DAS NAZARET-PROJEKT

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Heinrich Hanf

MYSTERY-THRILLER

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Beschreibung


Der deutsche Medien-Mogul und Milliardär Nathan Brock, ein christlicher Radikal-Fundamentalist und Logen-Großmeister, fühlt sich von Gott dazu berufen, die Rückkehr des Heilands auf Erden vorzubereiten. Er lässt das angebliche Grabtuch Jesu Christi aus dem Dom von Turin entwenden, um die göttliche DNS zu isolieren und mit Hilfe der Gentechnik den Messias auferstehen zu lassen. Die weltweite Ankündigung ruft mächtige Gegner auf den Plan, die umgehend ihre Agenten auf die Spur Nathan Brocks ansetzen.
Als geistigen Wegbereiter und Heilsverkünder gewinnt Brock den bekannten amerikanischen Fernsehprediger Telly ›The Truth‹ Suntide. Für den Reverend wird das Abenteuer zu einer wahrhaft spirituellen Odyssee, in deren Verlauf er zunächst vom gläubigen Paulus zurück zum Saulus verwandelt wird.
Auf der umgebauten Bohrinsel ›Nazaret‹ hat der Milliardär heimlich die Voraussetzungen für sein Projekt geschaffen. Das gentechnische Experiment gelingt und eine Nonne des Engelswerk-Ordens wird durch ›unbefleckte Empfängnis‹ zur neuen Mutter Gottes. Das missgestaltete, menschliche Wesen, welches schließlich im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten das Licht der Welt erblickt, besitzt unheimliche telepathische Kräfte und benutzt diese von Anfang an, um unter dem Deckmantel der Göttlichkeit seine eigenen, rätselhaften Interessen zu verfolgen …


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2014

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

252

ISBN

978-3-943408-10-2

eISBN

978-3-943408-83-6

Leseprobe


Tsunami

 

Der Nachrichten-Sprecher des italienischen TV-Senders RAIUNO blickte emotionslos und gut frisiert wie immer in die Kamera und verlas die neuesten Meldungen des Tages.
»Unter bisher ungeklärten Umständen wurde heute in den frühen Morgenstunden von unbekannten Tätern das angebliche Grabtuch Jesu Christi aus dem Dom von Turin gestohlen, eine der bekanntesten Reliquien der katholischen Kirche. Nur wenige Stunden nach der Tat erhielten die wichtigsten Nachrichtenagenturen der Welt ein ungewöhnliches Bekennerschreiben. Darin fordert eine christlich-fundamentalistische Gruppierung die Veröffentlichung folgender Botschaft, andernfalls werde man nach einer Frist von vierundzwanzig Stunden die Reliquie vollständig vernichten.«
Dann wurde ein Archivbild des berühmten Grabtuches gezeigt und die Tonaufnahme eingespielt.
»Christen dieser Welt, freuet und fürchtet euch zugleich, denn Jesus Christus, unser Herr, wird zurückkehren, um zu richten und zu herrschen hienieden als wahrer König. Gehet hin und tuet Buße, denn der Tag des Herrn ist nahe! Es war unsere heilige Pflicht, das unschätzbare Erbe der Gene des Herrn Jesus Christus zu retten. Wir haben zu diesem Zweck das Turiner Grabtuch sichergestellt und mit Gottes Hilfe ist es uns gelungen, eine vollständige Gensequenz aus dem Gewebe zu isolieren. Mit Freuden erwarten wir nun die prophezeite Wiedergeburt des Herrn als Menschensohn, der die Welt vor Untergang und Verdammnis erretten wird. Halleluja – Gepriesen sei Gott, der allmächtige Herr!«
Der päpstliche Nuntius Ägidius Katzmeier erhob sich langsam und fast schwerfällig aus dem Polstersessel im Arbeitszimmer des Papstes, schritt quer über den persischen Seidenteppich zu dem TV-Bildprojektor und schaltete das Gerät mit unsicherer Hand aus. Der heilige Vater saß völlig regungslos und starrte in tiefer Nachdenklichkeit auf die silberfarbene, mit einem Barockrahmen eingefasste Projektionsfläche.
Vielleicht dachte er in diesem Augenblick ja auch an gar nichts und war einfach nur geistig abwesend, so wie alte Leute das gelegentlich zu tun pflegen. Auf der Stirn seiner Heiligkeit war in Fortsetzung der Nasenwurzel eine tiefe, senkrechte Falte erschienen; für Eingeweihte ein untrügliches Zeichen, dass der Pontifex wieder unter Schmerzen litt.
Kardinal Katzmeier verharrte eine ganze Weile ebenfalls in respektvollem Schweigen. Leise trat er an das hohe Fenster, hielt seine knochigen Hände hinter seinem Rücken gekreuzt und blickte mit sorgenvoller Miene hinaus auf die gepflegten Gärten des Vatikan. Tausend Gedanken stürmten auf ihn ein, geradeso, als kämen sie von außerhalb seines Gehirns, als wären sie nicht von ihm: ›Die wahre Bedrohung kommt wie immer aus den eigenen Reihen! Andererseits – was könnte an dieser Geschichte schon dran sein, außer einer Menge aufgeregter Publizität, die sich ein paar verrückte Fundamentalisten auf diese Weise verschaffen? Der Heilige Stuhl sollte auf eine öffentliche Stellungnahme zunächst verzichten und erst einmal möglichst lautlos weitere Informationen einholen.‹
Ägidius Katzmeier war ein Altphilologe, dessen Welt- und Menschenbild nicht unbedingt als modern zu bezeichnen war. Die Gentechnik jedenfalls hatte er eher als wissenschaftlichen Irrweg denn als ein Werk des Teufels betrachtet, an dessen Existenz er – im Gegensatz zu seinem höchsten Vorgesetzten – auch noch nie so recht hatte glauben wollen.
Aber hatte er sich überhaupt im Laufe der letzten fünfzehn Jahre ernsthaft irgendwelchen persönlichen Glaubensfragen gestellt?
Die Glocke der Sixtinischen Kapelle rief zur Abendandacht. Das vertraute Geläute schien die eingesunkene, bis dahin reglose Gestalt des greisen Pontifex mit neuem Leben zu erfüllen. Seine Schultern strafften sich und die senkrechte Falte auf seiner Stirn grub sich noch ein wenig tiefer ein.
»Mein lieber Katzmeier, was sollen wir von dieser Geschichte halten? Das können doch nur Verrückte sein, nicht wahr? Diesem Unsinn muss sofort ein Ende gemacht werden, ganz egal wie!«
Ägidius wandte sich vom Fenster ab. Er war einigermaßen erstaunt über den harschen, fast giftigen Ton des Papstes.
»Selbstverständlich, eure Heiligkeit. Das ist eine unerhörte Provokation, die wir nicht dulden können. Aber wir sollten nichts überstürzen, solange wir keine weiteren Informationen besitzen.«
Der Papst griff ächzend und mit zittriger Hand nach einem Glas Wasser, um eine Schmerztablette hinunter zu spülen, die er schon seit geraumer Zeit zwischen den Fingern gehalten hatte und die deshalb schon leicht zu zerbröseln begann. Er verschüttete etwas Wasser auf seine Soutane und stellte das Glas ziemlich unsanft auf das Beistelltischchen zurück. Dann hob er trotz seines steifen Nackens den Kopf und blinzelte mit listigen Augen seinem Sekretär ins Gesicht.
»Äh, sagen Sie, mein lieber Katzmeier, wie steht es denn eigentlich mit Ihrem persönlichen Glauben an Wunder, an religiös begründete Stigmata und dergleichen? Halten Sie das Turiner Grabtuch tatsächlich für echt?«
Ägidius hatte zwar mit dieser Frage gerechnet, aber nicht damit, dass sie auf der Prioritätenliste seines Chefs ganz obenan stehen würde. Er war ein wenig überrascht und fühlte sich eigentlich außer Stande, eine eindeutige Antwort zu geben. Ließe er sich dazu hinreißen, einfach spontan aus dem Bauch heraus zu antworten, so müsste er unumwunden zugeben, dass es ihm mittlerweile leichter falle, an die Echtheit jenes Grabtuches zu glauben, als den Anspruch und die Legitimation des Papstes, Gottes alleiniger Stellvertreter auf Erden zu sein. Andererseits hatte er seinen Rang und seine Stellung nicht unbedingt seiner Glaubensstärke zu verdanken, sondern vor allem seinem Pragmatismus, seiner Loyalität, seinem Organisationstalent und nicht zuletzt seinem diplomatischen Geschick. Natürlich wusste das auch der heilige Vater.
»Nun, Eure Heiligkeit, es ist nicht meine Aufgabe, solche Dinge zu beurteilen. Zweifellos geschehen immer wieder Wunder, aber mit Verlaub gesagt, sie scheinen sich nicht allein in der katholischen Welt zu ereignen!«
Bei den Worten seines Sekretärs schien sich die Schmerzfalte des höchsten katholischen Priesters noch ein wenig tiefer in dessen Stirn einzugraben. Katzmeier beeilte sich deshalb, weiterzusprechen: »Ich bin allerdings der Überzeugung, heiliger Vater, dass die wichtigere Frage wohl lauten müsste, ob denn so ein Vorhaben praktisch überhaupt durchführbar ist! Angenommen, dieses Grabtuch ist wirklich echt – lassen sich dann nach zweitausend Jahren tatsächlich noch brauchbare menschliche Gensequenzen isolieren?«
Zur selben Zeit kam ihm der fast ketzerische Gedanke, dass Jesus vielleicht überhaupt keine menschlichen Gene besessen haben könnte. Zu seiner Beunruhigung folgte gleich darauf ein weiterer Gedanke, der ihm auch nicht viel besser gefallen mochte: ›Um ein Lebewesen zu klonen, ist eine Leihmutter notwendig. Welch eine Parallele – es wäre tatsächlich wieder eine Art unbefleckter Empfängnis!‹
»Als Nächstes wäre wohl zu klären: cui bonum? Welches Motiv steht hinter dieser Aktion? So ein Vorhaben kostet enorm viel Geld. Man braucht sicher einen kleinen Stab hochqualifizierter Mitarbeiter und es ist eine aufwendige technische Ausstattung von Nöten! Wenn es sich also um eine Person handeln sollte, die man als religiösen Spinner bezeichnen könnte, so müsste dieser Mensch zumindest über erhebliche finanzielle Mittel verfügen. Alles in allem denke ich, dass kein Anlass zu größerer Sorge vorhanden ist. Der heilige Stuhl sollte sich in dieser Sache einstweilen vollständig bedeckt halten. Trotzdem würde ich empfehlen, in aller Stille zu sondieren und unauffällige Recherchen anzustellen! Die offiziellen polizeilichen Ermittlungen sollten meines Erachtens ruhig ihren Fortgang nehmen; selbst dann, wenn das Grabtuch, wie angekündigt, völlig unversehrt zurückgegeben werden sollte. Schließlich handelt es sich um einen äußerst frechen Diebstahl, der viele Christen mit Empörung erfüllt hat!« Der Nuntius nahm kurz sein rotes Käppchen ab und strich sich über das dunkle Haar, das gelegentlich schon von ersten Silberfäden durchzogen war. »Es ist außerdem meine feste Überzeugung, heiliger Vater, dass sich die ganze Aktion, sofern sie sich denn nicht rechtzeitig verhindern ließe, letztendlich selbst ad absurdum führen würde. Gesetzt den Fall, dieses gentechnische Experiment gelänge tatsächlich – welchen Nutzen oder sagen wir besser, spirituellen Wert könnte denn ein geklonter Jesus Christus schon haben? Der heilige Geist jedenfalls lässt sich bestimmt nicht klonen! Diese bedauernswerte Kreatur wäre nichts weiter als eine gelungene Zirkusnummer, die unter Umständen nicht einmal das Zeug zu einem brauchbaren Sektenguru besitzen würde! Ich kann hier wirklich keine Gefahr für die katholische Kirche erkennen, Eure Heiligkeit.«
Der Papst stützte seine verschränkten Hände auf den Knauf seines Krückstockes und schnaubte vernehmlich beim Ausatmen. »Alles schön und gut, mein lieber Katzmeier, aber was wäre, wenn? Darüber sollten Sie sich ruhig gelegentlich auch ein paar Gedanken machen. Wurde uns denn nicht eindringlich die Wiederkehr des Menschensohnes angekündigt? Sie wissen, wie kontrovers die Auslegungen diesbezüglich sogar in unseren eigenen Reihen sind. Die Wiederkehr als des Menschen Sohn! Wie viele Bedeutungsebenen hat diese Prophezeiung? Vielleicht ist dieser Satz tatsächlich völlig wörtlich zu verstehen, jahrhundertelangen scholastischen Klügeleien zum Trotz?«
Ägidius Katzmeier fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz wohl in seiner Haut. Wollte der Papst seinen Glauben auf die Probe stellen oder wollte er ihn nur ein wenig aufziehen? Er entschied sich für die zweite, wahrscheinlichere Variante. Katzmeier lächelte schelmisch.
»Dann – verzeiht mir, heiliger Vater – um mit den Worten meines Chauffeurs zu antworten, dann könnte es durchaus sein, dass wir alle bald ganz schön alt aussehen werden, nicht wahr?«
Der Papst hob offensichtlich wenig amüsiert sein Haupt und bohrte seinen stechenden Blick für einen kurzen Moment in Ägidius Katzmeiers Augen. Ohne jedes weitere Wort hielt er ihm dann seine beringte Hand zum Kuss vor das Gesicht. Der Nuntius verabschiedete sich in aller Form und eilte nur wenig erleichtert in seine feudale Schreibstube zurück.
Da der heilige Vater in dieser doch etwas heiklen Angelegenheit seine Empfehlungen nicht zurückgewiesen hatte, wusste er aus langer Erfahrung, dass ihm hiermit freie Hand gegeben war, diese Vorschläge in die Tat umzusetzen.
Ägidius befand sich nun wieder in seinem eigentlichen Fahrwasser. Als tatkräftiger Mensch griff er sofort zum Telefon, um alle notwendigen Schritte zu unternehmen. Unauffällig Erkundigungen einzuholen, war überhaupt kein Problem; wozu besaß der Vatikan letztlich so etwas wie einen eigenen Nachrichtendienst mit mehr Filialen als alle anderen Dienste in der ganzen Welt zusammen genommen?
Ägidius wählte als erstes jedoch die Nummer der Kanzlei des Rechtsanwaltes Pietro DiSalvo in Mailand.
»Buona sera, Dottore, come sta? Richtig, hier spricht Kardinal Katzmeier. Wie bitte? – Ja, da gebe ich Ihnen völlig Recht. Es ist eine Schande für Italien, für die Kirche und die ganze Christenheit. Oh, es trifft sich sehr gut, dass Sie sich als anständiger Christenmensch zum Handeln aufgerufen fühlen, genau dazu wollte ich Sie ohnehin ermuntern, mein Freund. Wir haben uns lange nicht gesehen und wir müssen uns unbedingt vertraulich miteinander unterhalten. Wie bitte, Sie sind schon unterwegs? Gott segne Sie, werter Dottore, sie sind ein loyaler Freund! Ich werde mich persönlich um die Verschiebung Ihres Termins beim obersten Gerichtshof in Rom morgen früh kümmern. Machen Sie sich keine Sorgen, der Präsident ist ebenfalls ein guter Freund! Buon viaggio, Dottore! Und rufen Sie mich an, sobald Sie in Rom angekommen sind!«