Der zehnte Heilige

von Daphne Niko

Serie: Sarah Weston
Band 1

»Wie DER DA VINCI CODE, entführt Sie DER ZEHNTE HEILIGE an einen unbekannten Ort und lässt Sie ein Abenteuer erleben, das Sie so schnell nicht vergessen werden.« [Laurence Leamer, New York Times Bestseller-Autor von The Kennedy Women, The Kennedy Men, Sons of Camelot]

INHALTSBESCHREIBUNG


DER ZEHNTE HEILIGE erzählt von der gefährlichen Reise der Archäologin Sarah Weston aus der schroffen äthiopischen Wüste auf die Straßen von Paris, London und Texas. Sie riskiert alles auf ihrer Suche nach der Entzifferung einer längst vergessenen Prophezeiung, die den Planeten vor einer brutalen, drohenden Katastrophe retten kann. Doch ist die Wahrheit den Preis wert, den sie zahlen muss?

Cambridge Archäologin Sarah Weston macht eine ungewöhnliche Entdeckung in den Bergen des alten äthiopischen Königreiches von Aksum: ein versiegeltes Grab mit Inschriften in einem obskuren Dialekt. Sie versucht die Inschrift zu entziffern und die Identität des Mannes zu ermitteln, der dort beigesetzt wurde, dabei entdecken sie und ihr Kollege, der amerikanische Anthropologe Daniel Madigan, ein tödliches Geheimnis.

Hinweise führen Sarah und Daniel nach Addis Abeba und die Klöster von Lalibela. In einer unterirdischen Bibliothek entschlüsseln sie Prophezeiungen über die letzten Stunden der Erde von einem Mann, den die koptischen Mystiker als “Zehnten Heiligen” verehren. Ein Brief aus dem 14. Jahrhundert beschreibt die katastrophalen Ereignisse, die zum Untergang der Welt führen sollen, und leiten Sarah nach Paris, wo sie ein weiteres Teil des alten Puzzles findet.

Mit ihren Entdeckungen kommt Sarah einer weltweiten Verschwörung auf die Schliche und riskiert ihr eigenes Leben auf der Suche nach der ganzen Wahrheit.

Pressestimmen

Niko wandelt ganz auf eigenen Pfaden, verbindet sorgfältig recherchierte geschichtliche Fakten mit der Warnung vor einer glaubhaften Bedrohung der Menschheit und reichert das ganze mit skrupellosen Verbrechern an.

Phantastik-News

Gelungene Mischung aus Indiana Johns und Dan Bronws Da Vinci Code

Engel1974, lovelybooks

Endlich krempelt mal wieder eine Frau die Ärmel hoch und beweist, dass sie sich ohne Zweifel in die Riege der Superhelden einreihen kann.

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Eins

 

Das Kamel trat vorsichtig auf einen Flecken rissiger Erde. Die obere Kruste zersprang unter dem Huf des schwer beladenen Tieres wie ungebrannte Keramik in tausend Stücke. Der Kameltreiber, ein hagerer, vom Kopf bis zu den nackten Füßen in indigoblauen Flor gehüllter Mann, schlug dem Tier mit einer Palmwedelpeitsche auf das Hinterteil. Das Kamel reagierte mit zwei schnellen Schritten, dann stoppte es und ächzte seinen Unmut heraus. Trotz wiederholter Aufforderungen seines Treibers ging es keinen Schritt weiter, und damit hatte sich der Fall.

Der Mann zog seine Kopfbedeckung zurück, um sein Gesicht zu enthüllen. Seine Haut besaß die Farbe von Antilopenfell und ausgeprägte Furchen hatten sich auf seine Stirn und in die Vertiefungen seiner Wangen gegraben. Die Sonne hatte in den mehr als fünfzig Jahren, in denen er durch die Wüste gezogen war, ihren Tribut von ihm gefordert. Er sah aus wie ein ausgemergelter Achtzigjähriger, müde und vom Leben geschlagen, doch seine Augen, Teiche flüssigen Onyxes, glänzten mit einem Geist voller Vitalität und Weisheit, ganz von der Art, wie sie vonnöten war, um einen Nomadenstamm durch dieses unerbittliche Land zu führen. Er spähte zum Himmel, um sich den Stand der Sonne zu bestätigen. Sie war, wo er sie angenommen hatte: direkt über ihm. Er taxierte die Wüste um sich herum. Alles war trocken und ausgedörrt. Ausgedörrt wie die Kamele und seine Mitreiter. Die Mittagssonne sengte ohne Reue, und keine Erlösung – kein Wasser, kein Schatten – war in Sicht.

Mit einer Hand malte er Kreise in die Luft, um die anderen Männer herbeizurufen. «Wir werden hier anhalten», sagte er zu ihnen, nachdem sie sich versammelt hatten. «Die Tiere sind müde. Sie brauchen Wasser.»

«Aber Sheikh, es gibt kein Wasser», entgegnete einer der jüngeren Männer, dessen schmale Augen voller Zweifel waren. «Es hat schon seit vielen Monden kein Wasser mehr gegeben.»

Der Führer legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. «So werden wir welches finden, Abu. Die Wüste ist unsere Mutter. Sie versorgt uns immer.»

Der junge Mann widersprach seinem Ältesten nicht. Dies war die Art der Beduinen: Vertrauen und Gehorsam. Die Ältesten hatten sich als Männer von bedeutendem Charakter und großer Ehre bewährt, und als solche verlangten sie den Respekt der Familien. Hairan war das Oberhaupt des Stammes, der moralische und spirituelle Führer der Beduinen.

Die anderen standen auf Anweisungen wartend bei dem Stammesoberhaupt. Hairan beauftragte sie, das Lager aufzuschlagen und ein Feuer zu entfachen. Dann rief er die alte Taneva herbei, um sie zu bitten, einige der Frauen zu versammeln und auf der Suche nach Wasser gen Osten zu gehen.

Versunken in ihren schwarzen Wollgewändern, welche die für Witwen der Beduinen übliche Kleidung waren, kniete Taneva ehrfürchtig vor dem Stammesführer nieder. Sie war die älteste Frau der Sippe und so auch diejenige, die am meisten erlebt hatte, einschließlich der Geburt zweier Generationen. Von ihrer Jugend war nichts als Würde verblieben. Ihre Augen, schwarz umrandet, schwelten wie ein halb herabgebranntes Feuer. Ihre eingesunkenen braunen Lippen zeugten von Entschlossenheit. Diejenigen Haarsträhnen, die ihrem schwarzen Schleier entkommen waren, umrandeten ihr Gesicht wie Fäden von Rauchsilber.

Hairan gebot ihr, sich zu erheben und als Ebenbürtige bei ihm zu stehen. «Vor zwei Tagen gab es Regen im Osten.» Er deutete auf ein paar hohe Sanddünen. «Hinter diesen Dünen liegt ein tiefes Tal. Sucht dort nach dem Wasser.»

Taneva verneigte sich und zog sich zurück.

 

***

 

Drei Frauen begleiteten Taneva ostwärts. Der Sand unter ihren bloßen Füßen war heiß wie ein siedender Kessel. Auf ihren Köpfen trugen sie irdene Gefäße. Sie beklagten sich nicht, sondern gingen immer weiter, wie es ihr Volk jahrhundertelang vor ihnen getan hatte.

Eine halbe Stunde lang ertrugen sie die Unannehmlichkeit und wurden dann dafür belohnt. Genau, wie Hairan es vorhergesagt hatte, befand sich eine Wasserpfütze in einer Vertiefung im Sand. Es war nicht viel – kaum genug, um einen Tag lang vorzuhalten – und es wimmelte von Insekten. Doch morgen war ein neuer Tag und er würde so viel Hoffnung bringen wie jeder andere auch. Die Frauen knieten sich hin, um das wenige Wasser zu sammeln. Um es zu reinigen, filterten sie es durch den Flor ihrer Kopftücher.

Von der Vorahnung getrieben, dass es mehr zu finden gab, verließ Taneva die anderen und lief auf eine weitere Senke im Sand zu. Als sie sich dem Rand der Mulde näherte, fiel ihr Blick auf etwas, auf das sie noch nie zuvor gestoßen war. Sie kniff die Augen zusammen, um einen besseren Blick zu bekommen.

Im Sand befand sich eine Wölbung.

Als Taneva hinuntereilte, wirbelte sie mit ihren nackten Füßen große Staubwolken auf. Dort unten war tatsächlich etwas. Etwas Unnatürliches.

Sie näherte sich der Masse und begann, mit dem Pflichtgefühl einer Wüstenfrau, den Sand zur Seite zu wischen, um zu enthüllen, was darunter lag. Ihre Hand strich über ein grobes Gewirr, ähnlich dem Wust ihrer wollenen Stickereifäden nach einem Sandsturm. Sie zog ihre Hand zurück. Ihre Augen weiteten sich und ihr Mund bebte vor Furcht. Instinktiv sah sie sich nach Hilfe um, doch niemand war in der Nähe. Mit einem tiefen Atemzug machte sie weiter. Die Frauen der Wüste, wie auch die Männer, wendeten sich nicht von dem ab, was ihnen in den Weg gelegt wurde. Es war ihr Schicksal. Wegzugehen hieße sich den Mächten zu widersetzen, was zum sicheren Untergang führen würde.

Tanevas Hand stieß auf etwas Hartes, eine Wölbung wie Knochen. Mit beiden Händen zog sie eine Rinne in den Sand und grub mit neuer Entschlossenheit.

Der Kopf offenbarte sich zuerst. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die Haut um sie herum war violett, von einem Schlag oder von Schmerzen. Das Haar war von blonder Farbe und kurz und so sehr mit Sand verkrustet, dass es an das Vlies eines längst verstorbenen Schafes erinnerte.

Taneva schob den Rest des Sandes beiseite, um den nackten Körper eines Mannes zu enthüllen, bleich wie der Tod und in der Kindslage zusammengerollt. Sie presste beide Hände auf ihren Mund, um einen gellenden Schrei zurückzuhalten. Noch während sie neben dem Körper auf die Knie fiel, begann sie das Lied der Sterbenden als Opfergabe für die Seele des Verunglückten zu singen.

 

***

 

In dieser Nacht kümmerte Hairan sich in seinem eigenen Zelt um den Fremden. Dem Vernehmen nach hätte der Mann tot sein müssen. Dank eines Wunders war er es nicht. Hairan selbst bezweifelte, dass er überleben würde, da sein Atem flach war, sein Körper geschunden und sein bewusstloser Zustand dem Tod näher als dem Schlummer. Doch als ein Beduine, ein Sheikh und ein Medizinmann, war er verpflichtet, sich um den Fremden zu kümmern, bis dieser sich entweder erholte oder den Kampf aufgegeben hatte.

Hairan hatte den Mann auf seine eigene Matte gelegt und all seine Wolldecken über ihm ausgebreitet, um das Sinken seiner Körpertemperatur aufzuhalten. Die Haut des Fremden fühlte sich kalt und trocken an, als ob das Leben langsam schied. Der Stammesführer hatte niemals zuvor einen Mann mit Haut von der Schattierung gebleichten Knochens gesehen oder mit Haaren von der Farbe der Sonne. Es war einerlei. Wer immer der Fremde war und wo immer er hergekommen sein mochte, sie waren gleich, genau so, wie Mensch und Tier und das Korn des Wüstensands gleich waren.

Mit der schwankenden Flamme einer alten Öllampe als einziger Orientierungshilfe platzierte der alte Mann einige Kräuter auf einem Stein und walzte sie mit seinen Fingern. Er hob eine Prise davon auf und hielt sie an seine Nase. «Nicht genug», murmelte er und fuhr fort die Pflanze zu zerdrücken, bis ihre heilenden Öle freigesetzt waren.

Sobald er mit Konsistenz und Aroma der Paste zufrieden war, rieb er eine Handvoll davon auf Wangen, Stirn und Lippen des Fremden, und eine weitere auf dessen Brust. Den restlichen Brei legte er in die Hände des Mannes und schloss diese zu leichten Fäusten.

Hairan hob seine eigenen Hände in Ehrerbietung der Mächte zum Himmel. «Ich bin ein einfacher Mann, der nichts weiß», psalmodierte er leise. «Jegliche Weisheit, die mir gewährt wurde, teile ich gerne mit meinem blassen Bruder. Doch ist es nicht an mir, ihn zu retten. Sein Schicksal ist nur dem Großen Geist bekannt, dem Hüter allen Lebens.» Er rollte sich neben dem Fremden auf dem Boden zusammen; dieser würde heute Nacht seine Bettstatt sein, so kalt und ungastlich er auch war. Unbequemlichkeiten schreckten den Beduinen nicht. Sie waren genauso ein Teil des Daseins in der Wüste wie die brennende Sonne, oder eines Kamels fauler Atem, oder die endlose Weite von den letzten Strahlen des Tageslichts vergoldeter Dünen. Hairan beobachtete den Mann, der dort um sein irdisches Leben kämpfend lag. Mit seiner spitzwinkligen Nase, seinen blassrosa Lippen und seiner unpigmentierten Haut war er weder ein Beduine noch überhaupt ein Araber und auch kein Jude. Taneva trat mit einem Glas warmer Ziegenmilch ein. «Wird er überleben?»

Der Stammesführer schüttelte den Kopf. «Dessen kann ich nicht sicher sein.»

«Ist er einer der Wilden aus dem Osten, Sheikh?»

«Womöglich. Oder vielleicht ist er ein Händler von der anderen Seite des Roten Meeres. Es gibt keinen Grund, solche Fragen zu stellen. Alle Dinge werden offenbart, wenn es Zeit ist und wenn wir bereit sind.»

«Du bist ein weiser Mann, Hairan. Ein großherziger Mann.»

«Ich tue nur, was von mir verlangt wird. Wir alle sind gleich und wir leben, um einander zu dienen.»

Taneva warf Hairan ihre alte Decke über und strich im sanft durchs Haar; eine seltene Zurschaustellung von Zuneigung. Vor den anderen Familien waren er der Sheikh und sie eine alte Frau. Nur wenn sie alleine waren, war sie seine Mutter. «Dein Vater wäre stolz. Gute Nacht, mein Sohn.»

 

***

 

Der Fremde öffnete seine Augen am Morgen des siebten Tages. Der Schleier der Bewusstlosigkeit wog noch schwer auf seinen Lidern und sein Körper schmerzte so sehr, dass er nichts weiter tun konnte, als stillzuliegen.

Er betrachtete seine Umgebung mit der Benommenheit eines langen Schlummers, wie ein aus dem Winterschlaf erwachter Bär. Die Wände waren aus dickem Sackleinen, das Dach aufrecht gehalten von einem Baumstamm in der Mitte des Raumes. Es gab keinen Fußboden; er lag auf über den Sand gebreiteten Decken. In der hinteren Ecke stand eine kleine aus Holz geschnitzte Bank, auf welcher Steinwerkzeuge lagen. Neben seiner Schlafstatt befand sich ein Tontopf, feuergeschwärzt, und ein Stapel schmutziger Gaze. Seine Decken waren aus Wolle und so schwer, dass er nicht die Kraft besaß, um sie anzuheben, aber sie waren schön, offensichtlich von der Hand eines Künstlers gewoben, mit Bildern von Sternen und Skorpionen und allsehenden Augen in Indigo, Safran und Purpur.

Trotz seines Bemühens, das Gesehene zu ordnen, verarbeite sein Gehirn es nicht. Die Bilder waren ihm nicht vertraut. Er wusste, dass er im Inneren eines Zeltes war, doch wessen Zelt? Wo? War er in Gefahr? Und wie war er hierhergekommen? Sein Kopf schmerzte bei dem Versuch, sich an die Umstände zu erinnern, die ihn an diesen Ort geführt hatten. Er konnte es nicht. Gerade blickte er sich entmutigt um, auf der dringenden Suche nach einem Hinweis, um seine Erinnerung anzufachen, als ein Mann sich hereinduckte.

Dieser nickte ihm zu, sagte aber nichts. Ein schmales Lächeln überflog seine wettergegerbten Lippen und sein Gesicht verzerrte sich, um ein Netzwerk von Falten zu enthüllen.

«Wer bist du?», krächzte der Fremde auf Englisch. «Was für ein Ort ist das? Warum bin ich hier?»

Der Mann sagte etwas in einer unverständlichen Sprache, tauchte Gaze in Flüssigkeit, und wischte ihm über die Stirn.

Er begann zurückzuweichen, es mangelte ihm jedoch an Kraft, um sich zur Wehr zu setzen.

Der Mann reichte ihm einen kleinen Tontopf, deutete auf seine eigenen Lippen und sprach dann wieder.

Noch immer verwirrt wandte der Fremde seinen Kopf ab. «Lass mich in Ruhe, alter Mann. Geh und kümmere dich um deine Ziegen oder so etwas.»

Der Mann schlüpfte stumm aus dem Zelt.

Mit geschlossenen Augen versuchte der Fremde, eine Erinnerung heraufzubeschwören. Wahllose Bilder rasten durch seinen Verstand und es war unmöglich, aus ihnen schlau zu werden. Er sah Gesichter – Gesichter, die er nicht erkannte, deren Züge von der grausamen Hand des Gedächtnisses ausgelöscht waren. Metallische Stimmen dröhnten in seinem Kopf, verspotteten ihn mit ihrer unheimlichen Tonhöhe. Zuerst sah er Dunkelheit, dann ein grelles, orangefarbenes Licht, gestaltlos und stürmisch wie Feuer. Das Bild ließ sein Blut gefrieren. Die Stimme einer Frau erhob sich hinter der Dunkelheit. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie klang ruhig und tröstlich. Sie sagte ein einzelnes Wort: Gabriel.

Er wusste mit aller Bestimmtheit, dass dieser Name sein eigener war, doch seine Erinnerung betrog ihn um alles andere. Kein Maß an Anstrengung brachte die Rückbesinnung darauf, wer und was Gabriel gewesen war.

Ende der Leseprobe

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