Buchcover:

Ausradiert

INHALTSBESCHREIBUNG


Wie fühlt sich jemand, der auf einen Schlag für die gesamte Welt unbekannt geworden ist, an den sich weder die eigene Freundin noch die Kollegen erinnern? Genau das passiert Moritz. Als er kurz darauf von nebulösen Erscheinungen angegriffen und beinahe getötet wird, ist das erst der Anfang eines schrecklichen Albtraumes.

Pressestimmen

Ein gelungener Genre Mix  aus Horror, Thriller und Fantasy mit einem grandiosen Finale.

Lesemonsterchen

Martin S. Burkhardt führt den Leser durch eine mysteriöse Geschichte mit Gänsehautfaktor.

Thrillertante

Prolog

Er hatte keine Zeit, zu reagieren.

Der eiserne Schürhaken sauste Millimeter an seinem Kopf vorbei und schlug eine tiefe Kerbe in die Kommode. Das Holz zerbarst in einer gewaltigen Explosion, unzählige kleine Splitter flogen umher. Schreiend taumelte Moritz zurück und spürte, wie winzige Holzspeere den Weg in die Haut seiner Arme fanden, die er schützend ums Gesicht geschlungen hatte.

Es ging so furchtbar schnell. Vor fünf Minuten war noch alles in bester Ordnung gewesen.

Moritz suchte im Wohnzimmer nach der Fernbedienung, als plötzlich dieses unangenehme Geräusch ertönte. Ein Summen, wie von einem wild gewordenen Schwarm Hornissen.

Direkt neben dem Fenster schwebte etwas in der Luft. Ein nebliger, grauer Dunst, als wäre ihm eine trübe Regenwolke bis in seine Wohnung gefolgt.

Moritz ging auf die Erscheinung zu. Augenblicklich veränderte der Nebel seine Form. Er schrumpfte und schien sich währenddessen aufzulösen. Im Inneren des Gebildes nahm Moritz eine Bewegung wahr. Eine Grimasse starrte ihn aus flammenden Augen an, die hell wie Scheinwerfer leuchteten. Und dann überschlugen sich die Ereignisse.

Moritz stieß einen Schrei aus und taumelte einen Schritt zurück. Fast gleichzeitig löste sich der Dunst vollends auf und eine Kreatur mit langem, schwarzen Mantel wurde sichtbar. Die leuchtenden Augen hafteten sich an Moritz und er spürte ein unbehagliches Kribbeln auf der Haut. Das Wesen streckte einen Arm in seine Richtung. Dort wo die Hand sein sollte, erkannte Moritz einen gewaltigen, schillernden Haken, der ausgezeichnet zu einem klischeehaft ausstaffierten Piraten gepasst hätte.

Dann raste das Ding auf ihn zu.

Noch ehe er einen weiteren Gedanken fassen konnte, stieß die Erscheinung mit voller Wucht gegen ihn. Er verlor den Halt und wurde gegen die Wand geschleudert. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, als sein Hinterkopf auf die Raufasertapete schlug. Jetzt war das Wesen direkt vor ihm. Moritz nahm die Bewegung eher aus den Augenwinkeln wahr. Wie eine Rakete schnellte der Haken nach vorne. Reflexartig ließ sich Moritz auf die Knie sinken. Die eigentümliche Hand des Ungetüms traf einen gläsernen Bilderrahmen, der sich bis vor einer Sekunde noch genau hinter Moritz’ Kopf befunden hatte. Mit einem ohrenbetäubenden Scheppern ging das Glas zu Bruch. Moritz stieß einen weiteren Schrei aus und krabbelte auf allen vieren durch die Tür in den Flur. Was auch immer das für eine Erscheinung war, sie wollte ihn offensichtlich töten. Die Spitze des Hakens hätte sich direkt in seine Stirn gebohrt, wenn er sich nicht rechtzeitig fallen gelassen hätte. Jetzt also die Kommode. Seine Haut fühlte sich an, als hätte ihm eine tollwütige Katze die Unterarme zerkratzt. Viel Zeit darüber nachzudenken blieb ihm nicht. Wieder holte die Kreatur aus und unmittelbar im Anschluss ächzte die Kommode ein weiteres Mal. Diesmal grub sich der Haken noch tiefer ins Holz. Ein schrilles Geräusch ertönte. Das Wesen zog den Arm zurück, und die Kommode gab ein unsägliches Quietschen von sich. Nun erst wurde ihm bewusst, dass sich der Haken in dem Holz verfangen hatte. Die Kommode wanderte einen halben Meter in den Raum, der Kreatur hinterher.

Mit einem Satz sprang Moritz auf. Die Haustür war nicht weit. Nach drei großen Schritten erreichte er die Klinke. Hinter ihm zerbarst etwas. Das Möbelstück schien keinen Widerstand mehr zu leisten. Moritz riss die Tür auf und taumelte ins Treppenhaus. Er umgriff das Geländer und nahm vier Stufen auf einmal. Dann stolperte er und fiel mit der Schulter auf den Absatz, eine Etage weiter unten. Kurz blieb ihm die Luft weg. Für einen schrecklichen Moment fürchtete er, die Besinnung zu verlieren. Nur der Gedanke an das spitze Mordwerkzeug, das so problemlos durch Sperrholzplatten drang, hielt ihn bei Verstand. Stöhnend drehte er sich um. Er lag direkt vor einer Wohnungstür. Wenn dort jetzt jemand herauskäme, würde der arme Bewohner gnadenlos aufgespießt werden. Erst in diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er kein Geräusch hörte. Es summte nicht mehr.

Es kostete ihn Überwindung, die Wohnung erneut zu betreten. Nachdem er jeden Raum kontrolliert hatte, beruhigte sich sein Puls ein wenig. Die Kreatur war tatsächlich weg, so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Moritz ging in die Küche und schaute nach dem Biervorrat im Kühlschrank. Er würde ihn nachher noch brauchen. Dann ging er ins Badezimmer und griff nach der Pinzette im Nageletui. Es würde eine Weile dauern, bis alle Splitter aus seinem Arm entfernt wären.

Kapitel 1

Kopfschüttelnd starrte Moritz ins Wohnzimmer. Sein leicht verschwommenes Konterfei glotzte von der Fensterscheibe zurück, aber das war auch schon alles. Kein Nebel, keine Kreatur. Schwerfällig ließ er sich in den mit den Jahren abgewetzten Ledersessel fallen, stellte die Bierdosen auf das Tischchen davor und schaltete den Fernseher ein.

Normalerweise saß Amy mit ihm auf dem nostalgischen Stoffsofa und sie benutzten den Tisch als Fußablage. Oder sie entspannten gemeinsam auf Amys edler Designercouch mit glänzenden Chromlehnen. Er öffnete die erste Bierflasche mit zittrigen Händen. Er musste jetzt dringend auf andere Gedanken kommen. Vielleicht vermochte Amy zu helfen. Wenn er an seine Freundin dächte, würde er sich womöglich ein wenig beruhigen. Obwohl sie erst seit vier Tagen beruflich unterwegs war, vermisste er sie ganz außerordentlich. Sascha, der cholerische Chef der Produktionsfirma, für die sie beide arbeiteten, hatte sie kurzfristig zu Recherchearbeiten nach Frankreich beordert. Es ging um irgendeine Geschichte über Wachteln und deren grausame Aufzucht. Wie gut, dass er selbst nicht redaktionell arbeiten musste. Das war sterbenslangweilig. Als Kameramann hatte man es da leichter, Kopf ausschalten und einfach immer draufhalten. Im Großen und Ganzen gefiel ihm sein Job. Mit den sensationslüsternen Reportagen, die seine Firma herstellte, hatte er keine Probleme. Die Leute liebten so etwas.

Als die Nachrichten vorbei waren, drehte er den Ton lauter. Die Titelmusik der Sendung erschien. ›Ertappt‹ stand in Blut durchnässten Buchstaben auf dem Bildschirm. Ein reißerischer Titel … der passte. Sie hatten einen alten Mann ausfindig gemacht, der vor knapp dreißig Jahren als erfolgreicher Heiratsschwindler sein Unwesen getrieben hatte. Jochen, der Reporter, stellte ihm unangenehme Fragen und er, Moritz, hielt mit seiner Kamera immer feste drauf. Besonders gefiel ihm eine Szene, in der sie den Mann in einem voll besetzten Linienbus mit seinen Verbrechen konfrontierten. Alle Fahrgäste hörten gespannt zu. Der Alte zitterte und wurde aschfahl. Moritz klebte die ganze Zeit über mit der Kamera an seinem Gesicht. Jede Falte war zu erkennen. Der Angstschweiß lief dem Mann über die schlecht rasierten Wangen. Die flehenden Augen glänzten. Es fehlte nicht mehr viel und er hätte vor laufender Kamera einen Herzkasper bekommen. Als die letzte Szene gesendet wurde, öffnete Moritz das zweite Bier. Er war zufrieden, zumindest mit seiner Arbeit. Redaktionell gesehen war die Folge natürlich Murks. Es gab keine Zeugen für all die aufgestellten Behauptungen. Es schien, als hätte der Alte überhaupt nie jemanden betrogen. Moritz würde mit Amy ein paar ernste Worte sprechen müssen. Sie und ihr Team mussten bei solchen Reportagen stichhaltiger recherchieren. Aber handwerklich betrachtet war die Folge in Ordnung, seine Kameraführung wirkte dramatisch und authentisch.

Seufzend griff er nach der Bierdose. Es war ärgerlich, wenn im Abspann bereits für das folgende Programm geworben wurde. Eine Unsitte, die inzwischen hoffähig geworden war. Immerhin tauchten hier die Leute auf, die für Entstehung und Gelingen der Sendung verantwortlich waren. Sein Name kam kurz vor Schluss. Im Abspann nach seinem Namen zu suchen, war ihm zur Gewohnheit geworden. Es gab ihm ein Gefühl von Wichtigkeit. Nach der Redaktionsassistenz wurde das Wort Kamera eingeblendet und Moritz stieß ein überraschtes Knurren aus. Pascal Wimmermann stand dort geschrieben. Sekunden später war der Abspann verschwunden und ein Werbeblock flimmerte über die Mattscheibe. Ein Fehler! Den Kollegen war ein Fehler unterlaufen. Wer hatte da nicht aufgepasst? Pascal war der zweite Kameramann, sein Name erschien nie im Abspann. Er stand bereit, um Aufnahmen zu machen, falls Moritz behindert oder angegangen wurde. Das kam schon mal vor, besonders bei Leuten, die tatsächlich etwas auf dem Kerbholz hatten. Moritz fuhr sich durch die Haare und starrte missmutig auf den Bildschirm. Er war ja nicht eitel, aber der korrekte Name des Kameramanns sollte schon erscheinen. Wieder wünschte er, dass Amy jetzt bei ihm säße. Sie konnte ihn so wunderbar trösten. Wie sehnte er sich nach ihren Streicheleinheiten und ihrer zarten Haut. Moritz griff nach der leeren PET-Bierflasche, die neben dem Sofa auf dem Boden stand. Mit der rechten Hand zerdrückte er sie und warf sie mit Wucht gegen den Fernseher. Zwei kleine Tropfen blieben am Bildschirm kleben und schillerten bunt um die Wette. Was war denn heute bloß los?

Das Läuten des Telefons riss ihn aus den Gedanken. Es war Jochen, der von dem eben ausgestrahlten Bericht schwärmte.

»Das war wieder eine Folge«, sagte er gut gelaunt. »Hast du das Gesicht von diesem Schisser gesehen?« Jochen hustete und räusperte sich. »Der Alte wäre fast umgefallen.«

Moritz nickte stumm ins Telefon. Er hatte nicht die geringste Lust, irgendeinen Kommentar abzugeben.

»Also weißt du, du klingst irgendwie merkwürdig«, sagte Jochen, als einige Sekunden verstrichen waren.

»Ich sage doch gar nichts.«

»Eben. Was ist denn los mit dir? Die Folge war doch gut. Deine Kameraführung war exzellent. Was willst du mehr? Oder hast du es satt, Strohwitwer zu sein? Amy kommt doch schon übermorgen wieder.«

»Das ist es nicht.« Moritz drückte die Fingerkuppen aneinander und schaute hinüber in den Flur. Von hier konnte er die zerstörte Kommode nicht sehen. Aber die Bruchstücke des Bilderrahmens, der ursprünglich an der Wohnzimmerwand neben der Tür gehangen hatte, glänzten wie lustige, kleine Konfettistücke auf dem Teppich. Hätte jemand anderes als Jochen angerufen, hätte er vielleicht sogar von der Erscheinung erzählt. Aber Jochen würde er bestimmt nichts sagen. Außerdem gab es da auch noch das andere Malheur … der versaute Abspann. Er erzählte Jochen in aller Kürze davon.

»Hör mal, das kann schon mal passieren«, sagte Jochen gedehnt. »Wahrscheinlich gab es mal wieder Stress beim Fertigstellen der Sendung. Ein dummer Fehler, was soll’s. Nächste Woche erscheint dein Name wieder.«

Moritz brummte etwas Zustimmendes und legte das Telefon neben sich auf den Teppich. Jochen hatte natürlich recht, es handelte sich einfach um einen dummen Fehler. Vielleicht sollte er nicht mehr daran denken. Er schaltete den Fernseher aus und beschloss, ein wenig aufzuräumen.

Ende der Leseprobe

Empfehlungen