielen ihm plötzlich die Blutstreifen auf der Abdeckung an der Seite des Schreibtischs ins Auge, in den er so oft geklettert war, wenn sein Großvater mit ihm Verstecken gespielt hatte.

Dahinter verbargen sich auch immer Geheimnisse, das wusste er.

Als er das Paneel öffnete, sah er mehrere zusammengebundene Ordner in dem Fach – acht Stück, es waren die Geheimnisse der Ungeheuer. Er nahm sie nacheinander heraus und prägte sich beim Durchblättern sowohl die darin enthaltenen Fotos als auch die dazugehörigen biografischen Angaben ein.

Er war zwar erst fünf Jahre alt, aber er schwor sich dennoch, diese Gesichter niemals zu vergessen.

Ende der Leseprobe

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