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Neuerscheinung

BERLIN ZOMBIE CITY

BERLIN ZOMBIE CITY

  • ISBN: 978-3-95835-443-2

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Als Ben nach einer Bootstour im Stadthafen Berlin-Tempelhof anlegt, ist nichts wie zuvor: Eine aggressive Erkrankung hat den Großteil der Bevölkerung zu tollwütigen, hirnlosen Wilden gemacht. An jeder Ecke lauert der Tod, aber Ben hat keine Wahl – er muss unbedingt seine Freundin erreichen, um mit ihr fliehen zu können. Doch drei Millionen Zombies stehen diesem Ziel im Wege.

Kapitel 1

BRANDENBURG

15:30 Uhr

 

Kein Lebenszeichen. Absolute Totenstille. Erneut formte Ben einen Trichter mit seinen Händen.

»Hallo! Hallo?«

Nichts. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Vielleicht war der Typ gerade im Gebüsch, pinkeln. Hoffentlich friert ihm der Schniedel ab, dachte Ben, als eine kalte Windböe durch seinen Kapuzenpulli drang. Er hasste es, zu warten, aber im Moment konnte er wirklich nichts tun. Die letzten Tage hatten ihm sowieso mal wieder deutlich gezeigt, dass ein bisschen Ruhe nie schaden kann. Also setzte er sich auf das Kabinendach seines Bootes und atmete erst einmal tief durch.

Trotz seiner guten Vorsätze wanderte sein Blick sofort wieder von der Wasserkante an den moderigen Wänden der Schleuse hinauf zu dem kleinen Wärterhäuschen. Ben musste unwillkürlich lächeln, als ihm klar wurde, wie ausgeprägt und tief verwurzelt seine Ungeduld war. Tanja hatte wahrscheinlich recht, da könnte er mal dran arbeiten.

Er hob eine Pobacke an, griff in seine Gesäßtasche und zog das Foto hervor. Ihre tiefblauen Augen leuchteten wie immer, doch ansonsten sah das Bild inzwischen ziemlich mitgenommen aus. Kopfschüttelnd drehte Ben es um und betrachtete die Leukoplast-Streifen auf der Rückseite, die das Ganze zusammen hielten. Warum war er nur so verdammt impulsiv? Sich einfach alleine auf das Boot zu verpissen … und der viele Alkohol. Der hatte seine Wut nur noch mehr angestachelt und dadurch einige Opfer gefordert. Abgesehen von diversen Schürfwunden und blauen Flecken war als Erstes sein Handy über Bord gegangen.

Aber zumindest das ging teilweise auch auf Tanjas Konto. Sie hätte ja nicht andauernd so penetrant anrufen müssen. Okay, man kann ein Telefon auch abstellen. Aber nicht, wenn man Benjamin Jovanovic heißt und der beste Kumpel Jack Daniels. Eigentlich ein falscher Freund, wie Ben dann festgestellt hatte, nachdem er das Bild von Tanja zerrissen hatte. Und auch Old Jack sollte seinen Zorn spüren, die verdammte Flasche bekam von ihm Flugstunden erteilt. Natürlich hatte er nicht mit Absicht auf die Steuerkonsole gezielt und auch nicht damit gerechnet, dass die fiese Spirituose einen dicken Kurzschluss in der Bordelektronik auslösen würde. Doch nun saß er hier.

Der gellende Aufschrei einer Krähe ließ Ben aus seinen Erinnerungen hochschrecken. Seine Nackenhaare stellten sich auf, es musste an der Kälte liegen. Wo war dieser Vogel? Nirgends zu sehen. Ben kam sich vor wie lebendig eingemauert. Und wo war dieser beknackte Schleusenwart? Wenn jeder seinen Job so machen würde, dann gute Nacht.

Außer ein paar Büschen und Baumwipfeln konnte Ben nicht viel sehen. Es war bestimmt schön da oben, die tief stehende Sonne tauchte die schon ziemlich kahlen Bäume in ein goldenes Licht. Das sah wirklich warm aus, und er musste hier unten frieren, in seinem Betonsarg. Ätzend.

Ben versuchte, die Kapuze noch enger zu machen, aber die Kälte war ihm längst in die Knochen gefahren. Jetzt überkam ihn wieder eine dieser typischen Wellen von Aktionsdrang; er sprang wie von der Tarantel gestochen auf und machte ein paar unkontrollierte, zappelnde Bewegungen.

»HALLOOOOOO?!?«, schrie er aus voller Kehle, wobei er sich über das unerwartet starke Echo fast ein bisschen erschrak. Das dämpfte seinen Ausbruch, aber seine Geduld war eindeutig zu Ende. Der ganze Trip war eine Schnapsidee gewesen. Ihm war inzwischen klar, dass Tanja das nicht mit Absicht getan hatte. Oder etwa doch? Sofort begann es in Ben wieder zu kochen. Hitze schoss in sein Gesicht. Es war eine verdammt beschissene Situation, aber er musste das jetzt regeln. Genau wie die Sache mit der Schleuse.

Ben schnappte sich den Bootshaken, stemmte ihn an die gegenüberliegende Wand und lehnte sich mit aller Kraft hinein. Während er aggressiv aufstöhnte, bewegte sich das Boot widerwillig und lautlos auf die Metallleiter zu, die einen Ausweg aus dieser Sackgasse versprach. Von der Anstrengung war Ben schon regelrecht heiß, er riss sich die Kapuze vom Kopf und ließ den Bootshaken genervt aufs Deck fallen. Für irgendwelche Sicherungsmaßnahmen hatte er jetzt keine Geduld mehr; es war Zeit für Piraten-Action. Nach einem angewiderten Blick auf die angerostete und verdreckte Leiter streckte er sich und packte eine Sprosse. So zog er das Boot das letzte Stück in Position und wackelte noch einmal kräftig an der Leiter, um sicherzugehen, dass sie ordentlich befestigt war. Das Personal hier schien ja nicht gerade übermotiviert zu sein.

Mit einem beherzten Satz verließ Ben sein schwimmendes Zuhause der letzten Wochen und erklomm die Leiter. Die unteren Sprossen waren noch nass und schlüpfrig, oben wurden sie trocken. Das machte die Kälte aber fast noch unangenehmer, und der Rost bröselte unter seinem Griff. Er konnte förmlich spüren, wie kleinste Partikel keimigen Altmetalls in seine Haut drangen.

Oben angekommen krabbelte er alles andere als elegant aufs Festland. Ben sah sich kurz um. Wollte er wissen, ob jemand seine ungelenke Einlage beobachtet hatte? Oder ging es ihm nur darum, den Schleusenwart zu finden? Er wusste es selbst nicht genau, doch Letzteres war eindeutig wichtiger. So oder so war jedenfalls kein Mensch weit und breit zu sehen. Ben überblickte kurz das flache Land, das ihn umgab. Trotz des anbrechenden Winters waren die Wiesen noch einigermaßen grün, bis auf vereinzelte Baumreihen und einige Zäune gab es sonst kaum etwas zu sehen.

Also widmete Ben seine volle Aufmerksamkeit dem Wärterhäuschen. Zu seiner Verwunderung stellte er fest, dass die Tür weit offen stand. Ungewöhnlich. Vielleicht hatte es einen Notfall in der Nähe gegeben. Oder dem Typen ist wirklich der Schniedel abgefroren?, dachte Ben und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Moment. Hatte sich da nicht etwas bewegt, im Gebüsch?

»Hallo?«, fragte Ben gefühlt zum zwanzigsten Mal. Es raschelte. Unsicher machte er einen Schritt auf einen dunklen Schatten im Unterholz zu. »Ist da jemand?«

Keine Antwort. Zögernd schaute Ben sich um, durch die geöffnete Tür des Häuschens fiel sein Blick nun auf einen großen, roten, mit Gummi ummantelten Knopf.

»Scheiß doch drauf«, murmelte Ben, machte zwei lange Schritte zur Tür, beugte sich vor und betätigte mit dem Handballen den Kontakt. Sofort jaulte ein schwerer, hydraulischer Apparat auf und zwei Krähen stiegen meckernd in den Himmel. Ben schaute ihnen kurz hinterher, dann vergewisserte er sich, dass der Wasserspiegel auch wirklich anstieg. Er quälte sich wieder die Leiter hinunter und wagte nach einem kleinen Stoßgebet den Sprung auf das Deck. Er landete halbwegs sicher und war zufrieden mit sich. Selbst ist der Mann – jedenfalls, wenn er nicht so ein beschissener Schleusenwart ist, den schon die Aufgabe überfordert, ein paar mal am Tag auf einen Buzzer zu hauen. Das waren Bens Gedanken, als sich das Schleusentor vor ihm öffnete, und er hinunterging, um den Motor zu starten. Das Blut, das schon etwas zäh von der Schleusenmauer tropfte, sah er nicht.

Ende der Leseprobe

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