APOCALYPSE MARSEILLE

4,99 12,99 

Andreas Gruber

Science Fiction

»Grubers Stil ist rasant, komplex und sorgt immer wieder für überraschende Wendungen.« [Sebastian Fitzek]

»An Andreas Gruber schätze ich vor allem, dass er eigene erzählerische Wege geht – und das atmosphärisch so glaubhaft, so greifbar, dass man ihm bereitwillig folgt.« [Andreas Eschbach]

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Inhalt


Brutale Reality-Live-Shows in der Zukunft, Flugmaschinen, die gnadenlose Jagd auf Menschen machen, ein Tierarzt, der seine Familie auslöscht, um ihr Proben aus dem Rückenmark zu entnehmen, und der erfinderische Testpilot Ian Goodwin, der auf einem merkwürdigen Asteroiden notlandet und nur noch zwei Stunden zum Überleben hat.

In Grubers Fantasien liegt die Côte d’Azur in Schutt und Asche. Er nimmt uns mit zum Untergang der Titanic, wie er tatsächlich passiert sein könnte, den mysteriösen unterirdischen Maya-Tempeln in Uxmal und in ein bizarres Steampunk-Wien um 1900, bei dem nichts so ist, wie es scheint.

Bei Andreas Gruber ist alles möglich!


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Zusätzliche Information

Ersterscheinung

2016

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

344

ISBN

978-3-95835-135-6

eISBN

978-3-95835-134-9

Leseprobe


Weiter oder Raus

  »Hier ist wieder Ihr Stuart Nickels. Willkommen bei Weiter oder Raus, der ultimativen Realityshow, die alle Grenzen sprengt. Haben Sie Ihre Kinder ins Bett gebracht? Sind Sie sicher, dass keine sensiblen oder herzkranken Menschen vor dem Bildschirm sitzen? Dann sind Sie bei uns richtig! Wir werden Sie auch heute wieder das Fürchten lehren.«

  Stuart Nickels, der gut gebaute, braun gebrannte Endvierziger mit dem strahlenden Lächeln der Marke erfolgreicher Entertainer, lief mit erhobener Faust quer über die Showbühne. Wie immer war sein Outfit perfekt: grau meliertes, lässig gestyltes Haar, dreiteiliger Anzug, blitzblaue Krawatte und glänzende schwarze Schuhe mit klappernden Metallsohlen. Das Saalpublikum tobte, die Menschen trampelten mit den Füßen, vereinzelt fielen sogar Pfiffe und Schreie. Die Kamera schwenkte für einen Moment ins Publikum. Wie jeden Monat war die Robert Slycheek-Hall in Los Angeles mit fünfzehntausend Besuchern randvoll besetzt. Plakate wurden in die Höhe gehalten. Nickels nimm die Ruten, lass die Schweine bluten. Ein Banner wurde entrollt. Lass die Kandidaten sterben, dann gibt es was zum Erben. Über einige, vermutlich derbere Banner lag der schwarze Zensurbalken des Fernsehsenders.

  Stuart Nickels grinste breit in die Kamera. Der Glanz seiner weißen Zahnreihe wurde nur durch das Blitzen seiner Goldringe übertroffen. Es war seine Show, sein Abend, und diesmal würde er wieder sämtliche Einschaltquoten-Rekorde im Land brechen. Obwohl ein Mikro an seinem Kehlkopf klebte, hielt er wegen des Showeffekts ein Stabmikrofon in der Hand, mit dem er durch die Luft wedelte, um das Publikum anzuheizen.

  »Diesmal!«, rief er. »Diesmal haben wir wieder vier ebenbürtige Kandidaten für die Show gefunden, und ich verspreche Ihnen im Saal und unseren Zuschauern zuhause vor den Bildschirmen: Es wird sensationell, es wird grandios, es wird EINMALIG!«

  Die Menge johlte, als die Pyrotechnikwand in einem Funkenregen aufging. Vier Sitzschalen mit jeweils einem Kandidaten darin fuhren aus markierten Bodenvertiefungen in die Höhe. Zugleich entbrannte im Saal eine grelle Lasershow, sodass die Kandidaten geblendet die Augen schlossen.

  »Ja, ja, ja!«, brüllte Stuart Nickels, um die Stimmung im Publikum weiter anzuheizen. Dann streckte der Showmaster den Arm aus. »Doktor Beebott!«

  Hinter einer Wand tauchte ein Mann in weißem Kittel auf, der im Vergleich zu Stuart Nickels unspektakulär wirkte. Ob Mr. Beebott ein echter Arzt war, wusste niemand so genau, jedenfalls tat er so. Cecille, Stuart Nickels Assistentin, eine langbeinige Blondine, die stets so knapp bekleidet war, dass es beinahe zu früh schien, die Show um 22.30 Uhr auszustrahlen, kam ebenfalls hinter dem Vorhang hervor. Einige anzügliche Pfiffe erklangen im Publikum.

  »Ja, ja, ja! Das gefällt euch!« Stuart Nickels grinste.

  Cecille assistierte Dr. Beebott, als er den Kandidaten je einen Ärmel aufkrempelte, ihnen eine Blutprobe aus der Armbeuge und eine Speichelprobe aus der Mundhöhle entnahm. Als die Mitspieler die obligatorische Urinprobe abgaben, schwenkte die Kamera diskret zur Seite. Nickels kam groß ins Bild.

  »Heute kämpfen wieder einmal vier Kandidaten um das große Finale: Sam Mendez aus Mexiko, Steve Gordon aus New York, Alice Cook aus Florida und Albert Weinman aus Maine.«

  Eine kurze Einspielung zeigte die vier Kandidaten in ihrer gewohnten Umgebung. Sam Mendez, ein schlanker Mexikaner mit pechschwarzen Locken und zugleich der jüngste der Teilnehmer, saß in einem ärmellosen weißen Shirt auf der Veranda einer Blockhütte, die von Mangroven umgeben war. Er trug einen Strohhut und grinste in die Kamera. »Ich gewinne!«, rief er und zeigte das Victoryzeichen.

  Steve Gordon, ein hoch gewachsener, älterer Mann mit Halbglatze, entstieg einem New Yorker Taxi und winkte in die Kamera. »Ich ziehe es bis zum Ende durch!«, lautete sein Statement.

  Alice Cook stand im Bikini in der Morgensonne am Strand von Miami. Sie war etwa dreißig Jahre alt und hatte eine Bombenfigur. Als die Kamera näher zoomte, zeigte Alice die Innenseite ihrer Unterarme, auf denen sich entlang der Pulsadern lange Narben befanden. »Ich habe nichts zu verlieren«, sagte sie und wandte den Blick aufs Meer hinaus.

  Zuletzt spazierte Albert Weinman, ein klein geratener, übergewichtiger Mann, mit einem Hund an der Leine vor einem Einfamilienhaus an der Küste Maines entlang. »Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, aber es ist meine letzte Chance.«

  Die Einspielung verblasste. Zu sehen war wieder das blitzblaue, futuristische Logo von Weiter oder Raus.

  Stuart Nickels legte den Kopf schief, als lauschte er den Regieanweisungen, die er über seinen Ohrstöpsel erhielt. Als er bemerkte, dass die Kamera sein Gesicht in einer Großaufnahme eingefangen hatte, hellte sich sein Blick auf. »Befragen wir unsere heutigen Kandidaten zu ihrem Motiv, bei Weiter oder Raus teilzunehmen.« Er ging zu den vier Sitzschalen.

  Soeben beendete Dr. Beebott seine Tätigkeit. Cecille steckte zwölf Glasröhrchen in eine Halterung auf einem Tablett, das sie graziös und sexy zum Labor trug, welches am Bildschirmrand zu sehen war. Während Dr. Beebott mit der Auswertung begann, erreichte Stuart Nickels den ersten Kandidaten. Der starrte immer noch Cecille hinterher.

  »Sam Mendez aus Mexiko, bist du überhaupt schon volljährig?« Misstrauisch hielt der Showmaster dem braun gebrannten Jugendlichen mit den schulterlangen, schwarzen Locken das Mikrofon vors Gesicht.

  »Ich bin zweiundzwanzig!« Sam Mendez’ Stimme klang schrill.

  »Ich weiß, das haben wir geprüft.« Nickels lächelte. »Du wohnst bei deiner Schwester in San Río und züchtest Hunde. Was führt dich zu uns?«

  »Spielschulden.«

  »Spielschulden?«, wiederholte Nickels ungläubig. »Wie wär’s mit arbeiten, Sam?« Das Publikum lachte.

  Mendez’ Gesicht wurde rot. »Ey, du Arschfi…« Ein Piepton wurde rasch eingeblendet. »… hast keine Ahnung, wovon du redest!«

  Stuart Nickels blieb ruhig und souverän. »Also Spielschulden sind deine Motivation, hier mitzumachen. Du glaubst, du gewinnst?«

  »Ey, Mann, ich muss gewinnen! Mein Bruder und ich haben dreihundert Riesen bei einem Hundekampf verloren. Der Scheißköter hat in der sechsten Runde schlapp gemacht. Was bleibt mir anderes übrig?«

  »Du hättest deinen Bruder in die Show schicken können«, schlug Nickels vor.

  »Wir haben gelost, wer von uns beiden in die Show geht. Ich habe verloren.«

  »Ganz schön tough. Dreihunderttausend Dollar sind kein Pappenstiel!«, erklärte Stuart Nickels und stieß einen Pfiff aus. »Da wir jetzt sozusagen unter uns sind: Bei wem hast du die Schulden, Sam?«

  »Ey Mann, ich bin tot, wenn ich das rausposaune. Und wenn ich nicht zahle, schicken die Jungs vorbei, die uns die Beine brechen, jeden Finger einzeln abschneiden und uns wie Schweine ausweiden.«

  »Oh, wie grausam!« Nickels verzog das Gesicht, das Publikum begann zu applaudieren.

  »Jedenfalls brauche ich das Geld!«, rief Mendez in das Mikrofon, als wollte er das Publikum auf seine Seite bringen. »Dreihunderttausend! Den Rest, um mich nach der Show wieder zusammenflicken zu lassen.«

  »Du weißt aber, dass du keinen Cent bekommst, wenn du während eines Showblocks aufgibst«, erinnerte Nickels ihn. »Und dein Bruder …«

  Mendez nickte. »Ey, ich kann nicht aufhören, ich muss es bis zum Ende durchziehen. Die anderen können gleich aufgeben!« Er musterte seine Sitznachbarn mit einem geringschätzigen Blick. »Vergesst es, Leute und verpi…!« Der eingeblendete Piepton verschluckte den Rest des Satzes.

  »Kommen wir zum zweiten Kandidaten.« Nickels ging zum nächsten Stuhl. »Steve Gordon aus New York. Hallo Steve!«

  Der ältere Mann mit dem grauen Haarkranz und dem Hawaiihemd verzog keine Miene. Mit stoischer Ruhe saß der Hüne aufrecht auf seinem Stuhl und blickte für einen Moment in die Kamera. Seine Augen hatten den scharfen, funkelnden Blick eines Raubtiers.

  »Steve, Sie sind gut gebaut. Stemmen Sie Gewichte?«

  Steve Gordon nickte knapp.

  »Was ist Ihr Job?«

  »Bin im Ruhestand«, knurrte Gordon.

  »Aha.« Nickels grinste in die Kamera. »Ich erzähle Ihnen etwas über unseren schweigsamen Kandidaten. Steve Gordon flog Militärhelikopter für die Army. Er kannte die Apache und die Black Hawk noch von innen. Er spricht nicht gern über diese Zeit, aber Weiter oder Raus bringt es ans Tageslicht, und es ist meine Aufgabe, Sie zu informieren!« Nickels riss die Arme hoch, das Publikum tobte.

  Als sich das Saalpublikum beruhigt hatte, legte Nickels eine Hand auf Gordons breite Schulter. »Steves Patrouille wurde 2013 über dem Irak abgeschossen. Verschleppt und mehr als zehn Jahre Kriegsgefangenschaft … ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was das bedeutet. Kein normaler Mensch überlebt diese Folter. Steve ist ein psychisches Wrack. Jede Nacht das Gleiche: Er wacht schweißgebadet auf, hat Albträume und schreckliche Visionen von den Psychopharmaka, die sich wie Säure tief in sein Gehirn gefressen haben, wo er sie nicht mehr herausbekommt.« Nickels Stimme wurde beängstigend leise. »Steve hat sich freiwillig für die Show gemeldet. Ihm geht es nicht ums Geld, auch nicht darum, sein Trauma zu überwinden, ihm geht es um …«

  »Buße!«

  »Richtig, Steve! Er hat sich selbst auferlegt, Buße zu tun, gegenüber seinen Kameraden, die bis zum heutigen Tag die Heimat nicht wieder gesehen haben.« Nickels’ Worte glichen einem Flüstern. »Möglicherweise sind sie noch irgendwo am Leben und führen ein Dasein, das für uns Amerikaner unvorstellbar ist, denn Steve Gordon kehrte als Einziger aus der Gefangenschaft zurück. Verrat ist ein schwerwiegendes Verbrechen, Steve, aber nach zehn Jahren Kriegsgefangenschaft kann man wahrlich nicht mehr von Verrat sprechen. Ist es eine Art von Absolution, Steve?«

  Der Mann nickte.

  Nickels’ Stimme wurde lauter. »Ja, richtig, heute ist er hier, um dafür Buße zu tun, dass er überlebt hat.«

  Unvermutet beugte sich Steve Gordon nach vorne und ergriff das Mikrofon. »Seit fünfzehn Jahren lodern die Narben in meinem Kopf. Ich habe nichts zu verlieren«, knarrte er. »Ich gehe bis zum Ende. Ich bin es ihnen schuldig.«

  Respektvoll musterte Nickels den Kandidaten. »Eine starke Aussage!«

  Zunächst herrschte betretenes Schweigen im Saal, zaghaft applaudierten einige Menschen, ein paar erhoben sich sogar und schließlich bekam Steve Gordon Standing Ovations. Sogar einige Feuerzeuge wurden angezündet.

  »Das ist dein Applaus, Steve! Doch nun zu einer absoluten Premiere«, rief Nickels. »Es heißt doch immer, Frauen hätten einen höheren Schmerzlevel als Männer, und dass Männer beispielsweise nie eine Geburt überleben würden – aber dennoch hatten wir bisher noch nie eine weibliche Kandidatin in der Show. Meine Damen und Herren, das ändert sich heute!« Er riss die Arme hoch, und das Publikum applaudierte.

  Stuart Nickels ging zu Alice Cooks Sitzschale. »Was bringt eine so attraktive Frau wie Sie dazu, an dieser Show teilzunehmen?«

  »Ich werde ohnehin sterben«, antwortete Alice Cook, ohne den Blick von der Kamera zu nehmen.

  Er nickte. »Alice, wir werden alle einmal sterben – aber muss es auf diese Art und Weise geschehen?«

  »Meine Lebensgefährtin starb an einer Immunschwäche«, sagte Alice vollkommen ruhig. »Und bei mir ist sie auch schon ausgebrochen. Ich habe nicht mehr lange.« Sie strich sich ihr langes blondes Haar nach hinten und blickte anschließend auf ihre Unterarme. »Ich wollte mir das Leben nehmen, wurde jedoch gerettet, und dann hörte ich von dieser Show. Die anderen Kandidaten sollten jetzt gleich aufgeben, denn ich habe nichts zu verlieren und werde es bis zum Ende durchziehen.«

  »Was machen Sie mit dem Gewinn?«

  »Nach der Show habe ich keine Verwendung mehr dafür, darum werde ich es der AIDS-Forschung spenden.«

  »Große Worte. Vielen Dank!«

  Alice Cook erntete tosenden Applaus. Indessen schwenkte die Kamera ins Publikum und zeigte einige Menschen in Großaufnahme, die sich die Tränen aus den Augen wischten.

  Stuart Nickels ging zur vierten Sitzschale. »Nun zu unserem letzten Teilnehmer.«

  Auf dem äußeren Stuhl saß Albert Weinman, ein übergewichtiger Mann Mitte vierzig. Stirn und Hände waren weiß, seine Pausbacken so rosafarben wie die Haut eines Schweins. Schweiß stand ihm auf der Oberlippe und sein rotes, schütteres Haar klebte ihm auf der Stirn.

  »Albert Weinman! Albert Weinman!« Nickels ging mit erhobener Hand um den Stuhl herum. »Wir haben heute Albert Weinman zu Gast! Wer erinnert sich nicht an diesen Namen?«

  Es war eine rhetorische Frage, worauf es einigen Menschen im Saal zu dämmern schien, da ein Raunen durch die Reihen ging.

  »Ja, genau!« Stuart Nickels schnippte mit den Fingern, als erinnerte er sich plötzlich. »Der Fall Weinman ging letztes Jahr durch die Medien. Ben, ein zehnjähriger Junge, verschwand am helllichten Tag auf einer belebten Straße, unmittelbar vor seiner Schule. Sein Vater, ein Buchhalter und braver Familienvater, wollte den Jungen abholen, doch der Mann wartete vergebens vor dem Ausgang. Der kleine Ben kam nicht heraus. Er blieb verschwunden. Keine Lösegeldforderung, kein Anzeichen eines Verbrechens, keine Zeugenaussagen … nichts! Einen Monat später wurde der Junge gefunden …«

  Die kurze Einspielung der CNN-Nachrichten von damals weckte die Erinnerung der Menschen. Tödliche Stille herrschte im Saal, als auf Videowall Männer des FBI Maine zu sehen waren, die einzelne Körperteile aus einem Fluss fischten. Bis auf schwarze Plastiksäcke, gelbe Absperrbänder und dem Blitzlichtgewitter der Reporter war nichts zu sehen.

  Die Einspielung verblasste. »Über drei Wochen, ganze dreiundzwanzig Tage, war der Junge in der Gewalt seines Entführers gewesen.« Nickels schluckte. »Er musste ein unvorstellbares Martyrium durchgemacht haben.« Die nächsten Worte waren an Albert Weinman gerichtet. »Der Mörder wurde nie gefasst. Möchten Sie ihm etwas mitteilen, falls der jetzt vor dem Bildschirm sitzt?«

  Mit zitternden Fingern ergriff Weinman das Mikrofon. »Sie haben nicht nur das Leben meines Sohnes ruiniert, sondern auch meines. Was Sie meinem Jungen angetan haben, hätten Sie mir antun sollen! Dann wäre Ben noch am Leben. Wäre ich einige Minuten früher zur Schule gekommen, hätten Sie mich anstelle des Jungen haben können …« Weinmans Stimme brach ab.

  »Wir erinnern uns«, sagte Nickels. »Aber damit war der Fall Weinman noch lange nicht abgeschlossen. Von Selbstzweifeln geplagt, von Schuldgefühlen zerfressen folgte Monate nach der Entführung der nächste Schicksalsschlag. Mit Multipler Sklerose ist Bens Mutter seither ans Bett gefesselt, und ein Vater, der seine Familie verloren hat, bleibt allein zurück.«

  Tief ergriffen begann das Publikum zu applaudieren.

  »Wie viele körperliche Schmerzen können Sie ertragen, Albert?«

  Weinman schüttelte den Kopf. »Keine! Aber ich muss es tun, für Maria, für ihre Behandlung. Ich brauche das Geld, damit sie gesund wird, sonst ist mein Leben wertlos.«

  Stuart Nickels hob die Arme. »Sie haben es gehört! Das sind unsere heutigen Kandidaten, ihre Motivation kann nicht unterschiedlicher sein: Spielschulden, Buße für die verlorenen Kameraden, eine Spende für die Forschung und Geld für eine Behandlung.«

  Nickels deutete auf eine große Leuchtanzeige. Die Ziffern standen auf Null. »Die Show beginnt. Ab jetzt werden die TV-Wetten angenommen. Schalten Sie sich zu uns ins Studio! Geben Sie über Ihre Tablets, das Web oder über unser Portal Ihren Tipp ab.«

  Am unteren Bildschirmrand wurde der elfstellige Web-Zugangscode des Fernsehsenders eingeblendet. Hypnotisierend blinkten die roten Ziffern des Banners, der mehrmals über die Mattscheibe wanderte. Sogleich schoss die Leuchtanzeige sprunghaft von null auf siebzig abgegebene Tipps, und jede weitere Sekunde stieg sie um ein paar Hundert.

  Mittlerweile hatte Doktor Beebott seine Arbeit im Labor beendet. Er trat ins Bild und flüsterte Stuart Nickels etwas ins Ohr.

  »Wie ich soeben erfahren habe, sind die Tests negativ ausgefallen, das heißt: Unsere Kandidaten sind clean! Kein Alkohol, keine Drogen, kein Sedativum, nicht einmal die kleinste Schmerz- oder Beruhigungstablette. Sam Mendez, Steve Gordon, Alice Cook und Albert Weinman sind so sauber wie ein Babypopo!« Nickels wandte sich an die Teilnehmer. »Sie kennen die Prozedur. Darf ich Sie bitten?«

  Die vier Kandidaten erhoben sich und machten den Oberkörper frei. Mendez’ dunkler Teint glänzte im Licht des Studios. Er war schmalbrüstig und trug ein Piercing in der Brustwarze. Alice Cook schlüpfte aus ihrer Bluse, darunter trug sie ein enges schwarzes Top. Die Kamera zoomte für einen Moment näher. Deutlich war ihr flacher Bauch zu sehen. Albert Weinmans rosafarbener und behaarter Bauch schwabbelte dahingegen mit drei Fettringen.

  Steve Gordon entledigte sich seines Hawaiihemds und präsentierte einen gigantischen Brustkorb. Der ehemalige Helikopterpilot war trainiert wie ein junger Bodybuilder. Aber als das Publikum die Narben sah, die in tiefen Furchen quer über seinen Oberkörper, den Nacken und die Schultern verliefen, ging ein Raunen durch den Saal. No Pain hatte er sich in gotischen Lettern im Halbkreis über die Brust tätowieren lassen.

  »Ein Andenken an den Irak«, kommentierte Gordon mit gelassener Stimme.

  Buh-Rufe drangen aus dem Saal.

  »Genau!«, schrie Nickels. »Wir haben die Kameltreiber aus Ihren Löchern gebombt und von dem schönen Antlitz dieser Erde wegradiert!«

  Die Menge tobte und brüllte frenetisch. Mittlerweile waren die ersten 62000 Tipps beim Online-Voting abgegeben worden, doch das Voting ging mit Riesenschritten weiter, und ständig veränderten sich die Wettquoten, bis sie sich schließlich beruhigten und einpendelten.

  Doktor Beebott schloss die Teilnehmer mit Elektroden an mehrere Geräte an. Sogleich waren am unteren Bildschirmrand die Herzfrequenz der vier Kandidaten, die Hirnströme, der Blutdruck und die zirkulierende Blutmenge in Milliliter zu sehen.

  »Sie wissen …«, erinnerte Nickels die vier Spieler, »sobald Sie sich für Weiter entscheiden, gibt es kein Zurück mehr. Sind Sie bereit?«, fragte er.

  »Weiter«, murmelten Mendez, Gordon, Cook und Weinman wie aus einem Mund.

  »Sie haben es gehört!«, brüllte Nickels ins Publikum. »Für heute haben wir wieder sechs streng geheime Hürden vorbereitet. Cecille informiert uns über die Reihenfolge der Showblöcke, und wir werden sehen, wie belastbar unsere Kandidaten sind.«

  Wie auf Kommando drückte Cecille den ersten Sensor, und auf der elektronischen Anzeigetafel über den Köpfen der Kandidaten leuchtete ein Wort in futuristischen Lettern: Fingernägel. Das Saalpublikum klatschte und stampfte mit den Füßen im Takt eines Marsches.

  »Die erste Hürde lautet: Fingernägel! Wie viele es sein werden, entscheidet der Generator!« Nickels zeigte auf die Anzeige, die abwechselnd zwischen eins und zehn zu leuchten begann. Der Zufallsgenerator stoppte das Blinken.

  »Zwei!«, rief Nickels, diesmal nicht mehr so euphorisch wie zuvor.

  Ein enttäuschtes Raunen ging durch das Publikum. Gleichzeitig atmeten die Kandidaten erleichtert auf. Ein harmloser Beginn. Dementsprechend sprangen die Prämienanzeiger, die sich jeweils oberhalb der Kandidatenstühle befanden, nur auf zweitausend Dollar.

  Mit einem erklärenden Blick wandte sich Nickels der Kamera zu. »Sie, die Zuschauer zu Hause, sind aufgefordert, mitzubieten. Je früher Sie einsteigen, desto höher ist die Gewinn-Quote, je später Sie einsteigen, desto geringer. Also beeilen Sie sich! Geben Sie Ihren Tipp ab.«

  Nickels deutete zum unteren Bildschirmrand, wo der Web-Zugangscode des Fernsehsenders erneut eingeblendet wurde. »Sagen Sie uns, welcher Kandidat bei welchem Prämienstand in welcher Runde ausscheidet, oder bis wohin er durchhält, und gewinnen Sie das Einspielergebnis des heutigen Abends.«

  Die Kamera schwenkte zur Leuchttafel, die einen Stand von neunzigtausend Tipps anzeigte, welche die Zuschauer bereits abgegeben hatten. Jede Sekunde kamen mehr dazu. In der Zwischenzeit hatte Cecille die Unterarme und Handgelenke der Kandidaten mit Lederriemen an die Stuhllehnen gezurrt, sodass sie völlig bewegungslos dasaßen. Ein Mundstück wurde ihnen zwischen die Zähne geklemmt.

  »An dieser Stelle die übliche Warnung«, erklärte Nickels. »Versuchen Sie das nicht zuhause nachzumachen. Die Spielhürden werden von einem qualifizierten Ärzteteam überwacht, um den Kandidaten die größtmögliche Sicherheit zu bieten. Wir haben einen absolut sterilen Operationsbereich, Desinfektionswannen, die modernste Wundversorgung vor Ort und Klemmen, um die Blutung zu stoppen. Wir garantieren, dass jeder Kandidat die Hürde überlebt. Versuchen Sie das unter keinen Umständen zu Hause!«

  Das war das Stichwort. Ein fünfköpfiges Ärzteteam betrat die Bühne. Auf einem Beiwagen, den sie vor sich herschoben, befanden sich Skalpelle, Scheren und scharfe Löffel.

  »Bleiben Sie dran!«, rief Nickels. »Wir sehen uns in fünf Minuten, wenn es wieder heißt: Weiter oder Raus!«
  In diesem Moment wurde der erste Werbeblock eingeblendet.

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 Die Kamera blendete wieder ins Studio. Stuart Nickels stand neben den Kandidatenstühlen. Eine Großaufnahme von ihm wurde über Videowall ausgestrahlt.

  Je zwei Finger der Kandidaten waren mit Mullbinden bandagiert, an deren Spitzen ein dunkelroter Punkt durchsickerte. Davon abgesehen sahen die Teilnehmer fit aus. Sie wurden von einem Ärzteteam versorgt, bekamen zu trinken, Schweiß wurde ihnen von der Stirn gewischt, und eine unter der Nase befestigte Ammoniakkapsel verhinderte, dass sie wegen der Schmerzen bewusstlos wurden.