Buchcover:

Blackout – Im Herzen der Finsternis

von Tim Curran

Tim Curran ist ein Poet des Grauens. Seine Sprache strotzt vor gewaltigen Bildern, die sich mit Stacheln und Widerhaken in der Erinnerung festsetzen und nicht mehr verdrängen lassen. [Andreas Gruber, Autor]

INHALTSBESCHREIBUNG


Während eines wunderschönen Sommers lauert ein außerirdisches Übel über einer ruhigen Wohngegend und wartet darauf, auf die nicht sahnenden Bewohner herabzustoßen. Zuerst erscheinen pulsierende Lichter, dann heftiger Regen, starker Wind und schlussendlich bringt ein kompletter Stromausfall die absolute Dunkelheit. Aber das ist nur der Anfang … Als peitschende, schwarze Tentakel vom Himmel fallen und wahllos Menschen packen und nach oben in die Finsternis reißen, müssen die Bewohner vom Piccamore Way die entsetzliche Wahrheit darüber entdecken, was diese Wesen mit der menschlichen Spezies vorhaben.

1

Die Geschichte, die ich euch erzählen werde, handelt davon, was geschah, nachdem die Lichter ausgingen. Ich werde euch erzählen, was mit unserer wunderschönen grünen Welt und den Menschen, die sie ihr Zuhause nannten, geschah. Ihr müsst verstehen: Es ist keine fröhliche Geschichte, und sie hat keine Moral. Es ist nicht diese Art von Geschichte.

2

Wir hatten ein Haus im Ranch-Stil auf dem Piccamore Way, ganz und gar amerikanischer Durchschnitt, ganz und gar Mittelklasse, ganz und gar langweilig... etwas, womit wir alle ganz zufrieden waren. Aufregung ist etwas für Menschen, die noch nicht die Vierzig überschritten haben. Danach verspürt man den Wunsch nach Ruhe, nach Zufriedenheit, nach den vertrauten, immer gleichen Abläufen. Piccamore Way erfüllte diese Bedürfnisse vollständig. Es hatte etwas Beruhigendes zu wissen, dass der Zeitungsjunge den Courier immer in die Büsche werfen und dabei die Veranda locker um eine Meile verfehlen würde. Dass Al Peckman seinen siebenundsechziger Camaro, rot wie ein kandierter Apfel, jeden Sonnabendmorgen in der Einfahrt wusch und wachste. Dass Iris Phelan ihren Fernseher immer so laut aufgedreht hatte, dass er noch drei Straßen weiter zu hören war. Dass Billy Kurtz jeden Abend Punkt sechs die Straße heraufstolperte, nachdem er seine Schicht in der Fabrik zu Ende gebracht hatte (ebenso wie sechs oder sieben große Flaschen Bud in der Bar None). Dass die Eblers so viele Blumen in ihrem Vorgarten pflanzten – Lilien und Gelben Hibiskus, Hainblumen mit himmelblauen Blüten, Vergissmeinnicht und Gartenwicken – dass die chromatischen Frequenzen die Augen schmerzen ließen. Und dass Ray Wetmore sogar jetzt einen weiteren Anlauf auf einen Sitz im Country Board plante, obwohl er beim letzten Mal kaum die hundert Stimmen geknackt hatte. So sah unsere Nachbarschaft auf dem Piccamore Way aus.

Beschaulich, vorhersehbar, aber sehr komfortabel.

Es war eine Straße im Sommer, mit üppigen grünen Eichen und weißen Holzhäusern, die in ordentlichen Reihen aufgestellt waren. Es gab ein anständiges Feuerwerk zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli, Stände mit Kool-Aid für zehn Cent das Glas, SUVs in den Einfahrten und Kinder mit Rollerblades auf den Bürgersteigen, freundliche Nachbarn mit Kühlboxen voller kaltem Bier auf ihren Veranden und jede Menge gutes rotes Fleisch, das auf den Grills brutzelte, sobald der Abend kam. Es war der so gut wie perfekte amerikanische Traum, und wenn hin und wieder etwas Dunkles das Wasser unseres kristallklaren Teiches befleckte – der Sohn eines Nachbarn hatte sich beim Verticken von Dope an der High School erwischen lassen, oder jemandes Frau hatte eine Affäre mit ihrem Chef – taten wir einfach so, als bemerkten wir es nicht, bis das getrübte Wasser wieder klar war. Denn so würde es sein. So würde es immer sein, dessen waren wir uns sicher.

Zumindest dachten wir das.

An jenem Tag war kurz vor Sonnenuntergang ein merkwürdiges Wetterleuchten am Horizont zu sehen gewesen. Die Straße war von oben bis unten voller Menschen, die von ihren Gärten und Veranden aus das Schauspiel beobachtetet hatten, das ein anständiges Sommergewitter prophezeite. Schon tagelang hatten wir mit hoher Luftfeuchtigkeit zu kämpfen gehabt, und hier kam das Überdruckventil, das die Feuchtigkeit aus der Luft herausbluten lassen würde.

Wir schmissen eine kleine Party im Garten hinter meinem Haus. Denn es gab etwas zu feiern: Ich hatte nicht eine Zigarette in drei Monaten geraucht. Und wenn man an den Sargnägeln gezogen hatte seit man Sechzehn war und auf die Fünfzig zuging, dann war das eine verdammt gute Leistung. Kathy war stolz auf mich, genau wie meine Tochter Erin, die den Sommer mit einem Work-Study-Programm in Italien verbrachte. Ich war ebenfalls ziemlich stolz auf mich, so stolz, dass ich vorhatte, damit zu prahlen, wenn die Schule wieder anfing – ich war Lehrer für Physik und Biologie an der Patrick Henry High School.

Das Leben meinte es gut.

Der Grill war heiß, die Steaks anderthalb Zoll dick, die Maiskolben rösteten über offenen Flammen, die großzügig mit Knoblauchbutter bestrichenen Riesengarnelen brutzelten und eisgekühlter Gin Tonic machte die Runde. Wir hatten eine gute Zeit. Sicher, Bonnie Kurtz betrank sich und wurde ein kleines bisschen zu aufdringlich, Ray Wetmore meckerte über unsere wirkungslosen Gemeinderäte, und Al Peckman versuchte, mir Investmentfonds aufzuschwatzen, während er den Rauch seiner allgegenwärtigen Marlboro in mein Gesicht blies. Es machte mich fast verrückt vor Heißhunger auf eine Zigarette und verschaffte mir gleichzeitig einen angenehmen Nikotinkick. Aber am Ende war alles gut, und jeder ging in dieser Nacht mit vollem Bauch, betrunken und glücklich nach Hause.

Kurz vor Mitternacht waren wir endlich mit Saubermachen fertig.

Bonnie hat wohl ins Blumenbeet gekotzt“, sagte ich.

Kathy seufzte.

Das macht sie jedes Mal. Wir haben zwei Badezimmer, und offenbar kann sie nie auch nur eines von ihnen finden.“

In ihrem Zustand? Verdammt, sie hätte nicht einmal die Tür aufbekommen.“

Kathy saß bei mir auf dem Sofa. „Al hat mich am Hintern begrapscht.“

Ich kicherte. „Du hast wirklich einen sehr schönen Hintern. Das kannst du ihm nicht verdenken. Ich konnte dich nicht retten, weil ich Bonnie abwehren musste. Auf eine ihrer Brüste ist eine Rose tätowiert, und sie hat immer wieder versucht, sie mir zu zeigen.“

Sie hat immer wieder versucht, sie allen zu zeigen.“

Sie ist sehr stolz auf das, was sie vorzuweisen hat.“

Kathy seufzte wieder. „Es ist wirklich erstaunlich, was ein Pfund gut platziertes Silikon für das Selbstwertgefühl einer Frau tun kann.“

Wir plauderten noch ein wenig, dann ging Kathy zu Bett. Ich blieb auf dem Sofa liegen und sah mir ein altes Baseballspiel auf ESPN an. 1992, die Pittsburgh Pirates verpassten gerade den Atlanta Braves eine Tracht Prügel. Irgendwann während des Spiels gingen bei mir die Lichter aus. Ich schlief den tiefen, bewusstlosen Schlaf, der von zu viel Sonne, zu viel gutem Schnaps und zu fettem Essen kommt. Ich bin nicht sicher, wie lange ich weg war. Vielleicht zwei Stunden, wenn überhaupt.

Ich erwachte zu blitzendem Stroboskoplicht.

Zumindest schien es das zu sein. Ich öffnete die Augen und schloss sie sofort wieder, denn die Welt da draußen war das reinste Chaos. Der Sturm stürzte sich auf uns, der Regen peitschte das Haus und der Donner krachte. Der Wind ließ die Bäume im Vorgarten knarren und ächzen. Das stroboskopartige Licht zwang mich, die Augen zu schließen. Es war einfach zu viel. Vor allem nach einem Trinkgelage, das den ganzen Abend gedauert hatte. Mir war klar, dass ich aufstehen und die Fenster schließen musste. Das gehörte zum Leben eines verantwortungsvollen Hausbesitzers dazu, aber bei Gott, ich war vollkommen hinüber. Mein Körper fühlte sich schwer an, als türmte sich auf ihm eine Ladung Steine, mein Magen schlug verbittert Purzelbäume, und mein Kopf hämmerte mit dem obligatorischen Kopfschmerz, den ein Kater mit sich bringt.

Schließlich richtete ich mich auf, und alles fühlte sich nur noch schlimmer an.

Draußen durchzuckten noch immer Blitze die schwarze Nacht. Es war merkwürdig. Bei den meisten Stürmen gibt es ab und an einen Blitz, dann kommt der Donner – aber das hier war ein pausenloses Schnellfeuer. Als würden tausend Blitzlichter gleichzeitig losgehen, mit kaum einer Pause dazwischen. Der Timer hatte den Fernseher ausgeschaltet, das Wohnzimmer war schwarz... bis auf das zuckende Licht, das unregelmäßige Muster bildete. Für zwei, drei Minuten blitzte es rasch hintereinander, dann war eine Zeit lang nichts zu sehen, bevor es wieder von vorne losging. Etwas daran war sehr merkwürdig, das spürte ich, aber ich war zu verkatert, um darüber nachzudenken.

Ich stolperte umher und überprüfte die Fenster. Alle waren geschlossen. Das konnte nur bedeuten, dass Kathy mir wie so oft einen Schritt voraus war. Vermutlich war sie durchs Haus geschlichen und hatte die Fenster zugemacht, während ich schlief. Ich ging nach oben, kroch ins Bett neben sie und wartete auf das nächste Trommelfeuer.

Bist du wach?“, fragte ich.

Keine Antwort.

Kathy, bist du wach?“

Immer noch keine Antwort. Seit Jahren spielten wir dieses Spiel. Sie tat so, als würde sie schlafen, und ich flüsterte wieder und wieder ihren Namen, um sie zu wecken. Und wenn das nicht funktionierte, packte ich sie am Bein, woraufhin sie laut kreischen würde. „Kathy?“, sagte ich. „Bist du wach? Kathy? Kathy? Kathy? Hey, Kathy, bist du wach?“ Ich bin mir nicht sicher, was es war, aber ich fühlte eine seltsame Art Panik in mir aufsteigen. Es war sehr dunkel, und ich konnte Kathy nicht sehen. Aber irgendein in mir verborgener sechster Sinn (ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll) sagte mir, dass sie nicht da war. Wir alle haben ihn manchmal. Bei mir schlug er in diesem Moment Alarm. Sie war nicht im Bett, das wusste ich auf die gleiche Art und Weise, wie man ein Haus betritt und sofort weiß, dass niemand zu Hause ist. In diesen Situationen liegt irgendetwas in der Luft, schätze ich.

Ich streckte die Hand aus, und ihre Seite des Bettes war leer.

In diesem Moment begann es erneut zu blitzen, und ich sah sehr deutlich, dass ich allein im Zimmer war. Der Donner grollte, der Wind blies, und das Haus bebte.

Und Kathy war verschwunden.

Ende der Leseprobe

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