BLOODY WOMBERG

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Chris Trautmann

KRIMINALROMAN

Band 1
Serie: Bloody Nordhaven

Chris Trautmann belebt das Krimigenre! So viel Liebe zum Detail in Landschafts- und Charakterbeschreibung war selten. Sein neues Ermittlerteam Tagstedt und Terry sind ein herrlich zerstrittenes Duo. Genießen Sie in diesem Krimi den rauen Charme Norddeutschlands, der durch die Seiten weht.

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Beschreibung


Ein ermordeter Kunstmaler, der auf bizarre und zugleich bestialische Weise ins Jenseits befördert wurde.
Hanno Tagstedt und seine neue Kollegin, die aus Hamburg strafversetzte Helen Terry, ermitteln in ihrem ersten gemeinsamen Fall.
Die Spuren scheinen zunächst auf Erpressung und eine gefährliche Verstrickung in den internationalen Waffenhandel zu deuten, doch während Helen Terry hitzig und überambitioniert drauflos ermittelt, steht Hanno Tagstedt zu seiner Ratlosigkeit und wartet darauf, dass sein Instinkt sich irgendwann im Lauf der Ermittlungen meldet …


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

260

ISBN

978-3-95835-170-7

eISBN

978-3-95835-171-4

Leseprobe


Am Tatort herrschte das übliche Gewusel aus Technikern, Schutzpolizei, Spurensicherung und Mordkommission. Wie vom Dezernatleiter Döhring angekündigt, traf Tagstedt hier auf seine neue Kollegin Helen Terry, die unschwer zu erkennen war, weil sie als Einzige keinen weißen Schutzanzug mit Mundschutz und keine Uniform trug. Sie stand vor der in einer seltsamen Vorrichtung hängenden nackten Leiche und betrachtete diese konzentriert. Dazu musste sie nach oben schauen, und an ihrer unveränderten Blickrichtung las Tagstedt ab, dass sie sein Auftauchen noch gar nicht bemerkt hatte.
Er schaute zuerst sie genauer an, ehe er verblüfft die vor ihnen aufragende Metallkonstruktion betrachtete. Die Konstruktion war bizarr und erschreckend, und irgendetwas an ihr war offenbar tödlich. Trotzdem blieb Tagstedts Blick zuerst bei der Frau auf der anderen Seite dieser Konstruktion hängen. Honigblondes Haar, leicht gewellt, knapp schulterlang, beigefarbener sportlicher Blazer mit Lederbesatz am Revers und am Kragen, Jeans und schwarze Lederstiefel. Grauer Pullover unterm Blazer, insgesamt ein Eindruck von lässigem Landadel, ein bisschen sehr gewollt. Die Augenfarbe konnte er nicht genau erkennen, und dann hatte er sie auch schon genug angesehen und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf das Opfer.
Das Gebilde aus rostbraunen Metallstäben sah hier in diesem Atelier mit der hohen Decke aus wie eine konstruktivistische Plastik. In einer Fang- oder Fesselungsvorrichtung, die Tagstedt an die grobgezinkten Haarklammern seiner Frau erinnerte, hing die Leiche. Darunter, das sah er erst jetzt, befand sich ein Auffangbecken, ebenfalls aus rostig braunem Metall, das randvoll mit einer dunklen Flüssigkeit war.
»Saubere Sache«, bemerkte Tagstedt und sah wieder zu der neuen Kollegin auf der anderen Seite der Konstruktion.
Sie richtete den Blick auf ihn. Ihm fiel das Fehlen jeglicher Nervosität oder sonst einer Regung auf.Mensch oder Maschine, dachte er. »Hanno Tagstedt«, sagte sie, und er versuchte angestrengt eine Einstellung, ein Empfinden herauszuhören – soweit das in der kurzen Zeitspanne möglich war, die ihm blieb, bevor er irgendetwas antworten musste.
»Genau«, entgegnete er knapp. Sie machte keine Anstalten auf seine Seite der Konstruktion zu kommen.
»Was ist das?«, fragte Helen Terry.
»Eine Schächtmaschine«, antwortete Tagstedt.
Terry sah ihn an, leichtes Erstaunen, unterschwellige Genervtheit. Na bitte.
»Ist mir so in den Sinn gekommen.«
»Geben Sie immer gleich zum Besten, was Ihnen gerade in den Sinn kommt?« Jetzt war da sogar eine Spur Verächtlichkeit. Es kam Leben in die Dame. Tagstedt nahm das eher belustigt zur Kenntnis.
»Nur, wenn\’s sein muss. Wie zum Beispiel im Frühstadium kriminalistischer Ermittlungen, die, wie Sie ja wissen, schon am Tatort beginnen. Man tauscht sich über spontane Eindrücke aus, wirft ein paar Stichworte und Ideen hin und her. Wir können ja hier nicht bloß rumstehen und gucken.«
Jetzt sah er offene Verachtung. Bravo, dachte Tagstedt, das ist ja ein ganzes Feuerwerk an Emotionen. Vermutlich konnte er sich darauf etwas einbilden. »Danke für die Belehrung.«
»Gern.«
Die blonde Frau mit der sportlich-zierlichen Figur sah nicht mehr ihn an, sondern das Auffangbecken. Tagstedt vermutete, dass sie Lust verspürte, ihn in den Bauch zu boxen. Oder sich einfach umzudrehen und wegzugehen, dorthin zurück, woher sie gekommen war.
  Steig in deinen Scheißwagen und hau ab, dachte er. War sie überhaupt mit dem Wagen hier? Was spielte das für eine Rolle? Er konnte sie ebenso gut in den Zug setzen. Er würde am Automaten eine Fahrkarte für sie lösen und sie auf den Bahnsteig begleiten, sie dabei am Ellbogen fassen: Abschiebung.
Leider würde das nicht passieren. Sie würden zusammenarbeiten, für eine Weile. Aber das bedeutete nicht, dass Tagstedt die neue Kollegin vorher nicht ein wenig triezen konnte. Da sie nicht den Eindruck machte, als würde zwischen ihnen auf ihre Initiative hin ein kolossal freundschaftliches Verhältnis entstehen, gab er sich auch keine Mühe.
Hanno Tagstedt mochte das Wort ›kolossal‹, obwohl er es albern fand. »Die Kollegen freuen sich, dass das ganze Blut aus dem Menschen da schön sauber abgelaufen ist. Der ist doch ausgeblutet, oder?«, wandte sich Tagstedt mit einem Seitenblick an einen Mann von der Spurensicherung.
Der Mann im weißen Schutzanzug zuckte mit den Schultern. »Können wir noch nicht genau sagen.« Er konsultierte kurz das Klemmbrett in seiner Hand, als stünde da eine Antwort.
»Ich weiß, dass ihr das noch nicht sagen könnt«, meinte Tagstedt, worauf der andere die Augen verdrehte. Helen Terry beobachtete ihn. »Wir wären durch Blut gewatet«, wandte er sich wieder an sie.
Helen Terry drehte sich um, langsam, Kopf leicht von unten nach oben neigend, als begutachte sie ihre Umgebung und versuche, Tagstedts Worte nachzuvollziehen. Dann wandte sie sich wieder der Konstruktion zu, die Tagstedt in diesem Moment umrundete. Er blieb neben der neuen Kollegin stehen und schaute ihr über die linke Schulter.
»Fast acht Liter Blut«, bemerkte er. »Das wäre eine schöne Sauerei geworden.«
»Geben Sie auch mal was fachlich Qualifiziertes von sich?«
Er glaubte in ihrer Nähe die Abneigung gegen ihn körperlich spüren zu können. Wie würde sie wohl reagieren, wenn er jetzt die Hand auf ihre Schulter legte? Würde sie ihn wegstoßen? Endlich dem Wunsch nachgeben, ihn in den Magen zu boxen? Ihn in den Blutbottich schubsen? Wenn er wollte, konnte er sie innerhalb weniger Minuten so weit reizen, dass sie irgendeine heftige Reaktion zeigte. Vielleicht spürte sie das. Vielleicht war sie aber auch zu sehr damit beschäftigt, sich zusammenzureißen. Der Anblick des vielen Blutes jedenfalls schien ihr nichts auszumachen. Es sah auch da in diesem angerosteten Metallauffangbecken nicht aus wie Blut. Es hätte sich ebenso gut um Altöl handeln können.
»Das hat mich mein Physiklehrer auch immer gefragt«, antwortete Tagstedt.
»In einem anderen Leben, oder?«, bemerkte Helen Terry trocken.
»Er ließ vorn am Versuchstresen irgendein schweres Ding eine Rampe hinunterrutschen und fragte anschließend: Was ist passiert? Das Problem war nur, dass er für diesen Versuch das Licht im ganzen Physikraum löschte.«
Terry sah ihn von der Seite an. Sie war einige Jahre jünger als er. Mindestens zehn, schätzte er. »Und?«
»Und wir waren fünfundzwanzig Jungs und Mädchen mitten in der Pubertät in einem dunklen Physikraum, in dem der Lehrer vorn im Schein des Spotlichts keinen von uns erkennen konnte.«
»Danke für dieses nette Kennenlerngespräch.« Sie entfernte sich, ging auf die andere Seite der Konstruktion, wo Tagstedt vorhin gestanden hatte. Die Techniker nahmen Fingerabdrücke und untersuchten drauflos, es war das übliche stumme gegenseitige Antreiben. Tagstedt und Terry blockierten die Arbeit der Leute.
»Also, was glauben Sie?«, fragte Tagstedt über das Auffangbecken hinweg.
»Sie meinen: Was ist passiert?«
»Es sieht nach einer Vorrichtung zum Schächten von Vieh aus.«
»Schafe.«
»Was?«
»Geschächtet werden doch wohl hauptsächlich Schafe, oder?«
»Ja, richtig. Oder Rinder.«
»Dafür ist diese Zange da aber zu klein.«
»Gibt es das überhaupt, eine Schächtmaschine?«
»Nein«, lautete Helen Terrys überzeugte Antwort, was Tagstedt zu der Frage veranlasste, ob sie sich mit Schächtritualen auskenne. »Sie meinen, ob ich Jüdin oder Muslimin bin?«
»Ja, zum Beispiel«, sagte er.
»Was soll denn dieses ›Zum Beispiel‹? Sehe ich aus wie ein muslimischer Metzger?«
  So wird das nichts, dachte Tagstedt. Er wandte sich an den Kollegen mit der Kamera. Auch der steckte in einem weißen Schutzanzug. »Hau rein. Diesmal ruhig ein bisschen mehr Material. Ich glaube, dieses Ding da wird uns noch beschäftigen.«