Buchcover:

Licht und Schatten

von Raymond Benson

Serie: Black Stiletto
Band 2

»Auch der zweite Teil der Black Stiletto Serie macht einfach nur verdammt viel Spaß. Wieder wechselt die Story zwischen der jungen, furchtlosen Judy und den rührenden Versuchen ihres Sohnes in der Gegenwart, seine Mutter vor einer medialen Schlammschlacht zu bewahren, hin und her. Einfach pure Unterhaltung.« [Booklist]

INHALTSBESCHREIBUNG


Wir schreiben das Jahr 1959, und wieder setzt sich Judy Cooper, in den Straßen von New York mittlerweile besser als Black Stiletto bekannt, für Recht und Gesetz ein. Dieses Mal hat sie es auf einen gefährlichen Gangster abgesehen – den Heroin-König von Harlem – nachdem sie herausfand, dass dieser ihren Kampfsporttrainer erpresst und kurzerhand dessen minderjährige Tochter entführt hat. Gleichzeitig hat die Black Stiletto aber mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Ein windiger Filmemacher droht, ihre geheime Identität zu lüften, ein enger Freund ihres Ziehvaters und Mentors scheint ein Handlanger der Ganoven aus Harlem zu sein, und darüber hinaus hat sie ihr Herz verloren; dummerweise an einen FBI-Agenten, der den Befehl hat, sie den Behörden zu überstellen.

Und auch in der Gegenwart sieht sich Judys Sohn, Martin Talbot, ganz ähnlichen Wirrungen gegenüber. Offenbar ist er nicht der Einzige, der über eine Kopie jenes 8mm-Films verfügt, der am Ende zeigt, wie sich die Black Stiletto demaskiert … und zu seiner Mutter wird. Die Kopie befindet sich im Besitz des Sohnes des Mannes, der in den Sechzigerjahren diesen Film drehte, und nun die Gelegenheit nutzen will, Profit aus dieser Sache zu schlagen. Doch Martin bekommt unverhoffte Hilfe, und wieder scheinen Vergangenheit und Gegenwart auf ein alles entscheidendes Finale hinzusteuern.

1| Martin


Heute


Der altmodische 8mm-Projektor surrte, die Filmrollen drehten sich, und die brandneue Glühbirne warf flackerndes Licht an die leere Wand. Der Film war über fünfzig Jahre alt, deshalb war die Qualität nicht gerade berauschend. Und natürlich war der Film in schwarz-weiß.

Die Szene fand in einem Raum statt, so etwas wie ein Fotoatelier, denn der Vorhang im Hintergrund reflektierte das künstliche Studiolicht. Eine große Frau in einem schwarzen Kostüm lief ins Bild. Die Kamera stand weit genug entfernt, sodass man ihren gesamten Körper und die Größe des Raums erkennen konnte. Eine männliche Schaufensterpuppe in Straßenbekleidung stand ihr gegenüber. Sie nahm ihre Position ein, machte sich bereit, dann sprang sie in die Luft, trat mit dem rechten Stiefel nach vorn und der Schaufensterpuppe gegen die Brust. Der »Gegner« fiel nach hinten um und krachte auf den Boden. Die Frau landete leichtfüßig und sah in die Kamera. Die Maske bedeckte die obere Hälfte ihres Kopfes und ihres Gesichts. Der Kameramann zoomte für eine Nahaufnahme heran. Die dunklen Augen funkelten in den Löchern der schwarzen Ledermaske und ihr von Lippenstift bedeckter Mund formte ein süßes Lächeln. Sie sagte etwas zu dem Mann hinter der Kamera, aber da es ein Stummfilm war, verstand ich nicht, was sie sagte.

Da war sie. Die Black Stiletto. Unglaublich.

Nach einem Schnitt hatte die Frau wieder ihre Position eingenommen und die Schaufensterpuppe war wieder aufgerichtet worden. Dieses Mal zog sie ein Messer aus einer Scheide, die an ihrem rechten Oberschenkel befestigt war – ein Stiletto natürlich – und wechselte mit einem blitzschnellen Manöver vom Heft zu einem Griff an der Klinge. Dann warf sie die Waffe durch den Raum. Das Messer bohrte sich mitten durch die Kehle der Schaufensterpuppe. Wieder sah sie in die Kamera, schmunzelte und lachte über etwas, das der unsichtbare Kameramann sagte.

Es war einfach unglaublich. Abgesehen von der bizarren Aufmachung – der eng anliegenden schwarzen Lederjacke, dem Gürtel, den engen Hosen aus Leder, kniehohen Stiefeln, einem kleinen Rucksack und der Maske – war sie wirklich süß! Ihre quirlige Art strahlte selbst durch die Verkleidung hindurch. Sie hatte jede Menge Charisma.

Und sie war meine Mutter.

Ist sie immer noch.

Und ich beginne mich zu fragen, ob ich vielleicht nicht der Einzige bin, der das weiß.

Die alte kleine 8mm-Filmrolle war eine der Hinterlassenschaften, die meine Mutter zusammen mit einem Brief, in dem sie mir ihre Identität als Black Stiletto offenbarte, in einer Schatulle aufbewahrt hatte. Auf dem Film war »März 1959« vermerkt wurden, also nahm ich an, dass er zu dieser Zeit gedreht wurde. Es gab keinen Hinweis darauf, wer sich hinter der Kamera befand.

Fasziniert schaute ich weiter dem etwa fünf Minuten langen Filmmaterial zu. Im Zeitalter der digitalen Fotografie ist es gar nicht so einfach, einen 8mm-Projektor zu finden, aber ich konnte einen in einem Second-Hand-Laden in Palatine ergattern und stellte ihn in der Zurückgezogenheit meines Hauses in Buffalo Grove auf.

Obwohl ein paar alte, nicht gestellte Aufnahmen der Black Stiletto existierten, waren die meisten von Amateuren auf der Straße gefilmt worden – flüchtige Momentaufnahmen, in denen sie vorbeirannte oder irgendwo hinaufkletterte. Das hier war die erste echte, einigermaßen professionell inszenierte Aufnahme der berühmten Verbrechensbekämpferin aus der Nähe, die ich bislang zu Gesicht bekam. Vielleicht sogar die Einzige, die existierte.

Es ist erst ein paar Monate her, als ich die Überraschung meines Lebens überreicht bekam. Der Anwalt meiner Mutter, Onkel Thomas – er ist nicht wirklich mein Onkel, aber ich habe ihn immer so genannt, denn ich kenne ihn seit meiner Kindheit – hatte die Schatulle bis zu dem Zeitpunkt aufbewahrt, an dem meine Mutter unzurechnungsfähig wurde. Und das ist sie definitiv. Meine Mutter hat Alzheimer und wohnt derzeit in Woodlands North, einem Pflegeheim in Riverwoods, Illinois. Sie weiß kaum noch, wer ich bin, aber sie erkennt mich als jemanden, den sie liebt. Sie ist jetzt dreiundsiebzig. Ich bin beinahe neunundvierzig.

Ich heiße Martin Talbot. Der Name meiner Mutter ist Judy Talbot, geborene Cooper. Niemand außer mir – soweit ich das sagen kann – weiß davon, dass sie die legendäre und berühmt-berüchtigte Verbrechensbekämpferin namens Black Stiletto gewesen war, die zwischen 1958 und 1963 etwa in New York City und Los Angeles tätig war. Nachdem sie plötzlich scheinbar verschwand, wurde die Stiletto zum Stoff für Mythen und popkulturelle Phänomene. Niemand kannte ihre wahre Identität oder was aus ihr wurde, wenn man von der Flut an Black-Stiletto-Produkten absah, die seit den Achtzigern erschienen – Comicbücher, Actionfiguren, Halloweenkostüme und sogar ein Film in den Neunzigern mit der noch sehr jungen Angelina Jolie in der Hauptrolle.

Onkel Thomas wusste nicht, was sich in der Schatulle befand, die er mir vor einiger Zeit übergab. Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als ich erfuhr, dass meine Mutter die Black Stiletto war. Zuerst konnte ich es nicht glauben. Das war komplett verrückt. Aber dann begann ich, unser altes Haus in Arlington Heights auszukundschaften – welches immer noch zum Verkauf steht – und fand ihr Kostüm und eine Reihe von Tagebüchern in einem geheimen Schrank im Keller. Ich las das erste Tagebuch, mit »1958« betitelt, und erfuhr, wie die vierzehnjährige Judy Cooper 1953 von ihrer Mutter, ihren Brüdern und einem gewalttätigen Stiefvater aus Odessa, Texas, davonlief. Schließlich landete sie in New York City, allein und ohne einen Penny. Dort freundete sie sich mit Freddie Barnes an, dem Besitzer eines Boxklubs im östlichen Greenwich Village, und zog in ein Zimmer über der Einrichtung. Sie arbeitete als Putzfrau, aber nach einer Weile begann Freddie ihr beizubringen, wie man boxte. Ein japanischer Trainer namens Soichiro unterwies sie in diversen Kampfkünsten, bevor Dinge wie Judo oder Karate der breiten Masse bekannt wurden. Ihr erster ernsthafter Freund, ein Mafioso namens Fiorello, zeigte ihr den Umgang mit Messern. Nach Fiorellos Ermordung wurde sie die Black Stiletto und bekämpfte von da an das Verbrechen in der Stadt auf eigene Faust. Den Gesetzeshütern gefiel das ganz und gar nicht. Es dauerte nicht lange, bis sie von der Polizei und dem FBI gesucht wurde. Davon unbeeindruckt bekämpfte sie jedoch während des Jahres 1958 gewöhnliche Ganoven, die Mafia und kommunistische Spione. Gegen Ende jenes Jahres unternahm sie eine Reise zurück nach Odessa, fand dort ihren Stiefvater, der sie vergewaltigt hatte – ein Mann mit dem Namen Douglas Bates – und übte ihre Rache.

Die Aktivitäten meiner Mutter sollten sogar noch Jahrzehnte später ihre Auswirkungen haben. Roberto Ranelli, ein Auftragsmörder der Mafia, wurde aus dem Gefängnis entlassen. Irgendwoher wusste er, dass meine Mutter die Black Stiletto war, und verfolgte sie bis in die Vorstädte Chicagos. Zum Glück war er bereits alt und nicht mehr bei bester Gesundheit. Obwohl er eine Immobilienmaklerin umbrachte, und versuchte, meine Mutter zu töten, schaltete sich eine verborgene Erinnerung meiner vom Alzheimer gezeichneten Mutter ein und wie auf wundersame Weise setzte sie den Killer in jenem Pflegeheim außer Gefecht. Aber es war sein schwaches Herz, das ihn umbrachte.

Ich bin noch immer dabei, die Geschichte meiner Mutter zu erforschen, aber ich hatte viel zu tun. Zur Zeit bin ich arbeitslos und musste den Sommer damit verbringen, mir eine neue Arbeit zu suchen. Außerdem musste ich mich um den Umzug meiner Tochter Gina nach New York kümmern, wo sie die Juilliard besuchen wird. Ich bin geschiedener Vater. Ginas Mutter, Carol, lebt noch hier in der Gegend, und ich denke, man kann sagen, dass wir gut miteinander auskommen. Ich war nicht allzu glücklich darüber, dass Gina nach New York gehen wird, um Schauspielerei und Tanz zu studieren, aber sie konnte mich schließlich davon überzeugen, dass sie ihrem eigenen Herzen folgen musste, und nicht meinem.

Jedenfalls hatte ich keinen freien Moment, um in die verbliebenen Tagebücher meiner Mutter einzutauchen. Gerade erst habe ich den 8mm-Projektor besorgt, um mir den mysteriösen Film anzusehen.

Zurück zu den flimmernden Bildern an meiner Wand. Die Black Stiletto »kämpfte« gegen die Schaufensterpuppe und stellte ihre Kampfkünste unter Beweis. Die arme Puppe musste einiges einstecken. An einer Stelle hieb sie dem Kerl mit einem Handkantenschlag im Karate-Stil gegen die Schulter, worauf hin sein Arm abfiel. Sie nahm ihre Hand vor den Mund, kicherte, drehte sich zur Kamera und formte die Worte: Tut mir leid. Es gab einen Zwischenschnitt, dann befand sich der Arm wieder an Ort und Stelle. Meine Mutter lachte noch immer. Sie hatte sichtlich ihren Spaß, aber man konnte trotzdem sehen, dass sie die Sache auch ein wenig lächerlich fand. Wann immer der Kameramann ihr Anweisungen gab, rollte sie mit den Augen. Ich schätze, die beiden waren allein in dem Studio.

Nach ein paar weiteren Einstellungen, in denen die Stiletto die Puppe mit Schlägen oder Tritten malträtierte oder auf sie einstach, gab es einen Schnitt, und plötzlich befanden wir uns außerhalb, an einer Straßenecke in Manhattan. Es war Nacht, und die einzige Beleuchtung kam von einer Straßenlaterne und einer Art Strahler, den der Filmemacher auf die Seite eines Gebäudes und die dort befindliche Feuertreppe gerichtet hatte. Aufgrund der schwachen Lichtverhältnisse war das Bild jetzt körniger als zuvor. Die Black Stiletto trat auf und warf ein Seil mit einer Art Enterhaken nach dem unteren Ende der Feuerleiter. Der Haken traf sein Ziel und sie zog die Leiter zur Straße hinunter. Dann wickelte sie das Seil schnell wieder auf, befestigte es an ihrem Gürtel und kletterte die Leiter zu der Plattform im zweiten Stockwerk hinauf. Der Filmer blieb am Boden und hob die Kamera, um ihr zu folgen. Sie glitt die Stufen zum dritten und dann zum vierten Stockwerk hinauf. Ihr Tempo war verblüffend. Sie bewegte sich wie eine Katze, grazil und geschmeidig. Als sie das fünfte Stockwerk erreicht hatte, kletterte sie die wenigen verbliebenen Zentimeter zum Dach hinauf, schwang ihr Bein darüber und sprang hinauf. Jetzt war sie ein kleiner schwarzer Umriss vor einem noch schwärzeren Himmel. Sie war kaum zu erkennen, aber man konnte sehen, dass sie der Kamera zuwinkte, bevor sie verschwand.

Der Film endete. Der Rest der Filmrolle entpuppte sich als leer. Ich war baff. Ich saß auf einer Goldmine, denn wer würde für ein solches Filmmaterial nicht das ganz große Geld locker machen? Aber andererseits würde ich dann offenbaren müssen, wo ich diesen Film herhatte. Ich bin nicht sicher, ob ich das tun kann, solange Mutter noch am Leben ist.

Ich wollte gerade aufstehen, um den Projektor anzuhalten, den Film zurückzuspulen und ihn mir noch einmal anzusehen – als plötzlich am Ende der Rolle noch eine weitere Szene begann. Dieses Mal saß die Stiletto in einem kleinen Zimmer vor einem Spiegel, umrahmt von hellen Glühbirnen. Vor ihr standen eine Reihe von Schminkutensilien. Eine Garderobe. Sie starrte in den Spiegel, legte noch etwas mehr Lippenstift auf und rückte ihre Maske zurecht. Anders als in den vorangegangenen Szenen schien sie die Kamera nicht zu bemerken, ignorierte sie völlig. Es schien, als würde sie nicht merken, dass sie in dieser Szene gefilmt wurde. Sie beugte sich nach vorn, weil sie mit etwas unzufrieden schien, und dann zog sie ihre Maske herunter. Judy Cooper gab sich dem Spiegel zu erkennen.

Meine Mutter. Einundzwanzig Jahre alt. Mein Gott, sie war wunderschön. Ihre langen schwarzen Haare, die sie unter der Maske zusammengewickelt hatte, fielen auf ihre Schultern. Sie trug etwas Mascara auf ihre Wimpern auf, begutachtete ihr Werk, und legte dann mit der einen Hand ihre Haare nach oben, während sie mit der anderen die Maske über ihren Kopf zog. Nachdem sie ihr Haar säuberlich unter der Maske versteckt hatte, richtete die Stiletto ihre Maske ordentlich auf ihrem Gesicht aus und stand auf.

Schnitt.

Der Film war nun wirklich zu Ende und rollte flatternd aus dem Projektor.

Das war ein erstaunliches geschichtliches Artefakt. Die Black Stiletto in Aktion, ganz aus der Nähe und höchstpersönlich. Das war aufregend und verstörend zugleich. Ich war begeistert, eine authentische Aufnahme der Frau zu besitzen. Was mir aber Sorgen bereitete, war jene letzte Szene. Man hatte sie ohne Maske erwischt, ihr Gesicht offenbart. Sie muss von dem Film gewusst haben, schließlich hatte sie die Filmrolle unter Verschluss, aber ich bin mir sicher, dass sie in diesem Moment in der Garderobe nicht bemerkt hatte, dass der Kerl sie filmte.

Ich fädelte den Film erneut ein und sah mir alles noch einmal an, versuchte Hinweise zu finden, wo man die Szenen gefilmt hatte oder wer der Kameramann gewesen sein mochte. Es gab keine Möglichkeit, das Gebäude zu identifizieren, außer dass es ein typisches fünfstöckiges New Yorker Stadthaus war, wie man es an jeder Ecke finden konnte. Die Straßenschilder waren nicht mehr im Bild, also konnte es überall in Manhattan sein.

Als der Film ein zweites Mal durchgelaufen war, stellten sich mir noch mehr Fragen. Bedeutete das, dass es noch mehr Menschen gab, die die wahre Identität der Black Stiletto kannten? Wer war der Kameramann? Warum hatte man diesen Film gedreht? Es musste einen Grund dafür geben.

Offensichtlich musste ich das zweite Tagebuch lesen – das aus dem Jahre 1959 – um diesen herauszufinden.

Ende der Leseprobe

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