Der Judas-Schrein

von Andreas Gruber

»Nichts ist, wie es scheint, bis Andreas Gruber alle Puzzleteile im finsteren Finale zu einer perfekten Weltuntergangsstimmung zusammenfügt.« - Kai Meyer

INHALTSBESCHREIBUNG


In dem abgeschiedenen Dorf Grein am Gebirge, eingeschlossen zwischen den Bergen und einem Fluss, wird eine verstümmelte Mädchenleiche entdeckt, der mehrere Rückenwirbel fehlen. Als Kommissar Alex Körner und sein Team mehrere Exhumierungen anordnen, nehmen die Ermittlungen eine ungeahnte Wendung. Zudem spitzt sich die Lage zu, als der vom Dauerregen stark angeschwollene Fluss über die Ufer tritt. Vom Hochwasser eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten, kommt eine schreckliche Wahrheit ans Licht und die grausamen Morde gehen weiter …

Der österreichische Schriftsteller Andreas Gruber, der vor allem für seine Kriminalromane rund um den kauzigen Ermittler Maarten S. Sneijder bekannt ist, verbindet in DER JUDAS-SCHREIN sein bewährtes Gespür für packende Kriminalgeschichten mit seiner Begeisterung für Horror und Grusel in der Tradition von H.P Lovecraft.

1. KAPITEL

Körner warf sich den nassen Mantel über den Arm. Wie ein schneidiger Wolf zog er durch die dritte Etage des Landeskriminalamts. Eisige Kälte. Hier roch es nach Kalk und feuchtem Holz. Das Quietschen seiner Schuhe hallte im Treppenhaus wider. Wie er diesen Weg hasste! Es war wie der Gang zum Scharfrichter – falsch, es war der Gang zum Scharfrichter.

Die letzten Tage hatten an seinen Nerven gezerrt. Er hatte zu wenig gegessen, zu viel gearbeitet und war abgemagert. Seine Hose flatterte um die Hüften und wurde lediglich durch den eng gezogenen Gürtel gehalten. Daran änderte nicht einmal der schwarze Pullover etwas, den er sich in den Hosenbund gestopft hatte. Um seine ausgemergelte Erscheinung wettzumachen, war er frisch geduscht und rasiert. Er musste einen guten Eindruck machen, bei dem, was auf ihn zukam.

Die große Wanduhr über dem Eingang des Reviers zeigte 8:25 Uhr. Körner war spät dran. Die Kollegen vom Morddezernat hatten die Einsatzbesprechung bestimmt schon hinter sich. Gleich würden sie wie blutrünstige Hyänen über ihn herfallen. Körner nestelte am Sakko, stopfte die Hand in die Hosentasche und stieß die Tür auf. Im Büro roch es nach Kaffee und Zigaretten.

»Da ist er«, flüsterte jemand. Ein Funkgerät knackte. Schwaiger und Kretschmer waren über Schubladen gebeugt und schauten auf, Breitner legte das Schulterholster an, Sedlak schob einen Stapel Akten zusammen. Gleichzeitig hielten sie in der Bewegung inne.

»Na, Körner, hast du deine Glock dabei?«

Verhaltenes Raunen.

»Oder kann man deine Knarre schon am Schwarzmarkt kaufen?«

Witzig! Er ignorierte die Kommentare und ging grußlos zwischen den Schreibtischen hindurch und an den Flipcharts vorbei. Einige Beamte wichen seinem Blick aus, doch andere wie Kretschmer ließen sich keine Gelegenheit entgehen.

»Streckst du neuerdings alle deine Verdächtigen mit einem Handkantenschlag nieder, Körner?«

»Wenn du deinen Partner loswerden willst, steckst du ihn am besten zu Körner ins Team, dort hat er gute Chancen, eine Kugel ins Bein zu bekommen.« Breitner zog den Holstergurt straff. Die Worte klangen veralbernd, doch seine stechenden Augen sprachen eine ganz andere Sprache.

Körner ließ die Hyänen hinter sich und ging auf Jutta Korens Büro zu. Erst als seine Hand auf der Klinke lag, fühlte er den kalten Schweiß seiner Finger. Mit den Beamten des eigenen Reviers auf Kriegsfuß zu stehen war schlimmer, als mit der Dienstmarke auf die Brust geheftet im Zellenblock für Schwerverbrecher zu stecken. Er merkte, wie er die Nerven verlor, dabei hatte der Psychoterror gerade erst begonnen.

Er atmete tief durch und betrat das Büro seiner Vorgesetzten. In diesem winzigen Raum mit den hohen Wänden lag der Duft von Damenparfum. Chanel No. 5. In den Regalen stapelten sich die Aktenordner, auf dem Schreibtisch standen drei Telefone, und an jedem klebten gelbe Notizzettel. An der Wand hingen die gerahmten Fotos von Korens Vorgängern. Sie selbst bildete den Abschluss in einer langen Reihe grauer Herren im dunklen Nadelstreif.

»Schließen Sie die Tür, Körner.« Jutta Koren wandte ihm den Rücken zu und starrte aus dem Fenster. »Setzen Sie sich!« Der Regen lief über die Scheiben und im grauen Einerlei des Straßenverkehrs blitzten Autoscheinwerfer und Neonreklamen auf.

Körner blieb stehen. Er strich sich über das zurückweichende Haar, das er sich immer so kurz wie möglich schnitt. Der Unterkiefer seines kantigen Gesichts mahlte. Er war knapp einundvierzig Jahre alt, die Geheimratsecken machten ihn interessant, wie er fand. Doch sein raues Äußeres, die stechenden braunen Augen und das Lächeln, das er zuweilen zustande brachte, würden ihm jetzt nicht viel nützen. Koren würde ihn zur Schnecke machen, so viel war sicher. Die Gedanken daran hatten ihn die halbe Nacht wach liegen lassen.

Die Grande Dame der Kriminalpolizei ließ sich Zeit. Sie neigte den Kopf und blickte immer noch stumm aus dem Fenster. Koren war zehn Jahre älter als er, verdammt attraktiv, sportlich und hatte einen dunklen Teint. Sie trug einen grauen Hosenanzug, hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt und bohrte mit einem ihrer Absätze auf dem Parkett, als dachte sie darüber nach, ob sie gemäßigt oder aufgebracht beginnen sollte.

»Seit fünf Jahren leite ich das Mord-, Betrugs- und Entführungsdezernat«, sagte sie, als redete sie mit sich selbst, während sie der Straßenbahn hinterherblickte. »Ich habe sieben Mal die Woche einen Sechzehn-Stunden-Tag. In dieser von Männern dominierten Welt darf ich mir keinen Fehltritt leisten. Seit ich diesen Job angetreten habe, versuche ich mich von meinen Kollegen abzuheben. Ich arbeite hart, versuche, fair zu sein und lasse mich auf kein Intrigenspiel ein. Das ist der Grund, weshalb in diesem Haus von allen Seiten gegen mich gearbeitet wird. Bisher konnte ich mich aus zwei Gründen halten – ein gutes Team und herausragende Leistungen.«

Also ging sie es sanft an. Die harte Tour wäre ihm lieber gewesen, denn in der vermeintlichen Sanftheit lauerte die Gefahr.

»Ich sage es Ihnen ehrlich.« Sie wandte sich um und musterte ihn mit kalten Augen. Ihre Stirn lag in Falten, von ihrem gewohnten Lächeln war nichts mehr übrig. »Ihr Fall könnte mir das Genick brechen. Das LKA wartet nur darauf, mich aus diesem Büro zu jagen. Dennoch versuche ich, Sie so lange wie möglich zu decken.«

»Ich habe …«

»Seien Sie still!« Eine graue Haarsträhne fiel ihr in die Stirn. »Jetzt setzen Sie sich endlich!«

Körner warf den Mantel über die Stuhllehne, blieb aber stehen. Er senkte den Kopf und starrte das Narbengewebe auf seinem Handrücken an. Der Rest der alten Wunde war durch Pullover und Sakko verdeckt.

Koren ignorierte seine Sturheit. »Novak war ein alter Fuchs, die graue Eminenz im Morddezernat. Viele haben auf seinen Posten spekuliert. Als Novaks Nachfolger sind Sie einer der jüngsten Chefinspektoren des Morddezernats … und was machen Sie bei Ihrem ersten Fall als Chefinspektor? Sie rücken mit geladener Dienstwaffe aus!«

Die verdammte Waffe! Er hatte geahnt, dass dieser Vorwurf kommen würde. Gestern Abend hatte er in der achten Etage eines Hochhauses mit einem mutmaßlichen Mörder Verhandlungen geführt. Die Glock im Holster, das Sakko offen, und dann hatte er sich zu dem Verdächtigen vorgebeugt.

»Ich habe …«, begann er.

»Sie waren eine Gefahr für das gesamte Team! Sie haben dem Verdächtigen ihre Waffe direkt unter die Nase gehalten. Er wäre ein Idiot, hätte er nicht danach gegriffen. Bilanz: ein schwer verletzter Mittelsmann, ein angeschossener Beamter aus dem Bombenteam, und Dr. Sonja Berger aus Ihrer Gruppe wurde ebenfalls verwundet. Aber das Schlimmste ist, Sie haben dem Mann mit der Faust den Adamsapfel zertrümmert. Er liegt im Koma – Herrgott! Sein Anwalt hat heute Morgen Verbindung mit der Presse aufgenommen.«

»Was sollte ich machen? Der Kerl hat mit der einen Hand das Feuer eröffnet und in der anderen den Bombenauslöser gehalten. Er hatte fünf Geiseln in seiner Gewalt, das gesamte Haus war vermint und …«

»Das ist der nächste Punkt. Wo sind die Zünder?«

»Sichergestellt. Im Kofferraum meines Wagens. Das habe ich in meinem Bericht erklärt.«

»Ich weiß, der verdammte Bericht.« Sie wehrte den Gedanken mit den Händen ab. »Ihre Aussage liegt seit gestern Nacht beim LKA. Das nächste Mal sprechen Sie sich mit mir ab, bevor Sie eine Erklärung abgeben. Falls es überhaupt ein nächstes Mal gibt.« Sie seufzte. »Sie haben nicht nur eine Disziplinaranzeige am Hals, sondern Kommandant Bejk wird ein Verfahren einleiten. Er will das gesamte Programm gegen Sie durchziehen. Sie können sich denken warum. Er war nicht glücklich darüber, dass ausgerechnet Sie Novaks Nachfolger wurden. Der Kommandant hätte lieber seinen Protegé auf dem Posten des Chefinspektors gesehen, und seit gestern hat er endlich etwas gegen Sie in der Hand. Offensichtlich läuft es darauf hinaus, dass Sie zu einer Anhörung vor Gericht geladen werden. Er fordert, dass ich Sie bis dahin vom Dienst suspendiere. Aber das ist immer noch meine Entscheidung. Ich habe ihm erklärt, dass ich Sie zurzeit brauche, weil Sie an einem brisanten Fall arbeiten.« Koren verschränkte die Arme hinter dem Rücken und musterte ihn mit lauerndem Blick.

Er schluckte. »Aber ich habe keinen Fall.«

»Jetzt schon!« Sie griff in die Lade und knallte eine dünne Mappe mit Faxpapieren auf den Tisch. »Ist gerade reingekommen. Eine Leiche. Ein dreizehn- bis vierzehnjähriges Mädchen, brutal verstümmelt.«

Körner rührte sich nicht. Stumm starrte er auf den grünen Deckel der Flügelmappe und die Papiere, die daraus hervorquollen.

»Ein Mord in einer Provinzdiskothek. Das sind die Fotos. Na los, schauen Sie sich die Akte an!«

Weshalb suspendierte sie ihn nicht einfach? Breitner, Schwaiger oder Kretschmer konnten den Fall übernehmen. Als er durch die Fotos blätterte, versteifte sich sein Rückgrat. Mit einem Mal wusste er, weshalb sie ausgerechnet ihn am Tatort haben wollte. Auf den lausigen schwarz-weißen Kopien der Faxrolle war die Fassade einer Diskothek zu erkennen, mit einem Vordach, Holzstehern und verbarrikadierten Fenstern. Der Putz blätterte von der Wand und das Regenwasser sammelte sich in einer Mulde unter der Fensterbank. Den Digitalziffern am Rand des Bildes entnahm er, dass die Aufnahme erst eine halbe Stunde alt war.

Weitere Fotos zeigten die Innenräume einer Bar: Tische, Stühle, einen Tresen, speckige Holzbohlen und dunkle Querbalken mit einer Lichterkette aus Glühbirnen. Die Leiche war nur undeutlich zu erkennen. Sie lag auf dem Bauch, mit dem Gesicht nach unten. Ihre Bluse war zerrissen, der Rücken freigelegt. Neben der Leiche glaubte er, den Schatten eines Eisengestells ausmachen zu können. Es wirkte wie ein geschweißtes Stahlgerippe, mit einer Sitzbank, Seilen und Flaschenzügen.

»Wo ist das?«, fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte.

Koren setzte sich und stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch. »In einem Ort an der niederösterreichisch-burgenländischen Grenze, im Rosaliengebirge.«

»Ich kenne diese Diskothek.«

»Ich weiß. Das ist die Gaslight Bar in Grein am Gebirge.«

Körner versuchte zu schlucken, doch seine Kehle schnürte sich immer enger zusammen. Er schloss die Akte und legte sie beiseite. »Dort gehe ich nicht hin. Suspendieren Sie mich!« Unwillkürlich blickte er auf das hellrote Narbengewebe auf seinem Handrücken. Wie auf Befehl begann die alte Brandwunde zu schmerzen, als wäre sie nie geheilt.

»Körner, um Himmels willen! Sie sind mein bester Mann. Soll ich etwa Breitner und Kretschmer dorthin schicken? Sie kennen die Einheimischen, Sie kennen die Gegend, Sie sind dort aufgewachsen.«

»Ich war seit siebenundzwanzig Jahren nicht mehr dort.«

»Dann frischen Sie Ihre alten Bekanntschaften auf. Bringen Sie mir handfeste Ergebnisse, zeigen Sie dem LKA, was Sie draufhaben!«

Seufzend nahm er die Faxrollen zur Hand und blätterte sie ein weiteres Mal durch. »Die Bilder sehen merkwürdig aus.« Er betrachtete die Digitalanzeige am Bildrand. »Wer hat die Fotos gemacht?«

»Ein Pressefotograf von der Rundschau. Er war mit einer Reporterin am Tatort.«

Körner runzelte die Stirn. »So schnell?«

»Die Reporterin hat die Leiche entdeckt.«

»Die haben die Leiche entdeckt und sofort alles fotografiert? Haben die etwa auch schon den Mörder vernommen?«

»Körner, sparen Sie sich Ihren Sarkasmus.«

Er wurde wieder ernst. »Was hat eine Journalistin in diesem Nest zu suchen?«

»Keine Ahnung. Finden Sie es heraus! Rolf Philipp von der Spurensicherung ist schon auf dem Weg dorthin. Ich habe ihm Kralicz samt Kameraset mitgeschickt. Ich schlage vor, Sie setzen sich in Bewegung. Wenn Sie jetzt losfahren, sind Sie um zehn Uhr dort.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Heute Abend möchte ich die ersten Ergebnisse sehen.«

Heute Abend? Er hatte geahnt, es würde ein mieser Tag werden. »Ich brauche so bald wie möglich ein rechtsmedizinisches Gutachten. Wer hat gerade Dienst?« Körner überflog die grünen Linien auf dem Tischkalender.

Koren schmunzelte, es war die blanke Schadenfreude. »Jana Sabriski.«

»O Gott, nein!«

»Was haben Sie gegen Frauen?«

»Nichts!« Körner hob abwehrend die Hand. »Ich meine nur, wir sollten …«

»Wir können auch darauf bestehen, jemand anderen für diesen Fall zu bekommen, aber ich sage Ihnen etwas …« Korens Stimme bekam einen süßlichen Tonfall. »… Jana Sabriski ist die Beste. Wir können froh sein, dass ihr Vierundzwanzig-Stunden-Dienst heute Morgen begonnen hat. Nur weil Sie mal mit ihr geschlafen haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie nicht gemeinsam an einem Fall arbeiten können.«

Körner fühlte Röte in sein Gesicht schießen. Woher zum Teufel wusste sie davon? »Ich …«

»Ich gebe Ihnen einen Rat, nicht als Ihre Vorgesetzte, sondern als Freundin. Trennen Sie Berufliches und Privates. Dann schlittern Sie nicht in so einen Schlamassel.«

Körner ballte die Hand in der Hosentasche. »Sie schicken mich an den Ort, in dem ich aufgewachsen bin, dann hängen sie mir noch meine Ex-Lebensgefährtin als Rechtsmedizinerin an den Hals.«

Koren lächelte ihn an. Er hasste diesen siegessicheren Gesichtsausdruck.

»Sie haben Ihren vorigen Fall gründlich vermasselt, und diese Ermittlung bewahrt Sie vor der Suspendierung. Mehr kann ich nicht für Sie tun. Entweder Sie fahren dorthin und bringen mir die ersten Hinweise, oder Sie geben mir Marke und Waffe, räumen Ihren Schreibtisch, und wir sehen uns am Montag vor Gericht.«

Körner schwieg. Er kramte die Fotos zusammen, nahm seinen Mantel und ging zur Tür.

»Körner! Vergessen Sie nicht, die beschlagnahmten Zünder im Spurensicherungsbüro abzuliefern. Die warten darauf, ihren Bericht schreiben zu können.«

»Ja, heute Abend.« Grußlos verließ er das Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Draußen lauerten die Hyänen. Sie starrten ihn erwartungsvoll an.

»Na, du Held! Suspendiert?«, fragte Kretschmer.

Körner schüttelte den Kopf.

Schlimmer, dachte er.

Ende der Leseprobe

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