DER FÜNFTE ERZENGEL

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Andreas Gruber

ERZÄHLBAND

»Nach der Lektüre bin ich einfach nur froh, nicht Andreas Grubers Bruder zu sein. Oder seine Frau. Warum? Lassen Sie sich überraschen.« [Boris Koch]

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Beschreibung


15 ERSCHRECKENDE GESCHICHTEN, VON HORROR BIS PHANSTASTIK

Andreas Gruber serviert ein deftiges 15-Gänge-Menü phantastischen Schreckens und menschlicher Abgründe. Treten Sie ein in Friedhöfe, Nervenheilanstalten, verlassene Herrenhäuser und düstere Altbauten, in denen der Wahnsinn nistet. Seien Sie gefasst auf ein unheimliches Brüderpaar, einen geheimnisvollen Fahrstuhl, eine heimtückische Seuche, eine tödliche Buchpräsentation, einen verhängnisvollen Urlaub in das Herzen Marokkos und den finalen Horror biblischen Ausmaßes.

BEI ANDREAS GRUBER IST ALLES MÖGLICH!


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2017

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

388

ISBN

978-3-95835-236-0

eISBN

978-3-95835-237-7

Leseprobe


Wahrscheinlich ein kaputter Gasherd


Ich kann mich noch an meinen zweiten Schreibworkshop erinnern, den ich 1996 als junger und – wie ich hoffte – talentierter Schreibanfänger mit anderen Autoren bei einem Deutschprofessor in Berndorf absolviert habe.

Ich wollte schon damals Schriftsteller werden und habe mich im Rahmen dieses Workshops intensiv mit den Biografien klassischer Autoren auseinandergesetzt und dabei etwas Interessantes herausgefunden: Die Selbstmordrate unter Schriftstellern ist enorm hoch.

Das hat mich aber nicht abgeschreckt, selbst schreiben zu wollen. Denn ich überlegte mir: Liegt es an diesem Beruf, dass viele den Freitod wählen? Oder liegt es vielmehr daran, dass sensible und suizidgefährdete Menschen diesen Beruf wählen?

Ich habe versucht, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, und herausgekommen ist dabei eine Geschichte, die den Auftakt dieser Sammlung bilden soll.

Viel Spaß damit.


Guten Abend! Kommen Sie herein, die Wohnungstür ist offen. Behalten Sie die Schuhe ruhig an. Folgen Sie mir ins Arbeitszimmer, aber erschrecken Sie bloß nicht vor den Gedichten, Notizen und Gedankensplittern, die hier überall kleben. Diese Zettel sind mein Lebenswerk – dreißig Jahre Schriftstellerei sozusagen –, als Fragmente an den Wänden verewigt.

Ja, dort steht der Schreibtisch. Wie Sie sehen, arbeite ich gerade an einem Roman, meinem ersten. Dieses Manuskript wird mir den Durchbruch bringen. Es wird ein Meisterwerk, was Dramatik, Handlung und Charakterzeichnung betrifft. Der Titel? Tja, es ist die Geschichte eines Autisten, Titel habe ich noch keinen – um die Wahrheit zu sagen, habe ich nicht einmal ein richtiges Konzept für die Geschichte. Aber Ideen spuken genug in meinem Kopf herum, ich brauche sie nur noch zu Papier bringen – nichts leichter als das.

Etwas vorlesen? Ja gern, aber bis auf den ersten Satz ist der Papierblock noch leer, und selbst dabei handelt es sich um ein Bruchstück, an dem ich bereits seit mehreren Wochen arbeite. Ich weiß, was Sie jetzt denken, aber ein Künstler kann seine kreative Phase nicht erzwingen. Kreativität kommt, wenn die Zeit reif dafür ist, bis dahin muss man eben abwarten und sich in Geduld üben … aber bitte, kommen Sie getrost einen Schritt näher und lesen Sie selbst. Nein, wo denken Sie hin! Ich möchte mich da noch nicht festlegen, ob das Buch tatsächlich mit diesem Satz beginnen wird:Als der autistische Maler heute Morgen aus dem Fenster blickte, schien ihm, als wolle ihm das Leben etwas mitteilen … Ich sagte ja, der Anfang ist bloß ein Fragment, er ist noch nicht ausgegoren, dient lediglich als Gedankenstütze für das fabelhafte Kapitel, das noch folgen wird.

Aber selbstverständlich, öffnen Sie ruhig ein Fenster. Allerdings finde ich nicht, dass es hier muffig riecht. Wie ich mich hier konzentrieren kann? Ich verstehe nicht … ja, Sie haben natürlich recht. Auf meinem Schreibtisch sieht es aus, als würde ich bereits seit Monaten an fünf Erzählungen gleichzeitig arbeiten, und in der Tat sind schon mehrere Monate vergangen, seit ich mich an das Pult gesetzt habe, um mein Buch zu schreiben … oder war es bereits im letzten Sommer, als ich nach meiner Lesung …? Ja richtig, es war im Juli letzten Jahres, bei meiner Dichterlesung im Wiener Literaturhaus, bei der ich einige Gedichte aus meinem Lyrikband vortrug. Die anwesenden Kritiker lobten meine Arbeit, die sie als experimentelle Selbstverarbeitung bezeichneten, mit intertextuellen Bezügen und spielerisch literarischen Ausdrucksmitteln. Einige wenige, die etwas von ihrem Fach verstehen! Jedenfalls gab ich nach jener Lesung bekannt, dass ich mit der Arbeit an einem neuen Projekt beginnen würde.

Stimmt, seit damals ist über ein Jahr vergangen, ein mehr als deprimierender Winter und ein ereignisloser Frühling, um genau zu sein. Aber unterschätzen Sie nicht die belebende Kraft einer schöpferischen Pause. An diesem Morgen habe ich mir allerdings vorgenommen, mich endlich mit dem nötigen Ernst in meine Aufgabe zu stürzen. Die vielen kleinen Zettel, die hier überall kleben, sehen zwar chaotisch aus, doch ich bin gerade mittendrin, meine Gedanken und Ideen zu ordnen. Irgendwo zwischen dem alten Wurstsemmelpapier, den Medikamenten, Weingläsern und leeren Flaschen muss sich eine handgeschriebene Inhaltsangabe verstecken, in der ich vor Monaten einige Gedanken festgehalten habe. Allerdings fürchte ich, dass selbst dort nicht viel mehr zu finden ist, als dieser Satz, den Sie ja bereits kennen. Ich muss gestehen, diese Unordnung ist mir unangenehm, und obwohl ich mir täglich vornehme, das Zimmer aufzuräumen, habe ich mich bis heute nicht dazu aufraffen können. Es ist kräfteraubend, aber das ständige Warten auf die Muse lässt mir kaum Zeit für andere Aktivitäten.

Früher musste ich mir über solche Dinge wie ein sauberes Schreibpult keine Gedanken machen, doch meine Mutter, nun, wie soll ich sagen … kümmert sich schon lange nicht mehr um diese Wohnung. Natürlich gibt es auch Putzfrauen, aber es ist erschreckend … die kosten ein Vermögen, und im Moment könnte ich selbst einen kleinen Nebenverdienst gut gebrauchen. Ach, kommen Sie! Das habe ich doch alles probiert. Tantiemen gibt es keine mehr, meine Förderungsansuchen wurden abgelehnt, sämtliche Beihilfen und Literaturstipendien gestrichen, und selbst meine Sozialrente wurde letztes Jahr auf ein Minimum reduziert. Scheinbar ist es wichtiger, Geld für andere Dinge auszugeben, als Kunst zu fördern. Die Stadt Wien hat mir sogar das Wasser abgedreht! Aber keine Sorge, ich komme schon über die Runden.

Möchten Sie übrigens etwas trinken? In der Küche müsste noch eine Wasserflasche stehen. Nein? Nun, wie dem auch sei, ich war schon lange nicht mehr im hinteren Teil der Wohnung. Vor der Eingangstür steht sicherlich eine Flasche Rotwein. Ein Nachbarjunge hilft mir manchmal dabei, die Wohnung zu verlassen, da mich in letzter Zeit Schwindelanfälle plagen. Er stellt mir fast jede Woche eine neue Flasche vor die Tür, die er heimlich aus dem Keller seines Großvaters … nun, wie soll ich sagen … entlehnt? Später einmal werde ich selbstverständlich alles von meinen Honoraren zurückzahlen.

Wie meinen Sie das, ich hätte mich in letzter Zeit verändert? Sie haben mich doch eben erst kennengelernt. Ach so, Sie meinen das Foto aus jener Zeit, als ich noch Lesungen hielt! Welcher Vollbart? Ich trage auch heute keinen Vollbart. Ich habe mich wohl seit einigen Tagen nicht mehr rasiert, das ist alles. Ich bin keineswegs blass. Nein, wie kommen Sie darauf? Also bitte, ich habe kein Fieber! Es ist nur so, dass ich in diesem Sommer wegen der vielen Arbeit kaum aus der Wohnung gekommen bin. Doch, einmal war ich mithilfe des Jungen draußen, um den Müll rauszutragen.

Abgemagert? Das täuscht. Der Pullover ist mir bloß einige Nummern zu groß, das ist alles … obwohl … letztes Jahr hat er mir noch gepasst. Wahrscheinlich hat er sich im Lauf der Zeit ausgeleiert; der müsste mal wieder heiß gewaschen werden, aber ohne Strom … wohin gehen Sie?

Ach, da ist ja der Wein, ein Côtes du Rhone. Wie das klingt! Darüber könnte man doch glatt ein Gedicht verfassen. Vielen Dank. Einen kleinen Schluck noch, danach werde ich mit meinem großen Roman beginnen … nein, nicht beginnen, sondern ich werde ihnfortsetzen. Jawohl! Wenn ich es mir recht überlege, ist dieser erste Satz doch nicht so schlecht … er ist gewissermaßen ausbaufähig. So etwas erkenne ich auf den ersten Blick! Warum sehen Sie mich so nachdenklich an? Conrad Ferdinand Meyer schrieb sein Gedicht vom Römischen Brunnen innerhalb von zwölf Jahren mehrmals um, und auch Hemingway feilte jahrelang an ein und demselben Satz, bis er endlich damit zufrieden war. Das zeichnet eben ein wahres Genie aus. Von Schriftstellern, die im Akkord ihre Manuskripte runtertippen, halte ich nichts. Wie können die kreativ sein, wenn sie sich dazu zwingen, pro Tag eine ganze Manuskriptseite zu schreiben? Eine Seite! Stellen Sie sich das einmal vor! Wahre Kunst braucht Zeit. Aber davon haben die ja keine Ahnung.

Kommen Sie doch näher, ich zeige Ihnen etwas … hoppla. Vorsicht! Sie können die Pizzakartons ruhig unter die Couch zu den anderen schieben. Hier, werfen Sie einen Blick auf Hemingways In einem anderen Land. Das Ende hat er Neununddreißigmal umgeschrieben. Stellen Sie sich das einmal vor? Neununddreißigmal! Aber ja, legen Sie das Buch getrost auf die Untertassen dort drüben … schieben Sie ruhig die Schachteln und Beipackzettel beiseite.

Wie meinen Sie das? Ich verstehe nicht. Meyer starb an den Folgen seiner psychischen Krankheit, und Hemingway hat sich erschossen! Na und? Wo sehen Sie da einen Zusammenhang? Wollen Sie etwa behaupten, dass … aber ich bitte Sie! Fritsch, Mann, Zweig, Burger, Kräftner, Raimund, Trakl, Stifter, Tucholsky und von Saar … ja, ja, sie alle haben ihrem Leben ein Ende gesetzt – und wenn schon! Aber sie waren unvergleichliche Künstler der Lyrik und Prosa, oder etwa nicht? Hören Sie auf damit! Ja, natürlich – es fällt auf, dass Selbstmord unter Dichtern relativ häufig vorkommt. Wen wundert es, haben doch Schriftsteller bekanntlich eine höhere Sensibilität als Menschen anderer Berufsgruppen. Vergleichen Sie doch nur mal einen Dichter mit einem Kraftfahrer … eben! Damit meine ich: Das Leben eines Schriftstellers ist ein einsames … glauben Sie mir, ich weiß das! Vielleicht hatte Tucholsky das Gefühl, sich nicht mehr weiter entfalten zu können. Und in seiner Ruhe und Abgeschiedenheit, in seiner Melancholie und Traurigkeit … na ja! Vielleicht bedeutet Schreiben auch, sich irgendwann umbringen zu müssen! Weshalb sehen Sie mich so an? Aber ich bitte Sie … der Satz stammt nicht von mir, er ist lediglich ein Zitat. Ja, bloß ein Zitat. Aber ich habe vergessen, von wem. Entspannen Sie sich!

Weshalb fragen Sie mich schon wieder, ob ich Fieber habe? Aber nein, mir geht es gut. Ich habe zuvor bloß ein paar Tabletten gegen die ständigen Kopfschmerzen genommen, aber ich glaube, sie beginnen erst jetzt zu wirken. Nein, Veronal ist nichts Starkes. Machen Sie sich keine Sorgen, und vielen Dank, dass Sie mich besucht haben. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, aber ich fürchte, Sie müssen mich jetzt verlassen … ich werde an meinem Roman weiterarbeiten.

Die Jalousien? Die lasse ich immer runter, wenn ich schreibe. Die Dunkelheit inspiriert mich, wissen Sie! Die Weinflasche können Sie gern mitnehmen. Ich glaube nicht, dass ich noch etwas daraus trinken werde.

Das hier auf der Kommode? Ach ja, danke, dass Sie mich daran erinnern. Diesen Brief habe ich vor einigen Monaten an meine Frau geschrieben. Sie wohnt schon lange nicht mehr hier. Dürfte ich Sie bitten, ihn bei der Post für mich aufzugeben? Vielen Dank.

Sie entschuldigen mich jetzt bitte! Ich schließe nur noch die Fenster. Die frische Luft … oh, verzeihen Sie bitte, dass ich gähne, aber ich werde plötzlich unheimlich müde.

Wohin ich gehe? Bloß in die Küche, um ein wenig aufzuräumen. Ach, ich glaube, das bilden Sie sich ein. Hier riecht es überhaupt nicht nach Gas. Der Geruch kommt wahrscheinlich aus dem Treppenhaus. Wahrscheinlich ein kaputter Gasherd. Leben Sie wohl!

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