DIE HORDEN: DER FELS

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Rich Restucci

Zombie-Thriller

Band 1
Serie: Die Horden

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Beschreibung


Die Toten stehen wieder auf. Sie sind hungrig, machen Jagd auf die Lebenden. Und sie werden immer mehr …

Ein Cop mit seiner Tochter. Ein Computer-Nerd. Ein Müllmann. Ein entflohener Irrer mit einem Geheimnis.
Gemeinsam flieht ein kleiner Trupp Überlebender vor den Horden der Untoten auf die Gefängnisinsel Alcatraz. Eine sichere Festung, umgeben von Wasser. Schnell wird der Gruppe jedoch klar, dass der Fels noch immer ein Gefängnis ist – denn neben den wandelnden Toten kennt auch die Herzlosigkeit der Menschen keine Gnade.

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2017

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 400

ISBN

978-3-95835-279-7

eISBN

978-3-95835-280-3

Leseprobe


Als Rick von Lärm vor dem Appartementhaus geweckt wurde, war er zunächst verschlafen. Der Wecker auf seinem Nachttisch zeigte in grünen Digitalziffern 3:12 Uhr an. Jemand brüllte, also ging Rick benommen zum Balkon seiner Wohnung im ersten Stock und schaute hinunter. Er konnte das rotierende Blaulicht eines Krankenwagens sehen, und beim Blick auf die Straße fiel ihm ein Sanitäter ins Auge, der einen offenbar obdachlosen Mann von sich stieß. Ein zweiter Mann in Weiß hielt sich seinen Arm und schrie den Kerl an. Rick erkannte, dass jener blutete. Sein Kollege gab dem Angreifer einen kräftigen Schubs, sodass dieser nach einer halben Drehung unsanft auf seinen Hintern und einen Arm fiel. Vom Balkon aus hörte Rick Knochen brechen und wie der Verletzte den Sanitäter anbrüllte.

»Hey! Hey, was soll das, Mann?«

Der Gefragte blickte auf. »Gehen Sie wieder hinein, Sir, wir klären das hier«, versicherte er. Der Kerl mit dem gebrochenen Arm machte Anstalten, wieder aufzustehen, und wirkte dabei ungerührt.

Rick rief wieder nach unten und zeigte auf den Sanitäter. »Ich bin Polizist, rühren Sie sich nicht von der Stelle!« Damit kehrte er in die Wohnung zurück und schaute nach Sam, die jedoch fest schlief. Er steckte die Taurus ein und – nach kurzer Überlegung – auch Handschellen. Während er zur Tür des Appartements eilte, entsicherte er die Pistole. Da Rick bei den städtischen Gesetzeshütern arbeitete, bestand der Eingang in seine vier Wände aus Stahl. Ein zwei Zoll dickes Metallrohr führte von der Mitte des Türblatts aus in eine Vertiefung im Fußboden. Folglich ließ sie sich nicht ohne Weiteres aufbrechen. Nachdem er den Riegel hochgezogen hatte, betrat er den Flur, sperrte hinter sich ab und lief zum Treppenhaus.

Im Vorbeigehen sah Rick, dass die Wohnungstür seiner Nachbarin Mrs. McCreedy einen Spaltbreit aufstand; sie war Mitte achtzig, und er schaute von Zeit zu Zeit bei ihr nach dem Rechten. Jetzt behielt er die offene Tür im Hinterkopf, während er die Stufen nach unten nahm. Als er das Gebäude verließ, näherte sich der Obdachlose erneut den Sanitätern, wobei sei linker Arm unnatürlich verdreht an seiner Seite schlackerte. Den rechten hielt er vor sich ausgestreckt und griff ins Leere, während er schwerfällig auf die Rettungsleute zuging. Er hatte Rick den Rücken zugekehrt, doch irgendetwas stimmte nicht mit ihm, auch wenn es den Männern, die eigentlich in der Pflicht standen, ihm zu helfen, keinen Grund dafür gab, ihn ernsthaft zu verletzen.

»Sir, ich denke, Sie setzen sich besser und lassen die beiden nach ihrem Arm sehen«, rief Rick von hinten. »Wir werden dieses Missverständnis klären.« Der Kerl beachtete den Polizisten nicht und trat weiter auf die Sanitäter zu, die jetzt zurückwichen.

»Scheiße, Don, der Typ hat \’ne Kanone«, sagte einer der beiden.

»Ich bin Polizist«, wiederholte Rick. »Sir, bitte setzen Sie sich, Ihr Arm ist gebrochen. Sie tun gut daran …« Dann dämmerte ihm, was mit dem Obdachlosen nicht stimmte: Er trug einen feinen Anzug und hochwertige Lederschuhe. Diese Kleidung deutete auf einen relativ wohlhabenden Yuppie hin. Was er trug, hatte mehr gekostet, als Rick im Monat verdiente. Als er ihn einholte, legte er eine Hand auf seine Schulter. »Mister, geht es Ihnen gut?« Der Mann drehte sich um und schlug nach Rick, der jedoch zurückwich und unversehrt blieb. Der Fremde stand fünf Fuß vor ihm und schwenkte seinen rechten Arm. »Hey, ganz ruhig, ich möchte Ihnen nur helfen!« Da ging der Kerl auf ihn los, und Rick trat den Rückzug an.

»Sie da, schauen Sie in seine Augen!«, rief einer der Sanitäter. Rick tat es, indem er seinen Kopf ein wenig zur Seite neigte. Die Augäpfel waren blutrot – nicht blutunterlaufen wie nach einer Nacht im Alkoholrausch, sondern als hätte er heftige Schläge darauf erlitten. Beide bluteten, und auch aus seiner Nase strömte ein Rinnsal. Der Mann kam knurrend auf Rick zu. »Also, das reicht jetzt, Sir, keinen Schritt näher.« Er hielt seine Taurus beidhändig und richtete sie auf den Boden vor den Füßen des Fremden. Dieser hatte ihn entweder nicht gehört oder beherzigte die Aufforderung nicht.

»Sir, ich bin Polizeibeamter. Falls Sie nicht aufhören, sehe ich mich zum Handeln gezwungen.«

»Erschießen Sie ihn«, drängte ein Sanitäter. »Erschießen Sie das Schwein. Er hat mich gebissen, verflucht, er ist durchgedreht!«

»Sir! Bleiben Sie sofort stehen, oder ich schieße!« Der Mann rückte langsam näher, während Rick rückwärtsging.

»Shit«, flüsterte er. Indem er die Taurus wieder sicherte, trat er auf den Kerl zu und schlug sie gegen seine Schläfe. Alles, was ihm seine Ausbildung sagte, ließ darauf schließen, dass diese Person nach dem Hieb gegen den Schädel schachmatt gesetzt sein musste. Richtig ausgeführt führte ein solcher Schlag zu Desorientierung, sodass man den Gegner umgehend unter Kontrolle bringen konnte, ohne ihm ernstlich zu schaden. Der Mann kippte um wie ein nasser Sack. Rick ging an ihm vorbei zu den Sanitätern, die die Augen vor Schreck aufgerissen hatten. »Das ist nicht weiter schlimm; er wird Kopfschmerzen bekommen und vielleicht ein wenig genäht werden müssen, aber schwer verletzt habe ich ihn nicht. Würden Sie ihn für mich untersuchen? Ich möchte mir keine Anzeige einhandeln, falls …«

Rick bemerkte, dass der Sanitäter, den er ansprach, seinem Blick auswich und an ihm vorbei auf die Straße starrte. Als er sich umdrehte, sah er, dass der zerzauste Typ, den er gerade umgehauen hatte, fast schon wieder aufrecht stand.

Der muss sich irgendwelche Drogen eingeworfen haben, argwöhnte Rick. Der Mann kam nun mit ausgestreckter Rechter auf die drei zu. Der Oberarmknochen ragte sichtbar aus seinem blutgetränkten Anzugsakko hervor; eigentlich musste er furchtbare Schmerzen leiden, auch im Drogenrausch.

Rick entsicherte seine Pistole wieder. »Sir, ich habe mich Ihnen gegenüber so freundlich wie möglich gezeigt. Bleiben Sie stehen, oder ich schieße.« Der Mann ging nicht darauf ein. Rick ging in Schussposition und zielte auf ihn. »Sir!«, schrie er, doch sein Gegenüber kam immer näher. »Gottverdammter Mist!«, fluchte Rick und schoss dem Kerl in den rechten Oberschenkel.

»Himmel!«, stöhnte einer der Sanitäter.

Nicht nur, dass der Mann keine Ruhe gab; er schaute auch gar nicht auf die Wunde. Sie bremste ihn nicht aus. Er ging weiter, war jetzt noch zwanzig Fuß weit entfernt. Rick wusste nicht, was er tun sollte. Der Kerl war unbewaffnet, widersetzte sich aber seinen Befehlen. Offensichtlich handelte er nicht vernünftig. Er hatte bereits einen Sanitäter verletzt. »Sie beide werden in dieser Angelegenheit für mich aussagen, oder?«, fragte Rick mit trockenem Mund.

»Verlassen Sie sich drauf, machen Sie ihn kalt!«, bestätigte einer.

»Sir, bitte!«, versuchte Rick es noch einmal, aber der Mann wurde nicht langsamer. Der Polizist konnte nur noch an die Bilder von den Cops in Boston denken, die auf Zivilisten gefeuert hatten. Letzten Endes traf er mitten in die Brust des Mannes. Dieser ging auf einem Knie nieder und stützte sich mit der rechten Hand auf dem Asphalt ab, erhob sich aber nahezu unmittelbar wieder.

»Das kriegt fünfzehn von zehn Punkten auf meiner Skala abgefuckter Aktionen«, bemerkte ein Sanitäter.

Der Mann torkelte weiter auf Rick zu, der erneut feuerte, diesmal in seinen Bauch. Jetzt brachte ihn der Schuss nicht einmal ins Wanken. Erst als er aus einer Entfernung von zehn Fuß in die Stirn getroffen wurde, fiel er rückwärts um. »Das gibt\’s doch nicht.« Mehr konnte Rick nicht sagen. Er hatte gerade vier Schüsse abgeben müssen, um einen Einarmigen niederzustrecken.

»Halten Sie Abstand von ihm«, trug er den beiden Rettungshelfern auf. »Gut möglich, dass er die gleiche Krankheit hat wie die in Boston.«

»Nein, nein, nein!«, stotterte der Verletzte. »Er hat mich gebissen! Das bedeutet, dass es auch mir bald so dreckig gehen könnte.«

»Komm wieder runter, Randy«, raunte sein Kollege. »Wir fahren zurück ins Krankenhaus und lassen dich untersuchen. Du hast bestimmt nichts.«

Rick näherte sich dem Umgefallenen vorsichtig. Während er die Einschusslöcher betrachtete, fragte er sich, wie irgendjemand nach drei Treffern wie jenen, die er dem Mann vor dem Kopfschuss versetzt hatte, noch weitergehen konnte. »Geben Sie mir eine Decke, die lege ich auf ihn und melde den Vorfall dann«, sprach er. »Außerdem brauche ich Ihre persönlichen Daten. Das wird definitiv Verhöre nach sich ziehen, und Sie beide sind meine Zeugen.«

»Kein Problem«, bekräftigte der eine – Don. »Sie haben ihn bestimmt zehnmal aufgefordert, stehen zu bleiben.«

Er holte ein weißes Laken aus dem Laderaum des Krankenwagens, schien aber davor zurückzuscheuen, näher vor den Toten zu treten, um ihn zuzudecken.

»Lassen Sie mich«, bot Rick ihm an.

»Danke, Mann. Momentan hätte ich am liebsten einen anderen Job.«

Nachdem sich Rick vorgestellt hatte, nahm er die Daten der beiden auf und riet dem Gebissenen, sich durchleuchten zu lassen. »Normalerweise müsste ich Sie zwingen, hier zu warten, aber da Sie verletzt sind, sollten Sie fachliche Hilfe in Anspruch nehmen. In einer Stunde oder so werden Kollegen von mir nach Ihnen fragen, also halten Sie sich bereit.« Rick deckte die Leiche mit dem Laken zu.

Die Sanitäter stiegen in ihren Wagen. »Wir werden den Vorfall auch melden«, sagte Don. »Ich lasse Randy schnell untersuchen, aber die Leitung muss erfahren, was passiert ist.« Rick wunderte sich darüber, dass sich keine Schaulustigen versammelt hatten. Im Allgemeinen zerriss man sich das Maul über einen Beamten, der in eine Schießerei verwickelt wurde, doch nur wenige hatten die Szene beobachtet und zogen sich sofort zurück, als Rick wieder zum Gebäude ging. Überall heulten Sirenen, streng genommen mehr als üblich zu solch früher Stunde, aber kein Einsatzwagen schien in seine Richtung zu kommen.

Er betrat das Haus und wollte den Fall gleich melden. Mrs. McCreedy stand in einem Nachthemd mit Blumenmuster an eine Wand gelehnt auf dem Flur. Sie hatte ihr Gesicht von Rick abgewandt. Er näherte sich von hinten und fasste ihr an die Schulter.

»Alles in Ordnung, Mrs. McCreedy, Sie können sich wieder hinlegen. Da war ein Geistesgestörter vorm Haus.«

Plötzlich fuhr die Frau herum, packte Ricks Hand und zog sie zu ihrem Mund. Sie biss fest in die Außenseite – dort wo der kleine Finger ansetzte –, was höllisch wehtat und Rick gequält aufheulen ließ. Er riss sich los und trat zurück. Die Hand blutete nicht. Seine ältere Nachbarin knurrte aus tiefer Kehle und stürzte auf ihn zu, mit gespreizten Fingern nach ihm schlagend. Auch ihre Augen waren blutrot. Sie bekam sein Shirt zu fassen und versuchte, ihn ins Gesicht zu beißen. Er stieß sie fort, doch sie hielt sich beharrlich fest. Ganz schön stark für eine alte Lady, dachte Rick zuerst. Kurz darauf sah er ein: Kacke, sie hat mich gebissen! Noch ein kräftiger Stoß, und die Frau fiel auf ihren Hintern. Er besah seine Hand mit hochgehaltenem Ballen, indem er sie zwischen dem Daumen und den Fingern der anderen drückte, und drehte sie wiederholt. Zurückgeblieben war ein halbkreisförmiger, roter Abdruck, aber keine Wunde. Die Frau begann, sich aufzurichten, also drückte Rick sie mit einem Fuß nieder. Sie sah ihn an, stieß einen grässlichen Zischlaut aus und sperrte ihren Mund wild fauchend auf. Rick sah schwarz gewordenes Fleisch und keine Zähne. Sie hatte ihr Gebiss nicht eingesetzt. Bevor sie wieder hochkommen konnte, versetzte er ihr noch einen Tritt mit seinem Stiefel, woraufhin sie liegen blieb. Schnell kniete er sich auf ihren Rücken, sodass sie sich praktisch nicht mehr vom Boden erheben konnte. Dann nahm er seine Handschellen heraus, zog ihren linken Arm zurück und legte eine Seite an. Sie wehrte sich erbittert und versuchte weiter nach ihm zu schnappen, doch er bekam ihre rechte Hand zu fassen und schloss den anderen Ring um deren Gelenk. Rick schleifte sie in ihr Appartement und schloss die Tür von außen. Der Mann im Anzug, den er gerade erschossen hatte, war ein Fremder gewesen; auf Mrs. McCreedy konnte er nicht feuern, sie benötigte Hilfe. Er hörte, wie sie drinnen zappelte, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie stieß Gegenstände in ihrer Wohnung um, und Rick erkannte, dass eine Lampe auf den Boden krachte. Nach kurzem Nachdenken öffnete er die Tür, legte den Riegel innen um und zog sie von außen wieder zu. Er vergewisserte sich, dass sie verschlossen war, und kehrte in seine Wohnung zurück.

Im Bad wusch er sich dreimal die Hände. Der rote Abdruck verschwand langsam, aber die Hand schmerzte noch immer. Allerdings stellte er erleichtert fest, dass er keine Hautabschürfungen hatte. »Nie wiederwerde ich jemanden an der Schulter festhalten«, versprach er sich. »Vollidiot, das war ein Anfängerfehler – zweimal innerhalb von zehn Minuten!«

Draußen blinkten Lichter. Er ging zum Balkonfenster und schaute hinunter. Der Krankenwagen stand noch dort; die beiden Sanitäter hatten die Türen weit aufstehen lassen, waren aber nirgends zu sehen. Dies beunruhigte Rick. Er nahm das Telefon von der Couch, wo er es hingelegt hatte, und rief bei Meara auf der Wache an. Niemand ging ran, also holte er sein Dienstfunkgerät aus dem Schlafzimmer und schaltete es ein. Damit kontaktierte er die Streifenzentrale.

»Dispatch, hier 4044 Denver, erbitte Code 30, wiederhole: Code 30, over.«

»10-2, 4044, sind Sie verletzt? Over«, bekam er zurück, eine merkwürdige Frage.

»Negativ, Dispatch, 4044 meldet 34S mit Beteiligung eines Beamten und Todesfall, over.«

»Verstanden, 4044. Wurden Sie gebissen? Over.«

»Sagen Sie das noch einmal, Dispatch«, verlangte Rick.

»Wiederhole für 4044: Wurden Sie gebissen? Over.«

»Negativ, Dispatch, aber ich brauche Hilfe. Können Sie –«

Die Diensthabende unterbrach Rick: »4044, wurde irgendjemand in Ihrer Nähe gebissen? Over.«

Er antwortete im ungeduldigen Tonfall: »Verstanden, Dispatch, ein Rettungssanitäter wurde gebissen, und zwar von einem –« Abermals schnitt ihm die Funkerin das Wort ab.

»Wo befindet sich der Gebissene? Over.«

Rick ging wieder vom Schlafzimmer zum Balkonfenster und schaute mit seiner Kollegin am Ohr hinaus in die Nacht. Eine Gestalt wankte die Straße hinunter davon.

»Weiß ich nicht, over.« Als das Telefon klingelte, bat Rick die Frau, kurz zu warten.

»Negativ, 4044, zu viel Funkverkehr. Kann Ihrer Bitte nicht nachkommen und empfehle, Sie melden sich entweder im Präsidium oder suchen einen sicheren Unterschlupf und warten dort, bis wir Ihnen helfen können, over.«

Was um alles in der Welt bedeutete das? Er hatte der Funkerin gerade durchgegeben, jemanden erschossen zu haben, und sie tat so, als ob dies unerheblich sei. Einen sicheren Unterschlupf finden? Was meinte sie damit? Rick ging ans Telefon. »Hallo?«

»Rick, ich bin es, Mike.«

»Mensch, was zum Teufel ist los? Ich habe gerade mit der Zentrale gesprochen; ich habe gemeldet, vorhin einen Mann getötet zu haben, doch die Kollegin hat reagiert, als hätte ich nur um Befehle gebeten!« Als sich Rick mit einer Hand über den Kopf fuhr, bekam er nasse Finger; da wurde ihm bewusst, dass ihm der Schweiß ausgebrochen war.

»Die Zentrale wurde damit beauftragt, alle anrufenden Beamten aufzufordern, entweder zur Wache zu kommen oder sich dort zu verschanzen, wo sie sind«, erläuterte Mike. »Rick, hör zu, komm morgen nicht her. Nimm Sam und deinen Dad, dann sieh zu, dass du dich schleunigst aus dem Staub machst.«

»Mein Gott, wovon redest du?«

»Du meintest gestern, es sei unmöglich, Brenda in Boston zu erreichen, nicht wahr? Dass du nicht durchgekommen bist, hat einen triftigen Grund: Boston ist nicht mehr.«

Rick versuchte, ihm ins Wort zu fallen. »Mike, was –«

»Sei still und lass mich ausreden«, fuhr sein Freund fort. »Diese Krankheit an der Ostküste, von der wir erfahren haben, grassiert nicht nur dort, sondern überall, auch hier. Seit ein paar Stunden herrscht völliges Chaos; wirklich jeder in der Stadt ruft den Polizeinotdienst an, weshalb das Telefonpult leuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Ein Kumpel von mir, der beim Medizinischen Forschungsinstitut der Army für Infektionskrankheiten arbeitet, hat vor einer Stunde bei mir durchgeklingelt. Er meinte, die Kranken seien ungeheuer gewalttätig und extrem resistent sowohl gegen Schmerzen als auch Verletzungen. Man kann sie in keiner Weise dauerhaft außer Gefecht setzen, außer man zerstört ihr Gehirn. In Boston ist alles aus, tut mir leid.«

»Was heißt das?«, wollte Rick wissen.

»Das heißt, die Situation dort ist gänzlich aus den Fugen geraten. Die Infizierten sind den Gesunden zahlenmäßig so haushoch überlegen, dass ich fürchterliche Angst bekomme, wenn ich daran denke. Die Stadt brennt, und die Armee, die einige Tage lang vor Ort gewesen ist, zieht sich gerade zurück, weil es so schlimm zugeht. Jetzt hat die Krankheit uns erreicht. Die ganze Nacht über gab es Dutzende Anrufe von verstörten Leuten, die behaupteten, von ihren Nachbarn angegriffen zu werden. Ich habe acht Einheiten losgeschickt, um eine kleine Ausschreitung zu zerschlagen, doch von den sechzehn Männern hat nur einer überlebt und ist zurückgekommen.«

»Willst du mich verarschen? Boston ist verloren? Fünfzehn Cops in San Francisco tot?« Rick war sprachlos. Er schaute wieder auf seine Hand, wo Mrs. McCreedy ihn gebissen hatte, und suchte nach offenen Stellen.

»Rick, wir wissen von zwanzig Cops, die umgekommen sind. Neun weitere werden vermisst, sechs Streifenwagen wurden aufgegeben oder demoliert. Garcia war derjenige, der die Krawalle überlebt hat. Er hat erzählt, dass die Randalierer die Verletzungen, die sie sich zugezogen hatten, eigentlich unmöglich hätten überleben können. Es hat sich um eine Gruppe von rund dreißig Personen gehandelt, die gegen das Schaufenster eines kleinen Lebensmittelladens gehämmert haben. Alle Einheiten haben mit Tränengas gefeuert und waren mit Schutzschilden sowie Gasmasken ausgestattet; diese Leute haben sie angefallen und aufgefressen, stell dir das vor! Das Tränengas hat nichts bewirkt. Garcia meinte, er habe einem mit seiner Flinte Kaliber 12 aus nächster Nähe in die Brust geschossen und ihn praktisch zerfetzt, doch der Kerl sei weiter auf ihn zu gekrochen, während die Hälfte seines Oberkörpers fehlte. Garcia hat die Flucht ergriffen, als seine Kameraden abgeschlachtet wurden, sich aber mehrere Bisse zugezogen. Wir haben ihn ins St. Mary\’s einliefern lassen. Vor zehn Minuten habe ich dort angerufen, doch die Klinik wurde komplett überrollt. In den oberen Etagen halten sich noch ein paar Ärzte und Patienten auf, die wir allerdings nicht erreichen können, weil zu viele Infizierte im Gebäude sind. Du wohnst zwar in der sichersten Gegend, musst aber trotzdem verschwinden. Dieser Kampf ist so gut wie verloren, also hau ab. Wir können hier längst niemandem mehr helfen, und es ist an der Zeit, dass wir uns um uns selbst kümmern. Achtundsechzig von uns sind noch übrig, und ich habe alle Einheiten zurück zur Wache bestellt. Wir werden versuchen, alle unsere Angehörigen zusammenzuholen, uns zu den Stadtgrenzen aufmachen und jeden mitnehmen, den wir können. Falls wir es nicht schaffen, zu fliehen, ziehen wir uns hierher zurück und leisten Widerstand, sollte es hart auf hart kommen.«

»Wo befindet sich der Treffpunkt? Wie lautet euer Plan, wenn es euch gelingt, die Stadt zu verlassen?«

»Auf Alcatraz«, antwortete Meara. »Der Weg dorthin führt zwar direkt bei dir vorbei, aber warte nicht auf uns. Schnapp dir so viele Vorräte und Leute, wie du finden kannst, dann musst du irgendwie auf die Insel gelangen. Viel Glück, Kumpel, pass auf dich auf.«

»Du auch, Mann, wir sehen uns bald«, sagte Rick und legte auf. Dann ging er wieder ins Schlafzimmer, nahm zwei Sporttaschen und füllte sie mit Gegenständen, die er als nützlich erachtete. Aus dem Schrank nahm er sein Schulterholster und zog es an, bevor er die Taurus vollständig nachlud, die Sicherung überprüfte und sie einsteckte. Gerade als er mehr Munition für seine Flinte auspackte, klopfte es an der Wohnungstür. Kann ich denn nicht mal zwei Minuten meine Ruhe haben?, ärgerte er sich. Nachdem er das Gewehr zur Hand genommen hatte, ging er nach vorn. Er wartete ein paar Sekunden und wollte sich schon wieder abwenden, um weiter zu packen, als es erneut klopfte. Da richtete er die Waffe auf die Tür und fragte mit ruhiger Stimme: »Wer ist da?«

»Mr. Barnes? Mr. Barnes, ich bin es, Chris Rawding aus Wohnung 3A, ich würde gern mit Ihnen sprechen.«

Rick wusste, dass über ihm ein jüngerer Mann wohnte, kannte ihn aber nicht namentlich. Der Kerl war still und menschenscheu, ein Computerfreak oder so. Um sicherzugehen, dass es sich um den Nachbarn handelte, den er meinte, schaute Rick durch den Spion hinaus; er sah einen großen, schlanken Jungspund von zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahren, also zog er den Riegel zurück, sperrte auf und ließ ihn herein. Chris betrat das Appartement, blieb aber abrupt stehen, als er die Flinte bemerkte. Er schaute Rick misstrauisch an. »Kommen Sie ruhig«, bat dieser und richtete die Waffe auf den Boden. »Ich bin Polizeibeamter.« Mit diesen drei Worten verhielt es sich stets so, dass sie entweder Ängste aufhoben, schürten oder wütend machten, und ein guter Bulle konnte immer vorhersagen, welche Reaktion sie heraufbeschwören würden, bevor er sie äußerte. Rick spekulierte auf die erste und irrte sich nicht.

»Ich weiß, dass Sie bei der Polizei arbeiten, darum bin ich hier.« Der Junge fuhr sich mit einem Unterarm über die Stirn, wobei Rick auffiel, dass er schwitzte.

»Wo drückt der Schuh, alles okay mit Ihnen?«

»Ja, äh … es ist bloß so, dass in letzter Zeit komische Dinge passieren, und deshalb hab ich ein bisschen Schiss. Ich bin während der letzten Stunden online gewesen, und einige Bekannte von mir haben geschrieben, diese Infektion habe sich überall ausgebreitet. Ich brauche jemanden, der mir sagt, was genau los ist, und Sie waren die erste Person, an die ich dachte. Vorhin habe ich Schüsse gehört, und als ich aus dem Fenster geschaut habe, waren Sie mit zwei Sanis unten auf der Straße. Sie haben diesen Mann abgeknallt; war er krank?«

»Davon gehe ich aus«, seufzte Rick. »Er hat alle Anweisungen ignoriert und einen der Sanitäter angegriffen – gebissen.«

»Gebissen?« Jetzt sah Chris wirklich ängstlich aus. »Zwei meiner Freunde meinten, die Infektion übertrage sich durch Bisse, und wenn man sich ansteckt, verliere man innerhalb kurzer Zeit den Verstand, woraufhin man alles und jeden in der Umgebung anfallen würde.«

»Mist«, fluchte Rick und schaute auf seine Hand. Ein Hoch darauf, dass Menschen im Alter die Zähne ausfielen … »Also gut, Sie heißen Chris, meinten Sie?« Der Junge wirkte fast traurig darüber, dass sich Rick seines Namens nicht sicher war. Schließlich nickte er. »Wie genau kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Äh, na ja … Sie sind bewaffnet …«

Rick zog seine Augenbrauen hoch.

»Nur darum geht es mir … Ich habe keine Kanone und werde so langsam nervös, also dachte ich mir, ich könnte vielleicht vorübergehend bei Ihnen bleiben.«

Der Mann machte einen Eindruck wie ein verschüchtertes Mädchen im Grundschulalter, während er seine Augen aufriss und fahrig auf seiner Unterlippe kaute.

»Tja, dann habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie, Sportsfreund«, sprach Rick. »Die gute lautet, dass ich so etwas wie ein Waffennarr bin, und die schlechte, dass ich in zwei Stunden von hier aufbrechen werde.« Er gab Chris eine kleine Pistole: ein Kaliber .32, gekauft für seine Frau, als er noch in Boston gewohnt hatte. Sie war rigoros dagegen gewesen, die Waffe zu tragen, sogar nachdem sie einen Schein gemacht hatte. Bei seinem Umzug zurück nach San Francisco hatte Rick sie mitgenommen und in seinen Schließkasten gelegt, wo sie bis zuletzt ungebraucht geblieben war.

»Unter normalen Umständen würde ich ihnen keine Schusswaffe anvertrauen«, stellte er klar, »aber momentan geht es alles andere als normal zu.« Er schaute Chris an, während dieser die Pistole entgegennahm. »Haben Sie schon einmal geschossen?«

Der junge Mann schaute die vernickelte Waffe an und bejahte nickend.

»Gut, dann wissen Sie hoffentlich, wie man damit umgeht.«