Buchcover:

Die Grenze

von Robert McCammon

Eine an Ideen nur so überquellende Mixtur aus Apokalypse, Horror-Roman und Science-Fiction-Epos, die einmal mehr McCammons Ausnahmestellung unter den modernen fantastischen Autoren untermauert.

INHALTSBESCHREIBUNG


Seit ewigen Zeiten wütet ein Krieg im All – ein Krieg zwischen den monströsen Gorgonen und den schemenhaften Cyphern. Uns Menschen weit überlegen, stellt die Erde für sie nur ein weiteres Schlachtfeld dar, das von ihnen binnen kürzester Zeit verwüstet wird. Übrig bleibt eine lebensfeindliche Welt, in der sich die letzten Überlebenden noch einer zusätzlichen Gefahr gegenüber sehen. Denn als Folge der verheerenden Kämpfe verwandeln sich viele Menschen in kannibalistische Monster mit einem unstillbaren Hunger auf Menschenfleisch.

In dieser Welt erwacht ein Junge. Er weiß nicht, wer er ist, aber er spürt, dass ganz besondere Kräfte in ihm wohnen, welche den außerirdischen Mächten gefährlich werden könnten. Und eine unsichtbare Kraft scheint ihn an einen ganz besonderen Ort zu ziehen, wo sich das Schicksal der Menschheit entscheiden könnte.

Mit DIE GRENZE hat Robert McCammon eine düstere, epische Saga geschaffen, eine Geschichte über das Ende der Welt und die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Kapitel 1

Der Junge, der rannte, lief hinaus in den Regen.

Plötzlich geriet er in einen stechenden Schauer. Innerhalb von Sekunden wurde daraus ein kleiner Sturm des Schmerzes, der wie wilde Stiche von hundert heißen Nadeln auf seiner Haut brannte. Während er rannte, sah er zurück. In der Ferne, verschwommen zu erkennen durch den wabernden Dunst, explodierten die Gipfel der Berge. Er sah Felsbrocken so groß wie Gebäude in die kontaminierte Luft fliegen, auf die Erde zurückstürzen und in umher schwirrende Fragmente zerbersten. Über den Bergen flackerte das elektrische blaue Blitzen, das Terror ins Herz des tapfersten Mannes pflanzte und die Schwächeren auf die Knie fallen ließ.

Der Junge rannte, immer weiter in den Regen.

Das Feld war breit. Und das Feld war lang. Es war unfruchtbar. Der Schlamm begann an den Schuhen des Jungen zu ziehen. Er trug dreckige Pumas, die einmal weiß gewesen waren. Er konnte sich nicht erinnern, wo sie hergekommen waren oder wann er sie angezogen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, woher er seine schmutzigen Jeans hatte und sein schmuddeliges dunkelrotes Hemd, dem der rechte Ärmel fehlte. Er konnte sich überhaupt nicht mehr an viel erinnern.

Er wusste jedoch, dass er rennen musste. Und dass er darauf hoffen musste, diesen Tag zu überleben.

Denn obwohl sein Gedächtnis wie eine zerfetzte Flagge im Sturm flatterte, wusste er, was hinter ihm war. Er wusste, dass er in Colorado war. Er wusste, warum die Berge, die so alt waren wie die Zeit, in Stücke gerissen wurden. Er wusste, was das blaue Blitzen war und warum bald rote Flammenstöße von der gequälten Erde zum wütenden Himmel aufsteigen würden. Hier kämpften sie. Sie hatten eine weitere Grenze gefunden, um die sie Krieg führen konnten. Und alles, was zwischen ihnen war, würden sie zerstören.

Er rannte weiter, atmete schwer und schwitzte in der schwülen Luft, als der Regen begann, immer heftiger herunterzuprasseln.

Der Schlamm brachte ihn zu Fall. Er hielt seine Schuhe fest, ließ ihn stolpern und zog ihn nach unten in seine weiche Umarmung. Der Schlamm war klebrig und heiß und geriet ihm ins Gesicht und die Nase. Schwarz vor Schlamm kämpfte er sich auf seine Knie. Durch den dichten Regen sah er die Bewegungen auf beiden Seiten, links und rechts von ihm auf dem weiten, unfruchtbaren Feld, und er wusste, dass eine Armee auf dem Marsch war.

Der Junge legte sich in seiner schlammigen Pfütze flach hin. Er lag wie die Toten, obwohl sein Herz sehr lebendig raste und sich in aufsteigendem Horror verdrehte. Er wünschte, er könnte sich mit dem Schlamm bedecken, in ihm versinken und durch seine Dunkelheit geschützt werden. Still lag er in sich zusammengerollt da wie ein Säugling, gerade aus dem Mutterleib geschlüpft und betäubt vom Leben, das auf ihn einprasselte.

Er hatte sie schon einmal gesehen. Irgendwo. Sein Verstand lag in Scherben, war kollabiert zu einem Zustand, der ihn halb hirnlos und nach Erinnerungen suchend zurückließ. Aber links und rechts sah er die unscharf verschmierten Schatten ihrer Anwesenheit. Wie graue Rauchwirbel bewegten sie sich über das Feld; körperlose, aber tödliche Geister.

Er lag still und krallte sich mit den Händen in die Erde, als hätte er Angst, ins Nichts geschleudert zu werden.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass einer von ihnen seinen Marsch gestoppt hatte, und während sein Körper innehielt, holte er sich selbst ein und nahm solide Form an. Von einem Moment auf den anderen stand das Wesen nur wenige Fuß von ihm entfernt zu seiner Linken und starrte ihn an.

Der Junge konnte nicht anders, als mit schlammbedecktem Gesicht zurückzublicken. Hier gab es keinen Schutz. Nirgendwo gab es Schutz. Die blauen Augen des Jungen starrten in die schwarze, glatte Wölbung des Gesichts der Kreatur oder auf die Maske, den Helm oder was auch immer es sein mochte. Die Kreatur war schmal, beinahe skelettartig, und übermenschlich groß. Dem menschlichen Körper ähnelte sie lediglich dahingehend, dass sie zwei Arme und zwei Beine hatte. Schwarz behandschuhte Hände mit zehn Fingern. Schwarze Stiefel an menschlich geformten Füßen. Ob das Wesen konstruiert war oder tatsächlich geboren aus einem Ei oder einer Gebärmutter, wusste der Junge nicht und sah sich nicht einmal zu einer Mutmaßung imstande. Der schwarze, hautenge Anzug zeigte keinerlei darunterliegende Muskeln. Über die Oberfläche des Anzugs verlief ein Netz kleiner Adern, in denen dunkle Flüssigkeit pumpte. Die Kreatur schien nicht zu atmen.

Das Wesen hielt eine Waffe. Sie war ebenfalls schwarz, sah aber fleischig aus. Die Waffe hatte zwei Läufe und war über Flüssigkeit leitende Adern mit dem Körper verbunden.

Die Waffe befand sich in Hüfthöhe der Kreatur, zielte aber auf den Jungen. Ein Finger lag auf einer Art Stachel, der der Auslöser sein mochte.

Der Junge wusste, dass sein Tod sehr nahe war.

Eine Vibration durchfuhr die Luft. Sie war eher zu spüren, als zu hören, und ließ die Haare im Nacken des Jungen zu Berge stehen. Schauer liefen über seinen Körper. Seine Kopfhaut mit den widerspenstigen braunen Haaren zog sich zusammen, denn er wusste, was jetzt geschehen würde, ohne genau zu wissen, woher das Wissen kam.

Die Kreatur schaute hinter sich und nach oben. Andere Kreaturen unterbrachen ihre unscharfe, geisterhafte Bewegung und nahmen feste Form an. Auch sie blickten nach oben und erhoben im exakt gleichen Augenblick ihre Waffen gegen den Feind.

Dann hörte der Junge es kommen, durch den Lärm des Regens hindurch. Er drehte den Kopf und richtete seinen Blick nach oben. Durch die niedrige gelbe Wolkendecke kam das Ding, das ein Geräusch machte wie sich leise drehende Zahnräder in einer feinen Armbanduhr oder das sanfte Ticken einer Zeitbombe.

Es war riesig, zweihundert Fuß breit, hatte die Form eines langgezogenen Dreiecks und trug Farben wie die Haut eines prähistorischen Raubtiers: Braun, Gelb und Schwarz. Es war rasiermesserdünn und hatte keinerlei Zugänge oder Öffnungen. Es bestand komplett aus muskelartigem Gewebe. Langsam und leise glitt es vorwärts mit einer Kraft, die der Junge als beeindruckend empfand. Die aufgestellten Flügelspitzen wurden von gelben Luftwirbeln umströmt und vier elektrisch-blaue Kugeln in der Größe von Gullydeckeln pulsierten an seiner Unterseite. Während das Schiff langsam und fast lautlos weiterzog, feuerte eines der Geschöpfe am Boden seine Waffe ab. Ein doppelter Flammenstoß, der nicht genau einer Flamme entsprach, sondern weiß in der Mitte seiner beiden rot glühenden, langgestreckten Spiralen war, schoss auf das Schiff zu. Bevor das flammenähnliche Geschoss auf Fleisch oder Metall traf – oder welches Material auch immer es sein mochte – brach auf dem Körper des Schiffes ein blauer Funke aus und erstickte die Flammen und ihre beiden zerstörerischen Zentren so leicht, wie feuchte Finger eine Kerze auslöschten.

Sofort, während der Junge zusah und trotz seiner Starre zitterte, richteten die Kreaturen ihre Waffen auf das Schiff und begannen zu feuern … schneller und schneller schossen die Stöße der außerirdischen Flammen in glühend leuchtenden Ketten nach oben, Hunderte von ihnen, die alle durch den hin und her zischenden blauen Funken ausgelöscht wurden.

Der Junge wusste, was er sah, ohne zu wissen, woher sein Wissen kam. In seinem Kopf hallten Gedanken wider, die er nicht genau hören und nicht verstehen konnte. Er schien weit weg zu sein von dem Ort, an dem er losgelaufen war, konnte sich aber nicht daran erinnern.

Doch obwohl er sich weder an seinen Namen noch daran erinnern konnte, von wo oder wohin er rannte oder wo seine Eltern waren, wusste er: Die Kreaturen mit den Waffen … das sind Soldaten der Cypher.

Das Schiff am Himmel … gesteuert von den Gorgonen.

Namen, die die Menschen ihnen gegeben hatten. Wie sie sich selbst nannten, war unbekannt. Ihre Stille war undurchdringlich.

Der blaue Funke sprang und tanzte und brachte die weiß glühenden Flammen mit fast herablassender Leichtigkeit zum Erlöschen. Der Regen strömte herab und die gelben Wolken wirbelten am Himmel. Die Soldaten der Cypher senkten ihre unwirksamen Waffen und vibrierten erneut in ihre unscharfe Form. Der Junge war plötzlich allein auf dem schlammigen Feld. Das monströse Schiff schwebte über ihm, seine blauen Kugeln pulsierten. Er fühlte sich so klein wie ein Insekt auf einer Windschutzscheibe, kurz davor, zermatscht zu werden. Er wollte gerade aufspringen und rennen, so weit ihn seine Füße in all dem Schlamm und Regen tragen würden, aber dann schob sich das Schiff an ihm vorbei. Er spürte, wie seine Kraft nachließ, als es Geschwindigkeit aufnahm. In seinem Mund war der Geschmack von Schlamm und verrostetem Metall. Er hörte ein scharfes, zischendes Geräusch – wie wenn Speck in der Pfanne brät – und drehte seinen Kopf in Richtung des abziehenden Schiffes. Blitze aus elektrisch-blauer Energie schlugen aus seiner Unterseite in Richtung Erdboden. Kleine Explosionen von schwarzem Gewebe zeigten, dass die Cypher getroffen wurden, auch wenn sie beinahe unsichtbar waren.

Der Junge entschied, dass es Zeit war, aufzustehen und wieder zu rennen. Diesmal in eine andere Richtung.

Er stolperte auf die Füße und floh über das Feld, weg von der Schlacht. Der Regen trommelte auf seinen Kopf und seine Schultern und der Schlamm versuchte, ihn nach unten zu ziehen. Er fiel einmal auf die Knie, aber als er wieder stand, schwor er sich, nicht noch einmal zu fallen.

Er rannte weiter durch Regen und Schlamm, immer weiter auf einen gelben Nebel zu, der vor ihm über dem Horizont hing. Er rannte und sprang über rauchende Krater, an deren Boden Dinge lagen, die schwarz verbrannt und in sich verdreht waren wie alte Baumwurzeln. Seine Lunge schmerzte, als wäre sie mit schweren Faustschlägen traktiert worden. Er hustete blutigen Schleim aus und rannte weiter.

Aus dem Nebel vor ihm tauchten ein Dutzend oder mehr Cypher-Soldaten auf, alle unwirklich schmal und schwarz gekleidet in einen Stoff, der nicht von dieser Welt war. Sie alle hielten Waffen, die offenbar mit ihren Körpern verwachsen waren, und sie alle trugen die schwarzen, gesichtslosen Masken, die den Jungen an die Gesichter von Robotern denken ließen. Bevor er die Richtung ändern konnte, bemerkte er, dass sich ihm etwas von hinten näherte. Das Etwas gab ein metallisches Geräusch von sich wie gezupfte Klaviersaiten im hohen Register. Er drehte nach links ab und ließ sich in einen Krater fallen, während glühende, blaue Feuerkugeln mit ungeheurer Geschwindigkeit über sein Versteck hinwegflogen und sich in die Cypher fraßen, wobei aus den Kugeln etwas herauspeitschte, das wie glühender Stacheldraht aussah. Der Junge kroch nach oben und lugte über die Kante des Kraters. Er sah, wie die Cypher von dieser neuen Waffe zerfetzt wurden. Obwohl es einigen von ihnen gelang, etliche Feuerbälle mit ihren Energiewaffen abzuschießen oder mithilfe ihrer Tarnung im Nebel zu verschwinden, war die Schlacht in Sekundenschnelle vorbei. Zuckende Arme und Beine lagen auf dem schwarz-befleckten Schlachtfeld und die Feuerbälle schossen wie brennende Augen weiter in den gelben Nebel auf der Suche nach neuen Opfern.

Eine Bewegung im Krater erregte die Aufmerksamkeit des Jungen. Er fühlte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Sein Herz klopfte.

Ihm gegenüber griff ein gesichtsloser, schlammbespritzter Cypher-Soldat nach seiner Energiewaffe, deren Adern durchtrennt waren und die runzlig wie abgestorbenes Fleisch ein paar Fuß entfernt lag. Die schwarz behandschuhten Hände mühten sich, die verlorene Waffe wiederzuerlangen, konnten sie aber nicht ganz erreichen, weil ein Treffer die Kreatur fast in zwei Hälften geteilt hatte. Die Beine zuckten noch und die Stiefel drückten vergeblich gegen die verwüstete Erde. In der Bauchhöhle glitzerten schwarze Eingeweide, die mit gelben und roten Rissen übersät waren und den Jungen an tote Grashüpfer erinnerten, obwohl er nicht wusste, woher diese Erinnerung kam. Ein scharfer Geruch kroch in seine Nase, der dem Geruch der Flüssigkeit ähnelte, die aus Grashüpfern herausquoll, wenn man sie zu fest zwischen zwei Fingern fasste. Nur dass dieser Geruch ungefähr doppelt so stechend war. Den Cypher umgab eine Wolke davon. Die Kreatur kämpfte immer noch damit, die Waffe zu erreichen, aber der halb abgetrennte Körper gehorchte ihr nicht.

Der Junge sprach mit einer Stimme, die er noch nie zuvor gehört hatte.

»Ich dachte, ihr wärt so richtig harte Kerle«, sagte er.

Die gesichtslose Kreatur versuchte weiter, an die Waffe zu kommen. Geduckt stand der Junge auf und blieb dabei im Schutz des Kraters vor anderen Soldaten oder tief fliegenden Dingen, die ihn den Kopf kosten konnten. Er wagte es, die Energiepistole zu berühren. Sie fühlte sich klebrig an, wie Gummi, das zu lange in der heißen Sonne gelegen hatte. Die Venen hatten aufgehört, Flüssigkeit zu pumpen. Die Waffe verschrumpelte und fiel in sich zusammen, so rasch, dass er dabei zusehen konnte. Die spinnenartige Hand des Cypher-Soldaten versuchte, seinen Knöchel zu greifen. Er fürchtete den Griff, weil unvermittelt das mentale Bild in ihm auftauchte, dass dieser ihn vor Schmerzen lähmen würde. Er wich der Hand des Soldaten aus, stand auf und fing wieder an zu rennen, denn er wusste, dass es den Tod bedeutete, zu lange an einem Ort zu bleiben.

Er wusste auch, dass er leben wollte. Wusste, dass er leben musste; also machte er sich besser auf und fand Schutz, bevor es zu spät war.

Er rannte, und der Regen schlug ihm ins Gesicht. Aus seiner gepresst atmenden Lunge hustete er noch mehr blutigen Schleim hervor und spuckte ihn aus. Er fragte sich, wer er war und woher er kam, aber auf diese Fragen gab es nichts als Leere. Er verfügte über keine Erinnerung mehr, bis auf die, dass er über dieses Feld gerannt war, so als wäre sein Verstand von einer nervösen Hand auf dem Lichtschalter ausgeschaltet und dann wieder eingeschaltet worden. Vater? Mutter? Zu Hause? Bruder oder Schwester? Da war nichts, nicht einmal der Schatten eines Schattens.

Alles schmerzte. Vor allem seine Lunge, sein Herz und sein Bauch, selbst die Knochen. Er fühlte sich, als wäre er neu zusammengesetzt worden. Er fühlte sich wie in diesem seltsamen alten Lied, das sich darum drehte, wie alle Knochen zusammenhingen, wie der Oberschenkelknochen mit dem Knie verbunden war und all diese Scheiße. Sein Oberschenkelknochen schien mit seinem Schlüsselbein und sein Knie mit seinem Hintern zusammenzuhängen. Etwas an ihm war durcheinander, aber immerhin konnte er rennen. Für den Moment reichte das.

Die monströse, dreieckige Form tauchte wieder über ihm auf. Er blickte nach oben und sah das riesige Gorgonenschiff, das wie ein prähistorisches Reptil gefleckt war und vor den hässlichen gelben Wolken entlang glitt. Es feuerte noch immer seine elektrisch-blauen Energieblitze auf unsichtbare Ziele am Boden. Ihn nahm es nicht wahr, er war Nichts und noch nicht einmal einen Funken der Zerstörung wert.

Plötzlich schossen die leuchtend blauen Blitze nach links und rechts auf der Suche nach anderen Zielen. Das Gorgonenschiff mochte vielleicht so etwas wie ein ängstlicher Schauer durchzogen haben, und ein paar Sekunden später sah der Junge, warum.

Von beiden Seiten näherten sich dünne, schwarze Geschosse, vielleicht zwanzig Fuß lang. Es gab zehn von ihnen, und sie bewegten sich schnell und leise. Vier wurden von den Energieblitzen getroffen und explodierten als umherfliegende schwarze Bänder, aber die übrigen sechs formten Krallen und Zähne aus, als sie das Fleisch des Gorgonenschiffs durchbohrten. Sie entwickelten sich zu hungrigen, schwarz glänzenden Spinnen, die sich rasch durch die gefleckte Haut in das Schiff fraßen.

Sechs weitere der gefräßigen Geschosse stürzten auf das Schiff zu, die von irgendwoher außer Sichtweite gestartet worden waren. Zwei wurden abgeschossen, die anderen vier wurden zu schwarzen Spinnenformen, die sich in das außerirdische Fleisch gruben. Einzelne Brocken fielen von dem Gorgonenschiff herab und enthüllten ein Inneres aus purpurrotem Gewebe, das von so etwas wie sechseckigen Korridoren durchzogen war. Die Spinnen rissen und fraßen immer schneller, während das Schiff blaue Blitze wild in alle Richtungen feuerte. Der Junge sprang zur Seite, als ein Energiestoß die Erde etwa vierzig Fuß zu seiner Rechten verbrannte, aber er konnte seinen Blick nicht von dem abscheulichen Festmahl und dem sterbenden Giganten abwenden.

Ganz sicher befand sich das Gorgonenschiff im Todeskampf. Seine Masse zitterte und krümmte sich, während die Cypherspinnen tiefer in das Herz des Mysteriums eindrangen. Dunkelrote Flüssigkeit strömte aus einem Dutzend Wunden. Stücke des Schiffes fielen zu Boden, wo sie sich weiter wälzten und krümmten. Die Maschine kreischte. Sie gab einen hohen Ton von sich, der dem Jungen wie eine Mischung aus dem Geräusch von auf einer Tafel kratzenden Fingernägeln und dem finsteren Rasseln einer Klapperschlange erschien. Er musste die Hände auf seine Ohren pressen, um das Geräusch zu blockieren, bevor es ihn überwand und in die Knie gehen ließ. Ein riesiger Brocken des Schiffes fiel herab und versprühte zahllose Spiralen dunkler Flüssigkeit. In der Wunde fraßen die schwarzen Spinnengestalten, rissen sich durch das fremde Fleisch und die im Inneren liegenden Korridore mit ihren Klauen und Reißzähnen. Der Junge vermutete, dass auch Beton und Stahl ihnen nichts entgegenzusetzen hätten. Das Gorgonenschiff kippte nach rechts. Sein Inneres ergoss sich in zähflüssigen Strömen nach unten. Fleischbrocken, die die Cypherspinnen nicht gänzlich verschlungen hatten, fielen herab.

Der Maschinenschrei gellte ununterbrochen, während das Schiff zur Erde stürzte. Die Spinnen schwärmten über die zuckende Haut aus. Der Junge drehte sich um und floh.

Wo er überhaupt noch einen sicheren Ort finden sollte, wusste er nicht. Das ohrenbetäubende Kreischen hörte auf. Ein Punkt für die Cypher,dachte er und rannte durch den gelben Nebel, immer weiter, bis seine Füße sich plötzlich auf zersprungenem Betonboden wiederfanden.

Er war auf einem Parkplatz. Um ihn herum standen in der sich wie eingedickt anfühlenden Luft die verrosteten und verwitterten Karosserien von acht verlassenen Fahrzeugen. Der Regen hatte aufgehört. Pfützen voller Wasser füllten die Risse und Krater auf dem Boden. Vor ihm befand sich ein längliches Gebäude aus roten Backsteinen, dem kein einziges Fenster unzerstört geblieben war. Auf der linken Seite ragte ein schiefer Torpfosten aus einem Footballfeld voller Unkraut. Die Zuschauertribüne war zusammengebrochen. Ein einziges Schild war auf dem Parkplatz aufrecht geblieben und verkündete tapfer seine Botschaft aus der Vergangenheit.

ETHAN GAINES HIGHSCHOOL, so stand es in schwarzen, permanent aufgebrachten Buchstaben auf dem Schild. Darunter zeigten die beweglichen roten Buchstaben: Senior Pl y A ril 4-6 'The Ch ngeling'.

Der Junge sah, wie sich von der anderen Seite des Footballfelds unscharfe, verzerrte Schemen näherten. Einige der Cypher-Soldaten stoppten und materialisierten sich für einige Sekunden zu ihren regulären Körperformen, bevor sie weitereilten. Er schätzte, dass es vierzig oder fünfzig waren, die ihm wie eine dunkle Welle entgegenkamen. Er begann zur Seite zu rennen, aber schon in dem Moment, in dem ihn der Fluchtinstinkt in Bewegung setzte, wusste er, dass er keine Zeit mehr hatte, um zu entkommen. Zu schnell würden sie bei ihm sein.

Er ließ sich zu Boden fallen und schlüpfte unter einen zerschundenen Pick-up-Truck, der einst schwarz gewesen war. Jetzt blühte er vor rotem Rost. Auf den Überresten der zerbrochenen Heckscheibe prangte noch immer ein Aufkleber der Denver Broncos.

Dunkle, verschwommene Schemen bewegten sich über den Parkplatz. Die Cypher-Soldaten waren unterwegs, von irgendwoher nach irgendwohin. Der Junge legte sich flach auf den von Rissen durchzogenen Beton. Wenn einer von ihnen ihn hier bemerkte …

Etwas näherte sich.

Der Junge spürte es als einen Schauer, der über seine Haut zog. Und er roch irgendeine Art pulsierende Energie in der verdorbenen Luft. Von seinem Versteck aus sah er, wie sich die Beine mehrerer Soldaten materialisierten, als sie stehen blieben. Auch sie fühlten, dass sich etwas noch Unbekanntes näherte.

Es war still, bis auf das von den Überresten der Autos herabtropfende Wasser. Dann flog etwas mit einem Geräusch wie das Flüstern des Windes über sie hinweg. Ein heller Blitz aus blauem Licht erhellte den Parkplatz und ließ den Jungen die Augen zusammenkneifen. Einen Moment später war es verschwunden, was immer es gewesen sein mochte.

Der Junge wartete und blinzelte. Lichtflecken drehten sich vor seinen Augen. Einige der Soldaten verschwanden wieder in der Unschärfe, während andere – vielleicht kurzzeitig betäubt – sichtbar blieben und am gleichen Fleck verharrten.

Über dem Jungen begann sich der Pick-up zu bewegen.

Ein Schaudern durchzog das Fahrzeug, seine verrosteten Nähte quietschten. Der Junge hörte, wie das metallische Quietschen über den Parkplatz hallte. Plötzlich verwandelte sich die Unterseite des Pick-ups. Aus Metall wurden rote und braune Schuppen und seine verschimmelten Reifen wurden zu schuppigen Beinstummeln, aus denen rote Stacheln mit schwarz glänzenden Spitzen wuchsen.

Langsam sickerte in sein Bewusstsein, dass der Pick-up zum Leben erwachte.

Innerhalb von wenigen Sekunden hing ein atmender Bauch über seinem Kopf. Er sah, wie sich die Gestalt über ihm verbreiterte und verdickte. Während er zu Fleisch wurde, gab der ehemalige Pick-up Geräusche von sich, die sich anhörten wie eine Kombination aus riesigen Knochen, die in ihre Gelenkpfannen schnappten, und metallischem Knacken.

Voller Panik rollte er unter dem Ding hervor und fand sich auf den Knien auf etwas wieder, was nun kein Parkplatz voller verlassener Fahrzeuge mehr war, sondern eine Menagerie von Kreaturen aus den dunkelsten Tiefen von Albträumen.

Der Junge erkannte, dass was auch immer über ihn hinweggezogen war und seinen Energiestrahl als betäubenden blauen Blitz abgegeben hatte, die Macht besaß, Leben zu schaffen. Und das Leben, das es hier aus den verrosteten und verlassenen Fahrzeugen geschaffen hatte, bestand entweder aus echten Kreaturen aus der Welt der Gorgonen oder entsprang der Vorstellung eines außerirdischen Warlords. Massige, muskulöse Formen erhoben sich vom Betonboden. Der Junge war in ihrer Mitte, zwischen ihren klauenbewehrten Füßen und Beinen, die mit roten und schwarzen Stacheln besetzt waren. Gehörnte Köpfe mit mehreren Augen und aufgerissenen Mäulern suchten das Schlachtfeld ab. Die Cypher-Soldaten eröffneten das Feuer. Die roten Spiralen außerirdischer Flammen schlugen zu, trafen und verbrannten das neugeborene, monströse Fleisch. Die getroffenen Kreaturen kreischten und schrien und ließen die Erde erzittern. Andere der neu geschaffenen Wesen stürzten sich mit großer Geschwindigkeit auf die Soldaten. Wie erstarrt und voller Entsetzen sah der Junge zu, wie sich die Gorgonen-Kreaturen mit ihren Stachelarmen und Klauen durch die Masse der Soldaten arbeiteten. Eine der muskulösen Bestien trug einen Aufkleber der Denver Broncos auf seinen rötlichen Schuppen an der Verbindung von Schultern und Nacken. Der Aufkleber schien durch das gepanzerte Fleisch hindurch wie der verblichene Überrest eines irdischen Tattoos.

Die Soldaten feuerten ihre Waffen ab, schuppenbesetztes Fleisch brannte und rauchte. Die Kreaturen zermalmten, zertrampelten und zerfetzten die großen, schlanken Wesen in ihren schwarzen Uniformen. Innereien, die nach den Körperflüssigkeiten von Grashüpfern rochen, flogen durch die Luft und spritzen auseinander, wo sie auftrafen. Der Kopf eines der Monster mit sechs tiefliegenden, karmesinroten Augen explodierte in der Flamme einer Cypher-Waffe. Die Kreatur tobte blind über den Parkplatz und schlug wild um sich, während ihr zerklüftetes Gesicht schmolz wie graues Wachs. Die Cypher wurden niedergetrampelt und unter den Monstern zerquetscht. Einige verschwammen in die Beinahe-Unsichtbarkeit, aber andere blieben stehen und feuerten auf die Bestien, bis auch sie in umher spritzende Fetzen gerissen wurden. Die Kreaturen, manche auf allen vieren und andere auf zwei Beinen, begannen die sich zurückziehenden Soldaten zu verfolgen. Drei sterbende Gorgonen-Bestien lagen auf dem zerklüfteten Beton und wurden von den Cypher-Flammen verzehrt. Sie kreischten, schlugen vergeblich nach dem außerirdischen Feuer und versuchten aufzustehen und ihrem kurz bevorstehenden Tod noch irgendwie zu entrinnen. Einer der Kreaturen gelang es, auf die Knie zu kommen. Ihr brennender, dreieckiger Kopf, der auf einem dicken Hals saß, drehte sich. Ebenholzschwarze Augen fanden den Jungen, der rückwärts kroch, immer weiter kroch, selbst als Flammen die Augen der Kreatur fraßen. Mit brennenden Schuppen und Stacheln stürzte die Kreatur zurück auf den Boden. Als das Leben es wieder verließ, gab es etwas von sich, das nach einem Seufzer klang.

Der Junge stand auf, schwankte und rannte wieder. Das war alles, was er tun konnte, um am Leben zu bleiben.

Als er in den Dunst des gelben Nebels kam, wusste er, dass er besser nicht hinfiel, nicht fallen durfte. In der Ferne konnte er das Brüllen der Monster hinter sich hören und seine schmutzigen Pumas ließen ihn fast den Boden unter den Füßen verlieren. Er war nicht mehr auf Beton, sondern erneut auf einem Feld voller Schlamm und Unkraut. Zerfetzte und qualmende Leichen von Cypher-Soldaten lagen um ihn herum. Hier hatte eine weitere Schlacht stattgefunden. Ein Punkt für die Gorgonen, dachte er.

Er kam nicht weit, bis er bemerkte, dass sich hinter ihm etwas rasch näherte.

Er hatte Angst, zurückzublicken. Angst, langsamer zu werden. Angst vor der Erkenntnis, dass er auf diesem schlammigen Feld sterben würde.

Was auch immer es war, er spürte, dass es ihn fast erreicht hatte.

Dann drehte er sich doch um. Er musste wissen, was hinter ihm war. Gerade als er nach rechts ausweichen wollte, tauchte aus dem Nebel ein Reiter auf einem grau gescheckten Pferd auf, griff nach unten und packte den Jungen fest am Arm. Er wurde von seinen Füßen nach oben gezogen. Eine hart klingende, aber menschliche Stimme knurrte: »Hoch mit dir!«

Dem Jungen gelang es, hinter den Mann auf das Pferd zu kommen. Er klammerte sich an seine Taille und bemerkte, dass der Mann an der linken Seite ein Schulterholster trug, in dem eine Waffe steckte, die wie eine Uzi-Maschinenpistole aussah. Das Pferd und seine beiden Reiter fegten über das Feld, während in der Ferne die Gorgonen-Monster in einer Lautstärke tobten wie ein Chor von Begräbnisglocken am letzten Tag der Welt.

Ende der Leseprobe

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