Buchcover Vorne

APOCALYPSE MARSEILLE

von Andreas Gruber
Serie: Andreas Gruber Erzählbände
Band 2
»An Andreas Gruber schätze ich vor allem, dass er eigene erzählerische Wege geht – und das atmosphärisch so glaubhaft, so greifbar, dass man ihm bereitwillig folgt.« [Andreas Eschbach]

APOCALYPSE MARSEILLE

  • Format: Klappenbroschur
  • Seiten: ca. 344
  • ISBN: 978-3-95835-135-6

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APOCALYPSE MARSEILLE

  • ISBN: 978-3-95835-134-9

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Brutale Reality-Live-Shows in der Zukunft, Flugmaschinen, die gnadenlose Jagd auf Menschen machen, ein Tierarzt, der seine Familie auslöscht, um ihr Proben aus dem Rückenmark zu entnehmen, und der erfinderische Testpilot Ian Goodwin, der auf einem merkwürdigen Asteroiden notlandet und nur noch zwei Stunden zum Überleben hat.

In »Apocalypse Marseille« liegt die Côte d’Azur in Schutt und Asche. Er nimmt uns mit zum Untergang der Titanic, wie er tatsächlich passiert sein könnte, den mysteriösen unterirdischen Maya-Tempeln in Uxmal und in ein bizarres Steampunk-Wien um 1900, bei dem nichts so ist, wie es scheint.

Pressestimmen

»Gruber ist immer dann gut, wenn es finster, nachdenklich, apokalyptisch, oder auf der Grenzlinie zum Horror getänzelt wird.« Phantastisch Lesen
»Wer glaubt, dass die Katastrophe der Titanic eine Verkettung ungünstiger Umstände war, hat keine Ahnung und sollte besser einmal »Einundvierzig Grad nördlicher Breite« lesen.« Janetts Meinung

Ramada Inn


Meine Frau ist sehr reiselustig. Als wir 1998 ein Paar wurden, zu einem Zeitpunkt als ich meine ersten Gehversuche als Schriftsteller unternahm, schlug sie vor, einen kleinen, gemeinsamen Urlaub zu buchen. Daraus wurde ein dreiwöchiger Trip im Mietauto durch die USA – von Los Angeles bis nach Albuquerque. Insgesamt 4000 Kilometer. Ja, so ist sie, meine Frau. Am beeindruckendsten fand ich die Naturparks, den Grand Canyon, die Nevada Wüste und die Pueblo Siedlungen New Mexicos.

Mir ist noch die Stimme von Perry-Rhodan-Chefredakteur Klaus N. Frick im Ohr, der bei Schreib-Workshops ständig predigte, ein Autor müsse das schreiben, worüber er Bescheid wisse. Also habe ich eine Story geschrieben, die in der brütenden Hitze New Mexicos spielt. Stellen Sie sich beim Lesen eine kalte Pepsi bereit!


Ich sah sie schon vor dem Motel warten, als ich den Bus von der Abbiegespur auf das Gelände des Parkplatzes lenkte. Sie standen dicht gedrängt im Schatten des Vordachs, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und sahen mich mit finsteren Mienen an. Es war ein verdammt heißer Tag und ich hatte mich verspätet. Aber was sollte ich machen? Auf dem Freeway war die Hölle los. Was konnte ich dafür, dass alle zugleich übers Wochenende verreisen wollten?

Auf dem aufgerissenen Asphalt, zwischen den verblassten, weißen Linien, standen nur wenige Autos. Wie immer, wenn wir kamen, war die Umgebung rund ums Motel meilenweit abgesperrt worden. Ich hätte genug Platz gehabt, einen Jumbojet quer über den Parkplatz in die Schatten dreier Pinien zu lenken. Ich ließ den Motor laufen und schaltete die Aircondition eine Stufe höher. Mit einem Zischen klappten die Falttüren auf, und eine Hitzewelle quoll ins Businnere. Augenblicklich lief mir der Schweiß in den Nacken. Ich schob mir die Sonnenbrille auf die Stirn und blinzelte über den Parkplatz zum Motel. Der Asphalt schien nicht nur zu glühen, sondern sah bereits aus, als hätte er zu schmelzen begonnen. Die Luft flimmerte über dem Teer, dahinter war der rote Ramada-Inn-Schriftzug schemenhaft zu erkennen. Im Schatten neben dem Motel befanden sich ein Taco Bell und eine Tankstelle, mit Flachdach und eingezogenen Holzbalken, im rotbraunen Pueblo-Lehmstil New Mexicos. Vor dem Eingang des Motels stand eine Menschentraube. Die Gäste lösten sich nur langsam und gingen auf den Bus zu.

»Bewegt euch, Leute!«, murrte ich. »In zwei Stunden ist Feierabend.«

Die trockene Luft kratzte in meiner Kehle und ließ mich nach der Pepsidose greifen, die im Kunststoffbehälter unter dem Armaturenbrett steckte. Die Kohlensäure hatte sich längst verflüchtigt, doch immerhin war das Getränk halbwegs kühl, auch wenn es nach Schuhsohle schmeckte. Ich nahm einen Schluck und wischte mir mit dem Taschentuch über Stirn und Nacken. Mein Blick fiel auf das Schild, das irgendein Idiot am Fenster neben der Fahrertür angebracht hatte: No Smoking. Ich schnippte mir die zerknickte Marlboro in den Mundwinkel, die während der gesamten Fahrt hinter meinem Ohr gesteckt hatte. Das Streichholz aus der Brusttasche riss ich am Armaturenbrett an. Eine dunkelblaue Rauchwolke waberte zur Decke, wurde vom Luftzug der Aircondition erfasst und durch den Bus gewirbelt. Aus dem Radio klang K. Jones mit dem Classic Rock that rocks, eine der wenigen Radiostationen, die man in New Mexico hören konnte, ohne sogleich einen BigMac über das Lenkrad würgen zu müssen. Nicht, dass ich etwas gegen BigMacs hätte, aber die Folksender sind was für Intellektuelle, Spießer und Schwuchteln … und zu denen zähle ich mich nicht. Bruce Springsteen spielte Born in the USA. Ich trommelte mit den Fingern auf dem Kunststoff des Lenkrades. Indessen hatten die ersten Typen den Bus erreicht und kletterten über die Stufen ins Innere.

»Hi, Lou. Mann, wurde auch Zeit, dass du kommst. Ich dachte schon, ich müsste in dem Kaff Wurzeln schlagen.«

»Hi, Neil.« Ich tippte mir an die Stirn.

»Oh Mann, hier ist es kalt.«

»Soll ich die Heizung andrehen?«

Neil grinste, klopfte mir auf die Schulter und ging nach hinten. Der nächste Passagier kletterte auf Stelzbeinen über die Stufen, klammerte sich mit zwei Armen an einer Verstrebung fest und glotzte mich stumm an.

Ich scannte ihn.

Piep!

Gleichzeitig schoss ich ihm mit dem Scanner eine Patrone ins Handgelenk, sodass seine Assimilationsfähigkeit für die nächsten vier Stunden erneut aussetzen würde.

Fupp!

Er zuckte nicht einmal mit dem Augenlid. Dann sah ich kurz aus dem Fenster, weil Elliot, der Neue im Team, neben dem Bus stand und an die Scheibe geklopft hatte, um mir mit erhobenem Daumen zu signalisieren, dass er alle Quaarteln hergebracht hatte.

»Ja, okay, verzieh dich und steig ein«, murrte ich.

Dann wandte ich mich um. Vor mir stand der Nächste. »He, habe ich dich nicht gerade gescannt?«

Der Quaartel grunzte. Grüner Schleim lief ihm aus einer Öffnung im Gesicht.

»Okay.« Ich scannte ihn und schoss ihm eine Patrone ins Handgelenk. Piep! … Fupp! »Der Nächste!«, brüllte ich.

Der dritte, der einstieg, war ein ganz cleverer Bursche. Er hing mit zwei Armen an der Decke und pochte mit den Knöcheln seiner dritten Hand auf das Schild neben der Fahrertür. Ich scannte ihn – Piep! … Fupp! – und blies ihm eine blaue Rauchwolke in die Lamellen.

»Mach, dass du weiterkommst!«, knurrte ich. »Wir haben nicht ewig Zeit!«

Er klappte die Lamellen zu, sabberte eine grüne Lache auf den Boden, zischte irgendetwas Unverständliches und stakste auf Stelzbeinen weiter. Dann sprang der Kerl an der Wand hoch und lief flink an den Fensterscheiben entlang nach hinten. Die stinkende Schleimspur, die er auf dem Glas hinterließ, sah aus, als hätte jemand einen Milchshake mit Kiwi getrunken und anschließend über die Busscheiben gekotzt.

»Mieses Pack!« Ich dämpfte die zur Hälfte gerauchte Zigarette auf dem Armaturenbrett aus. Seit achtzehn Jahren fuhr ich diesen Bus, und jedes Mal war es dasselbe mit den Mistkerlen.

Weiteres Gesindel kletterte in den Wagen, ließ sich irgendwo auf den Sitzbänken nieder oder blieb einfach nur an der Decke kleben. Nach einer Weile waren alle an Bord und ruhig gestellt. Der Scanner zeigte dreiundzwanzig Spezial-Passagiere.

Zum Schluss sah ich zur Abwechslung ein paar Zweibeiner mit freundlichem Gesicht den Bus betreten.

»Hi, Lou.«

»Hi, Buzz«, erwiderte ich. »Wir war euer Tag?«

»Mhm.« Buzz zuckte mit den Achseln. »Die waren die meiste Zeit im Swimmingpool, aber wir mussten ständig darauf achten, dass sie nicht zu viel von dem Wasser saufen. Du kennst die Kerle doch, die kriegen nicht genug davon. Kannst du dich noch an letztes Jahr erinnern?«

Ich nickte. Klar konnte ich. So schnell vergaß man das nicht.

»Was soll's, diesmal ging alles gut.«

»Glück gehabt«, murmelte ich.

Buzz ging nach hinten, begleitet vom Getrippel der Stelzbeine, dem Schleimgestank und dem Zischen der Lamellen.

»He, lass das!«, hörte ich ihn.

Im Rückspiegel sah ich, wie er den Arm von einem der Quaarteln zur Seite schlug, der ihm gefolgt war.

Letztes Jahr hatte einer zu viel Chlor durch die Lamellen gesaugt und war im Swimmingpool zerplatzt. Einfach so! Ohne Vorwarnung. Wir hatten einigen Erklärungsbedarf, doch Neil regelte das für uns. Buzz und ich reinigten die Sauerei im Swimmingpool. Die Fetzen klebten sogar an den Campingliegen und hingen von der Dachrinne des Motels. Es sah ekelhaft aus. Buzz hatte sich dabei die Hand verätzt. Der rote Fleck zwischen Daumen und Zeigefinger war noch heute zu sehen, und wenn ihn jemand danach fragte, sagte er stets, seine Exfrau hätte ihn mit dem Bügeleisen verbrannt … obwohl jeder wusste, dass Nadine gar nicht bügeln konnte. Ja, die besaß nicht einmal ein Bügeleisen. Das war ein Gag, den er seit einem Jahr regelmäßig zu hören bekam, und er ließ ihn mit stoischer Ruhe über sich ergehen.

»Lou, kannst du die Musik leiser stellen?«, brüllte jemand von der letzten Sitzreihe.

»Nein!«, knurrte ich. »Das ist Bruce Springsteen!«

»Die Quaarteln sind den Lärm nicht gewöhnt.«

»Scheiß auf die Quaarteln«, knurrte ich und stellte das Radio leiser. Am liebsten hörten sie klassischen Scheiß, Vivaldi, Beethoven und diesen Mist. Da bekam man Fransen an den Ohren.

»Aber die Quaarteln …«

»Moment!«, sagte ich. Das Satellitentelefon hatte geläutet. Hier draußen in der Wüste funktionierte keine andere Verbindung.

Ich zwängte es aus der Halterung und ging ran. »Ja?«

»Hi, Lou.« Es war Michael. Diesmal war er nicht mitgefahren, sondern in der Zentrale geblieben. »Alles in Ordnung bei euch?«

»Ein Quaartel fehlt, und Neil hat einen so merkwürdigen Blick.«

»Du verscheißerst mich doch nur wieder!«

»Nein ehrlich, ich … nein, Neil, hör auf, ahhh!«, schrie ich und packte mich mit der Hand an der Gurgel.

»He, lass das!«, brüllte Michael.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. »Okay, reg dich wieder ab, alles im grünen Bereich.«

»Du weißt, was das bedeutet, sollte einem der Quaarteln die Flucht gelingen.«

»Ja, weiß schon«, murrte ich. Michael war übervorsichtig. Dabei war alles nur Theorie. Niemand hatte es bisher gesehen. Und wer weiß, konnten sie wirklich in den Körper eines Menschen schlüpfen? Ich persönlich glaubte es ja nicht.

»Nicht auszudenken, wenn einer von denen in die Freiheit entkommt.«

»He, ich sagte, alles im grünen Bereich!«

»Ja, schon gut. Wenn dich dieser Job so sehr ankotzt, hättest du dich ja ins Büro versetzen lassen können.«

Dieser Idiot! Ich und ein Büro. Wenn ich das Geld und die Gefahrenzulage nicht so dringend für Miete, Auto und ein paar Glückspiele in El Paso bräuchte, hätte ich den Job längst geschmissen und würde als Tankwart oder Mechaniker arbeiten – irgendwo, wo es keine Quaarteln gab, die mir den Tag versauten.

»Wann macht ihr euch auf den Heimweg?«, fragte Michael.

»Demnächst.«

»Hast du alle eingesammelt?

»Ja! Ich habe alle gescannt und ruhig gestellt.«

»Soll ich euch sicherheitshalber einen Wagen entgegenschicken?«

»Nein, verflucht! War bisher nie nötig.«

»Es gibt immer ein erstes Mal.«

»Nicht, solange ich Fahrer bin und für die Sicherheit …!«

»Okay, Lou, du hast recht. Over und Aus!«

Arschloch!

Ich hätte gedacht, Michael würde deutlich entspannter sein, wenn er diesmal in der Zentrale bleiben würde – doch dort verlor er genauso die Nerven.

Ich steckte das Satellitentelefon zurück in die Halterung. Der Bus füllte sich. Die letzten Kollegen stiegen ein. Es wurde immer heißer. Ich trank den letzten Schluck Pepsi, zerdrückte die Aludose und warf sie auf den Boden des Busses zu den anderen. Nach diesem Tag musste der Wagen sowieso von Benson & Hodding gereinigt werden. Der Schleim an den Fenstern konnte unmöglich kleben bleiben. Bis zum nächsten Morgen hätte sich die Säure durchs Glas gefressen. Dann hätten wir echten Erklärungsbedarf.

»Lou?«

»Waaas?«, brüllte ich. Konnte man nicht mal eine Minute in Ruhe im Bus hocken?

»Du musst die Aircondition abschalten«, rief jemand nach vorne.

»Die Quaarteln erfrieren sonst«, flüsterte Elliot, als er sich als Letzter an mir vorbeizwängte und mit zwei Fingern eine leere Taco-Bell-Tüte hielt. »Darf ich die …?«

»Nein!« Mein Platz war keine Müllhalde.

Elliot roch nicht wie die anderen nach Chili, Knoblauch und Zwiebeln, sondern nach feinem Rasierwasser. Elliot war neu im Team. Man erzählte sich, er war ein feiner Pinkel, einer von der Sorte Klugscheißer! Außerdem stammte er nicht aus unserer Gegend, von El Paso, Santa Fé oder Albuquerque, sondern aus dem Norden, wahrscheinlich irgendwo aus New York oder Chicago; fein genug war er ja.

»Scheiß auf die Quaarteln«, knurrte ich und kippte einen Schalter am Armaturenbrett auf 0.

Ich blickte in den Rückspiegel: Wir waren komplett. Ich schloss die Türen, schob mir die Sonnenbrille auf die Nase, stellte den Hebel der Automatik auf D, kurbelte am Lenkrad herum und fuhr den Bus vom Parkplatz, hinunter auf den Freeway 380 East. Es lagen noch zwei Stunden Fahrt über die Sacramento Mountains vor uns – noch zwei Stunden brütende Hitze, ohne Musik! Zwei Stunden, in denen ich den Gestank der Quaarteln erdulden musste – und ihr Kauderwelsch, das keiner verstand.

Endlich erreichten wir das NASA-Kontrollzentrum in Roswell, und ich lenkte den Bus in die unterirdische Quarantänekammer.

Neil, Buzz und Michael hatten 1969 etwas auf der dunklen Seite des Mondes entdeckt und mitgenommen. Seitdem hatte sich hier viel geändert.

»Ach, wie ich diese Betriebsausflüge hasse«, murrte ich zu Neil, der neben mir stand und die Quaarteln aus dem Bus in einen Gang bugsierte, der zu den Labors führte.

»Ich weiß.« Neil klopfte mir auf die Schulter. Er stieg erst aus, nachdem alle den Bus verlassen hatten.

Endlich allein. Ich schloss die Tür und legte den Rückwärtsgang ein.

Hilfe!

»Halts Maul!«, knurrte ich und warf einen Blick in den Rückspiegel. Meine Pupillen hatten sich verändert, aber das war niemandem aufgefallen.

Verschwinde aus meinem Körper!, hallte die Stimme erneut in meinem Kopf.

»Gewöhne dich schon mal daran, Lou«, murmelte ich.

Ich wischte mir mit einem Taschentuch den grünen Schleim weg, der mir aus einem feinen Riss unter dem Haaransatz lief, lenkte den Bus ins Freie und fuhr zur nächst größeren Stadt.

El Paso.

Ende der Leseprobe

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