BLACK STILETTO

4,99 13,95 

Raymond Benson

Thriller

Band 1
Serie: Black Stiletto

»Sollten Sie Black Stiletto bisher noch nicht auf dem Schirm gehabt haben, stimmt vielleicht etwas mit Ihrem Schirm nicht.« [Lee Child, New York Times Bestseller-Autor der Jack-Reacher-Romane]

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Beschreibung


Zu ihrer Zeit war BLACK STILETTO eine Legende; eine Untergrund-Heldin, die während der späten Eisenhower-Ära und den frühen Jahren unter Kennedy in New York City einige Berühmtheit erlangte. Obwohl sie von den Autoritäten gesucht wurde und eingesperrt worden wäre, wenn man sie gefasst oder ihre Identität gelüftet hätte, war die BLACK STILETTO eine kompetente und höchst erfolgreiche Verbrechensbekämpferin. Zu ihren Gegnern gehörten gewöhnliche Gauner, kommunistische Spione, die Mafia und schlimmeres. Als Feministin, lange bevor dieser Begriff Einzug in den täglichen Sprachgebrauch fand, war sie für deren Gefangennahme und – hin und wieder – auch für ihren Tod verantwortlich. Doch irgendwann in den 1960er-Jahren verschwand BLACK STILETTO von der Bildfläche, und man hörte nie wieder von ihr. Die meisten Menschen glaubten, sie wäre gestorben, und niemand erfuhr je, wer hinter der Kostümierung steckte. Während der 80er- und 90er-Jahre erfuhr der Mythos um die BLACK STILETTO in Comic-Büchern und anderen Medien eine Renaissance. Mit Millionen von Dollars versuchte man, das Geheimnis der Person hinter dem Superheldinnen-Image zu lüften.
Doch bis heute blieben viele Fragen unbeantwortet: Wer war sie? Ist sie noch am Leben? Und wenn ja, wo?

Sollte es wirklich wahr sein, dass Martin Talbots betagte, vom Alzheimer gezeichnete Mutter Judy einmal die berühmte BLACK STILETTO war?

Als Martin eine Reihe von Tagebüchern mit den Aufzeichnungen seiner Mutter findet, ist er überwältigt.
Sie soll die Untergrund-Heldin vergangener Tage gewesen sein? Jene berühmte Frau, die sich mit der Mafia anlegte und jede Menge Verbrecher dingfest machte, und deren geheime Identität doch nie gelüftet werden konnte? Jene Frau, die gnadenlos jedes Verbrechen bestrafte? So steht es zumindest bis ins kleinste Detail in diesen Tagebüchern geschrieben: Wie es dazu kam, dass sie zu einer Kämpferin für die Gerechtigkeit wurde, warum sie sich dazu entschloss, außerhalb des Gesetzes zu agieren, all ihre Heldentaten als berühmt berüchtigte Superheldin, und wie sich ihr Ruf plötzlich ins Gegenteil verkehrte. Kurzum – wie sich alles zutrug.
Konnte das wahr sein? Talbot ist voller Zweifel und Unglauben. Doch dann tritt ein alter Erzfeind von BLACK STILETTO auf den Plan, welcher gnadenlos Rache nehmen will, und damit nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben ihres Sohnes und ihrer Enkelin gefährden könnte.


»Die Mischung aus Superheldengeschichte, Thriller und Abenteuer hat mich durchweg gut unterhalten. Besonders das Ende war super und hat mich nach der eher ernsten Geschichte zum Lachen gebracht. « [Kaito, Wasliestdu.de]

»Ein Muss für jeden, der Pulphelden mag …« [AndreasF, lovelybooks]

»Zusammenfassend lässt sich sagen, das dieses Buch sich seine 5 Sterne verdient hat. Es war spannend von Anfang bis zum Ende.« [Booklovers]


auch hier erhältlich (Auswahl) … AMAZON | THALIA | WELTBILD | HUGENDUBEL | MAYERSCHE | BÜCHER.DE | KOBO

 


Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

328

ISBN

978-3-95835-162-2

eISBN

978-3-95835-163-9

Leseprobe


Meine Mutter war die maskierte Rächerin, bekannt als Black Stiletto.
Das habe ich heute erst herausgefunden, und ich bin seit achtundvierzig Jahren ihr Sohn. Ich wusste mein ganzes Leben lang, dass sie ihre Geheimnisse hatte, aber es ist wohl unnötig zu sagen, dass das ein kleiner Schock für mich ist.
Zuerst dachte ich, es wäre ein Witz. Ich meine, mal im Ernst. Meine Mutter? Eine kostümierte Kämpferin für Recht und Gesetz? Schon klar, guter Witz. Und dann ausgerechnet die Black Stiletto? Kein Mensch würde mir das glauben. Ich bin ja noch nicht einmal sicher, ob ich es selbst glaube, obwohl ich eindeutige Beweise dafür hier vor mir habe.
Die Black Stiletto. Eine der berühmtesten Personen auf diesem Planeten.
Und sie siecht dahin. In einem Pflegeheim.
Oh. Mein. Gott.
Ich habe wirklich keine Ahnung, was ich davon halten soll.
Ganz sicher war es nicht das, was ich erwartet hatte, als mich Onkel Thomas an diesem schönen Nachmittag im Mai in sein Büro bestellte. Er ist nicht wirklich mein Onkel, eher ein Freund der Familie. Ich vermute, dass er und meine Mutter früher mal was miteinander hatten, als ich noch ein Kind war, aber sie waren Freunde geblieben, und später trat er als ihr Sachverwalter auf. Sie müssen wissen – meine Mutter, Judy Talbot, ist zweiundsiebzig Jahre alt. Und sie hat Alzheimer. Das ist eine furchtbare Krankheit, und sie schlug unerbittlich zu. Schlich sich nicht einfach langsam an, wie sie das bei den meisten Erkrankten tat. Es war beinahe so, als ging es ihr den einen Tag noch gut, und dann konnte sie sich schon nicht mehr an meinen Namen erinnern. Fünf Jahre später, nachdem die Krankheit bei ihr ausgebrochen war, musste ich sie ins Woodlands North bringen. Das war unangenehm, aber nötig, und ohne Onkel Thomas hätte ich es nicht geschafft. Die Ironie an der Sache ist, dass es ihr körperlich noch ziemlich gut geht. Sie war schon immer gut in Schuss, trotz der Trinkerei und der Depressionen. Doch dann, eines Tages, schaltete ihr Gehirn ab, und sie konnte sich nicht mehr um sich selbst kümmern. Die körperlichen Beschwerden, mit denen sie jetzt zu kämpfen hat, sind schlicht Begleiterscheinungen des Pflegeheims, in dem sie seit zwei Jahren verkümmert. Ja, sie stirbt, einen langsamen und schlimmen Tod. Die Ärzte wissen nicht, wie lange ihr noch bleibt. Bei Alzheimer weiß man das nie.
Das Büro von Onkel Thomas befindet sich in Arlington Heights, Illinois. Das ist ein Vorort im Nordwesten von Chicago. Ich bin da aufgewachsen. Ich wohnte mit meiner Mutter in einem Haus in der Nähe des Zentrums, von wo aus wir einen Pendelzug nehmen konnten, wenn wir in die große Stadt wollten.
Arlington Heights war früher ein flippiger, malerischer kleiner Ort, in dem nicht viel los war, als ich dort in den Sechzigern und Siebzigern aufwuchs. Heutzutage haben sie ihn zugebaut und zu einem Ausgehviertel gemacht, mit Kinos, trendigen Restaurants, Nachtklubs und Geschäften. Aber ich lebe da nicht mehr.
Ich wohne jetzt etwas weiter nördlich, in einem Ort namens Buffalo Grove. Ich lebe allein, obwohl ich eine Tochter habe. Sie wohnt bei ihrer Mutter – meiner Ex-Frau – in Lincolnshire. Diese Orte liegen alle nah beieinander. Deshalb ist es kein großer Umstand, bei Onkel Thomas vorbeizuschauen, oder meine Mutter in Woodlands zu besuchen, das in Riverwoods liegt. Und das tue ich. Also, meine Mutter besuchen, meine ich. Wenigstens einmal die Woche. Abgesehen von meiner Tochter, die sie ab und an besuchen kommt, bin ich der Einzige, den sie noch hat – auch wenn sie die meiste Zeit keine Ahnung hat, wer ich bin.
Janie, Onkel Thomas\‘ Sekretärin, begrüßte mich herzlich, als ich ins Büro kam. Wir tauschten ein paar kurze Nettigkeiten aus und dann meinte sie, dass ich zu ihm hinein kann. Er saß an seinem Schreibtisch und brütete über einem Stapel Dokumente. Onkel Thomas ist etwa so alt wie meine Mutter und arbeitet immer noch acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Er sah auf, lächelte und erhob sich. Wir gegrüßten uns, schüttelten einander die Hände, dann bot mir einen Sessel an. Er lief um seinen Schreibtisch herum und schloss die Tür, damit wir ungestört waren.
»Also, was gibt\’s?«, fragte ich. Am Telefon hatte er sich ziemlich geheimnisvoll angehört.
»Martin, ich habe hier etwas, dass ich dir geben soll.« Er deutete auf seinen Tisch und auf eine schwarze, metallene Schatulle, eine von der Art, in der man Dokumente oder Wertsachen aufbewahrt. Daneben lag ein A4-großer Umschlag mit meinem Namen und meiner Adresse darauf.
»Was ist das?«
»Das ist von deiner Mutter.« Als ich die Stirn runzelte, fuhr er fort. »Sie hat das schon vor langer Zeit vorbereitet. Vor fünfzehn Jahren, um genau zu sein. Für den Fall, dass sie stirbt oder nicht mehr geschäftsfähig ist, sollte ich dafür sorgen, dass du diese Dinge bekommst. Diesen Brief, und diese Schatulle.«
»Wo war das die ganze Zeit?«, fragte ich.
»Ich hab es aufbewahrt. Treuhänderisch, sozusagen.«
»Weißt du, was drin ist?«
»Nein, Martin, das weiß ich nicht. Deine Mutter hat sehr deutlich gemacht, dass der Inhalt privat und vertraulich ist. Ich habe einige Zeit mit mir gerungen, wann ich es dir geben soll. Ich denke, der Zeitpunkt ist gekommen, wo man sich eingestehen sollte, dass deine Mutter tatsächlich nicht mehr Herr ihrer Sinne ist. Sie wird sich von dieser furchtbaren Krankheit nicht mehr erholen, es sei denn, man erfindet noch ein Wundermittel, und die Chancen stehen schlecht, dass sie das erleben wird. Nun, deshalb sind wir jetzt hier. Tut mir leid, dass ich so lange gewartet habe.«
Ich war nicht sauer auf ihn. Ich konnte die Zwickmühle verstehen, in der er steckte, aber viel mehr interessierte ich mich für das Zeug auf dem Tisch. Was konnte sie besitzen, dass diese Geheimniskrämerei rechtfertigte?
»Na, dann wollen wir mal sehen.« Ich hielt ihm die Hand entgegen, und er gab mir zuerst den Umschlag. Es fühlte sich so an, als würde er – logischerweise – einen Brief enthalten und etwas Schwereres aus Metall. Vielleicht der Schlüssel für die Schatulle?
Ich öffnete den Umschlag, und tatsächlich viel ein kleiner Schlüssel in meinen Schoß. Ich legte ihn erst einmal beiseite, zog den Brief heraus und las ihn.
Der Brief war auf der alten elektrischen Schreibmaschine geschrieben worden, die wir früher besaßen. Meine Mutter hatte handschriftlich das Datum hinzugefügt und am unteren Ende mit »Judith May Talbot« unterschrieben.
Ich musste ihn drei Mal lesen, um zu verstehen, was da geschrieben stand.
Onkel Thomas musterte mich gespannt. »Du brauchst mir nicht zu sagen, was darin steht, wenn du es nicht willst«, erklärte er. Dennoch sah ich ihm an, dass er vor Neugier platzte.
Für eine Weile saß ich in dem Sessel und war wie vor den Kopf geschlagen. Mir war nach Lachen zumute, und ich glaube, ich habe tatsächlich gelacht. Ich fragte Onkel Thomas, ob das ein Scherz sein sollte. Er antwortete, dass es kein Scherz sei und fragte, wie ich darauf käme.
»Schon gut«, antwortete ich.
Dann las ich den Brief noch einmal. Schüttelte den Kopf.
Es war ein Geständnis. Darin gab meine Mutter zu, dass ihr Name in Wirklichkeit Judith May Cooper lautete, und dass sie die Black Stiletto gewesen war. Sie hatte dieses Geheimnis seit den Sechzigern für sich behalten, als sie ihr Kostüm an den Nagel hängte, ihren Namen änderte und versuchte, ein normales Leben zu führen. Meine Zweifel ahnte sie voraus und wies darauf hin, dass mich der Inhalt der Schatulle überzeugen würde. Außerdem sicherte sie mir die Rechte an ihrer Lebensgeschichte zu. Kurzum, sie überließ es mir, ob ich mit ihrem Geheimnis an die Öffentlichkeit gehen wollte oder nicht.
Ich faltete den Brief zusammen und schob ihn zurück in den Umschlag. Dann nickte ich in Richtung der Schatulle. »Dann schau ich da mal rein.« Onkel Thomas reichte sie mir, und ich benutzte den kleinen Schlüssel, um sie aufzuschließen. Ich war nicht sicher, ob es mir recht war, wenn er sah, was sich darin befand, und er schien das zu bemerken.
»Vielleicht sollte ich dich kurz damit allein lassen?«
»Wenn es dir nichts ausmacht, Onkel Thomas?«
»Überhaupt nicht. Ruf mich einfach, wenn du mich brauchst.«
Er verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich. Ich öffnete den Deckel und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, drei Schlüssel an einem Schlüsselring und ein paar andere Kleinigkeiten darin. Ich nahm den Zettel heraus, faltete ihn auseinander und blickte auf eine Art Grundriss. Für eine Weile studierte ich den Plan, bis mir dämmerte, dass es der Grundriss unseres Kellers war. In dem Haus, wo ich aufwuchs. Wo seit zwei Jahren niemand mehr lebte. Es stand zum Verkauf, aber niemand interessierte sich auch nur ansatzweise dafür. Die Maklerin, Mrs. Reynolds, fand dafür immer wieder die gleichen Ausflüchte – die Marktlage sei schlecht, die Wirtschaft sei schuld, an dem Haus müsste etwas gemacht werden und so weiter.
Wofür also waren die Schlüssel? Zwei von ihnen waren grau und und schienen dafür gedacht, Türen zu öffnen. Der Dritte war klein und goldfarben.
Ich sah mir den Grundriss noch einmal an, und dann fiel mir ein Raum auf, den es eigentlich nicht hätte geben dürfen.
Moment mal!
Eine Wand trennte diesen Raum vom restlichen Keller ab – eine Wand, von der ich bisher nicht wusste, dass man hindurchgehen konnte. Der Plan deutete an, dass sich eine Tür in der Wand befinden musste. Ich hatte dort nie eine Tür gesehen. Einer oder beide der Schlüssel waren für sie bestimmt. Und wenn das stimmte, wofür war dann der goldene Schlüssel gedacht?
Noch rätselhafter waren die anderen Gegenstände, die ich nacheinander inspizierte.
Ein herzförmiges Medaillon an einer Kette, anscheinend versilbert.
Ein Anstecker für die Kennedy/Johnson-Präsidentschaftswahlen von 1960.
Und eine kleine Blechbüchse mit einer 8mm-Filmrolle darin.
Ich packte alles wieder schnell zurück in die Schatulle, stand auf und trug sie ins angrenzende Büro. Onkel Thomas stand an der Kaffeemaschine und Janie saß noch immer an ihrem Schreibtisch.
»Fertig?«, fragte er.
»Ja. Äh, danke.«
»Kann ich noch etwas für dich tun?«
»Das weiß ich noch nicht.«
»Du siehst etwas blass aus. Stimmt etwas nicht? Was war in der Kiste, Martin? Als Anwalt deiner Mutter kann ich dir versichern, dass ich …«
»Ich weiß. Und ich weiß das zu schätzen. Vielleicht komme ich darauf zurück. Ich muss das erst mal verarbeiten. Ich ruf dich später an, okay?«
»Gerne doch, Martin. Hättest du gern ein Glas Wasser?«
Das Angebot nahm ich an.
Das einstöckige Vierzimmer-Farmhaus an der Chestnut Street stammte noch aus der Zeit vor dem Krieg und hatte schon mal besser ausgesehen. In den Siebzigern war es sicher mal recht hübsch gewesen. Damals, als meine Mutter und ich dort einzogen. Da war ich acht Jahre alt gewesen. Davor waren wir überall zuhause gewesen. Ich wurde in Los Angeles geboren, aber die ersten Jahre meines Lebens waren wir ständig auf Achse. Ich erinnere mich an nicht mehr viel aus dieser Zeit, aber ich habe verschwommene Erinnerungen daran, dass wir viel im Auto unterwegs gewesen waren, in vielen Hotels übernachteten, hier und da in Appartements wohnten und schließlich nach Illinois kamen. Ich weiß noch, dass wir in einer kleinen Wohnung in Arlington Heights wohnten, bevor wir das Haus bezogen, und ich erinnere mich noch an den Tag, als meine Mutter mir das Haus zeigte. Sie holte mich von der Schule ab – die zweite Klasse – und sagte, dass sie eine Überraschung für mich hätte. Wir rumpelten in ihrem 64er Bonneville die Straße hinunter, und da war es. Ein richtiges Haus.
Unglücklicherweise war Mutter nicht gerade die beste Hausfrau der Welt. Sie verbrachte nur wenig Zeit mit Putzen oder damit, das Haus in Schuss zu halten. Ich hatte nicht bemerkt, wie schnell sich sein Zustand verschlechtert hatte, bis ich mit der High-School fertig war, aufs College ging und Anfang der Achtziger zu Besuch nach Hause kam. Zu dieser Zeit hatte Mutter begonnen, mehr als gewöhnlich zu trinken. Aber sie schien trotzdem okay zu sein. Sie war keine Säuferin, zumindest nicht in meiner Gegenwart. Und ich konnte auch wenig dagegen tun. Aber sie trieb Sport, ging Joggen und sah fit aus. Mutter besaß einen Sandsack, der im Keller an der Decke hing, und ich schwöre, dass sie jeden Tag hinunter ging und ihn für eine halbe Stunde bearbeitete. Sie mochte vielleicht eine Alkoholikerin sein, aber das hielt sie nicht davon ab, im Training zu bleiben.
Während ich mir so vorstellte, wie sie auf den Sandsack einschlug, immer und immer wieder, Tag für Tag, erschien mir diese Black-Stiletto-Sache nicht mehr ganz so abwegig.
Nun, jedenfalls fuhr ich von Onkel Thomas\‘ Büro aus direkt zu dem Haus. Ein Zu-Verkaufen-Schild stand immer noch im Vorgarten, doch offenbar hatte Mrs. Reynolds es ausgetauscht. Das alte Schild war alt und verrostet gewesen, weil es schon ein paar Jahre draußen stand.
Ja, das Haus war hässlich. Es hätte in den Neunzigern bereits einen neuen Anstrich gebrauchen können, und wir schrieben jetzt 2010. Die Maklergesellschaft kümmerte sich darum, den Rasen zu mähen, aber überall sprießte das Unkraut. Die Jalousien an den Fenstern waren eingeschlagen. Das Dach hatte Löcher. Kein Wunder, dass es sich nicht verkaufte. Ich musste wirklich meinen Arsch hochkriegen und jemanden für ein paar Reparaturen anstellen.
Ich benutzte den Schlüssel meiner Mutter an der Vordertür. Drinnen roch es modrig, so wie es alte Häuser eben tun. Es war leer, denn wir hatten die meisten Möbel und Mutters Sachen vor langer Zeit weggebracht. Jetzt war nichts mehr da, außer einem fleckigen Teppich und ein oder zwei Stühlen.
Mrs. Reynold hatte ein paar Werkzeuge in der Küche deponiert, weshalb ich mir eine Taschenlampe schnappen konnte, bevor ich in den Keller ging. Der Keller war dunkel, kalt und feucht. Ich knipste die einzelne Glühbirne an der Decke an und bemerkte so etwas wie Tierköttel auf dem Betonboden. Eichhörnchen wahrscheinlich, hoffentlich keine Ratten. Ein paar leere Pappkartons lagen herum. Mutters Sandsack hing noch immer in der Mitte des Raums. Ich lief zu der fraglichen Wand und untersuchte sie. Für mich sah sie wie eine ganz normale Wand aus. Sie war Teil des Fundaments, direkt unter der Treppe. Da gab es keine Tür. Nur zwei Flecken aus Dichtungsmasse. Einer auf Augenhöhe, der andere ein paar Zentimeter darunter. Sie schienen alt und trocken und bündig mit dem Beton. Ich berührte einen davon und spürte, wie die Masse etwas nachgab. Mit den Fingerspitzen kratzte ich sie von der Wand – tatsächlich war es ein Stück Putz! Diese verspachtelten Flecken verdeckten etwas, denn darunter befanden sich Schlüssellöcher. Schnell holte ich die Schlüssel aus der Schatulle und steckte einen davon in das obere Schloss. Er ließ sich leicht herumdrehen. Auch der zweite graue Schlüssel funktionierte, und sobald die Tür unverschlossen war, sprang der Rahmen um einen halben Zentimeter auf, und ich konnte ihn mit den Fingerspitzen öffnen.
Ich glaube, ich habe aufgehört zu atmen, als ich mit der Taschenlampe in die kleine, schrankartige Öffnung leuchtete.
An der hinteren Wand hingen zwei Kostüme. Zwei Ausführungen des berühmtesten Kostüms der Welt, würde ich mal sagen.
Black Stiletto.
Ich trat hinein und berührte sie.
Beide Teile, sowohl die Hosen als auch die Oberteile, waren aus dünnem schwarzen Leder gefertigt. Eines der Kostüme bestand aus einem etwas dickeren Material als das andere, aber ansonsten waren sie identisch. Darunter standen kniehohe schwarze Stiefel. Ein Rucksack lag daneben. Die einzelne Maske war dafür gemacht, nur den oberen Teil des Kopfes zu verdecken, mit Öffnungen für die Augen, aber mich erinnerte sie schon immer an diese Sado-Maso-Geschichten, die man in Sex-Shops sah. Der Black Stiletto haftete schon immer etwas Domina-artiges an, und das lange, bevor dieser Look in den Medien populär wurde.
Das legendäre Messer – das Stiletto – steckte in seiner Scheide und hing direkt neben den Kostümen an der Wand.
Verrückt. Einfach unglaublich.
Auf Regalbrettern, die an der Seite des Wandschranks angebracht waren, stapelten sich Zeitungen, Fotografien und Comic-Hefte in Schutzfolien. Black-Stiletto-Comics – nicht viele, aber ein paar der ersten Ausgaben. Ich schätzte, dass die mittlerweile einiges an Wert haben mussten. Offenbar hatte sie diese gekauft, als sie das erste Mal erschienen waren.
In einem anderen Fach lag ein Holster mit einer Pistole darin. Ich nahm sie heraus und schaute sie mir genauer an. Ich hatte nicht viel Ahnung von Waffen, aber ich wusste, dass das so eine Art halbautomatischer Waffe sein musste. Eine Smith & Wesson, wie man der seitlichen Gravur entnehmen konnte. Neben dem Holster standen Schachteln mit Munition in dem Regal.
Und dann waren da noch die kleinen Bücher. Tagebücher. Eine ganze Reihe davon. Jedes von ihnen war mit einer Jahreszahl versehen, beginnend mit 1958.
Heilige Scheiße!
Was hatte ich da entdeckt? Was hatte meine liebe Mutter mir hier vermacht?
Wer zum Teufel war meine Mutter überhaupt?