Die letzte Fahrt der Enora Time

INHALTSBESCHREIBUNG


Andreas Gruber erzählt über eine Zeit, in der Menschen mit Computern verschmelzen, Raumschiffe vom Radar verschwinden, Mitbürger sich mit Downloads konditionieren lassen müssen, Duelle mit defekten Decipher-Handfeuerwaffen verboten sind und niemand ohne weiteres ein Angebot der Regierung ablehnt.

Erfahren Sie, was am Rande des Universums existiert und warum ein Penner mit einem Notebook am Würstelstand die Zukunft der Menschheit kennt.

Entdecken Sie ein mysteriöses Motel an der Autobahn, das gar nicht existieren dürfte, und eine seltsame Firma, die bereits seit 1939 Zeitreisen anbietet – allerdings ohne Rücktrittsklausel.

DAS MOTEL

Diese Story ist eine meiner frühesten Science-Fiction-Geschichten. Damals hatte ich noch nichts veröffentlicht, und ich schickte diesen Text an die Redaktionen einer Handvoll Magazine. Natürlich erntete ich nur freundliche Absagen.

Den Grund dafür erklärte mir ein Jahr später eine reizende, ältere Dame aus Mödling in Niederösterreich, eine Autorin, bei der ich einen Schreib-Workshop besucht hatte.

Schreib-Workshop?

Ja, ich war verzweifelt und wollte unbedingt das Handwerk des Schreibens erlernen.

»Dein Text ist voller Adjektive«, erklärte sie mir. »Das erstickt die Fantasie der Leser, weil du ihnen alles servierst und keinen Raum für eigene Vorstellungen und Spekulationen lässt.«

Natürlich glaubte ich ihr kein Wort. Jahre später kürzte ich den Text aber trotzdem um gefühlte hundert Eigenschaftswörter pro Seite und reichte den deutlich abgespeckten Text bei der Ausschreibung einer SF-Anthologie eines Kleinverlags ein, wo er prompt veröffentlicht wurde. Anscheinend hatte diese ältere Dame aus Mödling doch eine Ahnung, wovon sie sprach. Die meisten Autoren, die Workshops anbieten, haben eine. Darum besuche ich sie so gern. Immer noch!

Beim Schreiben dieser Story habe ich übrigens ein seit damals nur selten wiederholtes Experiment gestartet. Wenn es zur Atmosphäre der Story passt, spiele ich während des Schreibens in meinem Arbeitszimmer einen passenden Song in einer Endlosschleife. Zum Ärgernis meiner Frau meist sehr laut. In diesem Fall ist es Hotel California von den Eagles gewesen.

Warum?

Lesen Sie selbst.

 

Das Autoradio knackte. »Die für den Frühling ungewöhnlich heftigen Regenfälle halten nach wie vor in ganz Österreich an, besonders im südlichen Niederösterreich und in der Steiermark. Aquaplaning hat auf der A2 bei Laßnitzhöhe bereits zu mehreren Auffahrunfällen geführt. Fahren Sie in beiden Richtungen langsam und achten Sie auf Ihren Sicherheitsabstand.«

Der Radiosprecher verstummte und die Kennmelodie des Verkehrsfunks ertönte. Erik sah in den Rückspiegel. Welche Fahrer? Auf der Straße war so gut wie kein Verkehr. Sein Wagen donnerte als einziger über den nassen Asphalt. So schlimm waren die Regenfälle außerdem gar nicht. Zudem musste er in dieser Nacht dringend nach Wien, und das Fernlicht schoss wie eine Leuchtrakete über die Bodenmarkierung.

Erik blickte auf die digitale Anzeige im Armaturenbrett, die im Dunkeln leuchtete: 23.06 Uhr. Er hoffte, er würde es in knapp zwei Stunden bis nach Wien geschafft haben.

Auf der Rückbank klapperten die Stative der Fotoausrüstung in einem monotonen Rhythmus, begleitet vom Rascheln der leeren McDonald's Tüten. Es roch noch immer nach Burger, Ketchup und Zwiebeln. Einschläfernd prasselte der Regen auf das Autodach, und die Wischblätter ratterten über die Scheibe … Fuck! Erik schreckte hoch. Gerade waren ihm wieder die Augen zugefallen. Diesmal hatte der Sekundenschlaf länger als sonst gedauert. Rasch kurbelte er das Fenster einen Spaltbreit hinunter und atmete tief durch. Der Fahrtwind kühlte seine Stirn. Erik griff zur Mittelkonsole nach dem Plastikbecher mit dem Strohhalm. Die Cola schmeckte mittlerweile fahl, die Kohlensäure hatte sich längst verflüchtigt. Angespannt trommelte er mit den Fingern auf das Lenkrad; irgendwie musste er sich wach halten.

Mit einem Mal fiel das Radio aus, nur noch Rauschen und Knistern drangen aus den Lautsprechern. Während er auf die Taste der automatischen Sendersuche drückte, hörte er nur nervtötendes Knacken. Da blockierten die Räder des Opels. Erik wurde in den Sicherheitsgurt geworfen. Verdammt! Fast hätte er das Lenkrad verrissen und den Wagen auf dem Asphalt zum Schleudern gebracht. Das Fahrbahnwasser spritzte an den Seitenscheiben hoch. Fuck! Der Adrenalinschock ließ ihn nun steif wie ein Brett im Wagen sitzen. Schlagartig war er hellwach. Seine Schläfen pochten wild. Er brachte den Opel unter Kontrolle, doch das Stottern des Motors hielt an.

Der nächste Schock kribbelte ihm über die Wirbelsäule bis zu den Haarwurzeln, als sein Blick auf die Tankanzeige fiel: die Nadel zitterte nicht einmal mehr, sie klebte regungslos am Ende der Skala; dort, wo sich kein Tropfen Benzin mehr befand. Wie kann das sein? Der Wagen müsste noch Sprit für mindestens zweihundertfünfzig Kilometer haben.

Wie nicht anders zu erwarten verlor der Opel rasch an Geschwindigkeit. Instinktiv setzte Erik den Blinker und wechselte auf die rechte Spur. Durch das Auf und Ab der Scheibenwischer, die die Wassermassen hektisch beiseite schaufelten, erkannte er einen schwachen Schein, der sich zu einer Beleuchtung formte. Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch, der Motor heulte auf und erstarb mit einem Husten. Knapp 80 km/h zeigte die Tachonadel an. Das Radio rauschte noch immer, dann schaltete er es aus.

Erik lenkte den Wagen über den Pannenstreifen zur Autobahnabfahrt, die plötzlich ohne Ankündigung da war und einen Hügel hinunter führte. Dort unten schälte sich eine Leuchtreklame aus der Dunkelheit. Der Wagen rollte auf das Neonschild zu, und unter der Werbetafel erkannte er die Umrisse eines bungalowartigen Motels, das zu beiden Seiten von hohen Nadelbäumen umrahmt wurde. Davor zeichneten sich die Zapfsäulen einer Tankstelle ab, daneben eine Waschstraße und ein Parkplatz. Was für ein unfassbares Glück!Aber Erik kannte diese Strecke gut genug, um zu wissen, dass es auf der A2 nach der Laßnitzhöhe keine derartige Raststätte gab. Die muss neu sein.

Als der Motor mit einem Blubbern erstarb, drückte Erik die Schaltung in den Leerlauf, bevor der Wagen einen bockigen Satz machen konnte. Er lenkte den Opel über den Parkplatz und wie von allein kam das Auto vor der ersten Zapfsäule zum Stehen.

Der Wind drückte so fest gegen die Seitenwand des Opels, dass Erik sich gegen die Tür stemmen musste. Kaum war er ausgestiegen, riss ihm der Wind auch schon die Tür aus der Hand und warf sie mit einem Krachen ins Schloss. Der Regen trommelte auf das freihängende Dach über den Zapfsäulen und schwoll binnen Sekunden zu einem ohrenbetäubenden Crescendo an. Die Windböen peitschten den Regen sogar unter den Dachgiebel zu Erik herüber. Er stellte den Kragen der Lederjacke auf und blickte sich auf der Tankstelle um. Weit und breit war niemand zu sehen. Nur Zweige wurden vom Wind über den Asphalt gefegt.

»Na, so spät noch unterwegs?«

Erik zuckte zusammen und fuhr herum. Er sah sich einem Tankwart gegenüber, der sich an die Mütze tippte und zur Motorhaube des Opels schlurfte. Erik wollte sich dem Mann in den Weg stellen, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte der Alte die Motorhaube geöffnet und den Kopf hineingesteckt.

»Bist wohl neu hier, was Junge?«, krächzte der Alte mit dem Gesicht zwischen Kabeln und Zündkerzen.

»Eigentlich nicht«, rief Erik. Die Böen zerrten unablässig an seiner Jacke und trieben ihm Regenschauer ins Gesicht.

»Ein zweiundsiebziger Opel Kadett! Hast 'n Leck in 'ner Benzinleitung, Junge!«

»Woher wissen …?«

»'Scheinlich 'n Marderbiss, Junge!«

»Während der Fahrt?«, fragte Erik.

»Die Biester sin' überall!«

»Wo bin ich hier überhaupt?«

Der Mann sah von der Motorhaube auf und deutete knapp zum flackernden Blau der Neonreklame, als genügte dies als Antwort.

Stirnrunzelnd starrte Erik zum Motel. Es lag zur Hälfte im Wald, die Tannen bogen sich im Wind, sodass die Äste die Leuchtreklame des Flachdachs liebkosten. Die Neonröhren fügten sich zu den vagen Umrissen von fünf Buchstaben. Erik blinzelte. Mo el stand dort ohne weiteren Kommentar zu lesen. Das t in der Mitte flackerte unruhig. Erik spürte das elektrisierende Vibrieren bis zur Tankstelle.

»Wird 'scheinlich 'ne halbe Stunde dauern, Junge!«

Eine halbe Stunde! Scheiße! Erik sah auf die Uhr.

»Is' nicht schneller möglich«, fügte der Tankwart hinzu und hantierte mit ölverschmierten Fingern an den Kabeln herum.

»Schön«, murmelte Erik, öffnete die Hintertür und schnappte sich den Ledergriff der Fototasche, die er sich über die Schulter hängte. Er hatte keine Lust darauf, dass ihm der Alte vielleicht etwas von seinem Equipment klaute – und dann stünde er in Wien ohne Kamera da. »Ich gehe inzwischen auf einen Kaffee.«

»Wenn du meinst.« Der Tankwart sah kurz vom Motor auf und grinste zahnlos.

Erik rannte über den Parkplatz und kam vor der Holzfassade des Motels zum Stehen. Bis auf seinen Wagen stand hier kein weiteres Fahrzeug.

Während er darüber nachdachte, ob die Raststätte um diese Zeit überhaupt noch geöffnet hatte, schwang die Tür vor ihm auf. Erik schob sich die Umhängetasche auf den Rücken und spähte hinein. Der schmale Vorraum war mit einem roten Teppich ausgelegt. An den Holzwänden hingen Gemälde und elektrische Kerzenleuchter, die anscheinend das Gefühl eines Hotelaufenthaltes vermitteln sollten. Erik ging durch den Korridor bis zu einem weiteren Eingang. Die Holztür glitt vor ihm auf, noch bevor er die Hand auf die Klinke legen konnte. Grinsend trat er über die Türschwelle. Welcher Witzbold hatte sich diesen Empfang einfallen lassen? Hinter ihm schlug die Tür zu, und da blieb ihm das Lachen im Hals stecken.

Er stand in einer schmuddeligen Bar mit angrenzendem Restaurant. Wie in Zeitlupe ging er an dem nahezu endlosen Tresen vorbei, entlang an zahllosen Barhockern und einer Unzahl von Kerzenständern, die allesamt leuchteten. Er ließ den Blick über die Besucher schweifen, die jedoch keine Notiz von ihm nahmen. Wo verdammt bin ich hier? Bei den Gästen handelte es sich um keine Desperados der Landstraße, wie das Motel von außen vermuten ließ, genauso wenig wie hier Biker, Tramper, Anhalter oder LKW-Fahrer saßen. Die Besucher trugen entweder graue Kittel oder schmuddelige Anzüge mit locker sitzender Krawatte. Es wirkte wie der letzte Tag eines Wissenschaftskongresses, der aus Mangel an Alternativen in einer schummrigen Bar tagen musste.

Die Lampen hingen tief, die Luft war vom Rauch vernebelt. Rauch? Ja, es stank tatsächlich wie in einer schmierigen Spelunke, in der man offenbar noch ungestraft rauchen durfte. Das Wispern und Zischen hallte über den Dielenboden, brach sich an den Ecken, Nischen und Wänden und vermischte sich mit den dumpfen Bässen der Jukebox, die das Hotel California von den Eagles spielte.

»Großartig!« Hier war er also gelandet, und seine Karre hatte eine Panne.

Hinter dem Tresen hantierte der Barkeeper mit den Gläsern aus dem Geschirrspüler und kehrte Erik dabei den Rücken zu.

»Einen Kaffee, schwarz, mit Zucker.« Erik strich sich die Haarsträhnen aus der Stirn und rieb sich die Handflächen am Stoff der Jeans trocken. Dann rutschte er auf einen Hocker. Die Seite an die Bar gelehnt und den Ellenbogen am Tresen, hatte er einen guten Überblick, selbst wenn einige Tische zur Hälfte im Schatten der Nischen lagen.

Er trommelte mit den Fingern auf seine Fototasche, beobachtete die Gäste und hörte sogar einige Wortfetzen aus ihrem Gemurmel heraus. Indessen klimperten hinter seinem Rücken Eiswürfel. Es war beinahe, als schüttelte der Barmann einen Cocktail zum Takt der Musik, die dumpf aus der Jukebox drang. Durch den Zigarettenqualm und die abgestandene Luft klang der Song wie durch ein Wattekissen.

Sollte eigentlich nicht vielmehr die Kaffeemaschine surren? Erik wollte sich bereits umdrehen und zu einem wiederholten »Einen Kaffee, bitte!« ansetzen, als ihm eine murrende Stimme hinter ihm zuvor kam.

»Bitte sehr, Ihr Tequila Sunrise.«

Erik fuhr auf dem Barhocker herum, sah den Barkeeper aber schon wieder davonschleichen. Wie ein obskures Gebilde türmte sich ein Cocktail vor ihm auf.

»Aber ich …«

»Auf Kosten des Hauses«, murrte der Mann, der ihm am Ende des Tresens den Rücken zukehrte.

Von mir aus!

»Cheers.« Der Alkohol lief Erik wie eine brennende Ölspur die Kehle hinunter und ließ seinen Gaumen auf die Größe einer Mandel zusammenschrumpfen.

»Boooh …« Röchelnd verzog er das Gesicht. Er griff in die Lederjacke, kramte eine Zigarette aus der Packung und entzündete die Marlboro am Feuer einer niedergebrannten Kerze, die zwischen den Getränkekarten auf dem Tresen stand. Die Jukebox spielte ihren Song dazu.

»Woher kommen Sie?«, murmelte eine Stimme neben ihm.

Erik fuhr herum. Der Barkeeper mit dem Gesicht aller Barkeeper dieser Welt, der soeben noch meilenweit entfernt schien, musterte ihn belanglos. Erik stieß den Rauch durch die Nase und deutete mit einer flüchtigen Handbewegung in Richtung Süden. Eine blaue Rauchwolke zog an den Zapfhähnen der Bourbon-, Baileys und Barcadiflaschen vorbei und verlor sich alsbald unter der gespiegelten Decke.

»Aus Klagenfurt.«

»Woher?«

Erik starrte den Barkeeper verwirrt an. War der Kerl nicht ganz richtig im Kopf? »Aus Klagenfurt, Kärnten. Sagt Ihnen wohl nicht viel, oder?« Erik zuckte mit den Achseln. »Mein Wagen hatte eine Panne, und …«

»Mhm.« Der Alte lächelte, als hätte er soeben alles erfahren, was es herauszufinden gab. »Von der Erde also … Sie haben es noch rechtzeitig geschafft, richtig?« Der Barkeeper schlich davon.

»Was?« Erik sah ihm nach.

Der Alte wandte sich um und starrte ihn mit einem bis auf die Seele durchdringenden Blick an. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln zuckte wie das Aufflackern eines kaputten Fernsehgeräts über das Gesicht des Barkeepers, als er den Kopf neigte und wortlos davonschritt.

Eriks Mund verzog sich ebenfalls zu einem müden Lächeln. »Komischer Kauz!« Er schüttelte den Kopf. Bei diesen Gästen wunderte ihn das gar nicht, hier musste jeder verrückt werden.

Da erstarrte seine Miene. Sein Blick war auf das Zifferblatt der Armbanduhr gefallen. Eine halbe Stunde, hatte der Tankwart gesagt, aber die Zeiger seiner Uhr waren stehengeblieben. Er schnippte mit dem Fingernagel gegen das Glas, doch der Sekundenzeiger verharrte auf der Stelle. Die Anzeige des Datums steckte ebenfalls fest und hing an der Kippe, als könnte sie sich nicht entscheiden, auf den nächsten oder auf den vorherigen Tag zurückzuspringen.

In den letzten Minuten hatte Erik die Gedanken an die bevorstehende Reportage verdrängen können, doch der Blick auf das Datum rief sie in sein Bewusstsein zurück. Es war verdammt spät geworden. Noch in dieser Nacht musste er Wien erreichen und mit seiner Fotoausrüstung an der richtigen Stelle vor Ort sein. Wenn die Wettervorhersage stimmte, würden um zwei Uhr nachts nie dagewesene Tornados über die Stadt fegen. Sogar Gewitter- und Tornadojäger aus dem Ausland waren angereist, um das Ereignis zu studieren – und Erik würde mitten drin sein.

Spätestens Samstagmittag musste sein Artikel von eintausend Wörtern dann samt färbigem Bildmaterial der Redaktion des Kärntner Kuriers für die bunte Wochenendbeilage vorliegen, andernfalls konnte er seinen Schreibtisch räumen. Sein Chef würde ihm keine weitere Chance mehr geben, denn er hatte so darum gebettelt, diesen Bericht machen zu dürfen. Aber nun lag noch eine Fahrt von gut zwei Stunden vor ihm, und er saß in diesem Schuppen fest und musste sich einen Song von den Eagles anhören, während sich das Gewitter über Wien bereits schrecklich schön zusammenbraute!

Seufzend starrte er in die Fenstergalerie des Motels. Durch die Scheibe konnte er weder erkennen, ob der Wolkenbruch anhielt, noch ob irgendwelche Lichter an der Tankstelle vorbeiglitten. Das Glas spiegelte lediglich den Anblick der Gäste wider: Ein düsteres Stillleben im Kerzenschein. Er betrachtete die verzerrten Spiegelbilder, sah die Männer an den einfach gefertigten Holztischen beisammensitzen, Pfeife rauchend, die Köpfe zusammengesteckt, hörte sie flüstern und auf ihren Stühlen über den Dielenboden rücken. Wie seltsam, es war keine einzige Frau darunter. Erik ließ den Blick über die Türen an den Wänden gleiten und sah sich am Ende selbst an der Theke sitzen: mit einem Cocktail in der Hand und einer Zigarettenkippe im Mundwinkel, in seine eigenen Gesichtszüge starrend. Mittlerweile war sein Haar getrocknet und hing ihm vom Regen verklebt in die Stirn.

Mirrors on the ceiling, the pink champagne on ice … hörte er den Song, während er die Zigarette ausdrückte und die Eiswürfel klimpernd im Glas kreisen ließ. Müde schob er sich vom Barhocker, kehrte dem Tresen den Rücken zu und ging mit dem Cocktailglas in der Hand durch das Lokal. Ein wenig die Beine vertreten. Bei jedem Schritt knarrte der speckige Dielenboden. Seine Lederjacke knirschte, das dumpfe Pochen seiner Absätze begleitete ihn.

Eine der Türen öffnete sich, ein Mann kam herein und schritt zu einem der Tische, an dem sich mehrere Männer unterhielten. Wohin diese Tür wohl führt? Nach draußen? Kaum!Der Mann trug nichts weiter als einen grauen Kittel, und seine Haut wirkte so trocken wie Pergament.

Wie ein ungebetener Gast stand Erik zwischen den Tischen. Er hatte kaum Gelegenheit, die Szenen genauer zu betrachten. Das Rascheln von Papier ließ ihn herumfahren. Männer in verschlissenen Arbeitsmänteln steckten flüsternd die Köpfe in zerknitterte, bis zur Unkenntlichkeit bekritzelte Bögen Papier, verschoben Lineale, stachen mit Zirkelspitzen in Blätter und hatten weder ein Ohr, noch einen Blick für die Beschäftigung ihrer Tischnachbarn.

Zeitversetzt, wie in einem Fiebertraum, ließ Erik den Blick von Tisch zu Tisch wandern. Er hörte das Klappern von Bleistiften und Linealen, während sich seine Stirn in Falten legte. Manche Gäste tippten sogar mit Taschenrechnern und kritzelten die Ergebnisse hastig auf Servietten. Pochende Kopfschmerzen kündigten sich hinter Eriks Schläfen an. Er schloss die Augen und kühlte die Stirn an dem Cocktailglas. Konnte die verdammte Jukebox keinen anderen Song spielen?

»Wir müssen das Problem der lichthellen Kreuzungen lösen. Es dauert zu lange von einem Punkt zum anderen.« Der Mann sprach eindringlich auf seine Tischnachbarn ein, die sich rund um einen Bogen Papier versammelt hatten und heftig miteinander diskutierten.

Erik starrte sie verwirrt an. Sein Unterbewusstsein wollte ihm etwas mitteilen: ein kleines Detail, das er nicht bemerkt hatte und ihm wie ein Puzzlestein zum großen Bild fehlte. Was ist es verdammt noch mal? Er schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Egal! Umgeben von lauter werdendem Gemurmel entschied er, dass er von hier verschwinden musste. Raus aus diesem Lokal, fort von dem Motel, weg von der Tankstelle und runter von dieser merkwürdigen Abfahrt, die dich hierher gebracht hat. Von jetzt an würde er den Opel unerbittlich über die Autobahn nach Wien jagen. In wenigen Stunden würde dort der Spuk vorüber sein, und er musste die Fotos im Kasten haben und einen erstklassigen Bericht zusammenstellen. Er war Fotograf aus Leidenschaft, der sogar halbwegs schreiben konnte. Die Reportage musste einfach großartig werden, eine Verspätung konnte er sich nicht erlauben.

Ein älterer, gebückter Herr rempelte ihn mit der Schulter am Arm an, Eriks Glas schwappte über, und er schüttete sich den Inhalt auf das Ripp-Shirt und seitlich über die Tasche.

»Verzeihen-Sie-bitte-junger-Mann«, krächzte der Alte in einem Atemzug.

Merkwürdiger Akzent!

Wenig begeistert blickte Erik auf. »Schon gut.« Er winkte ab. Das Shirt klebte wie ein nasser Fetzen an seiner Haut. Rasch wischte er die Flüssigkeit von der Fototasche. Zum Glück war nichts passiert.

»Wo-arbeiten-Sie-eigentlich?«, nuschelte der Greis ohne die Lippen zu bewegen. Dabei hielt er den Kopf vornüber gebeugt und guckte mit neugierigem Blick über den Rand der Brille.

»Beim Kurier«, antwortete Erik unwillkürlich. Er war über die Selbstverständlichkeit, mit der die Frage gestellt worden war, dermaßen verblüfft, dass er den Kommentar des Alten gar nicht registrierte.

»Wie bitte?«

»Die-bauen-auch-Welten?«, wiederholte der Alte. »Das-wusste-ich-gar-nicht! Was-machen-Sie-dort?«

»Ich schieße Fotos für Reportagen und schrei…«

»Aha.« Eine kurze Pause. »Wahrscheinlich-Baupläne-und-Entwicklungsentwürfe.«

»Nein, nur Reportagen«, unterbrach Erik ihn. Er blickte kurz zur Seite. Will mich der Alte veräppeln? Noch bevor Erik etwas hinzufügen konnte, wandte sich der Mann mit einem Kopfschütteln ab.

»Nett mit Ihnen geplaudert zu haben!«, rief Erik ihm nach. Zeit zu gehen! Der Tankwart würde ohnehin schon auf ihn warten.

Erik kehrte den Gästen den Rücken zu, ging zur Theke und griff in die Gesäßtasche nach seiner Brieftasche. Im Schein der Kerzen legte er eine Zehn-Euro-Note auf den Tresen. Den Drink würde er bezahlen. Er brauchte nichts geschenkt, nicht in diesem merkwürdigen Motel. Dann steuerte er zur Holztür, durch die er die Bar betreten hatte – zumindest dorthin, wo sie vor einer halben Stunde noch gewesen war. Doch an dieser Stelle lag jetzt eine Nische, deren angrenzende Treppe in ein oberes Stockwerk führte. Eriks Blick folgte den steilen Stufen, die sich wie eine Spirale nach oben schraubten und hinter einer Biegung verschwanden. Woher kam der zweite Stock plötzlich? Und wohin führte er? Der Zubau war von der Tankstelle aus nicht zu erkennen gewesen. In der Nische befanden sich drei Türen nebeneinander. Neugierig legte Erik die Hand auf den ersten Griff.

»Welche führt wohl nach draußen?«, murmelte der Barmann hinter ihm. »Hier führen alle Türen nach draußen, mein Herr«, beantwortete er dann seine eigene Frage und zog eine Augenbraue hoch.

Erik nickte und drückte die Tür auf. Ein frostklirrender Wind schnitt ihm ins Gesicht, der Boden drohte ihm unter den Füßen davon zu schwimmen. Panisch klammerte er sich an die Türklinke und blickte in die Weiten, die sich jenseits des Rahmens auftaten. Kein Boden zu sehen! Im selben Moment wusste er, was es gewesen war. Der Puzzlestein! Er hatte sich vorhin verhört. Sie hatten nicht von lichthellen, sondern von lichtschnellen Kreuzungen gesprochen. Lichtschnelle Kreuzungen! Was immer das bedeutete, zweifellos hatte es mit dieser Tür zu tun.

»Sie erlauben, junger Mann?«, flüsterte eine brüchige Stimme hinter ihm. Ein großer Mann im grauen Kittel mit Brille und Schnauzer schob sich an ihm vorbei und trat auf die Türschwelle.

»Sind Sie der Architekt für die Brutstätte?« Der Grauhaarige raffte dutzende Rollen Packpapier zu einem Ballen, den er sich unter den Arm klemmte. Der Wind zerrte an ihm.

Erik schnappte nach Luft. Jenseits des Türrahmens war im diffusen Nebel ein schimmerndes Gebilde zu erkennen, das in einer kaum in Lichtjahren zu messenden Entfernung inmitten des Nachthimmels schwebte. Aus dem Augenwinkel starrte Erik auf ein Panorama aus Farbfächern, deren Fäden und Schweife wie Wirbelstürme ins All peitschten. Sie verzweigten sich wie Krebsgeschwüre in allen Farben und bildeten Ringe, Schleier und Strahlenkränze. Manche entwickelten sich zu düsteren Trichtern und sich windenden Serpentinen. Inmitten des Spektakels leuchtete das Herzstück in grellen Farben und schlug Blasen wie eine brodelnde Masse.

»Na?« Der Alte scharrte ungeduldig mit dem Schuh auf dem Boden.

Erik schüttelte den Kopf.

»Schade.« Der Greis verzog das Gesicht, dann nickte er in den Raum. »Der Emissionsnebel aus Hochtemperaturgas lädt die Atome nicht schnell genug auf. Schlau gemacht, hä? Wir müssen die Einstrahlung des UV-Lichts erhöhen, sonst wird es mit der Fotoverdampfung in den Wolken nie etwas. Wissen Sie übrigens, wo ich ihn finden kann?«

»Wen?«, krächzte Erik und klammerte sich an den Türrahmen.

»Den Architekten natürlich! Wen sonst? Oder wollen Sie etwa die Brutstätte in Gang bringen?«

Die Brutstätte?

Ohne eine Antwort abzuwarten verschwand der Mann jenseits der Türschwelle. Erik ließ den Rahmen noch rechtzeitig los, bevor die Tür ins Schloss krachte. Benommen wie nach einer Achterbahnfahrt taumelte er quer durch den Raum. Die Wortfetzen der um ihn geführten Gespräche gruben sich wie Baggerschaufeln in sein Hirn.

»Wir müssen die Gravitationsfelder komprimieren …«

Das Kratzen der Bleistifte und das Reißen von Papier schnitten wie eine Guillotine in sein Bewusstsein.

»Die Gravitation ist zu groß, das Objekt kollabiert …«

Der Rauch der Pfeifen und niedergebrannten Kerzen betäubte seine Sinne.

»Das soll eine Biosphäre sein? Sieht eher nach einer Wolke aus molekularem Wasserstoff aus. Die Außenhülle kühlt zu rasch ab, wir verlieren das Objekt …«

Hatte ihn der Alkohol benebelt? Was hatte ihm der Barkeeper in den Cocktail gemixt?

Papier raschelte, er zuckte herum.

»Die Emission der Schwefelatome zerstört die Einzeller …«

Verdammt, die Jukebox spielt immer noch denselben Song! Erik hielt sich die Ohren zu.

»Die stellare Materie wird bereits ausgeschieden, sehen Sie? Wir brauchen mehr Energie …«

Er rempelte die Fremden an, stolperte zwischen Tischen hindurch, stieß Stühle um, kippte Gläser über Papierbögen und brachte heisere Entschuldigungen hervor. Ein vertrautes Bild erschien in seinem Unterbewusstsein. Er wandte sich um und starrte auf einige grauhaarige Herren in Anzügen, die in einer Nische dicht gedrängt um einen Globus standen. Mit Stiften steckten sie die feinen Erhebungen einer Weltkugel ab.

»Der Erdkern bricht auseinander, wir bekommen die Eruptionen nicht mehr unter Kontrolle. Die Plattentektonik ist das reinste Chaos. Sehen Sie – hier, hier und hier!« Der Mann spannte die Hände wie einen Ring um den Globus. »Aus den kontinentalen Bruchstellen steigt Magma aus dem Ozeanboden. Wir müssen die Vibrationen stabilisieren.«

»Das kann warten, zuerst sollten wir …«

»Nein! Sonst verlieren wir die Erde. Der Elektronenstrahl windet sich bereits in die Stratosphäre. Wie lange wollen wir noch warten?« Ein Murmeln ging durch die Gruppe.

»Haben Sie die Lichtschranke zur Erde eigentlich schon geschlossen? Wir dürfen uns keinen weiteren technischen Fehler erlauben.«

Ein technischer Fehler? Lichtschranke? Bin ich etwa deshalb hier? Gerade noch mal so durchgerutscht? Irgendwie klang es danach.

Erinnerungen stiegen in Erik hoch. Bilder von Bäumen, Flüssen und satten Wiesen. Der Anblick von Meeresstränden und majestätischen Gebirgsketten … und er schien so weit davon entfernt zu sein. Wo verdammt bist du hier?

Er wandte sich um, stolperte weiter. Vor der nächsten Tür blieb er stehen, die, kaum hatte er die Hand auf den Griff gelegt, von innen aufgerissen wurde. Eine Frau trat auf ihn zu. Also gab es in diesem Motel doch Frauen, und hübsche noch dazu. Erik atmete erleichtert auf und machte einen Schritt zur Seite. Zwar war sie gut doppelt so alt wie er, doch unbestreitbar attraktiv. Würde sie die Lesebrille abnehmen, den Haarknoten öffnen und statt Mantel und Turnschuhen ein Cocktailkleid mit Stöckelschuhen tragen, würden sich alle Männer nach ihr den Hals verdrehen. Er würde die Lady fragen, wo er sich befand. Er wusste, sie würde ihm helfen können, denn bei älteren Damen hatte sein Charme noch nie versagt.

Erik lächelte. »Guten Abend, ich …«

Als sie ihn betrachtete verengten sich ihre Augenbrauen. »Weshalb kommen Sie so spät?« Die Frau funkelte ihn an. »Die atmosphärische Luft muss im Trockenzustand gehalten werden«, fügte sie hinzu. »Das Gemisch aus Stickstoff, Sauerstoff, Argon und Kohlendioxyd ist ein derartiger Schrott, dass sogar die Einzeller die Füße von sich strecken und um ihr Leben röcheln. Da können die doch gleich Spülmittel saufen!«

Erik starrte sie wortlos an.

»Was ist? Sie stehen da und glotzen, als könnten Sie nicht bis drei zählen! Warum haben Sie überhaupt diese große Tasche mit?« Sie schnippte mit den Fingern. »Die Zeit läuft uns davon! Haben Sie schon die Rotationsdauer reduziert? Eben! Überprüfen Sie auch gleich Bahngeschwindigkeit, Achsenneigung und den atmosphärischen Druck. Na, worauf warten Sie?« Sie klatschte in die Hände.

Erik rührte sich nicht von der Stelle. Er schnappte nach Luft. »Ich …«

»Um Himmels Willen, sind Sie schwer von Begriff!« Sie schüttelte den Kopf. »Wollen Sie etwa warten, bis die geladenen Teilchen des Sonnenwindes im Magnetfeld mit den Luftmolekülen zusammenprallen? Fein! Dann hat uns die Katastrophe am Arsch, und dann passiert das gleiche wie auf der guten alten Erde: Die Evolution knipst dem Planeten das Licht aus.« Sie schnippte erneut mit den Fingern. »Und dann sind alle tot. Das wollen wir doch nicht, oder?«

»Nein«, krächzte Erik. »Das wollen wir nicht.«

»Eben! Sie haben's kapiert!«

Sind jetzt alle tot, die ich jemals gekannt habe? In seinem Bauch breitete sich ein Gefühl aus, als würde jemand seinen Magen mit einer Kralle zerreißen. Sein Inneres verbrannte wie das der Erde. Brechreiz keimte in der Speiseröhre hoch.

»Geht es Ihnen nicht gut?« Sie stemmte die Hände ins Kreuz, reckte den Busen nach vorn und rollte den Kopf, sodass die Halswirbel knackten.

Erik verzog bei dem Geräusch das Gesicht.

»Tagelang nicht geschlafen«, erklärte sie. »Und jetzt machen Sie, dass Sie weiter kommen! Ich brauche einen starken Kaffee.« Sie zwinkerte ihm zu und verschwand dorthin, woher sie gekommen war.

Einen Kaffee wirst du hier nicht bekommen, dachte Erik. Die haben hier nur Tequila Sunrise – auf Kosten des Hauses.

Bevor die Tür ins Schloss fiel, bemerkte er die gigantische Nebelwolke die schwerelos im All hing. Blitze zuckten im Inneren und erhellten die grauen Schlieren wie elektrische Wattekissen.

Er wankte zurück, stützte sich an der Holzwand ab und schob sich an Dutzenden Türen vorbei. Seine Hand hatte sich schon auf einige Klinken gelegt, doch zuckte er immer zurück, ohne auch nur eine der Türen einen Spaltbreit zu öffnen. Er wollte kein weiteres Weltraumspektakel sehen. Jedoch musste sich hinter einer der Türen sein Opel befinden, der in einer Regennacht mit einer lecken Benzinleitung auf ihn wartete. Aber wie sollte er unter all den Türen die Richtige finden? Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sobald er die Augen schloss, sah er seinen Opel, dem das Benzin aus Tausenden aufgeplatzten Schläuchen spritzte, als würde der Wagen von einem gigantischen Malstrom in einen Schlund gerissen.

Schließlich kam er vor einer Tür zum Stehen, über deren Ende sich ein blinkendes Schild an der Wand befand. Das Neonlicht blendete ihn. Blinzelnd starrte er auf die Lettern der Tafel. Die Synapsen seines Gehirns klickten wie winzige mechanische Zahnräder, als er endlich den hinterhältigen Treppenwitz begriff, der an der Tafel zu lesen war: Multikulturelle Organisation Transgalaktisch Evolutionären Lebens.

»MOTEL«, murmelte er und lachte wie jemand, der soeben erkannte, dass er selbst das Glas getrunken hatte, mit dem er jemand anderen vergiften wollte. So war das also. Er befand sich in keinem x-beliebigen Motel sondern in dem Motel!

Er brauchte seinen Wagen, um diesem Albtraum zu entfliehen. Unentschlossen blickte er auf die vielen Türen, die ihm zur Auswahl standen. Mit irgendeiner musste er beginnen.

Er strich sich die verklebten Haarsträhnen aus der Stirn, stopfte das von Tequila getränkte Ripp-Shirt in die Jeans und griff in die Lederjacke nach der zerknüllten Packung. Er schnippte sich die letzte Marlboro in den Mund. Anschließend folgte der unwillkürliche Blick auf die Armbanduhr: 00.03 Uhr. Schau an! Das Datum war umgesprungen, und das mechanische Gehäuse tickte wieder, als wollte die Zeit nach einer kurzen Verschnaufpause weiterlaufen.

You can check out any time you like, but you can never leave … hörte er den Butler im Hotel California singen. Die von einem Gitarrensolo begleitete letzte Strophe verklang. Er hörte das Öffnen einer Tür. War das Geräusch Teil des Songs oder Teil des Motels? Vielleicht gab es da auch gar keinen Unterschied. Er hörte Schritte hinter sich, als schlurfte jemand auf ihn zu. Ein Zischen! Im Flackern des Streichholzes sah er ein bekanntes Gesicht. Der Tankwart hielt ihm das Streichholz hin, tippte sich an die Mütze und grinste zahnlos.

»Danke«, sagte Erik.

Der Tankwart ließ das Streichholz zwischen den Fingern zu Ende brennen, bis es verschwand. »'s ist zu spät, leider nichts mehr zu machen gewesen, Junge!«

»Was? Mein Wagen?«

»Mhm … der auch. Aber die Erde, Junge! Die Erde!«

»Aber …«

»Hattest vorhin bloß Glück, Junge. Wärst ansonsten genauso verschwunden.« Der Alte nickte zu den Türen. »Hast woanders vielleicht mehr Erfolg.«

»Woanders?«, wiederholte Erik.

Der Tankwart hob die Schultern. »'s ist ein ständiges Werden und Vergehen.«

Okay, dann war es das also!

Erik würde es genauso machen wie die Frau oder der Alte mit den Papierrollen im Arm. Er öffnete die Fototasche und nahm die Kamera heraus. Automatische Brennweite, Schärfentiefe, Belichtung, voller Akku – alles passte! Dann drückte er den erstbesten Türgriff nieder und tat den ersten Schritt auf seiner Reise durch ein Sammelsurium fremder Welten, die ihre Tore öffneten, um ihn wie einen Pionier aufzunehmen.

Er würde jeden Moment festhalten und die größte Foto-Reportage aller Zeiten machen.

Ende der Leseprobe

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