Buchcover:

Das Urteil

von Daphne Niko

Eine Geschichte über Leidenschaft und Verrat, Glaube und Opfer, und über den Fall eines Imperiums im zehnten Jahrhundert v. Chr. in Israel und Ägypten.

INHALTSBESCHREIBUNG


965 v. Chr.

Nach dem Tod seines Vaters wurde Salomon zum Herrscher über das vereinte Königreich Israel und Juda ernannt und mit dem Bau des Tempels des Herrn in Jerusalem beauftragt. Er reist nach Ägypten, um mit Pharao Psusennes II. über das benötige Gold für diesen Tempel zu verhandeln und um die Beziehung zwischen den beiden Nationen zu verbessern. Dort verliebt er sich in die schöne Tochter des Pharaos, Nikali, und die beiden Könige stimmen einer arrangierten Ehe zu. Gegen ihren Willen, da sie einen anderen liebt, folgt Nikali ihrem neuen Ehemann nach Israel.

Vierzig Jahre später steht Salomons Reich am Rand des Zusammenbruchs. Die Macht ließ ihn arrogant werden, nachgiebig, und blind für die Intrige seiner Frau und eines seiner Stellvertreter, die das vereinte Königtum stürzen wollen. Während der Glaube des Königs ins Wanken gerät und die Moral seines Volkes schwindet, versammeln sich Feinde vor den Toren Israels. Der Besuch einer mysteriösen Königin lässt Salomon gerade rechtzeitig zu seiner einstigen Haltung zurückfinden, damit er seine Seele retten kann – aber es ist zu spät, um sein Königreich zu schützen.

Jemand, der dem König einst treu ergeben war, ist zurückgekehrt, um Anspruch auf die Krone Israels zu erheben – und Salomons Imperium in Stücke zu schlagen.

Kapitel 1

Megiddo, 925 v. Chr.

 

Das Safranlicht, welches das Schwinden des Tages verkündete, wurde bleiern, als sich eine Staubwolke, trocken wie der Erdboden, von dem sie aufstieg, am westlichen Horizont bildete. Die Ebenen, die sich wie irdene Wellen unterhalb des Siedlungshügels erstreckten, wurden nach und nach vom Dunst verzehrt, der über die Meeresstraße wehte. Das leise Geräusch von tausenden Pferdehufen war eine langanhaltende Folter, der Vorbote eines unausweichlichen Schicksals. In der Ferne funkelte es golden, als die untergehende Sonne ihre Strahlen über Bronzestreitwagen gleiten ließ: der Blitz vor dem Donnerschlag.

Es war der neunundzwanzigste Tag des Adar. In besseren Zeiten war das die Jahreszeit der Verheißung, in der Knospen aus den Felsen sprossen und neugeborene Lämmer lernten, auf ihren Beinen zu stehen, eine Zeit der Erlösung von den freudlosen Stürmen, die das Land den gesamten Winter über bedrängten. Das Tal im Osten begann gerade, seinen grünen Mantel zu tragen, und die See hatte ihren Zorn verloren. Doch dieses Erwachen war so vergänglich wie zarte Frühlingsblumen. Alles Leben, jung und alt, würde bald schon im eisernen Griff der vorrückenden Armee vergehen.

Ohne Überraschung betrachtete sie den Ansturm. Sie hatte gewusst, dass sie kommen würden. Zerstörung folgte dem moralischen Zerfall so sicher, wie Geier auf verrottendes Fleisch herabsanken. Selbst als Tochter eines Königs besaß sie nicht die Macht, dem Einhalt zu gebieten. Ihr Wille, so unerschütterlich er auch schien, war ein Sandkorn im Angesicht göttlichen Zorns.

Sie senkte den Kopf und sah gedankenverloren zu den Quadersteinen unter ihren Füßen. Wie perfekt sie behauen waren. Ihr Vater hatte auf diese Präzision bestanden. Er schuf seine Festung, wie er auch sein Königreich schuf, und sein Königreich wie seinen Charakter: eindrucksvoll, beständig, unerschütterlich. Mit ihrer Sandale folgte sie einem feinen Riss. Makel wie dieser konnten, wenn sie vernachlässigt wurden, einen Stein bersten lassen. Auf diese Weise stürzten Mauern ein und ebneten Feinden den Weg, um ungehindert einzudringen.

Mit einem Seufzen sah sie auf und rief sich in Erinnerung, wer sie war: Basemat, geliebte Tochter König Salomons und jener Gemahlin, die er wie keine andere vergötterte, jener Gemahlin, die ihn außerordentlich liebte und ihn verdarb und letztlich zerstörte. Trotz all seiner Fehler war er der mächtigste König der Geschichte, der Eine, dem der Herr sein Vertrauen schenkte, der Eine, der die Welt dazu brachte, sich vor Israel zu verneigen. Der Nachkomme eines solchen Mannes zu sein, sein Andenken zu ehren und nach seinem Wesen zu handeln, war eine Verantwortung, die sie ernst nahm.

»Mutter?«

Basemat sah ihre zwölfjährige Tochter an, eine honighäutige, wildäugige Schönheit mit seidig schwarzem Haar, das ihr bis zur Taille reichte. Das Mädchen trug eine schlichte, graue Baumwolltunika, die sich für ihren königlichen Stand nicht schickte. Es schien, als könne auch sie spüren, dass der Untergang näher rückte. Sie kleidete sich wie das gemeine Volk, denn bald würde sie in seiner Mitte stehen und auf einem Schlachtfeld kämpfen müssen, auf dem es keine Titel oder Privilegien oder Goldreserven gab.

»Ich suchte den gesamten Palast nach Euch ab. Die Männer haben sich im Hof versammelt und satteln ihre Pferde. Die Menschen sind beunruhigt.« Sie blickte an der Schulter ihrer Mutter vorbei und zum schmalen Fenster hinaus. »Was ist da draußen?«

Basemat atmete tief ein. Es gab keinen Grund, die Wahrheit vor ihr zu verheimlichen. Es lag im Wesen der Frauen Judas, schonungslos ehrlich zu sein, ganz gleich, was es kostete. »Was wir befürchteten, ist eingetreten, Ana. Der ägyptische Feind steht vor uns.« Sie nickte in Richtung des Fensters. »Sie werden uns mit der Abenddämmerung erreichen. Wir müssen bereit sein.«

»Sind wir deshalb aus Schechem hierher geflohen?«

»Megiddo ist unsere Festung, Mädchen. Sie wird uns schützen. Mein Vater baute sie wie seinen Palast in Jerusalem. Sie ist nahezu uneinnehmbar.« Sie glaubte daran, und das spendete ihr Trost. »Jetzt spute dich. Wir müssen die anderen führen. Versammle die Frauen und Kinder im Hof.«

Ana zögerte nicht. Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief die Wendeltreppe des Turms hinunter. Ihre schwarzen Locken wogten hinter ihr her wie die Mähne eines trabenden Vollblüters.

Basemat verweilte einen Augenblick länger. Sie griff in ihr weißes Leinenkleid und zog die Goldkette heraus, die auf ihrem Busen lag. Sie ließ das Objekt, das von ihr herabhing, in ihrer Hand ruhen und spürte sein Gewicht. Der Ring, aus Eisen geschmiedet und von einer Scheibe gekrönt, in die vier Edelsteine eingebettet waren, war ein Gegenstand von großer Bedeutung, eine physische Manifestation höchster Macht.

Er war ihr teuerster Besitz, der ihr von ihrem Vater nur wenige Tage vor seinem Tod überreicht worden war. Salomon hätte ihn seinem Sohn und Erben hinterlassen können, dem regierenden König Rehabeam, doch er entschied sich dagegen.

»Dies muss jemandem überlassen werden, der reinen Herzens und Geistes ist«, hatte der alternde, ausgezehrte König gesagt, als er seine knochigen Finger in ihre Handfläche legte und ihr das mystische Symbol seiner Herrschaft übergab. »Ihr, und nur Ihr, seid dessen würdig, meine Tochter. Alle anderen sind vor dem Herrn gescheitert.«

Als sie protestierte und ihm sagte, dass der Ring ihn in die nächste Welt begleiten sollte, zeigte er ein schwaches Lächeln. »Es gibt vieles, das ich Euch nicht sagen kann. Ihr müsst Eurem alten Vater vertrauen. Nehmt diesen Ring und verwahrt ihn an Eurem Herzen. Er soll Euch daran erinnern, dass das Blut des Hauses David in Euren Adern fließt. Kniet vor niemandem nieder, auch dann nicht, wenn der Wind sich dreht.«

Basemat sah aus dem Fenster zur näherrückenden Kolonne aus Männern, deren Kriegsschreie im Ruach Qadim hingen. Salomons Worte erschienen jetzt, etwa fünf Jahre nach seinem Tod, prophetisch. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. In mancherlei Hinsicht hatte auch sie das gewusst.

Sie hielt den Ring umklammert und gab ihrem Vater ein stummes Versprechen: Sie werden nicht siegen.

Sie küsste das Schmuckstück, als stecke es noch immer an seinem Finger, und schob es unter ihr Kleid zurück. Sie zog die Nadeln am weißen Florschleier fest, der ihren Hinterkopf bedeckte und ihr langes, haselnussfarbenes Haar verhüllte, das über ihren Rücken hinab floss. Sie legte eine Hand auf ihren Unterleib, um das nagende Gefühl zu beruhigen. Die Gelassenheit, die ihr achtunddreißig Jahre ihres Lebens zweifelsfrei eigen gewesen war, verblasste gleich der vom Alter ausradierten Herrlichkeit der Jugend.

»Gott sei mit uns«, flüsterte sie und machte sich auf den Weg zum Hof.

 

***

 

Ebenerdig bot der Palast eine chaotische Szenerie. Jenseits der Doppelbögen, die die große Terrasse bildeten – in glücklicheren Zeiten ein Ort vornehmer Ruhe – versammelten sich die Männer, um mit Rüstungen ausgestattet zu werden. Armeeoffiziere standen auf Steinaltären und riefen: »Kämpft für das Königreich! Kämpft für das Recht, in diesen Ländereien zu leben! Kämpft im Namen des Herrn!«

Basemats Ehemann, Ahimaaz, war einer der Heerführer. Zu Pferde instruierte er seine Einheit, die sich bereit machte, aus den Palasttoren zu reiten. Zu Friedenszeiten war Ahimaaz von König Salomon als Statthalter von Naftali bestellt; in Kriegszeiten war er ein Feldherr. Vor diesem Tag hatte sie ihn diese Rolle nicht annehmen sehen und sie verspürte einen Stich der Angst, da es ihr so neu war. Sie zwang die Empfindung fort, denn sie war unnütz. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich vor dem Unbekannten zu fürchten, sondern vielmehr der, es geradewegs anzugreifen.

Basemat glaubte an ihren Gatten, denn er hatte das Herz eines heiligen Mannes und den Instinkt eines Kriegers. In seiner Jugend war Ahimaaz ein Priester gewesen, von seinem Vater, dem Hohepriester von Salomons Reich, in den Bräuchen des Herrn unterrichtet. Dennoch wusste er auch, wie man ein Schwert schwang, und er war aufgerufen worden, eine Rebellion gegen seinen König niederzuschlagen. Salomon belohnte Ahimaaz’ Sieg mit einer wichtigen Statthalterschaft und dem wertvollsten Preis von allen: der Vermählung mit seiner erstgeborenen Tochter.

Sie fing Ahimaaz’ Blick und hielt eine Hand in die Höhe. Er erwiderte die Geste und einen langen Augenblick verharrten die beiden einander zugewandt und dachten über ihr Schicksal nach. Nichts Gutes erwartete sie, und beide wussten das. Der Mann, der Jagd auf sie machte, Pharao Scheschonq I., war ein schrecklicher Feind. Was er haben wollte, nahm er sich, ohne Warnung, ohne Gnade; das hatte er während seiner Regierungszeit wiederholt bewiesen.

Die Kunde von seinem Feldzug gegen Kusch hatte Jerusalem vor Jahren erreicht. Seine Männer hatten die Grenzstädte mitten in der Nacht überfallen, Dörfer niedergebrannt und Menschen abgeschlachtet, während sie sich Napata näherten, alles im Namen der Kontrolle über den Goldhandel, der dort florierte, und um die Grenzen Oberägyptens bis zum vierten Katarakt des Nils auszudehnen.

Vielleicht war die kuschitische Invasion eine Übung für Scheschonqs Eroberung der Ländereien, die er letzten Endes ins Auge gefasst hatte: Israel und Juda. Zu König Salomons Lebzeiten hatte der in Libyen geborene Pharao Ägyptens nicht den Versuch gewagt, in die uneinnehmbare Festung von Jerusalem einzudringen. Doch während der letzten Lebensjahre des Königs war deutlich geworden, dass der Staat ausblutete, politisch und spirituell. Ägypten hatte dieses Blut gerochen und seine Kreise gezogen, während es auf die Gelegenheit zum Angriff wartete.

Vor einigen Wochen hatten Boten davon berichtet, dass Scheschonqs ägyptische Armee in nördlicher Richtung über die Meeresstraße ritt und dabei alles und jeden vernichtete, der zwischen ihnen und dem Sieg stand. Die Nachricht kündete von sechzigtausend Mann und fünftausend Streitwagen, von denen manche dem Seeweg nach Norden folgten und andere sich nach Osten in Richtung der Heiligen Stadt wandten. Kanaan war eingenommen worden, berichteten die Boten. Viele Städte waren gefallen. Häuser waren niedergebrannt worden, ihre Bewohner aufgespießt. Blut hatte die felsige Erde im Süden verfärbt. Die Opferzahl zu nennen war unmöglich, aber die bloße Vorstellung davon ließ Basemat vor Furcht zittern.

Ahimaaz zog seinen Helm über sein schulterlanges, silberdurchwobenes Ebenholzhaar und entzündete mit einem Zuruf den Funken des Angriffs in seinen Männern. Mit ihren Speeren und ihrem Mut bewaffnet folgten die Reiter ihrem Feldherrn durch die Palasttore und ergossen sich über den Siedlungshügel und das Tal.

Basemat sprach ein stummes Gebet für ihre Sicherheit. Ahimaaz führte keine herkömmliche Armee an, sondern vielmehr eine Widerstandsbewegung. Die Männer kamen aus allen Winkeln Israels und Judas geritten und organisierten sich in den Felsen von Gilboa, südöstlich von Megiddo. Für die Ägypter war die Wildnis Gilboas feindselig und das machte sie für die Widerstandskämpfer ideal, die die Launen der Berge kannten. Ihre Aufgabe bestand darin, den Feind zu schwächen, indem sie Informationen sammelten und Blitzangriffe ausführten, wenn die Ägypter unachtsam waren. Angesichts der riesigen Armee Scheschonqs war dies die beste und vielleicht einzige Hoffnung, die sie besaßen.

Basemat drehte sich zur Terrasse um und betrachtete die Gesichter der Frauen und Kinder, die sich versammelt hatten und auf Anweisungen warteten. Die Kleinen weinten. Ihre dicken, lohfarbenen Finger klammerten sich an die Röcke ihrer Mütter. Säuglinge schrien verzweifelt und veranlassten ihre Mütter, ihnen die Brüste in die Münder zu schieben: Der größte Trost, den sie zu bieten hatten. Sogar die älteren Frauen, sonst gleichmütig angesichts der Gefahr, waren rastlos vor Furcht. Ein junges Mädchen musste von ihren Verwandten gestützt werden, die ihr abwechselnd übers Haar und die tränennassen Wangen strichen. Eine andere kniete neben einer der Säulen und übergab sich, spie die Dämonen aus, die sie quälten.

Basemat richtete ihren Blick auf die alte Witwe Hannah. Unter den Schatten ihres kohlegrauen Schleiers war ihr Gesicht, wenngleich von Furchen des Alters und Prüfungen gezeichnet, so sanft und friedlich wie das einer Jungfrau. Während die anderen um sie herumschwirrten wie Bienen in einer Honigwabe, stand Hannah starr wie eine Säule da. Ihr Blick war zu Boden gerichtet und ihre Handflächen zum Himmel hin geöffnet. Ihre Lippen bewegten sich kaum merklich, während sie ein Gebet sprach.

Basemat konnte das Flehen der Frau nicht hören, aber sie spürte seine Herrlichkeit. Sie war sich sicher, dass Hannahs Bittruf himmlischer Harmonie galt – ein Vogelgesang ohne Erwartung oder bewusstes Bestreben. Sie beneidete sie um ihren Frieden.

Basemat suchte in der Menge nach ihrer Tochter. Ana unterwies eine Gruppe Mädchen ihres Alters in der Kunst, einChepesch zu führen, ein kanaanäisches Sichelschwert. Sie stand hinter einem der Mädchen und führte seine Hand mit ihrer eigenen, um ihm zu zeigen, wie man parierte. Es war ein Manöver, das ihr Vater ihr auf ihr eigenes Drängen hin beigebracht hatte, als sie elf Jahre alt war. Es war ihr Ritual, hatte Ana gesagt, um eine Frau zu werden.

Mit beinahe dreizehn war Basemats einzige Tochter nun erwachsener, als es ihrem Alter entsprach, ein Abbild ihres königlichen Erbes und der Linie aus Anführern, in welche sie hineingeboren war. Sie beobachtete, wie Ana ihren jungen Freundinnen eine Abfolge mit dem Sichelschwert vorführte. Sie beherrschte die Klinge, als wäre sie eine Verlängerung ihres Arms, und wich einem vorgetäuschten Feind aus. Sie drehte sich auf den Fersen und schwang zum Angriff herum. Ihr unbedecktes Haar peitschte durch die Luft wie lange, schwarze Seidenbänder.

Eines Tages, dachte Basemat, wird sie einen König heiraten.Es war mehr Vorahnung als flüchtige Eingebung und es schürte ihren Kampfgeist. Sie schuldete ihrer Tochter und allen Töchtern eine Zukunft.

»Hört mir zu, Schwestern.« Sie wartete, bis das Stimmengewirr erstarb, bevor sie fortfuhr. »Der ägyptische Feind steht vor den Toren Megiddos. Unsere Männer tun, was sie können, um die Armee aufzuhalten. Die mächtigste Waffe, die wir nun führen können, ist unser Glaube. Seid stark vor Gott. Betet für unsere Soldaten. Betet für Israel.«

»Ich will kämpfen, Mutter«, sagte Ana. »Ich will diesen Männern zeigen, woraus die Frauen unseres Landes gemacht sind.«

»Die Zeit dafür wird kommen, Mädchen. Jetzt ist es unsere Pflicht, unsere Kinder und uns selbst zu schützen, damit das Leben fortbestehen kann. Wir müssen Zuflucht im Tunnel suchen.«

Anas Augen weiteten sich. »Aber Mutter, das ist feige …«

Basemat hielt eine Hand in die Höhe. »Sei still und gehorche. Kannst du den Rauch ihrer Fackeln nicht riechen? Kannst du ihre wilden Schreie nicht hören? Die Ägypter sind erbarmungslos. Sie wollen uns vernichten. Unsere beste Verteidigung liegt im Inneren der Festung. Wir müssen uns selbst retten, damit sie unser Volk nicht zerschlagen.«

Das Mädchen senkte den Kopf und sprach kein Wort mehr.

Lauter fuhr Basemat fort: »Der Feind weiß nichts von Megiddos Tunnel. König Salomon erbaute ihn, um unsere Wasserversorgung in Kriegszeiten zu sichern. Seine Existenz ist nur der Königsfamilie und den höchstrangigen Statthaltern bekannt.« Sie hielt inne und erwiderte die Blicke mehrerer Frauen, um ihre Aussage zu bekräftigen. »Dort werden wir sicher sein.«

Die Frauen hatten Angst. Sie konnte es an ihren gefurchten Stirnen sehen, an ihren zusammengebissenen Zähnen, in den Schatten in ihren Augen. Es war ihre Pflicht, sie zu beschützen, nicht nur vor dem Feind, sondern auch vor sich selbst. Ihr Glaube war brüchig, zerfiel angesichts der Not. Nur Hannah und ein paar weitere Ältere blieben stark, denn sie hatten solche Zeiten gesehen und sie überlebt.

Sie wandte sich an Ana. »Führe die Frauen in den Tunnel. Auf der Stelle.«

Das Mädchen gehorchte ohne Widerspruch. Trotz all ihres Eigensinns wusste sie, wann sie ihren Eltern nicht trotzen durfte. Es war ein stiller Tanz zwischen ihnen: Jeder wusste, wann er den anderen unterstützen musste. Deswegen herrschte Harmonie in ihrem Heim.

Die Erde bebte. Basemat riss den Kopf zu den Befestigungsmauern herum und erblickte den riesigen, von einem Katapult geschleuderten Felsbrocken, der Megiddos Verteidigung durchbrach. Die Schreie der Männer durchbohrten ihre Eingeweide. Ihre tiefschwarzen Augen wurden feucht. In wenigen Augenblicken würden die Ägypter durch die Tore dringen.

Sie drehte sich zu den fassungslosen Frauen und Kindern um. »Beeilt euch. Es bleibt wenig Zeit.«

Sie übernahm das Ende der Kolonne, um sicherzustellen, dass niemand zurückgelassen wurde, und trieb sie zur Ostseite des Palasts. Auf einem Grasstück neben den Gemüsegärten blieben sie stehen. Der vier mal vier Ellen große Stein, der den Kammereingang verbarg, war so perfekt von den Pflanzen getarnt, dass niemand wusste, dass er da war.

Basemat kniete sich hin und tastete im Gebüsch nach dem Hebel. Ihre Hand strich über die von Rost raue Eisenstange. Sie maß etwa zwei Handflächen in der Breite und war groß genug, um von zwei Männerhänden gepackt zu werden, aber klein genug, um im Dickicht verborgen zu liegen.

Sie verspürte einen Anflug von Zweifel. Vier Männer waren nötig, um diesen Stein zu bewegen, und das mit einiger Anstrengung. Wie sollte eine Gruppe Frauen eine solche Aufgabe bewältigen?

Die Erde bebte abermals. Obgleich sie die Westseite der Festung nicht sehen konnte, konnte sie die elenden Schreie der Männer hören, die in ihren Tod stürzten. Sie sah zum Himmel. Gib mir die Kraft.

Sie wandte sich den Frauen zu und wählte fünf der jüngsten und fähigsten aus. »Ana, Leah, Nava, Shifra, Sarai. Löst eure Hüftschärpen.«

Jede Einzelne entfernte den Stoffstreifen, der ihr eigenes Kleid zusammenhielt, und reichte ihn Basemat, die sie alle mit geschickten Fingern verflocht. Sie zog an beiden Enden des behelfsmäßigen Seils und war mit dessen Gewicht zufrieden. Sie zog es durch den Hebel und drehte sich wieder zu den Frauen um. »Jetzt müssen wir ziehen.«

Die fünf eilten neben sie und folgten ihren Gesten, die sie an beide Seilenden schickten. Sie stemmten ihre Füße in den Boden und hielten das Seil fest.

»Zieht!«

Sie zogen mit aller Kraft, aber der Stein rührte sich kaum.

Basemats Oberarmmuskel brannten und die Sehnen an ihrem Hals spannten sich. Wieder rief sie: »Zieht!«

Ohne auf ihre Anweisung zu warten, lösten sich einige der Älteren aus der Menge und boten, auch wenn sie schwach waren, ihre Hilfe an. Um die zwanzig Frauen zogen an beiden Enden des Stoffseils. Ihre Fersen wühlten die Erde auf. Ihr Ächzen wurde von den dumpfen Schlägen einer schweren Waffe übertönt, die die Holzbretter des Palasttores zerschmetterte.

Endlich wich der Stein und klappte auf wie ein Deckel.

»Der Herr sei gepriesen.« Basemat wischte sich den Schweiß von der Stirn und bedeutete den Frauen, den Schacht zu betreten.

Ende der Leseprobe

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