BLACK FLAGGED ALPHA

4,99 13,95 

Steven Konkoly

THRILLER

Band 1
Serie: Black Flagged

Black Flagged Alpha ist der Auftakt einer kompromisslosen, hochexplosiven Action-Reihe im Stil der Fernsehserie 24, die in den USA bereits über eine halbe Million Leser begeisterte.

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Beschreibung


Daniel Petrovich ist Agent des BLACK FLAG-Programms, und vielleicht der gefährlichste Mann, den das Geheimprojekt des Verteidigungsministeriums hervorgebracht hat. Sein Job bringt es mit sich, dass er Geheimnisse kennt, die in den Tiefen des Pentagon verborgen liegen, und von denen kaum jemand etwas weiß.

Dann wird Petrovich erpresst – eine letzte Mission, ein letzter Auftrag.
Doch was ein Routine-Auftrag sein soll, lässt sein mühsam aufgebautes „normales“ Leben in wenigen Augenblicken wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Nun wird er gnadenlos gejagt.
Einzig seine Fähigkeiten können ihn jetzt noch retten. Die dunkle Seite seines Lebens. Eine Seite, in der es keine Grenzen  gibt – und keine Loyalitäten.
Der Wettlauf gegen die Uhr beginnt …


»Ein extremer Adrenalinrausch.« [Amazon.com]


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2017

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

480

ISBN

978-3-95835-246-9

eISBN

978-3-95835-247-6

Leseprobe


8. April, 1999, 14.35 Uhr, einige Meilen außerhalb von Vizic, Serbien

Marko Resja spähte vorsichtig über den Rand der schroffen Steinmauer und musterte die Veranda der Blockhütte durch ein besonders auflösungsstarkes Fernglas. Durch den unablässigen Regenguss hindurch konnte er vier Männer zählen, was er als günstig erachtete.

Mit dem ganzen, an einem Fleck zusammenstehenden Sicherheitspersonal sollte es ihm keine Probleme bereiten, sich ungesehen an sie anzuschleichen. Er duckte sich auf den schwammigen, mit Piniennadeln bedeckten Boden und lehnte sich dann gegen einen scharfen, granitenen Block, welcher zum Teil in das Umfassungsgemäuer des Geländes eingebaut war.

Der Grenzwall an sich bestand aus wahllos aufeinandergeschichteten, unebenen Steinen, die man auf allen Seiten um die Blockhütte herum aufgetürmt hatte, und die behelfsmäßig aufgeschichtete Mauer markierte die Trennlinie zwischen dem freigelegten Land und dem undurchdringlichen Fruska Gora Nationalpark.

Marko war vor einer Stunde an dem Steinwall angekommen, behindert und verlangsamt vom selben unnachgiebigen Regen, wegen dem auch die NATO-Bomber seit mehr als einer Woche nicht mehr hatten starten können. Verborgen im dichten Geäst hinter der zerklüfteten Barriere konnte er in der Ferne das Brüllen der Jets selbst durch das andauernde Toben des Sturmes hinweg hören. Er vermutete, dass die NATO-Piloten, ungeduldig und nicht weiter gewillt auf günstiges Wetter zu warten, aus sicherer Entfernung die Luftverteidigung von Belgrad testeten.

Er sah hinaus in den Wald aus wogenden Nadelbäumen, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Blockhütte richtete. Die zweigeschossige, aus Steinen und Balken aufgebaute Struktur wirkte modern und stabil genug, um einer Artillerieattacke standhalten zu können. Eine ähnlich geartete, einstöckige Garage, stand zwischen ihm und der Hütte und behinderte teilweise seine Sicht auf das eigentliche Ziel.

Srecko Hadzic, der kaltblütige Anführer des paramilitärischen, serbischen Panther-Netzwerkes, hatte die Hütte zum alleinigen Zweck erbauen lassen, um darin seinen Bruder vor allzu neugierigen Blicken zu verstecken. Von NATO-Kommando-Einheiten, welche innerhalb Serbiens tätig waren, waren entsprechende Gerüchte in Umlauf gebracht worden, die sich innerhalb der oberen Befehlshierarchie festgesetzt und für eine Paranoia nahe der Hysterie gesorgt hatten, wodurch Hadzic sich aktuell mehr denn je vor einer Entführung Pavles fürchtete, als um seine eigene Person besorgt zu sein. Tragischerweise für Hadzic verhielt es sich beim Vizic Gelände um eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse in Belgrad.

Er riskierte einen weiteren Blick über den Rand der Mauer, um sicherzugehen, dass sich alle vier Männer nach wie vor auf der Veranda aufhielten. Durch den nahezu undurchdringlichen Regenschauer konnte er nun das orangefarbene Glühen von Zigaretten erkennen. Er rechnete nicht damit, dass einer der Männer den behaglichen Schutz der Veranda verlassen würde, durfte aber nicht vergessen, dass es sich bei ihnen um gegenwärtige oder vielleicht auch ehemalige Mitglieder serbischer Spezialeinheiten handelte, die man ungeachtet der lässigen Arbeitsweise, welche oftmals mit dem paramilitärischen Sektor assoziiert wurde, persönlich für diesen Einsatz rekrutiert hatte. Weitere drei Männer hatten sich jetzt Radovan Grahovac, Hadzics Sicherheitschef, angeschlossen, um sich in der Hütte mit Pavle zu treffen.

Sie waren alle in Zivil erschienen, was den Gedanken nahe legte, dass die Crew nach der Zusammenkunft womöglich direkt in Richtung Norden aufbrechen würde, für eine ausgelassene Nacht mit Prostituierten und Alkohol an der Uferpromenade der Donau in Novi Sad. Unter der Zivilkleidung trug jeder Mann allerdings ein gedrungenes Sturmgewehr sowie eine Pistole mit sich. Unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich nicht mit dieser Gruppe angelegt. Heute allerdings würde Marko eine bemerkenswerte Ausnahme machen.

Zufrieden darüber, dass die vier Männer sich nicht vom Fleck gerührt hatten, griff er nach einem dicken schwarzen Seesack und rannte dann an der Steinwand entlang zu einer Stelle, die von der Hütte aus, aufgrund der sich auf dem Gelände befindenden Garage, nicht einzusehen war. Von zwei früheren Aufklärungstouren wusste er, dass Radovan nicht länger als zehn Minuten in der Hütte verweilen würde, was bedeutete, dass das Zeitfenster äußerst knapp bemessen war.

Von seinem neuen Beobachtungsposten aus spähte er vorsichtig über die Mauer und sah einen der zwei dunkelblauen Range Rover, die vor wenigen Minuten zu Pavles Versteck gekommen waren, und aus dem sich Radovan und seine schwer bewaffnete Security abgesetzt hatten. Der andere Rover war einige Meter hinter dem Ersten geparkt worden, konnte aber nicht von ihm gesehen werden, da die Garage davor stand.

Er kniete sich nieder, zog ein leichtes Maschinengewehr serbischen Fabrikats aus der inzwischen mit Regenwasser vollgesogenen Tasche und klappte die Schulterstütze der Waffe auf. Er lehnte das Gewehr an die Wand und griff noch einmal in die Tasche, um eine von zwei abnehmbaren Munitionstrommeln herauszunehmen. Zügig steckte er eine der 75-Schuss-Munitionstrommeln auf die Waffe, während er die zweite in einer Hüfttasche verstaute.

Zusätzlich zu den zwei Hochkapazitätsmagazinen war er noch mit vier Standard 30-Schuss-Munitionsclips ausgestattet, die des schnelleren Zugriffs wegen mit Klettverschlüssen an die Kampfweste angebracht worden waren, eingebettet zwischen vier Blendgranaten. Er schraubte einen großen Schalldämpfer auf den Lauf der Waffe, zog den Ladehebel und beförderte auf diese Weise eine Kugel in die Kammer. Der letzte Gegenstand, den er aus der Tasche entnahm, war ein grauer Eispickel aus Aluminium, den er tief an der Seite seiner Weste einhakte. Jetzt war er bereit.

Mit seiner linken Hand packte er das kurze Sturmgewehr und sprang über die Mauer, wobei er sich mit der rechten Hand abstützte. Nachdem er sofort in knöchelhohen Matsch eingesunken war, kämpfte er sich durch den sturzbachartigen Regenguss, um die rückwärtige, linke Ecke der Garage zu erreichen. Von dort aus war er in der Lage, die vier Männer beim Verlassen der Hütte zu sehen, was eminent wichtig war für das Gelingen seines Planes.

Marko gelangte nun zu der Ecke, immer darauf achtend, weiterhin unbemerkt zu bleiben. Er überprüfte ein weiteres Mal seine Ausrüstung, wünschte sich, er könne auch den Computer und das Satellitentelefon im wasserdichten Rucksack durchchecken, verwarf diesen Gedanken aber sogleich wieder als Last Minute Paranoia. Er wusste, dass die Elektronik tadellos funktionierte, und ihm eine sichere Verbindung sowohl zum Satellitentelefon als auch zu seinem Computer gewährleisten würde. Er selbst hatte sie während der letzten vierundzwanzig Stunden beinahe ein dutzend Mal getestet. Vermutlich würde er sie überhaupt nicht brauchen, aber er wollte nichts dem Zufall überlassen, genauso wenig wie General Sanderson.

In der nächsten Minute wurde der Regenguss stärker, und kleine Sturzbäche aus Wasser rauschten an den Seiten der Garage hinunter. Obwohl er seit fast zwei Stunden dem kalten Frühjahrsregen ausgesetzt war, fror er nicht. Unter seiner Tarnmontur trug er einen wasserfesten, isolierten Schutzanzug für Fallschirmspringer … bestimmt nicht die übliche Kampftracht serbischer Kommandos, und schon gar nicht die von Hadzics verhätschelten Paramilitärs.

Nichts an Markos Ausrüstung entsprach serbischen Standards, was ihn irgendwie störte. Als US-amerikanischer Geheimagent hatte er seit seiner Ankunft in Serbien vor zwei Jahren keinen Umgang mehr mit Waffen gehabt, die weniger als zwanzig Jahre alt gewesen waren. Doch das Modell, das er momentan in den Händen hielt, kam frisch vom Fließband derZastava Arms Assembly Line, mit besten Grüßen von General Sanderson. Trotzdem fühlte es sich seltsam und fremd an. Instinktiv wusste er um die Überlegenheit des von ihm mitgeführten Equipments gegenüber der veralteten Hardware, die ihm von den Seniormitgliedern der Panthers überreicht worden war, welche stets ihre ausgemusterten Spielsachen weitergaben, um so Raum für neue zu schaffen.

Er riskierte einen vorsichtigen Blick um die Ecke der Garage und sah, wie einer der Männer eine Zigarette vor die Hütte warf. Ein anderer sprach gerade aufgeregt in ein kleines Handheld Radio und nickte wiederholt. Showtime.

Marko löste die Sicherung der Waffe und zog sich eine regennasse, schwarze Skimaske über den Kopf. Er sah noch einmal um die Ecke und beobachtete, wie die Männer die Veranda verließen. Als sie aus seinem Sichtfeld verschwunden waren, begab er sich rasch zu der unbeobachteten Frontseite der Garage und riskierte einen weiteren Blick um die Ecke. Alles sah so aus, wie er es sich bereits ausgemalt hatte. Radovan und die drei Männer, die ihn ins Innere der Hütte begleitet hatten, saßen bereits wieder im Leit-SUV. Die vier Kommandos von der Veranda joggten auf den hinteren SUV zu.

Er hatte dieselbe Szene schon etliche Male zuvor erlebt. Und jedes Mal hielt Radovan die Männer, die dem hinteren Wagen zugeteilt waren, dazu an, erst dann einzusteigen, wenn die Passagiere des vorderen Fahrzeugs wohlbehütet auf ihren Sitzen Platz genommen hatten. Als er das zum ersten Mal beobachten konnte, hatte er zunächst angenommen, es handle sich dabei um eine Verhaltensweise, die auf sicherheitstechnischen Überlegungen basierte, musste dann aber aus erster Hand erfahren, dass es nichts weiter war als eine weitere von Radovans psychotischen Marotten. Er wusste auch, dass alle vier Männer, die dem hinteren Wagen zugeteilt waren, ihre volle Aufmerksamkeit auf den vorderen SUV richten würden, weil sie ungeduldig waren, da sie endlich aus dem strömenden Regen kommen wollten und er deshalb komplett unentdeckt angreifen konnte.

Er wischte diese Überlegungen beiseite und glitt augenblicklich in einen fast schon tranceähnlichen Geisteszustand. Er trat ins Freie, machte sich so klein, dass er eine kauernde Position einnahm, und zielte dann auf den hintersten Mann in der Gruppe. Mithilfe des Leuchtpunktvisiers platzierte er den roten Punkt auf dem oberen Rücken des Mannes, etwas unterhalb seines Nackens und zog dann den Abzug für einen kurzen Feuerstoß durch. Das Gewehr hatte wirklich einen beachtlichen Rückschlag, aber er behielt trotzdem die Kontrolle darüber und wiederholte den Vorgang bei den verbliebenen drei Wachen. Er rannte nun zur Rückseite des leeren SUVs und erreichte diesen, noch ehe der letzte Mann tot auf dem Boden aufgeschlagen war. Keiner von ihnen hatte die geringste Chance zum Reagieren gehabt. Wenn überhaupt, hatten vielleicht einige einen warmen Sprühnebel gespürt. Weniger als fünf Sekunden waren bisher vergangen. Ein letzter, rascher Blick nach hinten bestätigte den Tod aller vier Männer von Radovans Sicherheitspersonal im zweiten SUV, und Marko bewegte sich hastig an der Seite des Rovers auf das Fahrzeug mit Radovan zu.

***

Radovan saß ungeduldig auf dem Beifahrersitz seines Range Rovers und hörte das enervierende Hämmern des Regens auf dem dicken, metallenen Dach des Trucks. Er hasste diese Ausflüge und verabscheute es geradezu, ihr hart verdientes Geld Hadzics Bruder Pavle übergeben zu müssen, der leidenschaftlich, den in Raptexten so gern beschönigtem Gangleben huldigte. Radovan war ein bekennender Ultra-Nationalist und hatte kein Verständnis für die in seiner Heimat neu aufgekommene, amerikanische Gangstermusik, die die Klubszene in Belgrad im Sturm erobert hatte. Sobald sich Radovan in der Stadt aufhielt, was regelmäßig vorkam, war Belgrad sofort frei von jeglichem Hip-Hop und Rap. Denn niemand war so töricht, den Zorn des Sicherheitschefs heraufzubeschwören.

»Warum zur Hölle sind wir noch nicht weg?«, schrie er gegen die vom Regen verschwommene Windschutzscheibe.

Ein direkt hinter ihm sitzendes Teammitglied wiegte sich sichtlich nervös auf der Rückbank hin und her. Geht das schon wieder los? Er sah über seine rechte Schulter nach hinten und war gleichermaßen verärgert über die Unfähigkeit des Bosses und über die Idioten im anderen Range Rover. Durch die breite Heckscheibe des Rovers nahm er auf einmal eine geduckte Gestalt wahr, die sich an der Seite des SUVs vorwärtsschob, doch zu mehr als einer ersten Bestandsaufnahme der Situation sollte es für ihn nicht mehr reichen, denn zahlreiche Stahlmantelgeschosse jagten jetzt durch seinen Schädel und sorgten für ein heilloses Chaos im Inneren des SUVs.

Radovan wurde von zwei Kugeln getroffen, die ungehindert durch den Hals des Kommandeurs ausgetreten waren. Eine drang in seine obere, linke Schulter ein, wo sie stecken blieb, während die andere vom metallenen Fuß der Nackenstütze abgelenkt wurde, und als Streifschuss die rechte Seite seines Nackens aufriss. Die Windschutzscheibe zerbarst unter dem Kugelhagel, und Radovan griff instinktiv nach dem abgesägten Sturmgewehr zwischen seinem rechten Bein und der Tür. Bevor seine Hand allerdings die kurze Distanz überbrücken konnte, explodierte auch schon die Beifahrertür in einem Schauer aus gerissenem Kunststoff, Metallfragmenten und zersplitterndem Sicherheitsglas.

Seine Hand sollte die Waffe nicht mehr erreichen. Er fühlte unglaubliche Eruptionen aus Schmerz an multiplen Stellen seines Körpers und war sich nur noch schemenhaft einer Figur bewusst, die sich nun quer über die Front des Rovers bewegte, während sie dabei unablässig auf den Wagen feuerte.

Sein Kopf wurde ruckartig nach hinten auf die linke Seite geworfen, und ein zerfetzter Körper auf der Rückbank hinter dem Fahrer trat in sein Blickfeld. Er versuchte, ihn anzusprechen, konnte die passenden Worte aber nicht mehr formen. Dunkle, rote Gischt klatschte auf das Fenster an der Seite des Bodyguards, und ein feiner, roter Sprühregen breitete sich im rückwärtigen Bereich des Gepäckraums aus. Das sollte das Letzte sein, was Radovan je zu sehen bekam.

Aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz war es dem Fahrer, Jorji, gelungen, den schier endlosen Kugelhagel zu überleben. Er war mehrfach getroffen worden, wusste aber, dass er keine lebensbedrohlichen Wunden davon getragen hatte. Als das Fahrzeug von den ersten Kugeln getroffen worden war, hatte sich Jorji auf die rechte Seite gedreht und so flach wie möglich auf die Mittelkonsole gepresst, in der Absicht, seinen Angreifern auf diese Weise das kleinstmögliche Ziel zu bieten. Dies war nicht das erste Mal, dass er in einem Gefährt angegriffen wurde und aufgrund dieser früheren Erfahrungen war er etwas länger am Leben geblieben als der Rest der Range Rover Passagiere.

Zahlreiche Kugeln durchschlugen immer noch die Rückseite seines Sitzes, und zerrissen die obere, linke Seite seines Körpers, obwohl sie nur geringfügig Schaden anrichteten, aber trotzdem Muskeln und Sehnen von der linken Hüfte aufwärts bis zur Schulter zerfetzten. Der auf seiner gesamten, linken Körperhälfte angerichtete Schaden an der Muskulatur ließ ihn regungslos über der Mittelkonsole ausharren, wobei sein Gesicht fast schon in Radovans Schoß begraben lag. Egal wie sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm einfach nicht, sich aufzusetzen; ein weiterer Grund, warum er noch am Leben war.

***

Marko ließ sich am Range Rover in der Nähe des linken Vorderrads auf den nassen Kiesboden fallen, und rollte auf seine linke Seite, wodurch ihm ein besserer Zugriff auf die Hüfttasche mit der zweiten Munitionstrommel ermöglicht wurde. Der erhitzte Lauf der Waffe zischte bedrohlich, während der Regen darauf prasselte. Hunderte von Gedanken und Wahrscheinlichkeiten rasten jetzt durch seinen Verstand, wurden unmittelbar priorisiert und zu seinem Nutzen weiterverarbeitet. Die Trance reduzierte unnütze Ablenkungen, wie Emotionen, Angst und Hast, und verstärkte stattdessen seinen Fokus auf die zum Überleben erforderlichen Fähigkeiten.

Waffe nachladen, stand ganz oben auf seiner Prioritätenliste. Das Gewehr war zwar noch nicht leer, aber er wusste, dass fünfundsiebzig Kugeln bei seiner angewandten Feuerrate nicht ausreichend waren. Sein Geist funkte noch einen weiteren Gedankenblitz, Fahrer noch am Leben, und er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Er hatte jeden der Autoinsassen mit langen Feuersalven beschossen, während er gegen den Uhrzeigersinn den Wagen umrundet hatte. Nachdem er den Söldner auf der rechten Rückbank und Radovan anvisiert hatte, hatte er durch die hintere rechte Scheibe einen langen Feuerstoß auf den Fahrer abgegeben. Marko wusste, dass die Kugeln den Sitz durchdrungen und ihr Ziel gefunden hatten, aber der Tod des Fahrers war nicht gewiss, das war ihm klar.

Er löste das Magazin und warf es aus dem Weg. Dann holte er das zweite Magazin aus der Tasche und steckte es in das leichte Maschinengewehr. Marko begab sich in die Hocke, hielt sich weit unter dem Fenster und feuerte einen anhaltenden Stoß durch die Mitte der vorderen Fahrertür.

***

Jorji empfand die Stille wie eine Ewigkeit und er wusste, dass die ihm noch verbliebene Lebensspanne nun in Sekunden gemessen werden konnte, es sei denn, er ging in die Offensive. Er hob den Kopf so weit aus Radovans mit Blut vollgesogenem Schoß, dass er das zwischen Radovans Bein und der Tür eingeklemmte Sturmgewehr sehen konnte. Jorji wusste, dass dies seine einzige Hoffnung war. Seine eigene Waffe, eine halb automatische Pistole in einem versteckten Holster, war eingequetscht unter seiner rechten Achsel, und er konnte sich nicht weit genug aufrichten, um sie zu befreien. Nicht dass es einen besonderen Unterschied gemacht hätte. Jorji war Linkshänder und eine Kugel hatte seinen linken Ellbogen zertrümmert, sodass der Arm für ihn momentan sowieso nutzlos war. Er bäumte sich auf, gerade ausreichend, um den rechten Arm freizubekommen, und schaffte es tatsächlich, die Hand an das Gewehr zu legen, als mehrere Kugeln die Fahrertür aufrissen und seine Hoffnung auf ein mögliches Weiterleben jäh beendeten.

***

Mit dem Maschinengewehr im Anschlag lief er vorwärts, blickte in das Innere des SUVs und sah den auf Radovans Schoß lehnenden Fahrer. Der Mann war praktisch zerfetzt, aber sein Tod war immer noch ungewiss. Mithilfe der Zielerfassung platzierte er den roten Punkt genau auf den Hinterkopf des Mannes. Ein wenig Druck auf den Abzug, und sämtliche Zweifel über etwaige Überlebende aus Radovans Sicherheitsteam wären ausgeräumt.

Er zog sich zurück zum Haus und ließ die gesamte Szenerie kurz auf sich wirken. Das Gemetzel vermittelte den Eindruck eines gut durchdachten Angriffs, und es war unwahrscheinlich, das dahinter jemand die Tat eines Einzelnen vermuten würde. Das Fahrzeug war von allen Seiten von Kugeln durchlöchert worden, und der Großteil des Sicherheitsglases lag zertrümmert auf dem dichten Schotterboden. Er hatte beinahe aus jedem Winkel auf den Wagen geschossen, und überall lagen Patronenhülsen herum.

Zwei Crewmitglieder des hinteren SUVs lagen tot aufeinander, und er beschloss augenblicklich, einen von ihnen in den Kofferraum des Luxus-Mercedes in der Garage zu verfrachten. Später würde er den Wagen dann in einem der Seen in der Nähe Belgrads versenken. Die Abwesenheit eines Juniormitglieds aus Radovans Sicherheitstruppe würde Hadzic bestimmt vermuten lassen, dass es sich hierbei um einen Insider-Job gehandelt haben musste, und falls sich jemand dazu entschließen sollte, einen genaueren Blick auf den Tatort zu werfen, würde er außer den drei Toten keine weiteren Beweise mehr auf dem ausgewaschenen Boden finden.

Marko entschied sich gegen eine erneute Beobachtung des Hauses und begab sich stattdessen in Richtung Tür. Er wollte keine Zeit mehr verlieren, falls Pavles Bodyguards bereits alarmiert worden waren.

Der Schalldämpfer hatte wie beschrieben gute Arbeit geleistet und sichergestellt, dass das Mündungsfeuer der Waffe auch über den strömenden Regen hinaus von niemandem bemerkt worden war. Aber mit den Range Rover verhielt es sich anders. Er war unzufrieden mit dem entstandenen Geräuschpegel, als die Kugeln das schwere Fahrgestell des SUVs durchschlagen hatten. Für ihn hatte es sich angehört wie kleinere, zeitgleich auftretende Blechschäden. Er musste sich deshalb unbedingt beeilen.

Er legte die rechte Hand um den Türknopf und versuchte, ihn zu drehen, aber er ließ sich nicht bewegen. Ohne zu zögern, griff er in seine Hüfttasche, zog einen Gegenstand hervor, welcher Ähnlichkeit mit einer Plastiksprengladung aufwies, und klemmte diesen zwischen Knauf und Türrahmen. Danach holte er aus einer der Westentaschen ein kleines Gerät mit Kunststoffgehäuse hervor, und schob es oberhalb der zuerst angebrachten Ladung an der Tür aufwärts. Zwei Fuß über dem Türknauf flackerte die LED-Leuchte des Geräts kurz in einem grünen Licht. Er platzierte einen weiteren Sprengsatz am Rahmen der Tür, und auch hier signalisierte das Gerät grünes Licht. Marko fixierte jede der selbst gebastelten Einheiten zusätzlich mit einem kleinen Keilstift und presste sich dann hastig flach an die Wand der Hütte.

In schneller Abfolge zündeten die Ladungen und brannten für fünf Sekunden mit großer Intensität. Die Thermitladungen verursachten kaum Geräusche, erzeugten aber dafür umso mehr Rauch auf beiden Seiten der Tür. Er drückte vorsichtig gegen die schwere Eichentür, die nun ohne Widerstand nach innen aufging, jetzt, da die Schlösser weggeschmolzen waren. Er hielt kurz den Atem an und trat in die Hütte. Die ätzende Rauchwolke erschwerte ihm die Sicht und brannte augenblicklich in seinen Augen, aber er erkannte trotzdem, dass er sich auf einem schmalen Absatz befand. Mehrere Stufen führten durch einen angeschlossenen Treppenaufgang, der den kleinen Absatz von den Haupträumlichkeiten trennte, und ihm so eine zusätzliche Deckung bot, hinauf in das Haus.

Vertraute Geräusche drangen an seine Ohren und jegliche Befürchtungen, sein Angriff könne möglicherweise gescheitert sein, lösten sich augenblicklich auf. Ein Hardcore-Rapsong vibrierte durch die gesamte Hütte. Er verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen, als ein serbisch akzentuiertes »yeah, mothafucka« in den Song eingeworfen wurde.

Er schlich die Treppe hoch, und sah vorsichtig um die Ecke. Der Wohnraum der Hütte hatte einen offenen Querschnitt und ermöglichte es ihm, durch die Küche hindurch in den großen Raum dahinter sehen zu können.

Nachdem keine Rauchdetektoren in der Küche zu erkennen waren, drosselte er sein Tempo ein klein wenig. Jenseits der Küche öffnete sich die Decke und schaffte Platz für ein sich über zwei Stockwerke erstreckendes Zimmer, mit Fenstern in der gegenüberliegenden Wand, die vom Boden bis zur Decke reichten. In die Mitte dieser Wand eingelassen waren ein grauer Kamin sowie ein Rauchfang, der sich im Fachwerkgebälk der Decke verlor. Die Männer hatten sich um einen rustikalen, aus dunklem Holz geschnitzten Kaffeetisch verteilt, der in der Nähe der Feuerstelle stand, und auf dem Geldstapel unterschiedlicher Währungen lagen. Ein an einer dicken schwarzen, an der Decke befestigten Kette hängender Kronleuchter schwebte knapp oberhalb des Tisches und spendete ein schwaches Licht.

Er erkannte sofort Pavle, was keiner schwierigen Aufgabe entsprach, denn dieser war von der Hüfte abwärts gelähmt und somit auf einen Rollstuhl angewiesen, der momentan in Richtung Feuerstelle gedreht war. Mit seinen beiden, über den Kopf ausgestreckten Armen huldigte er dem tiefen Rap-Beat, indem er die Arme von einer Seite zur anderen schwenkte. In jeder Hand hielt er ein dickes Bündel US-amerikanischer Geldscheine.

Marko maß die Wachen mit einem abwertenden Blick. Ein groß gewachsener stämmiger Mann in einem schwarzen Rollkragenpulli und einer braunen Jacke stand direkt vor Pavle und bewegte sich unbeholfen und ohne Rhythmus zum Takt des Rapsongs. Der zweite Bodyguard saß links neben dem Tisch auf einer dunklen, schweren Couch mit Lederbezug, und schien etwas zu rollen, das Marko für einen Joint hielt. Er sah keine Waffen und konnte über die Fahrlässigkeit der sich vor ihm befindenden Schutztruppe nur den Kopf schütteln.

Bereit, in Aktion zu treten, nahm er sich die Zeit, die rasiermesserscharfen Schneiden an beiden Enden der Kletteraxt zu berühren. Sie würde den finalen Gewaltausbruch einleiten. Der unausweichliche Krieg zwischen zwei der größten, paramilitärischen Gruppen Slobodan Milosevics würde Belgrad von innen heraus zerstören, und das Chaos Marko die notwendige Deckung verschaffen, um noch einige weitere lose Enden miteinander zu verknüpfen, bevor er endgültig verschwinden würde. Das erste Mal seit Jahren spürte er wieder Hoffnung.

Seine Zeit in dieser Kloake von einer Region schritt rapide dem Ende entgegen, und er beabsichtigte, mehr mitzunehmen als das befriedigende Gefühl, eine gute Arbeit geliefert zu haben. Pavle besaß nämlich den Schlüssel zum immensen, aus kriminellen Machenschaften angehäuften Reichtum seines Bruders. Bald würde dieser Reichtum der US-Regierung gehören … abzüglich eines kleinen Finderlohns versteht sich. Er strich wiederholt über das Blatt der Axt, bevor er sich hinkauerte, und langsam zur Küche hinüber glitt. Er hatte immer noch einen langen Tag vor sich.