BRENNENDER PHOENIX

2,99 

Michael Dissieux

Horror

Band 4
Serie: Die Legende von Arc’s Hill

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Beschreibung


Arc´s Hill … dreißig Jahre später. Das Böse, das Jahrtausende tief im Schoß der Berge geschlafen hatte, ist erwacht. Das Zeitalter der Menschheit scheint beendet. Die Tage sind düster und erfüllt von den Schreien der wenigen Überlebenden, die ihr Dasein als Sklaven der ›Neuen Rasse‹ fristen.
Ethan ist einer von ihnen. Ein junger Mann, der in der alten Welt geboren wurde, jedoch nur Tod und Niedergang kennt. Doch er ist nicht dazu bereit, das tägliche Sterben in den stinkenden Straßen von Arc´s Hill zu akzeptieren. Er weiß, dass es da noch etwas anderes geben muss.
Etwas, das aus der »alten Zeit« in ihm überlebt hat.
Dies ist seine Geschichte …

Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2015

Format

Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 100

eISBN

978-3-95835-041-0

Leseprobe


Irgendwann … die Geschichte eines Sklaven

Mein Name ist Ethan Harper. Ich wurde vor dreißig Jahren in Arc´s Hill geboren, zu einer Zeit, als die Welt dem Untergang geweiht war.
Ich bin einer der wenigen, der den eigenen, von seiner Mutter verliehenen Namen trägt. Sie hieß Amanda Harper, und sie starb, als ich drei Jahre alt war.
Alles was sie mir noch beibringen konnte war, mich der Neuen Rasse unterzuordnen. Sie lehrte mich, wo wir herkamen, wer
Wir waren, und wer Sie waren.
In der kurzen Zeit, die ich mit ihr verbringen durfte, bereitete sie mich auf das stetige Sterben vor. Und sie gab mir meinen Namen, auf dass ich stets einen Teil der Alten Welt in mir trage, auch wenn ich diese Zeit nie bewusst kennengelernt habe.
Danach brachte man sie in eine der Arenen außerhalb der Stadt.
Sie hatte ihre Bestimmung erfüllt und wurde getötet.
Denn Amanda Harper war eine der ersten Sklavinnen der Neuen Rasse.

***

Ich stehe am Fenster und blicke durch einen Spalt im Vorhang in die Nacht hinaus. Das Haus, in dem ich lebe, ist eines der wenigen, die in der kleinen Stadt noch nicht zerstört wurden. Andere sind in den vergangenen Jahren abgebrannt oder eingestürzt, oder sie wurden zu Beginn des Untergangs in einem Anflug sinnloser Gewaltorgien vernichtet, da Sie in den Kellern und Dachkammern der Häuser versteckte Sklaven oder Futtervieh vermuteten.
Nicht selten hatten
Sie in dunklen und mit Brettern verbarrikadierten Zimmern oder im hintersten Winkel eines feuchten und nach Fäulnis stinkenden Kellerraumes tatsächlich noch Frauen und Kinder vorgefunden. Die Strafen für das „Verwehren von Nahrung und Arbeitskräften vor der Neuen Obrigkeit“ waren in der ›Proklamation der Großen Alten‹ genauestens aufgelistet. Und so geschieht es in diesen düsteren Jahren nicht selten, dass die Nächte von den Flammen der brennenden Leiber derer erhellt werden, welche den Sklaven Unterschlupf gewährt hatten, und der barbarische Gestank nach verbranntem Fleisch und kochendem Blut durch die dunklen Gassen weht.
Ich habe selbst miterlebt, zurückgezogen hinter dem Vorhang meines Zimmers, wie sie Judd, einen etwa fünfzehnjährigen Jungen, mit dem ich mich im Laufe der Jahre während der Selektionen auf dem ehemaligen Marktplatz stumm angefreundet hatte, aus dem Haus seines Gebieters auf die Straße gezerrt hatten.
Judd war nicht der richtige Name des Jungen gewesen, denn er hatte, im Gegensatz zu mir, nie einen erhalten. Vielmehr hatte er sich diesen Namen selbst gegeben, so wie es viele der Sklaven in diesen Zeiten tun, um sich ihrer Herkunft zu erinnern und etwas zu besitzen, das nur ihnen alleine gehört.
Ich wusste damals nicht, was sie ihm vorgeworfen hatten, denn Judd war lange schon registriert gewesen und schuftete auf den Feldern außerhalb von Arc´s Hill, so wie ich es früher getan hatte. Doch sie hatten ihn in ihrer unbarmherzigen und präzisen Art und Weise, wie sie diesen Wesen eigen ist, mitten auf der Straße vor dem Haus in einen Käfig gesteckt, gepfählt und in Brand gesteckt. Zusammen mit seiner Schwester, obgleich diese noch kein Kind für die Großen Alten ausgetragen und somit durchaus noch ihren Wert besessen hätte. Die Schwester, die sich selbst Dolores genannt hatte und gerade einmal zwölf Jahre alt gewesen war, hatten sie aus dem simplen Grund verbrannt, dass sie versucht hatte, Judd beizustehen.
Ich erinnere mich heute noch an die schrecklichen, unmenschlichen Schreie der beiden Kinder, während die Holzpfähle ihre Leiber durchstießen. Als die Flammen ihnen das Fleisch von den Knochen brannten, waren beide bereits tot.
Es sind Dinge, die man selbst nach Jahren der Abstumpfung nicht vergessen kann.
Der alte Webber hatte mir einmal erzählt, dass es eine ähnliche Zeit bereits in der Alten Welt gegeben hat. „Der letzte große Krieg“ hatte er es genannt und mir von Soldaten erzählt, die in die Häuser eingedrungen und Frauen, Kinder und Greise in ihren Verstecken ohne zu fragen oder mit der Wimper zu zucken hingerichtet hatten. Pfählungen und öffentliche Verbrennungen hätte es damals zwar nicht gegeben, doch jene Soldaten hatten den Dämonen der heutigen Zeit in Grausamkeit in Nichts nachgestanden.
Auf der Straße bewegen sich Schatten. Groteske Wesen, die sich schleichend fortbewegen. Manche gehen gebeugt, andere aufrecht. Wiederum andere bewegen sich auf allen Vieren fort.
Viele dieser Kreaturen führen ihre Sklaven an robusten Rohlederriemen hinter sich her. Der Anblick dieser Gefangenen ist erbarmungswürdig, denn es ist, als würde ich in eine Spiegelscherbe blicken. Sie sind nichts weiter als ausgemergelte, tote Schatten im Dunkeln. Ich kann ihr Wehklagen hören, das mich auf bizarre Weise an ein melancholisches Totenlied erinnert. Als würden sie eine Melodie des Untergangs anstimmen, um ihrem Siechtum eine gewisse Würde zu verleihen.
Als ich noch ein Kind gewesen war, hatte der alte Randolph Webber diese Weise oft auf einer Flöte gespielt. Es war sein persönlicher Protest gegen die Neue Obrigkeit und die Neue Welt gewesen, die wie ein Phoenix brennend aus der Asche der alten emporgestiegen war.
Ich hatte sein Spiel damals gemocht, obwohl mich das Lied oft zum Weinen gebracht und mich an meine Mutter erinnert hatte, die ich nur so kurze Zeit kennen und lieben durfte und doch nie besaß.
Der alte Webber, den die Neue Obrigkeit dieser abscheulichen Welt nahezu unbehelligt ließ, hatte sich meiner angenommen, wann immer es die Situation erlaubte, nachdem man meine Mutter fortgeschleppt hatte.
Er war alles, was ich als Kind besaß, und ich fühlte mich in der kurzen Zeit, die mir mit ihm blieb, in seiner Nähe sicher und geborgen. Ich genoss Gefühle, die ich bislang nur von der wärmenden Nähe meiner Mutter her kannte, und die ich in dieser Form im weiteren Verlauf meines Lebens nie wieder erfahren sollte.
Randolph Webber erzählte mir oft von der Alten Welt und seinem Leben
vor dem Untergang.
Außer von den Soldaten des „Großen Krieges“ sprach er von riesigen Städten, den sogenannten Betonburgen, und kleinen Dörfern, Arc´s Hill nicht unähnlich. Von fruchtbaren Äckern und stillen Pfaden, die durch rauschende Wälder und lebendige Wiesen führten. Und von dem unvergleichlichen Glitzern eines Sees im Licht einer aufgehenden Sonne, wenn die Welt erwachte und nach Unschuld roch.
Er berichtete mir von seinen eigenen Kindern und deren Kindern, die er allesamt verloren hatte, als die Welt sich dem Untergang zuneigte und es keinen Sonnenaufgang über irgendwelchen Seen mehr gab.
Dabei spielte ein melancholisches Lächeln um seine Mundwinkel, und Tränen füllten seine alten, müden Augen. Er schwieg dann meistens und nahm nach einer Weile die alte Flöte aus der Gesäßtasche, um sein trauriges Lied anzustimmen.
Ich hatte ihn damals nur bedingt verstehen können, kannte ich doch lediglich die Liebe zu meiner Mutter, die allerdings vom täglichen Sterben und Leid getrübt war. Die Dinge, an die sich der Alte erinnerte, hatte ich nie gekannt oder besessen.
Wie es sich anfühlen musste, in einer friedlichen Welt inmitten von blühenden Wiesen und duftenden Wäldern zu leben – so wie es mir mein Freund oftmals schilderte – das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Es ist sicher richtig, was mir der alte Webber eines Tages einmal erzählt hatte, und was ich bis zum letzten Tag in dieser Hölle nie vergessen werde: Was man nie besaß und nie kannte, was man nie lieben durfte, vermisst man nicht und kann es auch nicht verstehen.
Ich glaube heute, dieses Gefühl, das ich für den Mann hegte, kam jener Liebe gleich, die ich für meine Mutter empfand. Doch als Kind war mir dies nie bewusst gewesen. Ich dachte damals, der alte Mann würde mein ganzes Leben an meiner Seite sein und den Platz meiner Mutter einnehmen.
Doch irgendwann hörte Randolph Webber plötzlich auf, seine traurigen Melodien zu spielen, und ich konnte ihn auch nicht mehr heimlich besuchen. Als ich an einem der darauffolgenden Morgen aus dem Haus geführt und zum alten Marktplatz zur Zählung gebracht wurde, sah ich, dass das Haus des alten Mannes nicht mehr existierte. Vor den rauchenden Trümmern, die sich skelettartig vor dem dunklen Himmel erhoben, war ein eiserner Pfahl in den geschwärzten Garten gerammt worden.
Zuerst erkannte ich in der trüben Dämmerung nicht, was der düstere Pfosten zu bedeuten hatte. Doch dann wurde ich zum zweiten Mal, nach jenem Tag, an dem man mich meiner Mutter entrissen hatte, mit der Grausamkeit der Neuen Welt konfrontiert.
Auf der Spitze des Pfahls steckte Webbers Kopf. Seine Augen waren herausgerissen worden, und seine schwarze Zunge hing, totem Getier gleich, aus dem Mund. Die Flöte, die so schöne Lieder gespielt hatte, war ihm durch die Stirn gerammt worden.
An diesem Tag hatte ich unaufhörlich geweint, was nicht einmal die permanenten Schläge und Züchtigungen meines Gebieters verhindern konnten. Ich hatte um den alten Mann geweint, um die Alte Welt, die ich nie gesehen habe, und um meine Mutter, die in meiner Erinnerung kaum noch Farbe besitzt.
Trotzdem habe ich die Melodie des alten Randolph nie vergessen. Ich summe sie selbst heute noch in den Nächten, wenn ich versuche, die grauenhaften Bilder des Tages aus meinem Gedächtnis zu tilgen.
Am Horizont kann ich Feuer erkennen.
Wieder scheinen einige gegen die ›Proklamation der Großen Alten‹ verstoßen zu haben.
Mich erdrückt die Gleichgültigkeit, die derartige Gedanken mit sich führen. Sie schrecken mich nicht mehr. Bestehe ich wirklich nur noch aus einer abgemagerten, fleischlichen Hülle, ohne die Spur einer Seele?
Ich wende mich ab, schließe den Vorhang. Unschlüssig bleibe ich in der niedrigen Kammer stehen und blicke mich um. Durch die Holztür kann ich die Schritte meines Gebieters hören, der langsam durch die Räume im Erdgeschoß des Hauses schleicht.
Die Hufe erzeugen ein hohles Klappern auf dem alten Holz der Böden. Mich schaudert.
Neben meinem Bett brennt eine altertümliche Öllampe und wirft einen fahlen Schein auf die fleckige Matratze und die zerschlissene Wolldecke. Der Rest des Raumes, ein morscher Schrank sowie ein Tisch aus fleckigem Eisen mit zwei Metallstühlen, liegt in dunkle Schatten gehüllt.
Ich frage mich, wann mein Gebieter mich benötigt, um mein grausiges Werk zu verrichten. Er hat mich früh an diesem Abend in meine Kammer entlassen, da er die Gesellschaft eines anderen Regenten erwartet.
Sie sind beide nur niedere Kreaturen, die kaum die unterste Stufe der Intelligenz der Großen Alten erreicht haben. Doch was ihnen in dieser Neuen Welt an Ansehen fehlt, gleichen sie durch Barbarei aus.
Ich kann hören, wie mein Herr von einem Zimmer ins nächste schleicht, wobei ich genau unterscheiden kann, wann er mit seinen Hufen über den vermoderten Teppich im Korridor läuft oder über das blanke, stinkende Holz der Räume. Er murmelt etwas in dieser Sprache, die ich selbst nach dreißig Jahren in dieser grausamen Welt nicht erlernen konnte.
Ich lege mich aufs Bett, während die Schritte wie das langsame Schlagen eines grausamen Herzens in mein Denken eindringen, und lösche die Lampe.
Mit geschlossenen Augen denke ich über den Tag nach.
Doch nennt man es in dieser Neuen Zeit schon lange nicht mehr „Tag“.
Früher einmal, vor meiner Geburt, in der Alten Welt, da gab es noch Tag und Nacht, so sagte man mir. Ich glaube, das war ebenfalls der alte Randolph Webber gewesen, der mir so viel über die Alten Tage erzählt hatte, als die Sonne noch schien und der Wind nicht nach Tod und Zersetzung stank.
Ich habe den Tag nie bewusst kennengelernt.
Ich glaube mich daran zu erinnern, als Kind Tage miterlebt zu haben. Graue Wolken und Sonnenstrahlen, die wie helle Pfeile auf die verbrannte Erde stachen.
Ich denke, ich kann mich sogar an das Plätschern eines Baches erinnern.
Die letzten, sterbenden Tage …