Die Klaue – Der Kannibale von New York

INHALTSBESCHREIBUNG


Kaum dass FBI-Agentin Dr. Jessica Coran den gefährlichsten Serienmörder des Landes fassen konnte, wird sie auch schon nach New York beordert. Dort treibt erneut ein Serienkiller sein Unwesen, eine Art moderner Jack the Ripper mit kannibalistischen Zügen.

Doch dieser ist gerissener, als irgendjemand ahnt. Er weiß, dass man ihm dicht auf den Fersen ist. Und so beginnt ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei und FBI …

Kapitel 1

Immer wenn Gerald Ray Sims im Bundesgefängnis für geisteskranke Straftäter erwachte, war er erstaunt, eine weitere Nacht in einer Zelle mit Stainlype überlebt zu haben. Er konnte es kaum glauben, dass die Behörden, die eine so völlige Kontrolle über sein Leben hatten, nichts gegen Stainlypes Kommen und Gehen tun konnten. Würden sie denn nie verstehen, was es mit diesem Monster auf sich hatte? Dass es Stainlype war, die all diese wehrlosen Frauen brutal angegriffen und umgebracht hatte?

Mit jedem Tag, den Gerald in Gefangenschaft verbrachte, hasste ihn Stainlype mehr, genau wie es Matisak in seiner Nachricht an die Gefängnisleitung gesagt hatte. All der Hass von Stainlype, einst nach außen gerichtet, war nun isoliert und es gab kein Ventil mehr. Also schlug der Hass auf Gerald zurück.

Stainlype war von Natur aus weiblich, und wenn sie zu Gerald sprach, nannte sie ihn Stainlype, ein cleverer Versuch, die Ärzte auf eine falsche Fährte zu locken, aber so dumm konnten sie eigentlich nicht sein. Arnold und die Ärztin, die extra aus Washington, D.C. kam, um ihn zu sehen, konnten auf keinen Fall glauben, dass sie – Stainlype – und er – Sims – dieselbe Person waren. Auf keinen Fall …

Gerald war felsenfest davon überzeugt, dass Dr. Coran die Wahrheit kennen musste. Sie verstand sicher: Stainlype war immer noch eine so mörderische und bösartige Gewalt, dass man ihr keinen Wunsch abschlagen konnte. Wenn sie menschliches Fleisch wollte, dann würde sie sich nehmen, wonach immer sie verlangte, was immer gerade zur Verfügung stand, und im Moment war das sein Fleisch. Die Bisswunden überall auf seinem Körper bewiesen das. Bisse an Stellen, an die nicht mal ein Schlangenmensch herankäme. Das konnte Dr. Arnold nicht mit seinem Psychogelaber und Hokuspokus wegerklären.

Die Bisse waren so großflächig, dass ganze Stücke aus ihm herausgebissen waren. Die Ärzte konnten doch keinesfalls glauben, er würde sich selbst solchen Schmerz, solche Qualen zufügen, oder?

»Aber Sie haben das mit Ihren eigenen Zähnen getan, Gerald«, hatte Dr. Arnold gekontert.

»Das sind nicht mehr meine verdammten Zähne; das sind ihre, und sie beißt mich damit! Sie hasst es hier und …«

»Aber wir geben Ihnen doch hier alles, was Sie brauchen, Gerald.«

»In mir!«, rief er. »Sie hasst es, in mir gefangen zu sein, an diesem Ort, ohne essen zu können.«

Er war ihr völlig ausgeliefert, wenn Stainlype sich seiner Hände, seines Körpers, seines Geistes und seines Herzens bemächtigte. Wenn sie ihn benutzte, hatte er keine Kraft, sie davon abzuhalten, diese Mädchen zu fressen. Stainlype hatte einen unstillbaren Appetit auf junges Fleisch.

Jetzt war er mit ihr in Zelle Nummer HI-32 weggesperrt. Er teilte sich den Zellenblock mit einer Ansammlung berüchtigter Serienkiller, von denen viele studiert, beobachtet, gefilmt und getestet wurden, wie Ratten in einem Labor.

Neben seiner Zelle war Dominick Jeffries, »der Sammler«, und ein Stück den Gang entlang »Mad« Matthew Matisak, bei manchen als »Teach« bekannt, der den Mittleren Westen mit einer weitreichenden, bluttriefenden Mordserie überzogen hatte, bei der die Opfer jedes Tropfen Blutes beraubt worden waren, damit er seinen Durst danach löschen konnte. Sie nannten Matisak einen Vampir, einen echten Dracula. Gerald gehörte nicht hierher zu diesen Monstern; Stainlype schon, aber nicht er.

Dr. Coran war nett zu ihm gewesen, als sie das letzte Mal hier gewesen war, und sie war so hübsch, hatte reine, glatte Haut und sanfte Augen, die glänzten, und diese Lippen, die sie häufig mit der Zunge benetzte. Sehr hübsch, eingerahmt von kastanienfarbenem Haar. Die haselnussbraunen Augen rundeten den Eindruck ab. Stainlype, die sich mittlerweile weigerte, mit Dr. Coran oder Dr. Arnold zu reden, flüsterte ihm zu, dass Dr. Coran sehr lecker aussah. Stainlype sorgte dafür, dass ihm fast die Augen aus dem Kopf traten, als sie versuchte, durch das fünf Zentimeter dicke Glas einen guten Blick auf sie zu erhaschen.

Dr. Coran hatte ihm gesagt, sie freue sich, zu sehen, wie viel Fortschritt Dr. Arnold und er in letzter Zeit gemacht hatten. »Auch wenn es noch weit von einem Durchbruch entfernt ist«, sagte sie, »scheint es, dass Sie endlich Verantwortung für Ihre eigenen Taten übernehmen und Stainlypes Bemühungen, Ihnen wehzutun, gestoppt oder verlangsamt wurden.«

Das war vor einem Monat gewesen. Er hatte ihr zugestimmt, so wie Stainlype es ihm gesagt hatte. Sie nahm ihre Unterhaltung mit der Kamera auf, die Linse befand sich direkt vor seinem Glaskäfig und starrte ihn an, wie ein allgegenwärtiges böses Auge. Er vergaß fast, dass die Kamera da war, die 24 Stunden täglich aufzeichnete, bis sie zu ihm kam. Dann störte es ihn, machte ihn nervös und zappelig.

Dr. Arnold hatte es als Fortschritt betrachtet, dass Stainlype sich so lange nicht mehr gezeigt hatte. Anscheinend auch Dr. Coran. Aber Stainlype war immer noch bei ihm, wartete auf ihren Moment und hatte keine Lust mehr auf Ärzte und Unterhaltungen. Was wussten die Ärzte denn schon? Sie konnten ja nicht die schleimige Spur fühlen, die Stainlype wie eine Schnecke in seinem Kopf hinterließ, oder das bleierne Gefühl, wenn sie sich durch die verdrehten Gänge seiner Eingeweide wand und schlängelte, sein Herz quetschte und wie ein Schatten über die Iris seiner farblosen Augen huschte. Nein, Stainlype war kein bisschen schwächer, sie wartete nur geduldig.

Dr. Coran zwang Gerald dazu, sich im Detail erneut vor Augen zu rufen, was sie diesen Frauen angetan hatte, was sie mit ihrem Fleisch getan hatte, wie sie seinen Körper dazu gebracht hatte, sich auf sie zu legen, als sie tot waren, und ihn dazu zwang, fleischliche Begierden an ihnen auszuleben. Dr. Coran hatte ein Wort dafür: Nekrophilie. Zu wissen, dass es ein Wort dafür gab, half nur ein bisschen, so wie wenn man Salbe auf eine Wunde streicht. Dr. Coran brachte ihn dazu, zu erzählen, wie Stainlype die Frauen in den Tod gelockt hatte, wie sie sie geschlagen hatte, welche Waffen sie verwendet hatte und was danach passiert war, der Kannibalismus und alles andere. Dr. Coran sagte ihm, es sei gut, wenn er die Ereignisse noch einmal durchlebte, und was sie von ihm erfuhr, helfe dem FBI und den Strafverfolgungsbehörden im ganzen Land, und dass man über seinen Fall in Fachmagazinen berichten würde. Er hatte alles vergessen wollen, aber sie hatte ihn dazu gebracht, sich zu erinnern, und erst als sie begonnen hatte, ihn zu besuchen, hatte er erfahren, dass der Dämon in ihm eine Frau war.

Dr. Arnold nannte das Fortschritt.

Gerald hatte ihnen beiden deutlich gemacht, dass er während der furchtbaren Attacken zwar sehen und hören konnte, was um ihn herum vor sich ging, aber Stainlype sich aus dem Staub gemacht hatte mit seinem Tastsinn, Geschmackssinn, motorischen Fähigkeiten, seinen kraftvollen Armen und Beinen, den Händen, die die Morde begingen, dem Mund und den Zähnen, die das Fleisch aßen. Stainlype war frustriert und wütend und ihr Zorn richtete sich mehr und mehr gegen ihn, wie an den neuen Bissen zu sehen war. Er hatte zu viel Angst, um Dr. Arnold zu sagen, wie sich seine schlimmsten Ängste zu erfüllen schienen, denn Arnold würde dafür sorgen, dass die Wärter ihn wieder festschnallten, Stainlype damit noch mehr einengten und ihren brennenden Hass schürten, der sich gegen den Körper wandte, den sie all die Jahre besessen hatte. Dr. Arnold würde ihm die Privilegien wieder wegnehmen, die er jetzt genoss, einen Stapel Comics, ab und zu eine Zeitung, ein Kartenspiel.

Stainlype beschwerte sich ständig, dass Gerald es zugelassen hatte, in einem riesigen Betonklotz eingesperrt zu sein, aber er fühlte sich wie ein freier Mann im Vergleich zu dem Gerald Ray Sims, der fast ein Jahr in einer Gummizelle zugebracht hatte, in der er ständig fixiert worden war.

»Freier Mann«, schnaubte Stainlype verächtlich. »Das soll wohl ein Witz sein.«

Dr. Coran arbeitete für das FBI und redete zuerst nur mit Matisak, der ein wenig den Gang runter seine Zelle hatte, aber dann fing sie an, auch Gerald zu besuchen. Sie sagte Gerald, dass sie ihn gut leiden konnte. Wo war sie dann jetzt? In Quantico, Virginia, hatte Arnold gesagt, und der war auch keine Hilfe. Er sagte immer wieder: »Du bekommst etwas, wenn du ihr auch etwas gibst, Gerald. Du musst schon kooperieren, wenn du willst, dass sie den langen Weg bis zu dir auf sich nimmt.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt«, antwortete er, »ich kann ihr nicht mehr darüber erzählen, wo die Leichen vergraben sind. Stainlype hat mich gewarnt, wenn ich noch etwas sage, dann wird sie mich töten!«

»Aber was kann Ihnen Stainlype schon tun? Und davon abgesehen, wieso sollte es sie interessieren, was Sie uns erzählen, Gerald?«

»Das interessiert sie … und zwar ziemlich.«

»Wieso?«

»Ich weiß nicht, wieso! Tut es eben.«

Dr. Arnold war aufgestanden und hatte gesagt, dass er sich um Wichtigeres kümmern musste.

»Stainlype wird mich umbringen!«

»Dr. Coran wird nicht wiederkommen, außer, Sie wollen sich ernsthaft mit ihr unterhalten, Gerald.«

»Stainlype hasst ihre Opfer immer noch, will immer noch, dass sie leiden, selbst im Tod, und sie will, dass die Familien leiden. Ich weiß, Dr. Coran will den Menschen helfen, aber Stainlype ist das scheißegal.«

Das war der Grund, den er Dr. Arnold angegeben hatte, aber es gab noch einen weiteren. Stainlype hatte Gerald erzählt, sie wisse, was die Frau vom FBI wirklich wollte: Coran wolle Stainlypes Kraft für sich selbst; sie wolle mit Gerald Ray Sims Plätze tauschen; Stainlype in ihr Leben und ihren Körper aufnehmen und eins mit ihr werden.

Dr. Coran wollte so viel Kraft wie möglich haben, hatte ihm Stainlype verraten. Deswegen interessiere sich Jessica Coran für Männer wie Matisak. Die Gründe der lieben Frau Doktor seien alles andere als edel. Sie wolle, genau wie Stainlype, Männern ihre Kraft nehmen … und vielleicht hatte Stainlype recht.

»Wie hätte sie sonst Matisak überwältigen können?«, hatte Stainlype gefragt und damit ihre Vermutung untermauert. »Sie hat Matisak verhaftet.«

»Sie meint, wir – ich und sie – könnten etwas Gutes bewirken«, hatte er versucht, Stainlype zu erklären. »Wir könnten zusammen künftige Morde verhindern. Das ist die Macht, sagt Dr. Coran, die Zukunft zu ändern.«

Stainlype sorgte dafür, dass ein milchig weißer Schaum aus seinem Magen über seine Lippen blubberte und zugleich schrie sie: »Diese Psychonutte sucht nach einem geistigen Fick, Gerald. Die fickt dein Hirn, du Vollidiot.«

Ein Stückchen weiter den Gang entlang von Geralds Zelle entfernt telefonierte ein Wärter mit Dr. Gabriel Arnold und sagte aufgeregt: »Es ist Sims, Sir! Ja, ja, er fängt wieder an durchzudrehen.«

Am anderen Ende der Leitung lehnte sich Dr. Arnold in die Polster seines Stuhls mit der hohen Lehne zurück, seufzte tief und sah sich in dem mit Büchern gefüllten Raum um, der mit seinen polierten Oberflächen und dem modernen Aussehen ein Gefühl von Komfort und Langlebigkeit vermittelte. Er war Chef der psychiatrischen Abteilung in dieser staatlichen Einrichtung, seitdem diese 1979 ihre Tore geöffnet hatte. Mit einer Belegschaft von sieben Angestellten und zwei Teilzeitkräften, zusätzlich zu seinem Lehrauftrag an der nahegelegenen Universität von Philadelphia, war er inzwischen völlig ausgelastet und hatte alles im Griff.

»Redet er mal wieder mit sich selbst oder mit Stainlype?«, wollte Dr. Arnold wissen.

»Es ist mehr ein Schreien und Fluchen, Sir.«

»Na ja, das haben wir ja alles schon mal gesehen.«

»Er spuckt auch, Sir.«

»Spuckt?«

»Weißes Zeug, Sir, über die ganze Scheibe.«

»Verflucht«, stöhnte Arnold. »Okay, nehmen Sie zwei Männer und gehen Sie rein. Schnallen Sie ihn fest, bevor er sich selbst verletzt.«

»Volle Fixierung, Sir?«

»Ja. Gehen Sie! Ich komme gleich runter.«

»Ja, Sir, Dr. Arnold.«

Arnold nahm sich einen Moment, um seine Brille mit einem Taschentuch zu säubern, und wischte sich dann den Schweiß von der Stirn. Er aktivierte die Gegensprechanlage und informierte seine Sekretärin, wo er hinging. Dann warf er einen letzten Blick auf die Akte, die er sich angesehen hatte, bevor Lewis anrief. Er stand auf und ging zum Aufzug, der ihn zur Zellenebene hinunterbefördern würde. Als er im Stockwerk »H« angekommen war, öffneten sich die Türen und er trat aus dem Aufzug, wobei er einem Wächter mit einem Schlüsselbund zurief, er solle ihm folgen. Er musste durch drei Security-Checks und verschlossene Türen. Man verzichtete auf den Papierkram und ließ ihn durch, ohne dass er sich eingetragen hätte, da es ein Notfall war, aber normalerweise musste selbst er sich an diese Vorschriften halten.

Über die Gegensprechanlage konnte er den Aufruhr weiter vorn im Gang hören. Lewis rief nach Verstärkung und dachte dann selbst an die Gegensprechanlage: »Scheiße, wir dürfen hier jedes Mal einen Zirkus aufführen, wenn einer dieser Verrückten durchdreht.«

Arnold war eben an einem der Monitore angekommen, als ein merkwürdiges Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte, das sich anhörte wie eine Kesselpauke. Arnold starrte entsetzt auf den Monitor und sah, wie sich Sims völlig außer Kontrolle immer wieder mit aller Kraft gegen die Glasscheibe warf und dabei diese Töne wie von einem riesigen Gong verursachte.

»Lewis! Lewis!«, schrie Arnold über die Gegensprechanlage und der gesamte Zellenblock verwandelte sich in ein Tollhaus. Über das Gejohle hinweg konnte Arnold deutlich Matt Matisaks Stimme hören, der rief: »Tu es, Gerald! Tu es! Tu es, Baby!«

Sims Gesicht war bereits eine blutige Maske, seine Nase war gebrochen und Blut bedeckte seine Haare, als Dr. Arnold zu den Wärtern stürmte, die wie erstarrt dastanden und gebannt dem Mann zusahen, der sich umbrachte, indem er sich gegen die blutüberströmte, verschmierte Scheibe warf.

Das Boooong, Boooong, Boooong wurde untermalt vom Geräusch brechender Knochen – Sims Schädel, der zerschmettert wurde. Jeder normale Mann würde mittlerweile bewusstlos auf dem Boden liegen, aber irgendeine dämonische Kraft in ihm warf den Mann weiter nach vorn – als wäre sie von ihm unabhängig – gegen die tödliche Glaswand. Bei jedem knirschenden Gongschlag jubelten die anderen Insassen. Matisak brüllte: »Stainlype gegen Gerald, eins zu null.« Bösartiges Gelächter erfüllte den Zellenblock.

Dann hörten die Schläge plötzlich auf und Gerald Ray Simsʼ blutüberströmter Körper rutschte wie Gelee an der dreckigen Scheibe herunter und sackte auf dem Boden zu einem formlosen Haufen zusammen.

»Gehen Sie verdammt noch mal in die Zelle!«, schrie Arnold.

Lewis hatte mit zitternden Händen mit dem Schlüssel gekämpft, aber jetzt war die Zellentür offen.

»Vorsicht, Lewis!«, rief Matisak zwei Zellen weiter. »Sims ist vielleicht tot, aber Stainlype nicht!«

»Halten Sie die Klappe, Matisak!«, erwiderte Arnold.

»Wenn Sie Sims anfassen, dann wird Stainlype Sie kriegen!«, schrie Matisak und lachte, was eine Kettenreaktion an bellendem Gelächter der Reihe von Insassen hervorrief.

Arnold befehligte die beiden anderen Wärter zusammen mit Lewis in die Zelle. Sie mussten Sims sofort in den Krankentrakt kriegen. Lewis sagte, ohne den Körper zu berühren: »Er ist tot, Sir.«

»Kontrollieren Sie den Puls!«, rief Arnold, drängelte sich an den Wärtern vorbei und tat es selbst, wobei er Simsʼ Blut überall auf seine Hände und seinen weißen Laborkittel bekam.

»Passt schön auf, dass ihr nicht sein Blut abkriegt, Jungs!«, schrie Matisak, dessen Stimme sich in Simsʼ Zelle seltsam gedämpft anhörte. »Ein Tropfen davon und ihr werdet vielleicht zu Stainlype. Das ist wie Aids, wisst ihr, das, was er hat … das wird durch Blut übertragen. Wenn Sie wollen, Dr. Arnold, kann ich alles trinken, dann müssen Sie sich keine Sorgen machen.«

Arnold versuchte angestrengt, Matisak zu ignorieren. »Er ist tot, okay … der verdammte Idiot hat sich selbst umgebracht.«

»Stainlype hat ihn umgebracht!«, brüllte Matisak.

»Okay, Männer, steht nicht einfach so herum!«, sagte Arnold. »Macht das hier sauber.«

Die Wärter zögerten und wollten Sims nicht anfassen. Obwohl sie abgehärtet und erfahren waren, schreckten sie bei dem Gedanken zurück, ihn zu berühren. Sie waren alle langsam abergläubisch geworden, was dieses Ding anging, das von Sims Besitz ergriffen hatte. Könnte es tatsächlich ansteckend sein? Sims hatte es behauptet und jetzt auch Matisak, und was sie gesehen hatten, ließ es durchaus möglich erscheinen.

»Lewis?«

Lewis, der ranghöher als die anderen war, kniete neben der Leiche und sagte Dr. Arnold, man kümmere sich darum.

»Es müssen Formulare ausgefüllt werden, Berichte, und es wird sicher eine Untersuchung zum Tod dieses Mannes geben.«

Lewis sagte zu einem der anderen Wärter. »Haines, holen Sie eine Bahre. Malone, Sie nehmen sich alles Nötige und machen die Zelle sauber.«

Beide Männer sahen erleichtert aus und verließen schnurstracks den Ort des Geschehens. Dr. Arnold ging ruhig und langsam hinter ihnen her und ließ Lewis mit diesem Teufel zu seinen Füßen allein. Ein merkwürdiges Gefühl begann sich schleichend in Lewisʼ Eingeweiden auszubreiten und bewegte sich von seinem Magen aus aufwärts, kroch seine Wirbelsäule hinauf, einen Wirbel nach dem anderen. Seine Haut begann zu prickeln und kalter Schweiß breitete sich aus. Er verspürte beinahe so etwas wie Angst, ein Gefühl, dem er bisher kein handbreit Raum in seinem Leben gegeben hatte. Er erinnerte sich an Simsʼ linkes Auge, kurz bevor er gestorben war. Er hatte ihn angesehen, als sei Lewis der einzige Mann im Raum. Lewis dachte, er hätte etwas gesehen, einen geisterhaften Schimmer, wie sich kräuselnder Rauch, der von dem blutigen, roten Schädel aufgestiegen war, wie ein kleiner Rauchring … etwas, das entkam.

Als sie Simsʼ Leiche auf der Bahre heraustrugen, war sein entstelltes Gesicht mit einem weißen Laken bedeckt. Ein braun-roter Fleck begann sich dort auszubreiten, wo das Laken am blutüberströmten Gesicht klebte. Als sie Sims an den anderen Irren vorbeitrugen, provozierte das eine weitere Welle von Jubelgeschrei, Johlen, Gelächter und Bemerkungen.

»Hat er sich in die Hosen geschissen?«

»Was werdet ihr mit ihm machen?«

»Die werden ihn sezieren, Idiot. Wir kriegen alle eines Tages unseren Schädel aufgeschnitten und die gucken ihn sich ganz genau an.«

»Stimmt das, Lewis? Lewis?«

Matisak hatte das letzte Wort, als sie den Zellenblock verließen. »Du weißt, dass Stainlype dich jetzt erwischt hat, oder, Lewis?«

Ende der Leseprobe

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