SINGULARITY (1): AVOGADRO CORP.

4,99 12,99 

William Hertling

SciFi-Thriller

Band 1
Serie: Singularity

»Ein erstaunliches Buch, das jeder lesen sollte. In der Tradition von Daniel Suarez‘ Daemon und FreedomTM (dt.: DarkNet) zeigt sein Buch, wie aus Science Fiction harte Fakten werden. Avogadro Corp. beschreibt in soliden, technischen Details Probleme, mit denen wir heute kämpfen und deren Auswirkungen wir spüren werden. Nicht genug Leute lesen diese Art von Büchern. Aber das wird ihr Problem sein, nicht das der (erwachenden) Maschinen.« [Brad Feld, Manager der Foundry Group, Mitbegründer von TechStars]

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Beschreibung


David Ryan ist der Entwickler von ELOPe, einem Programm zur Sprachoptimierung von Emails, das im Falle eines Erfolges ein Karrieresprungbrett für ihn sein könnte. Als sein Projekt plötzlich Gefahr läuft, eingestellt zu werden, fügt David seinem Programm eine verborgene Direktive hinzu, die unabsichtlich zur Entstehung einer künstlichen Intelligenz führt.

David und sein Team sind zunächst begeistert, als ihrem Projekt bald zusätzliche Server und Programmierer zur Verfügung gestellt werden. Doch die (anfängliche) Begeisterung schlägt in Furcht um, als das Team erkennen muss, dass sie von einer KI manipuliert werden, die begonnen hat, Firmengelder umzuleiten, Personal umzuschichten und sich selbst zu bewaffnen, um ganz eigene Ziele zu verfolgen.


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Format

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

264

ISBN

978-3-95835-160-8

eISBN

978-3-95835-161-5

Leseprobe


Kapitel 1

David betrat den Konferenzraum der Geschäftsführung zehn Minuten zu früh. Seine Kehle war trocken und er hatte ein flaues Gefühl im Magen. Ohne großen Erfolg versuchte er sich auf die Vorbereitung der Präsentation zu fokussieren, wollte die Nervosität beiseiteschieben, die ihn zu verschlingen drohte. Es kam nicht oft vor, dass Projektmanager eine Präsentation vor dem versammelten Führungsstab machten.
Es war eine Erleichterung als Erster einzutreffen, sodass er sich ohne Druck vorbereiten konnte. Das Synchronisieren seines Smartphones mit dem AV-System des Raums nahm nur wenige Sekunden in Anspruch. Hier gab es keinen Overheadprojektor, nur einen schicken Großbildschirm an der Wand hinter ihm. Er ließ seine Hand über den Tisch aus poliertem Hartholz und die Lehnen der Lederstühle gleiten. Das war mehr als nur ein kleiner Schritt von dem Plastikambiente in den Konferenzräumen entfernt, die er für gewöhnlich nutzte.
David gönnte sich das kleine Vergnügen eines Kaffeerituals. Als er zwei Löffel braunen Zucker in seinen dampfenden Becher gab, lächelte er über den üppig gefüllten Serviertisch, der alles von Kaffee über Saft, bis hin zu kunstvoll arrangierten Häppchen bot. Auch wenn Avogadro von der Idee her ein Unternehmen gleichgestellter Nerds war, hatte es doch Vorzüge, zur Chefetage zu gehören.
Noch war kein anderer eingetroffen, sodass David durch den Raum schlendern und die Aussicht bewundern konnte. Die Freemont Bridge, die den Willamette River überspannte, war der zentrale Blickfang. Er konnte die Appartementkomplexe im Pearl District sehen und zu seiner Rechten die Innenstadt von Portland. Direkt im Osten konnte er den Mount Hood unter einer dichten Wolkendecke gerade noch erkennen. Die frühe Morgensonne spähte durch die Wolken, warf einen Fächer aus Licht auf die Stadt. Er fragte sich gerade, ob er von hier aus sein eigenes Haus im nordöstlichen Portland sehen konnte, als ihn jemand begrüßte. »Hallo David.«
Als er sich umdrehte, sah er wie Sean Leonov und Kenneth Harrison den Raum betraten. Sean kam zu ihm herüber, um seine Hand zu schütteln, und stellte ihn Kenneth vor. David war begeistert, den zweiten Mitbegründer von Avogadro kennenzulernen. Dunkelhaarig und lässig war er eine respektable Erscheinung, auch wenn sein Charisma nicht an das von Sean heranreichte.
Die anderen Führungskräfte begannen nun hereinzuströmen und Sean machte ihn kurz mit jedem von ihnen bekannt. David schüttelte Hände oder nickte ihnen zu, sein Kopf schwirrte ihm von all den Namen und Zuständigkeiten einer jeden Begrüßung.
Für ein paar Minuten war die Atmosphäre die einer Cocktailparty, wo sich die Leute mit Snacks und Getränken versorgten, während sie sich bekannt machten. Dann nahmen nach und nach alle Platz, wobei sie sich entsprechend der Hackordnung um Sean und Kenneth herum verteilten. Nur ein Sessel am Kopf des Tisches war noch auffallend leer.
Als die allgemeine Unruhe in der Runde sich schließlich legte, erhob sich Sean. »Ich habe Ihnen David Ryan bereits vorgestellt, den leitenden Projektmanager des ELOPe Projekts. Ich habe David vor zwei Jahren eingestellt, um zu beweisen, dass für unsere AvoMail eine radikale Neuerung möglich ist. Er hat dabei Unglaubliches geleistet und ich habe ihn hier zu uns eingeladen, damit er uns einen ersten Einblick in seine Entwicklung gewähren kann. Bereiten Sie sich auf eine Überraschung vor.« Er lächelte zu David hinüber und setzte sich dann.
»Vielen Dank Sean«, sagte David, stand auf und ging nach vorne. »Und vielen Dank für Ihr Kommen.«
David aktivierte sein Smartphone mit dem Daumen und zeigte das erste Bild, das Schwarz-Weiß-Foto einer Sekretärin, die ein Blatt in ihrer Schreibmaschine mit Tipp-Ex ausbesserte.
»Eine unserer ersten Technologien zur Fehlerkorrektur«, sagte er, was im Publikum leises Gelächter auslöste. »Zu seiner Zeit war es recht innovativ. Aber es war nichts im Vergleich zur automatischen Rechtschreibkorrektur.« Im Hintergrund veränderte sich das Bild zu dem eines Mannes, der einen klassischen PC der ersten Generation benutzte.
»Jahre später wurde, bei steigender Rechenleistung, die Grammatikkorrektur entwickelt. Die ersten Korrekturtools wiesen nur auf Fehler hin, später halfen sie auch dabei, sie zu korrigieren. Rechtschreib- und Grammatikprüfung gab es zunächst in der Textverarbeitung, dann begann ihr Siegeszug durch alle Büroanwendungen, von der Präsentationssoftware bis zum Emailprogramm.«
David machte eine Pause. Der erzählerische Teil seiner Präsentation gefiel ihm.
Während David sprach, nahm er kurz Augenkontakt mit jeweils einem der Anwesenden auf, bevor er zum nächsten wechselte. »Heute haben sich die Standards in der Geschäftskorrespondenz verändert. Es reicht nicht mehr aus, eine korrekte und grammatikalisch richtige Email zu versenden, um ein effektiver Kommunikator zu sein. Man muss genau wissen, wie der Empfänger denkt und was ihm wichtig ist, um ihn zu überzeugen. Man muss die richtige Kombination aus überzeugender Logik, Argumenten und Emotionen nutzen, um seine Sache vorzubringen.«
David sah, dass er jetzt die ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. »Sean hat mich vor zwei Jahren an Bord geholt, um ein bisher ungenutztes Konzept in die Realität umzusetzen: Ein Sprachoptimierungstool, das Nutzern helfen sollte, überzeugendere und effektivere Korrespondenz gestalten zu können. Ich stehe heute vor Ihnen, um Ihnen die Resultate zu zeigen.«
Er wechselte zur nächsten Grafik, ein Verlaufsdiagramm erschien. In den ersten zwölf Monaten haben wir durch Datenerhebung, Sprachanalyse und den Einsatz von Suchalgorithmen die Machbarkeit bewiesen. Danach gingen wir ernsthaft an die Umsetzung des ›Email Language Optimization Projects‹, kurz ELOPe, heran.«
David klickte wieder und nun zeigte der Wandbildschirm einen Screenshot von AvoMail, Avogadros populärer webbasierter Emailanwendung. »Aus einer anwenderorientierten Perspektive arbeitet ELOPe wie eine hochentwickelte Rechtschreibprüfung. Während der Nutzer an einer Email arbeitet, beginnen wir ihm Formulierungsvorschläge in der Seitenleiste anzubieten. Hinter den Kulissen findet eine komplexe Analyse statt, um die Absicht des Verfassers zu erkennen und ihm den Weg zu den effektivsten Sprachmustern zu zeigen, wie wir sie bei anderen Nutzern beobachtet haben. Lassen Sie mich Ihnen ein einfaches Beispiel geben, mit dem Sie vermutlich vertraut sind. Haben Sie schon einmal eine Mail von jemandem bekommen, der Sie bittet, sich einen Anhang anzusehen, aber vergessen hat ihn beizufügen? Oder waren Sie vielleicht selbst der Absender?«
Er hörte gequältes Lachen und ein paar Hände hoben sich im Publikum. »Es ist natürlich ein peinlicher Fehler. Aber niemand macht diesen Fehler heute noch, weil AvoMail auf das Erscheinen von Worten wie ›Anhang‹ oder ›beigefügt‹ achtet und prüft, ob auch wirklich eine Datei vorhanden ist, bevor die Nachricht versendet wird. Durch Sprachanalyse haben wir also die Effektivität des Informationsaustauschs verbessert.«
Eine Abteilungsleiterin hob die Hand. David bemühte sich vergeblich, sich an ihren Namen zu erinnern, und begnügte sich damit, auf sie zu zeigen.
»Aber ist das nicht nur ein simples Beispiel, wie man ein einfaches Programm zur Suche von Schlagworten verwendet?«, fragte sie. »Reden wir hier von Schlagwortsuche?«
»Das ist eine gute Frage«, sagte David, »Aber die Antwort lautet: Nein. Wir stützen uns nicht auf Schlagworte. Ich werde es Ihnen erklären, möchte dazu aber ein komplexeres Beispiel verwenden. Stellen Sie sich einen Manager vor, der die Finanzierung eines Projektes beantragen will. Bevor Gelder fließen, werden die Entscheidungsträger eine Begründung für das Finanzierungsersuchen haben wollen. Wie kommt diese Investition der Firma zugute? Möglicherweise geht es um einen schnelleren Marktzugang oder darum, höhere Erträge zu erzielen. Vielleicht ist das Projekt auch knapp an Mitteln und läuft Gefahr, nicht fertig zu werden.«
David sah zustimmendes Nicken im Publikum und begann sich ein wenig zu entspannen. Er war froh, dass seine handverlesenen Beispiele bei den Führungskräften ankamen.
»ELOPe analysiert die Mail und erkennt, dass der Verfasser um eine Finanzierung bittet, weiß, dass sie von einer Begründung begleitet sein sollte, und bietet Beispiele an, wie so eine effektive Begründung aussehen könnte.«
David wechselte zu einer anderen Darstellung, um sein Beispiel zu veranschaulichen. Das Kurzvideo zeigte, wie ein Nutzer eine Finanzierungsanfrage verfasste, während Argumentationsvorschläge am rechten Bildschirmrand erschienen. Jedes der Beispiele beinhaltete bereits alle Daten aus der eigentlichen Mail, wie etwa den Projektnamen und den Zeitplan. David wartete schweigend die dreißig Sekunden ab, während das Video ablief. Er hörte leise Ausrufe aus dem Hintergrund. Diese Kurzdemo war unglaublich eindrucksvoll. Er lächelte innerlich. Es war Arthur C. Clarke gewesen, der einmal gesagt hatte: Jede Technologie, wenn sie nur ausreichend weit entwickelt ist, ist von Magie nicht mehr unterscheidbar. Nun, dies war Magie.
David machte eine Pause, damit das Video seine Wirkung entfalten konnte. »Es ist nicht genug, eine Reihe von standardisierten Vorschlägen anzubieten. Unterschiedliche Menschen werden auch durch unterschiedliche Sprachformen, Kommunikationsarten und Argumente motiviert. Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel benutzen. Ein Angestellter will seinen Chef um die Verlängerung seines Urlaubs bitten. Er wird natürlich zwingende Gründe für seinen Wunsch vorbringen wollen. Womit kann er seinen Chef überzeugen? Sollte er erwähnen, dass er viele Überstunden gemacht hat? Dass er mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen will? Oder dass er plant, den Grand Canyon zu besuchen, einen Ort, mit dem sein Chef zufällig positive Erinnerungen verbindet?«
»Die Antwort ist«, fuhr David fort, während er vorn in Raum auf und ab ging, »dass es auf die Person ankommt, die die Nachricht erhält. Deshalb basiert die Analyse von ELOPe nicht nur auf dem Wunsch des Verfassers, sondern auch auf der Motivation des Empfängers.«
David bemerkte, dass Rebecca Smith in der Tür stand und der Präsentation lauschte. In ihrem streng geschnittenen Kostüm und mit ihrem legendären Ruf, der sie wie eine unsichtbare Aura umgab, war die Leiterin von Avogadro eine imposante Erscheinung. Nur ihr warmes Lächeln erschuf eine schützende Nische, in der ein Normalsterblicher wie David mit ihr koexistieren konnte.
Sie nickte David zu, als sie hereinkam und ihren Platz am Kopf des Tisches einnahm.
»Was Sie da beschreiben«, fragte Kenneth, »wie funktioniert das eigentlich? Die maschinelle Sprachverarbeitung ist nicht einmal annähernd in der Lage, die Bedeutung von Worten zu verstehen. Hatten Sie irgendeinen spektakulären Durchbruch?«
»Im Grunde genommen sind wir hier noch im Bereich der Referenzalgorithmen«, antwortete David. »Sean hat mich nicht eingestellt, weil ich mich mit Sprachanalyse auskenne, sondern weil ich einer der führenden Mitbewerber um den Netflix-Preis war. Netflix empfiehlt Filme, die Ihnen gefallen könnten. Und je effektiver sie das tun können, um so besser ist der Service für Sie als Kunden. Vor einigen Jahren bot Netflix jedermann einen Preis in Höhe von einer Million Dollar an, der ihren eigenen Algorithmus um zehn Prozent übertreffen konnte.«
»Was das erstaunliche und sogar unlogische an solchen Referenzalgorithmen ist, ist der Umstand, dass sie nicht auf dem Verständnis der Filme basieren. Netflix hat keinen großen Personalstab, der Filme anschaut, bewertet und kategorisiert, nur um mir dann den neuesten Sci-Fi Actionthriller empfehlen zu können. Stattdessen verlassen sie sich auf eine Methode, die man als kollaborative Filterung bezeichnet. Dabei finden sie mir vergleichbare Konsumenten und beobachten, wie diese einen bestimmten Film bewerten, um dann vorherzusagen, wie er mir gefallen könnte. Seans Gedanke war, da maschinelle Sprachanalyse nach wie vor mit der Wortbedeutung zu kämpfen hat, dass es besser sei einen Ansatz zu wählen, der nicht auf Verständnis, sondern auf der Nutzung von Sprachmustern basiert.«
David fuhr fort, als er zustimmendes Nicken aus dem Publikum erhielt. »Genau das tut ELOPe. Es wertet Milliarden von Emails aus und vergleicht die Sprachnutzung mit der Reaktion des Empfängers. War sie positiv oder negativ? Zusammengefügt aus tausenden von Emails pro Person und Millionen von Menschen, können wir die Gruppe von Nutzern, die dem gewünschten Adressaten ähnlich sind, finden und beobachten, wie sie auf Sprachvarianten und Ideen reagieren, um den besten Weg zu finden, die gewünschte Information zu präsentieren und schlüssig zu argumentieren.«
Nun gab es einige erstaunte Blicke und halb erhobene Hände als eine Reihe von Leuten im Raum Fragen zu stellen versuchten. David beschwichtigte sie mit erhobener Hand und fuhr fort. »Behalten Sie ihre Fragen im Hinterkopf und lassen Sie mich Ihnen ein weiteres Beispiel geben. Stellen wir uns jemanden namens Abe vor, der immer, wenn in einer Email Kinder erwähnt werden, negativ reagiert.«
David gestikulierte, während er sich in das Beispiel hineinversetzte. »Nun stellen wir uns vor, ELOPe müsste vorhersagen, ob die zu verschickende Email von Abe positiv oder negativ aufgenommen würde. Sollte diese Email Kinder erwähnen, besteht eine reale Chance, dass sie negativ aufgenommen würde. Wäre Abe nun Ihr Boss, den Sie um Urlaub bitten wollten, wäre es wahrscheinlich keine gute Idee, wenn Sie schreiben, dass Sie mehr Zeit mit Ihren Kindern verbringen wollen.«
Er hörte ein paar Lacher.
»Wenn es also keine semantische Analyse gibt«, fragte Rebecca, »dann wissen wir gar nicht, warum Abe keine Kinder mag?«
»Nein, wir haben keine Ahnung, warum er so denkt«, antwortete David mit einem Lächeln. »Wir beobachten nur das Verhaltensmuster.«
»Was wäre, wenn mein Chef noch nie Mails erhalten hätte, die von Kindern handeln?«
Sean stellte die Frage. »Wie können wir vorhersagen, wie er reagieren würde?«
David grinste, denn er wusste, dass Sean die Antwort bereits kannte und ihm nur auf die Sprünge helfen wollte. »Sagen wir, es gäbe da noch einen anderen Nutzer namens Bob. Bob hat noch nie Emails zum Thema Kinder erhalten. Allerdings hat ELOPe erkannt, dass Bob, Abe und etwa hundert andere Personen auf vergleichbare Themen ähnlich reagiert haben. Also was sie an ihren Wochenenden machen, wo sie ihren Urlaub verbringen und wie sie sich sonst die Zeit vertreiben. Nehmen wir an, die Gruppe verhielte sich zu 95% identisch. Sie haben also, bezogen auf alle Themen, zu denen sie Stellung genommen haben, eine Wahrscheinlichkeit von 95%, ähnlich zu reagieren, sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. Das nennen wir einen Nutzercluster.«
Die Führungskräfte signalisierten ihr Verstehen und David konnte fortfahren.
»Wenn also andere Mitglieder des Nutzerclusters Emails zum Thema Kinder erhielten«, erklärte David, »und sie alle negativ reagiert haben, dann kann ELOPe zu 95% sicher sein, dass auch Bob negativ reagieren wird. Natürlich wird es nicht immer so klar und offensichtlich sein, es bleibt eine statistische Vorhersage. Das bedeutet, dass ELOPe in 5% der Fälle daneben liegt, aber eben auch meistens richtig. Also Sean, wäre Bob Ihr Boss, würde ich empfehlen, nicht Ihre Kinder zu erwähnen, wenn Sie ihn um Urlaub bitten.«
David sprach weiter. »Spaß beiseite, ELOPe funktioniert und wir haben es bereits mit Anwendern getestet. Die positive Reaktion bei Antwortmails stieg um 23% gegenüber dem Durchschnitt, wenn ELOPe aktiviert war. Das bedeutet 23% mehr genehmigte Urlaubsanträge, 23% mehr Menschen, die einer Verabredung zustimmen und 23% mehr erfolgreiche Geschäftsabsprachen.«
Rebecca starrte David an. »Einen Augenblick. Wenn es um Verabredungen geht, dann geht es um eine Frau, die sich mit jemandem trifft, mit dem sie sich sonst nicht abgeben würde. Das klingt manipulativ und riskant.«
Kenneth wirkte von Rebeccas Einwand überrascht und begann leise mit Sean zu reden, der neben ihm saß.
Davids innere Gefahrenskala schoss in den roten Bereich und sein Magen krampfte sich zusammen. Das Beispiel mit dem Dating war wirklich verdammt kontrovers. Die nächsten Minuten würden über das Schicksal seines Projekts entscheiden. Wenn Kenneth und Rebecca sich gegen ihn entschieden, war es auch für Sean unmöglich, ihm die Unterstützung für die Fertigstellung von ELOPe zu gewähren.
»Einen Augenblick. Das war womöglich ein schlechtes Beispiel.« David hatte beide Hände erhoben. »Wer hat schon mal an einem Myers-Briggs Persönlichkeitsworkshop teilgenommen?«
Jeder hob die Hand oder nickte zur Bestätigung, ganz wie David es erwartet hatte. Myers-Briggs Seminare waren in großen Firmen quasi Standardveranstaltungen für das gehobene Management. »Nun, was war der Sinn des Workshops«, fuhr er fort. »Es ging ja nicht nur darum herauszufinden, ob Sie eine introvertierte oder extrovertierte Persönlichkeit sind, nicht wahr?«
»Nein, es geht darum, zu erfahren, wie man effektiver mit anderen zusammenarbeitet«, sagte Sean.
»Besser zusammenarbeiten bedeutet was?« David machte eine bedeutungsvolle Pause. »Es bedeutet zu erfahren, wie andere Menschen kommunizieren und denken. Es bedeutet zu erkennen, wer eine datenbasierte Argumentation einer emotionalen vorzieht. Es bedeutet zu wissen, wer gerne laut denkt und wer alles lieber schwarz auf weiß lesen will, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen.«
David beobachtete die Zuhörer, zwang sich selbst enthusiastisch und locker zu bleiben, auch wenn er Gefahr lief, dass sich die Gruppenmeinung gegen ihn und sein Projekt wenden konnte. »Ist das etwa manipulativ? Benutzen wir das Wissen aus dem Workshop, um Menschen zu manipulieren, oder werden wir nur befähigt, besser mit anderen zu arbeiten und weniger Zeit mit Diskussionen und Streit zu verschwenden?«
Einige der Abteilungsleiter wandten sich Rebecca zu, warteten auf eine Antwort der Firmenchefin. Rebecca nickte langsam und zustimmend. »Es ist hilfreich. Das ist offensichtlich. Ich habe selbst einige dieser Seminare besucht.«
»Wenn also zwei Personen einen dieser Workshops gemeinsam besuchen«, sagte David, »dann erfahren sie sehr viel voneinander. Ich weiß nicht, ob das erforscht wurde, aber vermutlich werden zwei Menschen, die an einem Myers-Briggs-Seminar teilgenommen haben, sich mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreich verabreden. ELOPe tut also nichts weiter, als jeden mit denselben Vorteilen auszustatten, die er sich durch eines der Seminare erworben hätte. Wir ermöglichen es diesen Menschen, bessere Gesprächspartner und Mitarbeiter zu werden. Wer möchte nicht ein interessanter Gesprächspartner sein? Und wer möchte nicht, dass seine Mitarbeiter bessere Kommunikatoren sind?« David sah mit Erleichterung, wie die Anspannung in der Gruppe langsam nachließ.
»Denken Sie daran, dass wir die Grundstimmung dieser Mails auswerten«, fuhr er fort, wobei er vor dem Großbildschirm auf und ab lief. »Es ist nicht nur eine halbherzige Zugabe: Menschen erhalten und erreichen einen anhaltend besseren und kooperativeren Informationsaustausch, wenn unsere Software aktiviert ist. Wir stärken Menschen den Rücken, geben jedem das, was er sonst nur in einem teuren Managementseminar erlernen könnte. Zunächst war es die Rechtschreibkorrektur, die den Graben zwischen Menschen mit guter und schlechter Allgemeinbildung überbrückte. Nun schaffen wir die gleichen Voraussetzungen auch beim Schreiben – wir ermöglichen es allen Menschen, wirkungsvolle, gut formulierte Texte zu erstellen.«
Für eine Minute war es ruhig, dann fragte einer der Abteilungsleiter: »Für wann ist die Veröffentlichung geplant?«

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