Das Haus der Monster – Die Monster sind zurück

INHALTSBESCHREIBUNG


John Coal war der typische Sonderling im Ort – ein alter, schrulliger Eigenbrötler, aber ansonsten harmlos. Zumindest war es das, was die Nachbarn von ihm dachten. Bis eines Nachts ein Junge sein dreißig Jahre lang sorgfältig gehütetes Geheimnis enthüllte …

Nun ist er auf der Flucht. Die Polizei, die Armee und sogar die Zoos machen Jagd auf ihn. Aber John ist ein alter Hase, wenn es darum geht, den Menschen zu entkommen, und so begibt er sich zusammen mit seiner Vampir-Ziehtochter Rachel in die Wildnis der schottischen Highlands.

Hier, so hoffen sie, können sie einen neuen Anfang wagen. Aber John kann seiner Vergangenheit genauso wenig entkommen wie seinem Fluch. Das Böse wird immer das Böse finden, und die Bedrohung für John und Rachel hat gerade erst begonnen …

Auch in der zweiten Geschichtensammlung erwarten Sie wieder Horrorstorys über Werwölfe, Vampire, Ghule, Geister, die Toten und die Untoten – erlebt und erzählt von John Coal, dem seltsamen Mann aus dem HAUS DER MONSTER.

Böses Erwachen

  

In jeder Stadt und in jedem Viertel, gab es ein gruseliges altes Haus … heruntergekommen, zugewuchert, vernachlässigt und vergessen. Meistens wurde es von einem gruseligen alten Mann bewohnt, auf den mehr oder weniger die gleiche Beschreibung zutraf.

So hatte ich die letzten paar Jahrzehnte meines Lebens verbracht  –  vor aller Augen versteckt. Nur wenige Menschen nahmen mich überhaupt wahr, und noch weniger kümmerte es. Ich war einfach nur der alte John Coal, ein gewöhnlicher und unscheinbarer Mann, der leicht humpelte und einen Finger weniger als die meisten Menschen hatte. Solange ich meine Nachbarn nicht behelligte, behelligten sie mich auch nicht. Das war eine stille Übereinkunft zwischen den Bewohnern meiner Straße und mir.

Doch anscheinend konnte niemand seiner Vergangenheit für immer entkommen.

  

***

  

Ein Werwolf zu sein hatte viele Nachteile. Der Kontrollverlust beim Aufgehen des Mondes, die unaufhaltsame, mörderische Raserei, die kurz darauf folgte, die unschuldigen Leben, die mit dem Zuschnappen des Kiefers ausgelöscht wurden, und natürlich all die verdammten Hosen, die man dabei verbrauchte. Aber das vielleicht Nervtötendste daran war, am nächsten Morgen aufzuwachen, weit weg von zu Hause und ohne Erinnerung daran, wie man dorthin gekommen war … durchgefroren und nackt wie am Tag der Geburt. So hatte ich mich auch an dem Morgen wiedergefunden, nachdem Tommys Vater sich dazu bequemt hatte, mich aufzusuchen.

Ich brauchte einen Moment, um mich an die Ereignisse zu erinnern, die zu seinem Besuch geführt hatten, aber sobald es mir gelungen war, war mein Gesicht unter den verkrusteten scharlachroten Streifen kalkweiß geworden.

»Oje«, war alles, was ich noch herausbringen konnte. Was sonst gab es auch noch dazu zu sagen? Bewusstlos geschlagen und zum Sterben zurückgelassen, hatte ich keine Möglichkeit gehabt, mich vor meiner Verwandlung in meinem extra für diese Zwecke verstärkten und schalldichten Keller einzusperren, was ich normalerweise immer tat. Auf diese Weise hatte ich mich selbst und alle anderen in meiner Nähe in den letzten dreißig und ein paar zerquetschten Jahren geschützt … und doch war ich jetzt, am Morgen danach hier, entfesselt und frei.

Was hatte ich bloß getan?

Bis jetzt hatten nur wenige Menschen in der Stadt überhaupt Notiz von mir genommen, und obwohl ich lediglich eine extrem verschwommene Erinnerung an die letzten Stunden hatte, konnte ich nicht anders, als zu befürchten, dass sich das nun drastisch ändern würde.

Doch zuallererst musste ich Kleidung finden. Das war nicht gerade die leichteste Aufgabe, weil ich mitten im Heideland, unter einem Ginsterbusch aufgewacht war, der nur ein paar dornige Zweige besaß, mit denen ich meine Scham bedecken konnte. Mich dort raus zu schleppen, stellte sich als äußerst ereignisreiche Erfahrung heraus, doch glücklicherweise hatte die frostige Novemberluft dazu beigetragen, meine faltige blaue Haut zu betäuben.

Es gab keinerlei Geräusche oder Anzeichen von Leben jenseits des Busches, nur einige herabstürzende Stare und ein weit entfernter Jet, der einen bauschigen Kondensstreifen an den klaren blauen Himmel malte. Anders als die meisten dachten, besaß ich in meiner menschlichen Form keinen besseren Orientierungssinn als alle anderen. Ich mochte als Werwolf zwar in der Lage sein, mich über einen halben Quadratkilometer offenes Land hinweg an einen Hirsch anzupirschen, aber als Mensch konnte ich an den meisten Tagen nicht mal das Corned Beef bei Aldi finden. Ich machte mich also einfach in Richtung der wenigsten Ginsterbüsche auf den Weg und hoffte, eine Wäscheleine zu finden, bevor ich den dazugehörigen Waschfrauen begegnete. Leider hing niemand zu dieser Jahreszeit seine Wäsche draußen auf, deshalb musste ich mit einem Plastikbeutel und einem liegen gelassenen Leitkegel auskommen, um mich vor den herbstlichen Elementen zu schützen. Keine idealen Umstände, aber das war leider das Problem mit der heutigen Gesellschaft. Vor vierzig Jahren waren die Hecken noch von illegal abgeladenem Müll übersät gewesen, doch heutzutage war die Landschaft so sauber, dass es schon fast ekelhaft war. Wie sollte ein Werwolf da nach einer wilden Nacht etwas zum Anziehen finden? Ich war schon fast versucht, das bei meinen Gemeinderäten vorzubringen  –  falls ich in der letzten Nacht, welche von ihnen am Leben gelassen hatte. Es gab noch nicht mal mehr Vogelscheuchen … eine Bezugsquelle, von der ich mir früher immer regelmäßig Klamotten besorgt hatte. Aber nein, die waren auch weg.

Gut war, dass es mittlerweile Altkleidercontainer gab, die oft sehr abgelegen standen und bis zum Rand voll mit frisch gewaschenen Klamotten waren. Aber es war fast unmöglich, an die Kleidung ran zu kommen. Trotzdem musste ich es heute versuchen. So fand ich mich später am Morgen genau dort wieder, in einer Parkbucht an der A134, wo ich mit einem Zweig in der Hand durch die Klappe eines hellgrünen Metallcontainers angelte, während ich mit der anderen Hand strategisch den Leitkegel hielt und etwas zum Anziehen zu besorgen versuchte.

Der Verkehr brummte an mir vorbei und man schenkte mir nur ein gelegentliches mitfühlendes Hupen, aber im Großen und Ganzen versuchte niemand, meinem Diebstahl Einhalt zu gebieten. Ich nahm an, dass Thetford an diesem Morgen mit größeren Problemen zu kämpfen hatte.

Trotz meiner Bemühungen befanden sich die schönen Geschenke im Kleidercontainer in quälender Entfernung. Ich versuchte es, indem ich zwei Zweige abbrach und damit die Klappe aufstemmte, schaffte es aber nur, mehrere Paare Kinderfußballschuhe (alle in Größe 1) und den Karton eines Samsung Flatscreen-Fernsehers herauszuziehen, den jemand fein säuberlich in den falschen Container gesteckt hatte, obwohl der richtige Recyclingbehälter praktischerweise direkt daneben stand. Sehr frustrierend, aber trotzdem nicht schlimmer als meine sonstigen Shopping-Erfahrungen.

Ich wollte gerade aufgeben, als eine Stimme hinter mir fragte, ob alles klar wäre.

Ich hatte lange genug in Thetford gelebt, um zu kapieren, dass die Frage, ob alles klar war, nicht wörtlich zu verstehen war. Es ist schwer, die exakte Bedeutung rüberzubringen, aber es bedeutete in etwa so viel wie: Und was zum Henker glaubst du eigentlich, was du da machst, Sonnenscheinchen?

Ich drehte mich um und erblickte einen Mann mit mehreren Tüten voller leerer Flaschen in den Händen, der neben einem großen weißen Van stand. Er war bestimmt einen Meter achtzig breit und fast genauso groß und hatte Tattoos an Stellen, an denen die meisten anderen Menschen Kleider trugen, und mehr Haare auf seinen Fingerknöcheln als auf seinem Kopf. Ich überflog hastig seine Tinte und schlussfolgerte daraus, dass er den Peterborough United Football Club unterstützte, ein Fan alles Englischen war (einschließlich, aber nicht ausschließlich, flatternder Flaggen und Bulldoggen in Union-Jack-Westen) und entweder auf drei Söhne namens Mickey, Terry und Carl oder aber auf ein Trio homosexueller Liebhaber dieser Namen stolz war.

»Mir ist kalt«, antwortete ich, was zwar stimmte, aber natürlich nicht die ganze Geschichte war.

»Bist du Engländer?«, fragte er überrascht. Das war nicht die Erwiderung, die ich erwartet hatte. »Ich dachte, du wärst einer von diesen verfickten Bulgaren. Die hocken nämlich ständig in diesen Tonnen.«

Mein neuer Freund sah nicht aus wie ein Mann, der scharf darauf war, sich mit Bulgaren abzugeben … oder mit überhaupt jemandem, nackt oder sonst wie.

»Bulgare?«, fragte ich ein wenig verwirrt.

»Ja, du weißt schon  …  aus  …«, sagte er und zeigte beiläufig mit dem Daumen über seine Schulter.

»Bulgarien?«, erkundigte ich mich vorsichtig.

»Nein. Ja, doch, ich schätze schon. Aber nein, ich mein das Lager die Straße runter. All diese Immigranten da unten. Alles Abschaum!«, spie er aus, als ob allein schon die Worte ihm einen schlechten Geschmack im Mund verursachten.

»Ich komme aus King’s Lynn«, versicherte ich ihm, merkte aber an der Art, wie sich seine Lippen verzogen, dass er auch nur wenig Sympathien für jemanden aus King’s Lynn besaß.

»Wo sind denn deine Klamotten?«, fragte er nun. Ich hatte mich schon gefragt, wann er darauf zu sprechen käme.

»Tja, du wirst es mir wahrscheinlich nicht glauben, aber  …«, begann ich.

Ich werde euch jetzt nicht mit den Einzelheiten meiner Geschichte langweilen, aber als ich fertig war, mochte er Bulgaren noch weniger und war garantiert drauf und dran, dem ersten Ausländer, dem er begegnete, für das, was sie mir meiner Behauptung nach angetan hatten, die Arme abzureißen.

Mir  –  einem armen, alten Peterborough United Fan wie er einer war.

Ich war nicht besonders stolz auf die Lügen, die ich ihm aufgetischt hatte, aber indem ich mir seine Vorurteile zunutze machte, erhielt ich ein verständnisvolles Ohr, ein oranges Weingummi und, was noch viel wichtiger war, etwas zum Anziehen. Gary (oder Gaz, wie er sich selbst nannte) wühlte nach meiner Story hinten in seinem Van herum und fand dort ein Paar kurze Arbeitshosen, ein verschlissenes T-Shirt, eine leuchtende Sicherheitsweste und ein Paar alte Stiefel für mich, die noch nicht mal ein schuhloser Bulgare mitten im tiefsten, dunkelsten Januar würde tragen wollen. Ich revanchierte mich für den Gefallen, indem ich ihm dabei half, mehrere hundert Bierflaschen in die jeweiligen Öffnungen zu stecken, und verabschiedete mich dann herzlich von ihm, als er sich wieder trollte.

»Tschüss«, rief er ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen, weil er mir keine Mitfahrgelegenheit in die Stadt anbot. »Pass auf dich auf. Anscheinend rennt hier draußen irgendwo ein irres Scheißvieh frei rum. Einer von diesen scheißfurchtbaren Zigeunerhunden, möchte ich wetten«, meinte er und fuhr mit quietschenden Reifen und klapperndem Auspuff davon.

Da lag Gaz aber mal wieder komplett falsch. Dieser irre Hund war nicht bulgarischer als er. Rein technisch gesehen, kam auch er nämlich aus King’s Lynn.

Ende der Leseprobe

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