Buchcover:

Blut – Der Vampirkiller von Wisconsin

INHALTSBESCHREIBUNG


Dr. Jessica Coran ist eine Expertin, wenn es darum geht, in die Gedankenwelt von Mördern und Gewaltverbrechern einzudringen. Als Gerichtsmedizinerin beim FBI glaubte sie, bereits alles gesehen zu haben – bis zu jenem Tag in Wisconsin. Als sie das Erste seiner Opfer sah …

Der Vampirkiller von Wisconsin

Er foltert seine Opfer auf besonders bestialische Weise – indem er sie vollständig ausbluten lässt. Die Zeitungen nennen ihn bereits den Vampir-Killer. Und er schreibt Liebesbriefe an jene Ermittlerin des FBI, die für ihn Jäger und Beute zugleich ist: Dr. Jessica Coran.

Pressestimmen

Meisterhaft.

Clive Cussler

Raffiniert.

San Francisco Examiner

Kapitel 1

Das Böse ist leicht und hat unendlich viele Formen.

– BLAISE PASCAL, Les Provinciales (1656-57)

 

Als sich die krumme Tür der Hütte quietschend öffnete, schien eine Art stinkender Geist am Sheriff und seinem Deputy vorbeizuschweben. Dahinter lag eine schwarze Gruft. Aber es war nur die abgestandene, verbrauchte Luft, die Enge. Der Gestank hing immer noch schwer und fast wie eine greifbare Präsenz im Raum. Der Strahl der Taschenlampe huschte über die dunkle Leere, ohne irgendetwas deutlich sichtbar zu machen.

War der Ort mit toten Ratten gefüllt? War ein Waschbär durch ein Loch gekrochen, hatte einen Wurf Junge geboren und dann darin gestorben, die verhungernden Jungen unversorgt? Sheriff Calvin Stowell hatte sich entschieden, dem einsamen Verlauf eines alten Holzwegs zu folgen, Endstation war das alte Risley-Haus. Es war die letzten Jahre nicht bewohnt gewesen, der alte Mann war gestorben, seine Familie in alle Winde zerstreut. Nur das Land selbst hatte noch einen Wert – verschiedene wertvolle Harthölzer wuchsen dort – aber selbst das Land wirkte verlassen.

»Hier stinkt was, Calvin«, sagte Lumley im Wagen des Sheriffs.

Die Polizei von Wekosha hatte das Gebiet um die Baker’s Road in westlicher Richtung bis nach Three Forks abgesucht und sich mit der State Patrol getroffen, die sich vom See her nach Osten bewegt hatte. Vorher hatten sie vergeblich entlang der Old Market Road und bei Boyd’s Anglercamp und Killough Cove gesucht, wo die Familie der vermissten Frau aktuell lebte, aber die Suche hatte nichts ergeben. Stowell hatte aus einem Gefühl heraus, weil er sich an das alte vergessene Risley-Haus erinnerte, kommentarlos eine andere Richtung eingeschlagen. Als ob es vorherbestimmt gewesen wäre, hatte das schwache, verblassende Licht der Taschenlampe einen großen Schatten vor einer Wand enthüllt. Den ganzen Abend waren Stowells Männer entlang des Hawk’s Ridge ausgeschwärmt, diverser miteinander verbundener Hügel, die sich mit den Felsen der Gegend zu einer Halbmondform erhoben – ein gigantischer, schlafender Gulliver in Fötusstellung. Die Männer hatten sich durch verschlungene Dornensträucher gekämpft, durch Dickicht aus Weymouth-Kiefern und Banks-Kiefern. Sie waren auf windschiefe Hütten tief im Wald gestoßen und hatten deren Bewohner aufgeschreckt.

Die Suche hatte in der Nacht zuvor begonnen, sodass Stowell und die anderen zögerten, sie heute Nacht schon aufzugeben. Sie arbeiteten sich weit in die dunkle Wildnis von Wisconsin vor. Entlang des trostlosen Chippewa Creek zeigten sie Bilder des Copeland-Mädchens herum. Gelegentlich sahen sie etwas aus der Ferne im Wasser schwimmen, das man leicht für ein Stück Kleidung oder eine Leiche halten konnte. Der ständige falsche Alarm zehrte an ihren Nerven und die kollektive Frustration entlud sich in einer gereizten Stimmung. Alle standen kurz vorm Explodieren. Die Frustration stieg, die Hoffnung schwand.

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Dorfbewohner hatte sich in dieser Nacht der Suche angeschlossen. Die Geste hatte sie alle enger zusammengeschweißt – die gemeinsame Sorge verbindet, dachte Stowell – jedoch hatte das zusätzliche Personal ihnen bisher nicht viel gebracht. In der Zwischenzeit tickte die Uhr erbarmungslos für Annie Copeland. Besonders die Cops konnten nicht anders, als vom Schlimmsten auszugehen, nämlich dass »Candy«, wie Freunde und Verwandte sie nannten, nicht länger unter den Lebenden weilte. Vermutlich lag ihre Leiche in einem nicht sehr tiefen Grab auf irgendeinem Feld, wo sie eines Tages, vielleicht erst in Monaten, von einem Jagdhund gefunden werden würde, der stehen blieb, um an ihrem Kadaver zu schnüffeln.

Es war schon so oft passiert, und Stowell hatte es selbst in Fremont gesehen. Während seiner Zeit als County Deputy in dieser nördlichsten Ecke des Staates, waren mehrere junge Frauen von zwei Verrückten entführt, vergewaltigt und verstümmelt worden. Sie hatten ihre abgetrennten Köpfe in leeren Farbeimern aufbewahrt und ihre toten Körperöffnungen für sexuelle Handlungen benutzt, an die er nicht einmal denken wollte.

Diese alte Hütte besaß dieselbe widerliche Aura, dachte Stowell. Er machte sich auf das gefasst, was der Gestank und der Schatten signalisierten. Lumley hatte instinktiv seine Waffe gezogen, der lange Lauf der 45er Remington bohrte sich fast in Stowells Rücken, der als Erster über die Schwelle getreten war. Stowell fühlte sich, als hätte man ihm einen Schlag auf den Kopf verpasst – der Schatten an der Wand stammte von einem Leichnam, der seltsam friedlich mitten im Raum von der Decke baumelte – der Torso hing mitsamt Kopf und Haaren nach unten. Sein Mund wurde trocken, während seine Augen einzelne Teile dieser Collage des Horrors registrierten; so viele Details: ein Arm, direkt auf dem Boden darunter, eine Brust war abgeschnitten und fehlte, entweder verbarg sie sich irgendwo im Dunkeln oder der Irre hatte sie mitgenommen.

Es war unerträglich, viel zu viel, als dass die Augen es erfassen, der Geist es verarbeiten könnte. Stowells Magen revoltierte, ihm wurde schwindelig, eine flattrige Benommenheit überwältigte ihn fast. Lumley und er hatten alles gesehen, die vom Tod erfüllte Luft im Raum geatmet, alles in sich aufgenommen.

Das entstellte Gesicht war unverkennbar jenes von Candy Copeland. Ihre Glieder und Geschlechtsorgane waren mit grässlichen Wunden übersät. Verstümmelung.

Stowell stürmte nach draußen, an dem erstarrten Lumley vorbei, der seine große Knarre sinnlos auf die Leiche gerichtet hatte. Er kämpfte darum, die Magensäure drin zu behalten, zusammen mit dem Red-Devil-Kautabak, den er den ganzen Abend gekaut hatte. Lumley rannte nach ihm zur Tür raus, wie ein Kind, das man in einem Spukhaus zurückgelassen hatte; er nahm tiefe Atemzüge, als wolle er seine Lunge von dem Gestank reinigen, der darin festhing.

Ein paar Minuten später ging Stowell wieder rein. Er stellte sich vor die Leiche und richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf die furchtbare klaffende Wunde, die beinahe den Kopf abgetrennt hatte. Um die Wunde war eine Menge getrocknetes Blut, aber seltsamerweise keines auf dem Boden. Zuerst dachte Stowell, die Dunkelheit habe das purpurfarbene Blut verborgen, das durch die uralten Bodenbretter geflossen war. Aber als er auf die Knie ging und den Boden mit der Taschenlampe genauer untersuchte, sah er in der dicken Dreckschicht, durch die der Killer, Lumley und er gegangen waren, nur Fußspuren. Er fluchte. Sie hatten den Tatort bereits in Mitleidenschaft gezogen. Dass das Blut um die Leiche herum fehlte, erschien ihm sehr wichtig und verblüffend. Es erinnerte ihn an etwas, das er vor einigen Wochen gelesen hatte, im True-Crime-Magazin oder der Police Gazette – vielleicht war es auch eines dieser FBI-Bulletins gewesen, in die er einen Blick geworfen hatte. Es war ein Fahndungshinweis von einem Typen vom FBI, irgendein hohes Tier in ihrem psychologischen Profiling-Team, ein Kerl namens Button oder Buntline oder Boutine. Ja, das war es – Boutine.

Das FBI hatte sich dafür interessiert, ob irgendeine Abteilung im Land – besonders im Mittleren Westen – auf irgendwelche Morde mit Verstümmelungen gestoßen war, bei denen sehr wenig Blut gefunden wurde. Daran musste Sheriff Stowell denken, als er den Boden unter der aufgehängten Leiche sah. Fast war er dankbar dafür, dass er nun etwas anderes hatte, worauf er sich konzentrieren konnte, als die klaffenden Wunden, die Verwesung und die menschlichen Überreste vor ihm.

Lumley blieb an der Tür, nur sein rechter Fuß ragte über die Schwelle. »Soll ich mal die anderen anfunken, Calvin? Ihnen Bescheid sagen?«

Lumleys Stimme klang hohl, aber Calvin Stowell war trotzdem froh, die Worte zu hören. »Ja, sag ihnen, dass wir sie gefunden haben … die Suche ist vorbei.«

Seine Waffe hatte Lumley wieder eingesteckt. Er schnappte sich nun das lärmende Funkgerät, das von seinem Gürtel baumelte. Es war das einzige Geräusch gewesen, das die absolute Stille gestört hatte.

»Sag Melvin, er soll Chief Wright hier rausschicken. Es ist sein Fall.«

»Aber wir sind recht weit von Wekosha weg, Sheriff, und es ist immer noch in unserer Jurisdiktion und …«

»Hol ihn einfach her!«, schrie Stowell. Seine Taschenlampe war auf den Mann gerichtet und schuf eine schwarze Silhouette seines massigen Deputy in der Tür.

»Wenn Sie meinen, Sir.«

»Und die sollen Marge sagen, sie soll das FBI alarmieren.«

»FBI?«

»Hast du was an den Ohren, Junge?«

»Nein, Sir, aber das FBI? Wir können das Dreckschwein kriegen! Das muss ihr Zuhälterfreund gewesen sein. Scarborough.«

»Das wissen wir nicht, Lumley. Und jetzt tu, was ich dir gesagt habe.«

Stirnrunzelnd trat Lumley aus der Tür und schlenderte zwischen die Büsche vor dem Haus, von wo aus er die Anrufe erledigte. Stowell richtete seine großen, traurigen Augen wieder auf den dunklen Schemen, der neben ihm hing, und sagte mit zärtlicher Stimme: »Niemand kann dir jetzt mehr wehtun, Candy. Und wir haben dich gefunden … wir haben dich gefunden.«

Draußen fiel plötzlich ein Schuss. Stowell raste zur Tür, seine eigene Waffe sprang ihm fast in die Hand und seine Augen suchten nach einer Gefahr. Doch er sah nur Junior Lumley auf der Lichtung stehen, die Waffe im Anschlag. »Da hat sich was bewegt, Sheriff. In den Büschen«, sagte er mit zittriger Stimme.

Stowell ging zu der Stelle. Lumleys Kugel hatte ein streunendes Tier niedergestreckt, das nun vor Schmerzen wimmerte. Das Wimmern klang nicht nach einem Hund. Der Klagelaut steigerte sich plötzlich zu einem lauten, gruseligen Kreischen, bevor er verstummte und alles wieder ruhig war.

»Vorsichtig, Sheriff … vorsichtig«, warnte Lumley hinter ihm.

Stowell trat mit dem Fuß nach dem toten Opossum. Dessen rasiermesserscharfe Zähne waren deutlich zu sehen, weil es das Maul in einer erstarrten Grimasse des Schmerzes verzogen hatte. Stowell biss die Zähne zusammen und versuchte, seinen Ärger zu kontrollieren. Zu Lumley gewandt sagte er streng: »Du steckst jetzt diese verdammte Wumme ein und lässt sie dort, Junior.«

»Aber, Sheriff …«

»Geh zu dem gottverdammten Wagen zurück, damit du den anderen den Weg zeigen kannst.«

»Sie bleiben hier bei der Leiche?«

»Geh, Junior, geh!«

»Ich gehe, Calvin, ich geh ja schon!«

Lumley verschwand über den Holzweg. Stowell rief ihm hinterher: »Und wenn die anderen hier sind, dann nennst du mich Sheriff, Junior! Sheriff!« Manchmal hätte Calvin Stowell den Sohn seiner Schwester am liebsten erwürgt.

Er sah wieder auf das tote Opossum am Boden und die kleine Blutlache auf der Erde, die im Kontrast zu dem unbesudelten Boden unter der Leiche des Copeland-Mädchens stand. War sie woanders getötet und erst später hierhergetragen worden? Aber wieso sollte man sie an den Fersen aufhängen, damit jeder, der vorbeikam, ihre Leiche sehen konnte? Und wenn sie woanders zerstückelt worden war, wo sollte das gewesen sein? Ohne Zweifel wäre dort alles voller Blut. Der Rundbrief des FBI hatte auf einen Killer hingewiesen, der das Blut der Leiche mitnahm, aus welchen abgefuckten rituellen oder vampirischen Gründen auch immer.

Einige Stunden später.

Der Anblick des Leichnams in seiner unnatürlichen, umgedrehten Position, der in der Mitte des Tatorts hing, ließ Jessica Coran unkontrolliert zittern. Als das Eis in ihren Venen langsam aufzutauen begann, wurde sie für einen Moment wütend auf Otto Boutine. Er hatte ihr nicht gesagt, dass es so erschütternd sein würde. Er hatte sie nicht auf das ganze hässliche Ausmaß an Brutalität vorbereitet, das an der Leiche zu sehen sein würde. Aber es wäre vielleicht sinnlos gewesen, es auch nur zu versuchen; vielleicht konnte tatsächlich niemand einen darauf vorbereiten, da zu stehen und sich auf einen derart diabolischen Anblick zu konzentrieren.

Aber sie musste sich konzentrieren. Es war ihr Job. Dafür war sie über den halben Kontinent gereist. »Alles klar, Jessica?«, fragte Boutine neben ihr.

Alle im Raum starrten sie plötzlich an. Die Männer waren wohl neugierig, wie sie auf etwas reagieren würde, das ihrer Ansicht nach nicht geeignet war für die Augen einer Frau.

»Ja ja, alles klar, Otto.« Sie versuchte sich trotz des Horrors vor ihr zusammenzureißen, doch eine Stimme in ihrem Kopf schrie: Renn! Renn weg, Mädchen! Vielleicht war sie noch nicht bereit für die Verantwortung, vielleicht hatte sie Ottos Vertrauen gar nicht verdient. Aber eine zweite Stimme in ihrem Inneren, die sie an ihren verstorbenen Vater erinnerte, sagte ruhig: Steh deinen Mann, Jess.

Als sie erneut den verstümmelten Arm ansah, der fast unmittelbar unter der zerfetzten Schulter lag, aus der er gekommen war, zögerte sie erneut. Der Anblick der verstümmelten Brust und der Vagina war wie ein Schlag in den Magen. Sie ging zu der Wand, an der dicke, massive Zedernscheite aufgeschichtet waren. Sie versuchte ein wenig Trost zu finden, indem sie das Zedernholz anfasste, glatt und hart und sauber.

Otto legte behutsam eine Hand auf ihre Schulter und flüsterte: »Ich denke, du gehst besser noch mal raus und kommst wieder rein, Jess. Ich begleite dich.«

»Gib mir nur eine Minute, okay?«

Otto nickte und strich eine Locke seiner langen, graumelierten Haare aus dem Gesicht. »Sicher … sicher …«

Sie war froh, dass er nicht sah, wie die nächste Welle der Desorientierung über sie hinwegspülte. Ihr Gleichgewichtssinn schien in ihrem Kopf Achterbahn zu fahren. Fenster und Türen waren geöffnet worden, aber der Geruch der relativ frischen Leiche im Raum hing wie eine schwere Nebeldecke über dem Ort. Nach den ersten Tagen der Zersetzung war Verwesungsgeruch leichter zu ertragen, aber der erste Eindruck, der an einen Rehkadaver erinnerte, der vor einer Jagdhütte an einem Baum hängt, füllte das Hirn mit urtümlichen Eindrücken von Blut und Tod. Nicht einmal das Licht des Stromaggregats der Polizei konnte den düsteren Horror dessen vertreiben, was hier passiert war.

Aber es war eine Tatsache, dass der Mord noch nicht lange her war, der Ottos Aufmerksamkeit erregt und dafür gesorgt hatte, dass sie in einen Jet in Richtung Wekosha, Wisconsin, gestiegen war, zusammen mit dem besten psychologischen Profiler des ganzen Landes. Es war die Aussicht, einen Tatort vor sich haben, der noch nicht durch Verwesung oder den Zahn der Zeit zerstört worden war – oder durch die Dämlichkeit irgendeiner örtlichen Polizeibehörde, die nicht dafür gewappnet war, mit Fällen von sexueller Verstümmelung durch einen möglichen Serientäter umzugehen.

Otto hatte so eine Ahnung, dass dieser Tod in der Kleinstadt Wekosha einige Gemeinsamkeiten mit früheren Fällen aufwies, die sich über den gesamten Mittleren Westen erstreckten; Fälle, die andere längst zu den Akten gelegt hatten, Boutine aber immer noch schlaflose Nächte bereiteten. Alles Morde, bei denen das FBI nur wenig Hinweise hatte.

Ihr Job hier bestand darin, das Verbrechen rechtsmedizinisch zu rekonstruieren, als eine Art »Negativ« des Bösen, das hier vorbeigekommen war. Daraus ließe sich vielleicht ein klares Bild des Killers ermitteln, vielleicht auch nicht.

Die Hüttenwände, der Boden, die Decke, die Objekte im Raum, all das half schweigend und barg Geheimnisse, die allein sie der Welt verständlich machen konnte. Sie musste die unsichtbaren, mikroskopischen Beweise aus dem größeren, schockierenden Gesamtbild extrahieren, das sich ihnen bot.

Es war keineswegs der erste Leichnam eines Folteropfers, den sie gesehen hatte, aber irgendwie war hier, in freier Wildbahn, alles ein wenig anders. Der Leichnam wurde nicht in einem ordentlich verschlossenen Sack mit Reißverschluss in ein hell erleuchtetes forensisches Labor geliefert und es gab keine Wasserschläuche oder Operationstische aus rostfreiem Stahl. Stattdessen baumelte hier ein verstümmelter Körper an seinen Fersen mit einem Seil befestigt von der Decke, die Kleidung zerfetzt und verstreut, die Haare ein gruseliges Flechtwerk, die blutlosen Glieder wie die einer Schaufensterpuppe.

Es ist etwas anderes, wenn man weiß, dass man stirbt … wenn man auf furchtbare Weise stirbt … wenn das eigene Leiden verlängert wird …

Sie hatte den Blick abgewandt und sah nun wieder nach oben auf die Leiche. Die Zähne zusammenbeißend zwang sie sich, stark zu sein. Woher sie es wusste, konnte sie nicht sagen, aber ihr war klar, dass das Opfer langsam gestorben war, sich seines schrecklichen Schicksals voll bewusst.

Zu wissen, dass der eigene Tod unmittelbar bevorsteht …

Ein beengter Raum. Keine andere Frau zu sehen, außer ihr und der Leiche, die leicht hin und her schaukelte, weil irgendwer sie berührt hatte oder dagegengestoßen war.

Flüstern, unverständliche Unterhaltungen, abgestandene uralte Gerüche, eine dunkle Höhle … eine schreckliche Art zu sterben.

In all dem Lärm und dem Durcheinander aus örtlichen Gesetzeshütern und Bundesbeamten, hier in Wekosha, Wisconsin, wollte Dr. Jessica Coran, Rechtsmedizinerin aus Quantico, Virginia, aus den Labors des FBI, am liebsten ganz wie im Film melodramatisch allen befehlen, sofort den Raum zu verlassen, damit sie mit ihren Ermittlungen beginnen konnte. Aber sie wusste, das hätte wenig Sinn, sie würde damit nur die lokalen Gesetzeshüter verärgern, und der Tatort war sowieso schon kontaminiert, also schluckte sie nur und sagte: »Ich werde die Kooperation von jedem hier brauchen. Kann ich mich darauf verlassen, Otto?«

»Wird gemacht, Dr. Coran«, sagte Boutine mit mehr als genug Eifer für sie beide. Seine donnernde Stimme erschreckte die anderen. Der Chief der Abteilung IV, Psychologisches Profiling von Verstümmelungsmorden beim FBI, Otto Boutine, war ein kräftiger Mann mit einem trügerischen, katzenartigen Dauergrinsen. Er hatte durchdringende graue Augen, die anderen wie ein Schwert durchs Herz fuhren, wenn er Befehle gab. Mit einem glänzenden Cross-Füller, den er seit seiner Ankunft nervös durch die Finger hatte wirbeln lassen, wies er in Richtung Tür. »Verlassen Sie bitte alle den Raum, damit Dr. Coran ihre Arbeit tun kann. Falls sie Ihre Hilfe braucht, wird sie darum bitten.«

Die anderen gingen mit dem ein oder anderen Räuspern hinaus, manche davon eine Oktave höher als nötig. Während sie nach draußen auf die wackelige Veranda traten, sagte sie zu Otto: »Lass mich nur nicht ganz allein, okay?«

Er sah an ihrem flehentlichen Blick: Sie bat ihn nicht nur wegen des Protokolls, welches forderte, dass ein Zeuge die ganze Zeit an ihrer Seite war. Die Bitte war durchaus persönlich.

»Also, was ist dein erster Eindruck?«, fragte er etwas verlegen.

»Ist noch zu früh, um irgendetwas zu sagen, abgesehen von der Tatsache, dass der örtliche Medizinmann angepisst ist.«

»Ja, den Eindruck hatte ich auch. Hoffte wohl, er darf als Erster ran.«

»Jeder könnte sie für tot erklären. Nein, der will nur die Leiche fürs Begräbnis hübsch verpacken, den Angehörigen weiteres Leid ersparen. Das ist zumindest das, was er draußen gesagt hat.«

»Also, wo fangen wir an, jetzt, wo sie uns gehört?«

»Es ist zu dunkel hier drin«, sagte sie.

»Stimmt wohl, aber besser kriegen wir es mit den Generatoren nicht hin.«

»Die Jungs sollen ihre Autos herbringen und mit den Scheinwerfern durch die Fenster und die Tür leuchten. Verdammt, wo bleiben die Kerle aus Milwaukee mit den Sachen, die wir angefordert haben?«

»Die sind auf dem Weg. Sollten sie zumindest sein.«

Sie ging zu ihrer schwarzen Tasche und begann ihr Handwerkszeug auszubreiten: Objektträger, kleine Döschen, Plastiktüten, Schildchen, Pinzetten, spezielle Skalpelle und Spritzen. Den langen beigefarbenen Mantel zog sie aus, dann legte sie ihre Schürze, Handschuhe und Gesichtsmaske an. Aus der Innentasche des Mantels holte sie eine kleine Schachtel, ließ den Deckel aufschnappen und entnahm ihr ein Skalpell. Otto sah sie fragend an. Sie bemerkte die Neugier in seinem Blick.

»Das gehörte meinem Vater. Ist wohl ein bisschen Aberglaube, aber es hilft mir in so einem Moment.«

»Sicher, sicher«, sagte er.

Sie näherten sich der Leiche erneut und Otto sagte: »Ziemlich eindeutig, wenn ich mir das so anschaue.«

»Was ist eindeutig?«

»Wir haben hier ein Folteropfer Stufe neun.«

»Ein Folt 9 …« Ihre Stimme zitterte.

»Beinahe kein Blut, abgesehen von dem um die Wunden herum.«

»Du hast ja schon ein paar von der Sorte gesehen, ich nicht. Lass mich erst mal meine Arbeit machen, okay?«

»Aber Jess, das ist doch offensichtlich, oder nicht?«

»Für mich ist nichts offensichtlich. Ich hab nicht den Ruf, Offensichtliches in meine Berichte zu schreiben. Jetzt lass mich arbeiten. Das wird eine Weile dauern.«

Es war ihr nicht unbeträchtlicher Ruf, auf den Boutine zählte. Er hatte sich hier auf einen schmalen Grat begeben, der sie beide einiges kosten könnte. Unter anderem ihre Karrieren. Aber es war Boutines Vorschlag gewesen, also hatte sie ihn nicht in Zweifel gezogen. Vor ein paar Wochen war er in ihr Labor gekommen und hatte ihr etwa tausend Fragen gestellt, angefangen damit, wie viele Liter Blut der menschliche Körper enthielt, und damit endend, wie man diese Liter am besten abzapfen konnte. In der Zwischenzeit hatte Jessica davon gehört, dass es Streit zwischen Boutine und seinem Boss, Chief William Leamy gegeben hatte. Es ging um Personalstärke, Gelder und Zeit. Also hatte er sie »rekrutiert«, im Bemühen, seine investigativen Kräfte im Hauptquartier auszubauen und sein eigenes Team zu erweitern, indem er eine forensische Expertin seiner Profilergruppe hinzufügte. Es war ein Manöver und noch nicht der große Coup. Sie hatte sich entschlossen, solches Gerangel um Positionen und Macht Otto zu überlassen, und sich auf ihre eigene Partie Schach zu konzentrieren – und die spielte sie mit dem Killer. Die Partie war hiermit eröffnet.

Nachdem sie die Leiche eine Stunde untersucht hatte, brach sie ihr Schweigen gegenüber Otto. »Sie … die Verstümmelungen fanden erst statt, nachdem sie tot war.«

County Sheriff Stowell kam gerade herein und meinte: »Gott sei Dank, dann musste sie wenigstens nicht leiden.«

»Falsch. Sie hat beträchtlich gelitten«, erwiderte Jessica. Dann wandte sie sich an Otto: »Ich werde später mehr über die Waffen wissen, die der Killer verwendet hat, nachdem ich die Gelegenheit hatte, das Gewebe unter dem Mikroskop zu betrachten.«

»Wie kannst du sicher sein, dass sie schon tot war, bevor sie verstümmelt wurde?«, fragte Otto. »Das fehlende Blut?«

»Ja, zum einen.«

»Der Killer hat hinterher sauber gemacht«, schlug Stowell vor.

»Nie im Leben hätte er das komplett von Wänden, Decke und Boden abgekriegt«, meinte sie. »Außerdem, mal abgesehen von den Fußspuren ist die Staubschicht auf dem Boden unversehrt. Nein, der hat sich einen Scheiß darum geschert, hier auch nur ein Fitzelchen sauber zu machen.«

»Wo ist dann das verdammte Blut?«

Sie und Otto sahen sich an. Otto kauerte neben Jessica am Boden, warf einen Blick auf Stowell und sagte: »Diese Information ist streng vertraulich, Sheriff.«

»Absolut … absolut.«

Sie und Otto steckten die Köpfe zusammen. Otto war offensichtlich aufgeregt. »Also hat der Bastard ihr das Blut abgezapft?«

»Ein langsamer und qualvoller Tod.«

»Wie hat er das gemacht?«

»Vielleicht mit Schläuchen … kann ich jetzt noch nicht sagen … aber es war kontrolliert, sehr kontrolliert.«

»Und die Verstümmelung hinterher? Um etwas zu vertuschen?«

»Rein kosmetisch. Damit wir was zu tun haben.«

»Das kannst du alles ohne Tests oder Mikroskope sagen? Ist das so offensichtlich?«

»Na ja, offensichtlich nicht.«

»Keine Zweifel?«

»Nein. Schau … schau genau hin, hier.« Mit einer Pinzette öffnete sie den grauenvollen blutverschmierten Schnitt in der Kehle der toten Frau. Blut war hinabgetropft und in einer ungewöhnlichen Form auf ihrem Kinn und Mund getrocknet. »Die Wunde ist fürchterlich, aber sie wurde ihr zugefügt, nachdem sie tot war und das Blut … nun, das muss wohl aufgebracht worden sein …«

»Aufgebracht?«

»Aufgebracht, hinterher draufgeschmiert.«

»Dann müsste er im Blut Fingerabdrücke hinterlassen haben.«

»Nicht, wenn er Handschuhe verwendet hat – und ich glaube, wir haben es hier mit einem sehr kontrollierten Killer zu tun.«

»Du meinst also, er ist ein durchtriebener Bastard?«

»Auf gewisse Weise, ja. In anderer Hinsicht auch dämlich. Als würden wir ihm abkaufen, dass sie an diesen Wunden gestorben ist. Das Komische ist, dass es am Hals eine Verfärbung unter dem Blut gibt, möglicherweise ein Würgemal oder etwas anderes, das an ein paar Stellen das Gewebe verfärbt hat.« Sie deutete mit dem Finger darauf.

»Also ist es so, wie ich vermutet habe«, sagte er. Ein Folt 9.

»Kannst du mir vielleicht einen Kaffee besorgen, schwarz?«, fragte sie. »Ich muss hier noch einiges erledigen.«

»Doktor, Ihr Wunsch ist mir Befehl. Das könnte für uns beide ein Durchbruch sein.«

»Erst mal langt mir der Kaffee. Und vielleicht eine heiße Dusche danach. Und ein bisschen Verständnis von Gott.«

»Für den Kaffee und die Dusche kann ich sorgen, aber Letzteres? Da musst du dir selbst helfen, Mädchen.«

Sie sah ihm nach, wie er davonging. Dann wandte sie sich wieder dem Leichnam zu. Sie konzentrierte sich auf das Weiße in den Augen des Mädchens, da sie in ihren Höhlen nach oben gerollt waren. Eine natürliche Reaktion bei Todesangst. Das Weiße ihrer Augäpfel war mit fast unsichtbaren, winzigen kleinen roten Punkten gesprenkelt, die man bei guter Beleuchtung und Vergrößerung viel besser hätte sehen können, aber Jessica hatte schon früher die untrüglichen Anzeichen einer Strangulation bemerkt, und das passte ebenfalls ins Bild. Alles deutete auf den Hals als die Öffnung hin, durch die der Killer sein Opfer hatte ausbluten lassen. Unter dem kosmetischen Schlitz im Hals, den der Irre verursacht hatte, gab es noch weitere Anzeichen für die tatsächliche Todesursache, da war sie sich sicher. Aber wie hätte sie das hier und jetzt unter diesen Bedingungen feststellen können? Das war unmöglich.

Wo blieb der verdammte Kaffee?

Jessica Coran schreckte zusammen. Eines der Augen der Toten hatte gezuckt und seine normale Position wieder eingenommen, die Pupille war auf sie gerichtet. Das tote Mädchen hatte wunderschöne, tiefblaue Augen gehabt.

Ende der Leseprobe

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