DER TOD KANN MICH NICHT MEHR ÜBERRASCHEN

4,99 14,50 

Heike Vullriede

ROMAN

Eindringlich … schonungslos ehrlich … Eine Geschichte die nachhallt. [Bücher Spürnasen]

Lieferzeit: sofort nach Zahlungseingang, versandkostenfrei

Auswahl zurücksetzen

Beschreibung


Marvin liegt in sündhaft heißem Badewasser und übt das Sterben, indem er einfach den Atem anhält. Doch während er längst wie ein bleiches Sirenenopfer dahintreiben könnte, rekeln sich Frau und Tochter im Wohnzimmer auf dem Sofa. Gestorben wird wohl allein.
Eine schlechte Diagnose hat Marvin Abel aus seinem erfolgreichen Leben gerissen. Nun lässt er ihn nicht mehr los, der Gedanke an den Tod, den er bisher so erfolgreich verdrängte. Wäre er doch niemals wegen dieser Kopfschmerzen zum Arzt gegangen, dann hätte sein Leben so rosarot weitergehen können. Oder?
Bepackt mit neuer Unterwäsche und einer viel zu prall gefüllten Reisetasche, begibt er sich ins Krankenhaus, um sein Leben zu retten. Auf seinem Zimmer knipst er als Erstes ein Handyfoto von dem Schnarchsack im Nebenbett – und eins von sich selbst, zur Erinnerung an seine noch immer dichte Haarpracht vor der Chemotherapie.
Marvin will kämpfen. Schließlich hat er das Leben fest im Griff und bisher noch keinen Kampf verloren. Bald steht der erste Besucher vor Marvins Bett: Basti, sein kleiner Bruder. Der bringt nicht nur einen Supermarkt-Blumenstrauß mit, sondern auch eine schockierende Bitte. Und er bleibt nicht der Einzige, der Marvin haarsträubende Überraschungen bereitet. Marvin traut seinem eigenen Leben nicht mehr – und möglicherweise ist er auch neidisch auf die Enten im Park.
Wo ist seine heile Welt geblieben? War es am Ende nichts weiter als ein Traum von Gestern und Morgen? Und wie, verdammt noch mal, lässt man das los?

»Ein Buch, welches den Leser in seinen Emotionen fesselt und erst an der letzten Seite wieder entlässt. Eine Geschichte die nachhallt …« [lovelybooks]

»Figuren mit Ecken und Kanten sind gezeichnet worden, ein Geflecht aus Worten und Leben ist entstanden, auf das die Autorin nur stolz sein kann.« [wholovesabook]

»Ich habe noch kein Buch zum Thema ›sterben‹ gelesen, welches derart gelassen und wertfrei geschrieben wurde, ohne dabei peinlich oder respektlos zu sein.« [buchimpressionen]


auch hier erhältlich (Auswahl) … AMAZON | THALIA | WELTBILD | HUGENDUBEL | MAYERSCHE | BÜCHER.DE | KOBO

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2012

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

234

ISBN

978-3-943408-07-2

eISBN

978-3-943408-89-8

Leseprobe


Das Badewasser ruhte, seit er die Luft anhielt – das war alles. Nichts weiter!
  Er fühlte keinen Schmerz und auch keine Erstickungsqual; lediglich der Schaum auf dem Wasser schaukelte nicht mehr über seinem Bauch hin und her.
  In der Hitze des Bades spürte er, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Sie vereinigten sich zu dünnen Rinnsalen und rannen ihm die Schläfen entlang. Das beruhigte ihn. Es machte ihn angenehm matt und gedankenarm. Reglos schwamm sein Körper, vom Wasser sanft getragen, während die Augen und Ohren das trübe Bewusstsein fütterten. So könnte er es sich wünschen – sein Ende. Es schien ganz einfach, so unbeschwerlich, bloß hinwegzudämmern.
  Ungewollt setzte seine Atmung wieder ein. Er ließ es geschehen. Das Leben tut ja, was es will. Es geht auch einfach so weiter – ohne ihn. Sein gedachter letzter Atemzug blieb wieder einmal unbemerkt. Wann sie ihn wohl gefunden hätten? In zwanzig Minuten … in dreißig? Spätestens in einer Stunde, so mutmaßte er, hätten sie ihn entdecken müssen – in der Wanne liegend, untergetaucht, mit abstehenden, um den Kopf herumschwimmenden Haaren – das Gesicht weiß, die Augen starr, den Mund geöffnet unter Wasser, wie ein dahintreibendes Sirenenopfer. Oh … das Geschrei wollte er gerne hören!
  Aber erst einmal hätten sie es nicht bemerkt, die beiden da unten im Wohnzimmer. Während er gestorben wäre, hätten sich Frau und Tochter über Fernsehfilme oder irgendetwas anderes Banales ausgetauscht, sich unbeschwert auf dem Sofa gerekelt, über dies und das gekichert.
  Gestorben wäre er ganz allein.
  Nicht zum ersten Mal probte er das Sterben, indem er einfach den Atem anhielt. Er wollte wissen, wie sich das anfühlt, wenn alle anderen weiteratmen; wissen, wie es weitergeht, nach dem Entweichen des letzten Sauerstoffes aus seinen Lungenflügeln. Es war jedes Mal mehr Luft gewesen, als erwartet. Einsam fühlte sich das an.
  Er lag also in der Badewanne, und das allabendlich, wie ein Mädchen. Er, Marvin Abel, ein Mann im besten Alter, in heißem, sündhaft aufgeschäumtem Wasser – heute ein Rosenblütenbad. Aber nur hier konnte er sein Gedankensamsara noch so gelassen ertragen. Langsam rutschte er etwas tiefer. Die Beine ein wenig anzuziehen, das reichte schon, um seine schmalen Schultern im Wasser verschwinden zu lassen. Ja, etwas Krafttraining hätte da vielleicht helfen können. Aber wozu jetzt darüber nachdenken? Es spielte keine Rolle mehr. Oder doch?
  Von unten drangen Lisas und Julias Stimmen durch die geschlossene Badezimmertür. Ihre Stimmen verwischten zu einem monotonen Brei, unterbrochen von einigen Höhen, in denen sie kicherten. Beneidenswert, diese Lebensleichtigkeit der beiden. Fast schon unverschämt! Niemals mehr würde er das mit ihnen teilen können. Nie mehr entspannt vor dem Fernseher sitzen oder sich unbeschwert auf dem Sofa ausstrecken. Selbst, wenn es vorerst gut ausgehen würde. Vorerst!
  Eineinhalb Meter über ihm brummte die Leuchtstoffröhre, die er so eigenhändig wie umständlich hinter einer Wand von dunkelblauen Fliesen angebracht hatte, um die Badewanne indirekt zu beleuchten. Romantisch hatte es werden sollen. Der raffinierte Versuch von Verführung an einem sinnlichen Ort. Doch dazu war es nie gekommen. Leider! Vielmehr weit weg gerückt, angesichts der brutalen Wirklichkeit der letzten Wochen.
  Was hatte sein Arzt noch zu ihm gesagt?
  ›Ihr Blutdruck gefällt mir nicht!‹
  Hoher Blutdruck? Wäre das alles gewesen, hätte er in diesen Tagen vermutlich ständig an seine Blutdrucktabletten gedacht; immer besorgt, ob sie auch helfen. Nach der Kniearthrose das nächste ernst zu nehmende Zeichen seiner Vergänglichkeit. Wie lächerlich!
  Was war schon ein hoher Blutdruck gegen das, was danach entdeckt wurde! Eine kurze Untersuchung im Krankenhaus – eigentlich nur erfolgt, um eine ernsthafte Erkrankung hinter seinen Beschwerden auszuschließen – stellte sein Leben auf den Kopf.
  Wäre er doch niemals wegen dieser Kopfschmerzen zum Arzt gegangen! Er wüsste es bis heute nicht. Nichts in seinem Leben hätte sich bis jetzt verändert, besonders das „Zukunftspläneschmieden“ nicht. Er wollte sich doch um diese Stelle als Geschäftsführer in der neuen Tochtergesellschaft der Firma bewerben, und er hätte sie bekommen. Er – und nicht dieser arrogante Jungakademiker aus der anderen Abteilung, der ihm seit zwei Jahren schon im Nacken saß. Lisa wollte er zum vierzigsten Geburtstag im übernächsten Monat mit zwei Wochenend-Tickets nach Stockholm überraschen. Und auf diesem Drei-Tagestrip hätte er, wie in jedem Urlaub, entspannten Sex mit ihr gehabt. Mit der Auszahlung der Tantiemen wollte er sich am Jahresende endlich diesen sündigen Zweisitzer gönnen, von dem er bereits vier verschiedene Prospekte besaß. Eine solche Liste konnte er beliebig fortsetzen. Alles das hatte er geplant, ungeachtet der Möglichkeit, jemals ernsthaft zu erkranken. Gut, eine Krankheit im Alter – das konnte man sich ja vorstellen – wann auch immer ›alt‹ beginnen mochte. Aber nicht jetzt schon. Nicht mit fünfundvierzig – das fand er nicht alt. Als junger Mann von zwanzig Jahren danach befragt, hätte er fünfundvierzig wahrscheinlich als greisenhaft empfunden, aber nicht heute. ›Alt‹ wird man immer erst später. Und auch sterben wird man immer erst später.
  Er stieg aus der Badewanne. Schrumpelig. Noch immer aufgeheizt genug, um in der Nacktheit nicht zu frieren, bewegte er sich in Richtung Waschbecken, ohne sich abzutrocknen. Kleine Wasserpfützen in Fußform legten eine Spur auf die Fliesen. Doch der schnelle Wechsel zwischen dem Liegen in dem heißen Wasser und der plötzlichen Bewegung bekam ihm nicht. Alles wurde auf einmal schwarz. Er versuchte halbwegs kontrolliert zu Boden zu gleiten, indem er sich am eben noch erreichten Waschbecken festhielt …
  Als Marvin die Augen wieder aufschlug, fand er sich auf dem Badvorleger liegend. Rechts neben ihm die weiße Säule des Waschbeckens und links von ihm das Katzenklo. Er starrte hinein. Wahrscheinlich gab ihm der Geruch daraus das Bewusstsein zurück. Diese dämliche Katze seiner Frau, die immer dann ins Klo machte, wenn er badete, sollte also doch für etwas gut sein.
  Was war geschehen? Ach ja, zu heiß gebadet, zu schnell aus der Wanne gestiegen und – ach ja, er hatte diesen Tumor im Kopf. Es war kein Traum.
  Er setzte sich auf, blieb eine Weile am Boden sitzen, die Arme nach hinten abgestützt. Allmählich drangen auch die Geräusche der Umwelt wieder zu ihm durch. Alles unverändert. Nicht einmal das hatten Frau und Kind bemerkt.
  Übelkeit breitete sich aus – vom Kopf her. Zum Kotzen! Das jetzt auch noch! Marvin glaubte plötzlich, sich noch nie so alleine gefühlt zu haben. Dabei war das erst der Anfang. Was sollte da noch auf ihn zukommen? Wenn es auch grammatikalisch nicht möglich war – gefühlsmäßig gab es für ihn eine Steigerung von ›allein‹.
  Mühselig zog er sich am Waschbecken hoch. Der Spiegel stellte sein Gesicht bloß. Blass sah es aus und schmal. Elf Kilo hatte er abgenommen in den letzten Wochen. Langsam drehte er den Kopf nach beiden Seiten um und betrachtete dabei seine Gesichtshaut genau. Alt und fahl sah sie aus, wie ein schlappes Stück Fleisch über den Schädel gezogen. Es kam ihm nicht wie sein eigenes Gesicht vor, das ihn da anblickte, mehr wie das eines fremden alten Mannes, dessen Schicksal ihm in einem bewegenden Film vorgeführt wurde.
  Er packte in das schwammige Wangenfleisch hinein, fest, um sich zu spüren. Trotzdem fühlte er mehr mit den Fingern, als mit der Haut seiner Wangen. Wo war sein ›Ich‹ geblieben? In einem fremden Körper? Oder besaß sein Körper ein fremdes ›Ich‹?
  »Marvin?«
  Lisa rief von unten hoch und holte ihn aus seinem Dämmerzustand zurück.
  »Marvin?«
  Er hörte seine Frau die Treppe hochkommen, denn ihre Stimme klang jetzt näher und ihre Füße lösten auch ohne Hausschuhe ein leises kurzes Knacken an einigen Stellen der Holztreppe aus. Hatte sie doch etwas von seinem Sturz bemerkt? Im Spiegel sah er dann, wie Lisa die Tür hinter ihm einen Spalt öffnete und hereinschaute.
  »Weißt du eigentlich noch, in welcher Zeitung dieser Witz steht? Du weißt schon, dieser Gezeichnete.«
  »Was?«
  Mit beiden Händen auf das Waschbecken gestützt, drehte er sich um. Er sah sie an und versuchte angestrengt, aus seiner Gedankenwelt in die ihre zu wechseln.
  »Na, dieser gezeichnete Witz mit den Vögeln, die alle in einer Ecke hocken, weil einer geniest hat … wegen der Vogelgrippe! Der ist doch so süß. Ich will ihn Julia zeigen.«
  Lisa kam herein, während sie sprach, und stellte sich vor ihn hin. Sie musste hochschauen, um ihm in die Augen zu sehen. Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht über seinen nackten Körper auf den Fußboden, bis zur Badewanne und zurück.
  »Du hast dir schon wieder nicht die Füße abgetrocknet!«
  Es klang vorwurfsvoll und er fand, sie hatte Recht. Wie schnell konnte man mit nassen Füßen im Bad stürzen! Vor einer Minute war es ihm passiert.
  »Hast du eigentlich eine Ahnung, was für Flecken das auf diesen dunklen Fliesen hinterlässt?«, hielt sie ihm vor.
  »Welche Flecken es hinterlässt, wenn ich stürze?«
  Irritiert sah er in Lisas zartes Gesicht. Sie versuchte trotz ihres mädchenhaften Aussehens einen strengen Ausdruck, indem sie die Haut zwischen ihren zusammengewachsenen dunklen Augenbrauen zu senkrechten Falten zog. Es gelang ihr nicht, aber das wusste sie nicht. Lisa hasste diese zusammenwachsenden Brauen und trimmte sie gelegentlich durch Auszupfen. Doch Marvin mochte sie. Er fand Lisa so natürlicher. Er mochte es nicht, wenn sie ihre Brauen in wahren Auszupforgien zu dünnen Linien stylte und dann wieder nachzog. Glücklicherweise tat sie sich das nur selten an, weil sie das Zupfen schmerzte.
  »Ich meine diese Wasserflecken, Marvin! Täglich wische ich hinter dir her. Kannst du dir nicht vorstellen, dass mir das auf die Nerven geht?«
  Ihr voller Mund verzog sich nach unten und sie seufzte extra laut, um ihren Ärger zu verdeutlichen.
  Marvin warf einen Blick auf den Boden. Aha – die Wasserflecken.
  »Ich wische gleich auf«, sagte er kleinlaut, wie überführt, und noch immer fasziniert von Lisas Gesicht. Wie oft hatte ihn der Alltag davon abgehalten, sie genau zu betrachten. Er wollte wieder in ihre grünen Augen sehen; ein wenig in der Hoffnung, sie könnte seinen Probetod im Nachhinein noch bemerken. Doch sie stand schon nicht mehr vor ihm, ging zur Tür heraus, mit wippendem, braun gelockten Pferdeschwanz, einen Hauch süßen Deoduft hinter sich lassend. Ihre kleinen Füße tapsten nach unten. Die Tür ließ sie etwas offen stehen und die eindringende kühle Luft bescherte seinem unbedeckten Körper eine leichte Gänsehaut.
  Marvin drehte sich zurück zum Spiegel und sah einem inzwischen wieder leicht rosafarbigen, wenn auch verdutzten Gegenüber ins Gesicht. Lisa hatte anscheinend beschlossen ihr Leben so weiterzuleben wie bisher.
  Er erinnerte sich an den Tag vor etwa vier Wochen, als ihm der Arzt mitgeteilt hatte, der Tumor wäre bösartig.
  Marvin war sofort nach Hause gefahren. Zitternd am ganzen Körper konnte er sich nur mit Mühe auf die Autofahrt konzentrieren. Zu Hause angekommen und kaum noch auf den Beinen stehen könnend, suchte er nach Lisa. Sie war im Waschkeller. Zwischen einem Berg alter Wäsche und frischen nassen Handtüchern, die auf der Leine hingen, fielen sie sich in die Arme, um zu weinen. Es war bitter und Lisa konnte sich nicht mehr beruhigen. Marvin ertrug das nicht. Und so begann er, die ihm und ihr hingeworfene Diagnose etwas abzuschwächen. Er redete sie harmloser, weniger bedrohlich. Schließlich stellte er sie ganz infrage. Sicher sei es keine endgültige Diagnose, machte er ihr vor. Außerdem wäre die medizinische Forschung doch heute schon so weit fortgeschritten. Auch mit einer solchen Erkrankung konnte er noch hoffen. Wer weiß, hörte er sich sagen, vielleicht irrte man ja im Krankenhaus – schließlich spürte er nichts von diesem Tumor in seinem Kopf, das sei doch verwunderlich! Man hörte doch oft von solchen Fehldiagnosen. Auf jeden Fall aber könnten sie ihn ganz sicher retten.
  Und während er all das gesagt hatte, hatte auch er ein bisschen zu hoffen gewagt.
  Danach ging es Lisa besser. Seine vage Hoffnung, aus Verzweiflung dahingesagt, war für sie zur Gewissheit geworden. Was nicht sein durfte, ließ sie nicht zu, und sie vergoss keine weiteren Tränen mehr. Es konnte einfach nicht sein, dass Marvin nichts von so einer schweren Erkrankung bemerkte. Er konnte reden wie immer, sich normal bewegen, logisch denken, ›intellektuell schwafeln‹, wie sie es nannte. Nichts schien anders als zuvor. Und wenn alles wie immer war, dann konnte sie sich auch über Fußabdrücke auf den schönen dunkelblauen Fliesen aufregen. C’est la vie!
  Marvin begann zu lachen, als er über all das nachdachte. Er lachte sarkastisch, gemein sich selbst gegenüber. Er lachte, obwohl der Gedanke an Lisa und die Wasserflecken ihn schier verzweifeln ließ. Was sollte er ihr sagen? Dass er sie hoffnungsvoll belogen hatte? Dass sie gefälligst weinen sollte?
  Er lachte noch mehr, versuchte aber leise zu sein, damit niemand ihn hören konnte. Der Spiegel zeigte, wie sich dabei die Krähenfüße um seine Augen vertieften und sein ohnehin schon breiter Mund sich fratzenhaft in die Breite zog.
  »C’est la vie – c’est la mort!«, flüsterte er zwischen den Lachpausen und es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beherrschen konnte. Schließlich schüttelte er den Kopf über sich selbst.
  »Ist alles in Ordnung mit dir? Was soll das, du alter Narr? Müsstest du nicht mehr Ernst an den Tag legen in deiner Lage?«
  Das wirkte endlich. Sein Lachen fror langsam ein und ein gewisses neutrales Gefühlserleben machte sich in ihm breit.
  ›Okay‹, dachte er‚ ›mache dir klar, wie du dich im Augenblick tatsächlich fühlst! Dir geht es doch im Moment nicht wirklich schlecht! Das bisschen Übelkeit kann man doch ertragen.‹
  Marvin schloss für die nächsten Atemzüge die Augen, dann öffnete er sie wieder. Mit Bedacht nahm er seine Zahnbürste von der Ablage des Waschbeckens. Gewissenhaft drückte er die Zahncreme auf die Borsten und begann, die Zähne zu putzen – schön langsam von oben nach unten und umgekehrt. Wozu er sie immer noch dreimal täglich penibel reinigte, wusste er nicht. Für Karies blieb ihnen ja eigentlich keine Zeit mehr, wenn er der schlechten Prognose seines Neurologen für Glioblastome glauben durfte. Aber im Moment vertrieb der scharfe Pfefferminzgeschmack den letzten Rest der grässlichen Übelkeit aus seinem Mund.
  Sorgfältig in sich hineingefühlt, verspürte Marvin im Augenblick kein körperliches Unbehagen, weder Schmerz, noch Übelkeit – nur ein wenig Schwäche weiterhin. Einzig und allein sein Bewusstsein schien ihm das Leben schwer zu machen, indem es ohne Unterlassung um das eine Thema ›Gehirntumor‹ kreiste.
  ›Im Kopf steckt die Angst‹, dachte Marvin, ›im Kopf steckt die Angst.‹