Der Wall

von Tom Abrahams

Serie: Traveler
Band 3

»Eine überzeugende neue Stimme, die ganz sicher alle Fans postapokalyptischer Literatur begeistern wird.« - Russell Blake, New York Times Bestseller Autor

INHALTSBESCHREIBUNG


Nach dem Zusammenbruch der Weltordnung begann die Herrschaft des Bösen. Die Regierungen stürzten, das Kartell gelangte an die Macht, und aus guten Menschen wurden Sklaven.

Um die Gefahr aus dem Ödland zurückzuhalten, wurde ein Wall errichtet. Doch nun strebt eine Widerstandsgruppe nach Veränderungen. Sie sind bereit, dafür zu kämpfen und notfalls auch zu sterben, und sie bitten Marcus Battle um Hilfe.
Battle hat genug Blutvergießen miterleben müssen, aber wenn Krieg das einzige Mittel ist, die Freiheit und eine sichere Passage auf die andere Seite des Walls zu erlangen, dann wird er diesen Krieg führen …

Die TRAVELER-Reihe – das sind actionreiche Endzeit-Abenteuer mit einem Schuss Neo-Western.

Kapitel 1

       

25. Oktober 2037, 2:00 Uhr
Jahr fünf nach dem Ausbruch
Palo Duro Canyon, Texas

        

Eine noch warme Leiche über den Boden des Canyons zu schleifen, war nicht Teil des Plans gewesen. Überhaupt war in der Woche seit seiner Ankunft kaum etwas so gelaufen, wie Charlie Pierce es erwartet hatte. Aber es gab nun mal einen Job zu erledigen.

Egal welche Hindernisse oder unvorhergesehene Umstände auftauchen würden: Pierce musste liefern, denn General Roof war für den bevorstehenden Angriff auf die Ergebnisse seiner Aufklärungsmission angewiesen.

Pierce schlurfte tief nach vorne gebeugt rückwärts und zog dabei die Leiche durch Gestrüpp, über Felsgestein und durch ausgetrocknete Flussläufe. Er wusste nicht, wie weit er noch gehen musste, bis er am richtigen Ort war. An dem Ort, an dem er die Leiche des Mannes entsorgen würde, den er hatte töten müssen. Er würde es wissen, wenn er ihn erreicht hatte.

Ein Blitz zuckte über den Himmel und erleuchtete die steilen, schroffen Wände des Canyons. Donner folgte kurz darauf und hallte durch das weite Tal von Palo Duro. Pierce blieb kurz stehen und ließ die Leiche zu Boden sinken. Er stellte sich aufrecht hin und stemmte die Hände in die Hüften. Er war außer Atem und schwitzte trotz der fast eisigen Temperaturen so sehr, dass sein Hemd bereits nass war. Er spürte die Verdunstungskälte, als ihm der Schweiß vom Nacken aus über den Rücken lief.

Eine weitere gezackte Gabel aus Licht stieß in den schwarzen Himmel und pulsierte. Donner krachte und hallte von den Felswänden wider, bevor das Nachglühen des Blitzes erloschen war. Der Sturm rückte offenbar immer näher.

Pierce überlegte kurz, ob das aufziehende Unwetter nicht vielleicht auch seine guten Seiten hatte, denn ein ordentlicher Regen würde die Spuren wegwaschen, die er zwangsläufig hinterlassen hatte.

Er hatte dem Mann während eines kurzen Handgemenges das Genick gebrochen. Es war ein Wachposten der Dweller, denen es noch immer gelang, sich dem Zugriff des Kartells zu entziehen, und er hatte einfach zu viele Fragen gestellt und sich zu sehr dafür interessiert, wer Pierce war und was er hier suchte. Pierce hatte versucht, sich aus der Zwickmühle herauszureden, aber ohne Erfolg.

Ganz unten im Canyon hatte Pierce nämlich einen Kommunikationsbunker entdeckt, zwei Meilen vom großen Lager der Dweller entfernt.

Der Bunker war nicht viel mehr als eine Höhle gewesen, die die Natur in die Felswände geschnitten hatte. Es gab mehrere Funkstationen, deren orangefarbene Displays ein warmes, an Feuer erinnerndes Leuchten an die blassen Wände geworfen hatte. Das Rumpeln und Summen eines Generators hatte Pierce letzten Endes dorthin geführt. Die Wüstennacht trug jegliche Geräusche nämlich über weite Entfernungen und das Poltern war noch aus einer halben Meile Entfernung deutlich zu hören gewesen.

Ein dünner, getarnter Draht, der als Verlängerung der Antenne diente, verlief die steile Wand hinauf, soweit Pierce das im Dunkeln hatte erkennen können. Über das Kommunikationssystem der Dweller zu stolpern war für den Spion ein glücklicher und entscheidender Fund gewesen. Selbst, wenn es ihm nicht gelang, das komplette Funksystem während des Angriffs zu deaktivieren, konnte er doch zumindest die Frequenzen an das Kartell weiterleiten, damit diese ab sofort über die taktischen Entscheidungen der Dweller im Bilde waren. Der Wachposten hatte ihn überrascht, als er gerade die Frequenzen überprüft hatte.

»Hey«, hatte der Mann gerufen, der plötzlich aus dem Dunkel des Eingangs aufgetaucht war. Seine Stimme war durch die kleine Höhle gehallt. »Was machen Sie hier? Hier ist absolutes Sperrgebiet.«

»Ich bin nur durch Zufall hier reingestolpert«, hatte Pierce gelogen. »Ich wollte nur eine kleine Abendrunde drehen …«

Der Wachposten hatte daraufhin die Höhle betreten und eine Taschenlampe genau in Pierces Gesicht gerichtet. Denn abgesehen von den Displays der Funkgeräte war es absolut dunkel gewesen. »Es ist zwei Uhr nachts.«

»Das ist mir klar.« Pierce hatte lapidar mit den Schultern gezuckt, bevor er seinen tödlichen Zug gemacht hatte. Dafür durfte er jetzt eine Leiche über den Felsboden des Canyons schleppen.

Dieser war absolut riesig, siebzig Meilen lang und an seiner weitesten Stelle zwanzig Meilen breit. Seine Wände ragten fast neunhundert Fuß in den Himmel hinauf. Bei seinem kurzen Aufenthalt hier, hatte Pierce erfahren, dass die Dweller Experten darin waren, im Canyon zu navigieren und ihn zu schützen. Pierce hatte alles darangesetzt, so viele Informationen wie nur möglich aufzusaugen. Er hatte ihren Gesprächen zugehört, ihre Bewegungs- und Verhaltensmuster beobachtet und die bizarre philosophische Verdrehung dieser kriegerischen Pazifisten bestaunt, die sich in einem durchgeknallten Ritual Hindi-Namen gaben, das nach Pierces begrenzter theologischer Bildung keinerlei Ähnlichkeit mit dem Hinduismus aufwies.

Pierce hatte seine Arbeit absolut unsichtbar erledigt … solange, bis er auf den Wachposten gestoßen war. Daraufhin hatte er genau das getan, was der General ihm befohlen hatte.

»Sie sind die Fliege an der Wand«, hatte General Roof in der Nacht vor dem Beginn seiner Mission zu ihm gesagt. »Lernen Sie so viel wie möglich darüber, wie die Dweller arbeiten, und dann, wenn wir sie schließlich angreifen, sabotieren Sie so viele ihrer Verteidigungssysteme wie nur möglich und verschwinden.«

Es waren Befehle mit einer geringen Überlebenswahrscheinlichkeit gewesen, doch Pierce hatte die Herausforderung dennoch gern angenommen, denn er hatte keine Familie und war seines monotonen und bitteren Lebens überdrüssig geworden, das er nach dem Ausbruch der Seuche zu führen gezwungen war. Dies hier sollte ein letztes Abenteuer werden. Ein Abenteuer, das zugleich ein Versprechen auf Größeres barg, sollte er Erfolg haben und wider Erwarten überleben. Pierce kniff wegen eines weiteren grellen Blitzes die Augen zusammen und zitterte aufgrund der ersten eisigen Regentropfen, die seinen Kopf und seine Schultern trafen. Der Sturm kam immer näher.

Die Zeit war zu knapp, um die Leiche so zu entsorgen, dass der Tod des Wachmanns wie ein Unfall aussah. Er musste sie schnell loswerden und ins Lager zurückkehren, bevor er selbst vermisst wurde.

Pierce sah sich aufmerksam in seiner Umgebung um. In der Dunkelheit konnte er nur wenige Fuß weit sehen, abgesehen von den kurzen Momenten, in denen ein Blitz die Umgebung erhellte. Er entschied schließlich, dass dieser Ort so gut wie jeder andere war. Der Schmerz in seinem unteren Rücken hatte an der Entscheidung allerdings ebenso großen Anteil wie sein Gehirn.

Er zog sein Hemd hoch und griff in seine schweiß- und schmutzbefleckte Hose. An seinem Bein festgeschnallt war das Geschenk, das General Roof ihm in besagter Nacht gegeben hatte. Er klappte es auf und drückte nun eine Reihe von Tasten, bevor er das Satellitentelefon an sein Ohr hob. Es dauerte einige Minuten, bis der Satellit sein Signal empfangen hatte. Als die Verbindung stand, hörte er eine Reihe verzerrter Klingeltöne.

Der General antwortete mit einer Stimme, die noch finsterer klang als gewöhnlich. »Es ist zwei Uhr nachts«, waren seine ersten Worte.

Der Regen nahm noch weiter zu. Die Tropfen waren jetzt schwerer und fühlten sich noch eisiger an. Pierce wischte sich das Wasser aus den Augen. »Ich habe ihre Kommunikationszentrale gefunden. Sie arbeiten mit klassischen Funkgeräten. Ich habe die Frequenzen.«

»Her damit«, sagte der General schon deutlich wacher. »Geben Sie sie mir.«

»Vier siebenundsechzig Punkt achtundfünfzig fünfundsiebzig«, antwortete Pierce. »Vier zweiundsechzig achtundfünfzig fünfundsiebzig. Vier vier sechs null null vier sechsundvierzig fünf.«

»Nur so wenige Frequenzen?«

»Soweit ich das mitbekommen habe, ja.«

»Sie müssen also eine Reichweite von ungefähr zwei Meilen haben.«

»Das weiß ich nicht.«

»Und die Geräte funktionieren?«

Pierce hockte sich hin und verlagerte sein Gewicht auf seine Fersen. Er hielt sich eine Hand vor sein Gesicht, um es etwas vor dem Regen zu schützen und versuchte mit der anderen Hand, das Telefon fester an sein Ohr zu pressen. Die Regengeräusche übertönten das Gespräch beinahe. »Wie bitte?«

»Die Geräte funktionieren?«

»Sieht ganz so aus«, sagte Pierce. »Sie haben einen Generator, der die Batterien auflädt.«

Das Signal begann bereits, schwächer zu werden. »Sind Sie schon aufgeflogen?«

Pierce wandte den Windböen, die durch den Canyon fegten, den Rücken zu. »Nein.«

»Sind Sie sicher?«

»Ich musste einen Mann töten«, gab Pierce daraufhin zu. Sein Körper zitterte unwillkürlich vor Kälte.

»Das ändert die Lage.«

»Ich kriege das schon hin«, stammelte Pierce. Seine Zähne klapperten jetzt so heftig, dass sein Kiefer anfing zu schmerzen. Innerhalb von wenigen Sekunden war die Temperatur um gefühlt fünfzehn Grad gefallen. Der Regen prasselte hinab und traf Pierces Hals und Arme mit kalten Stichen.

Die Stimme des Generals hallte ihm digital verzerrt entgegen. »Hallo? Sind Sie noch dran?«

Pierce nahm das Telefon von seinem Ohr und sah auf das Display, doch es zeigte kein Signal mehr an. Er schaltete das Gerät aus, trocknete den Bildschirm mit einem Hemdzipfel und stand dann auf, um es wieder in seine Hose zu stopfen.

»Pierce?«, rief plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Pierce fuhr erschrocken herum und gleichzeitig durchfuhr der Hall des in diesem Moment losbrechenden Donners seinen zitternden Körper. Ein Blitz offenbarte ihm eine dunkle Gestalt, die ein paar Fuß von ihm entfernt stand. Pierce konnte die Gesichtszüge des Mannes nicht erkennen, aber er wusste dennoch, wen er vor sich hatte … und er sah auch die Waffe in dessen Hand.

»Was machen Sie hier, Pierce?« Marcus Battle stellte diese Frage, als ob er die Antwort bereits wüsste.

Pierce ballte die Hände zu Fäusten. Er stellte seine Füße schulterbreit auseinander und machte sich bereit für die bevorstehende Konfrontation. »Was denken Sie denn, was ich hier mache?«, fragte er. Der Regen lief ihm in die Augen, während er versuchte, die rechte Hand von Battle im Blick behalten.

»Für das Kartell arbeiten.«

Pierce lachte. »Sie haben die Neuigkeit ja schnell mitbekommen«, sagte er. »Ich arbeite bereits für das Kartell, seit Sie so gnädig waren, mich aus dem Jones-Stadium mitzunehmen. Sie sind also bei Weitem nicht so schlau, wie Sie denken.«

»Sie waren also das Kuckucksei.«

»So in der Art.«

Battle deutete mit seiner Waffe auf den leblosen Körper am Boden. »Haben Sie diesen Dweller hier getötet?«

Pierce nahm den Blick nicht von der Waffe. »So in der Art.«

»Ohne Grund? Einfach so?«

Pierce schauderte vor Kälte. Regenwasser sprühte von seinen Lippen, als er ausspuckte: »Wer zum Teufel sind Sie denn, dass Sie darüber urteilen, welche Seite die richtige und welche die falsche ist? Sie sind doch nicht mehr als ein obdachloser schießwütiger Einzelgänger. Sie …«

Das kehlige Dröhnen des Donners, der durch die Wände aus Gips, Schiefer und Sandstein hallte, verbarg den Schuss aus Battles Neunmillimeter, aber die Patrone drang direkt in Pierces offenen Mund ein und tötete ihn so unmittelbar, dass er sofort zu Boden sackte.

»Ein obdachloser schießwütiger Einzelgänger?«, fragte Battle. Er machte einen Schritt auf die beiden Leichen zu, die auf dem überfluteten Boden des Canyons lagen, und ging in die Hocke. Er sah Pierce intensiv in die Augen. »So in der Art.«

Ende der Leseprobe

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