Buchcover:
Neuerscheinung

Alte Gewohnheiten sterben langsam

von Ben Trebilcook

»Das ist die einzige Fortsetzung, die ich sehen will!« – COLLIDER MOVIE TALK

INHALTSBESCHREIBUNG


Joe Brady, Police Detective im Ruhestand, erhält eine Einladung nach Tokio. Die Oshiro-Corporation, ein mittlerweile weltweit operierender Hightech-Konzern, möchte ihn für seinen dreißig Jahre zurückliegenden Heldenmut auszeichnen, als Brady spektakulär eine Gruppe von Terroristen im New Yorker Oshiro-Tower ausschaltete.

Nur zögernd, und begleitet von einem alten, meist übel gelaunten Freund, nimmt Brady die Einladung an. Allerdings scheint er ein Händchen dafür zu haben, immer wieder zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein – denn es dauert nicht lange, bis man ihm einen Mord in die Schuhe schiebt, schießwütige Yakuza die in einem noch gigantischeren Wolkenkratzer stattfindende Gedenkfeier stürmen und zudem noch ein Gegenspieler auftaucht, der auf seltsame Weise mit Bradys Vergangenheit verbunden zu sein scheint.

Zusammen mit alten Bekannten, seiner großen Klappe und reichlich Feuerwaffen macht Brady ein letztes Mal das, was er am Besten kann … den Lumpen den Tag versauen.


Ben Trebilcook, Drehbuchautor und erklärter STIRB-LANGSAM-Fan, schrieb »Alte Gewohnheiten sterben langsam« ursprünglich als mögliches Drehbuch für einen immer noch geplanten sechsten und letzten Teil der Reihe. Befreundete Filmemacher, Produzenten, einschlägige Internetportale und vor allem die Fans der Filme waren von seinem Ansatz begeistert, einige der beliebtesten Charaktere für einen großen Showdown noch einmal zusammenzubringen. Sein Drehbuch wurde immer wieder als mögliche Basis für eine Fortsetzung gehandelt, nach aktuellem Stand jedoch zugunsten einer anderen Story wieder verworfen.

Damit Fans der Reihe diesen alternativen Abschluss des vielleicht besten Action-Franchises der Welt doch erleben können, entschied sich Trebilcook, das Drehbuch in eine Novelle umzuwandeln. Die Namen der Protagonisten mussten dazu verändert werden, aber es braucht nur wenige Sätze, bis kein Zweifel mehr besteht, wer da im blutigen Unterhemd ein letztes Mal durch ein Hochhaus stürmt.

Brady

 

Vor dem Hackensack University Medical Center in New Jersey kämpften zwei Männer mit einem überdimensional großen Weihnachtsbaum.

Im schwindenden Licht der Dämmerung fixierten sie einen Weihnachtsstern auf der Spitze der Tanne, während in einem der Behandlungsräume der Klinik ein anderer, langsam verblassender Stern behandelt wurde.

Eine Hand ließ schwungvoll eine Röntgenaufnahme gegen einen Leuchtkasten an der Wand klatschen. Auf dem Röntgenbild war ein Schultergelenk zu erkennen.

Der Arzt, dem die Hand gehörte, war indischer Abstammung und um die dreißig. »Okay, Sie können Ihr Hemd wieder anziehen und dann besprechen wir alles weitere.«

Joe Brady war das Inbild eines Zynikers. Er hatte genug vom Leben und von anderen Menschen. Er saß mit nacktem Oberkörper und in Boxer-Shorts auf dem Rand einer Krankenliege und ließ die Beine herunterhängen. Sein Körper glich einer Straßenkarte aus Narben und Verbrennungen. Brady war übersät mit alten Schusswunden, Schnittverletzungen, Kratzern und alten Nähten. Außerdem war er unrasiert, sein Haaransatz merklich zurückgewichen. Die wenigen Haare, die ihm noch geblieben waren, ragten grau und stoppelig aus seinem Hinterkopf. Das kümmerte ihn jedoch wenig, was kaum verwunderlich war, wo er doch auch sonst einen Scheiß auf alles gab, ganz besonders, was Klamotten oder seine Frisur anbelangte. Brady wirkte wie in Trance. Mit glasigen Augen starrte er die Röntgenaufnahme an.

»Mister Brady? Detective?«

Brady rollte langsam seine Augen nach oben, um den Doktor anzusehen. »Ich bin im Ruhestand.«

»Schön, das zu hören«, antwortete der Doktor und erwiderte den Blick. »Ich sagte, Sie können sich jetzt wieder anziehen.«

Brady sah an sich hinunter. »Schön, das zu hören. Langsam wird mir kalt«, antwortete er schnippisch. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit seinem rechten Ellbogen und betrachtete die beiden Metallstifte, die aus diesem herausragten. Für einen Moment zuckte er ein wenig zusammen, vor Schmerzen, vielleicht aber auch nur wegen des Anblicks. »Hey, Doc, bleiben die Dinger da drin?«

Der Doktor platzierte eine weitere Röntgenaufnahme neben der ersten. Auf dieser war ein Kniegelenk zu sehen. »Die Stifte sorgen dafür, dass der Knochen wieder gerade zusammenwachsen kann. Und sie stehen deshalb heraus, damit die Chirurgen sie später wieder leicht entfernen können. Wir müssen sie nur etwas bedecken.«

Brady seufzte. Er schnallte sich den Gürtel seiner Jeans um, dann streifte er sich ein weißes Unterhemd über. Feinripp. Das erinnerte ihn an etwas und er kicherte unter Schmerzen in sich hinein.

»Was wollen Sie als Erstes hören?«, fragte der Doktor.

»Wird das so eine Zuerst-die-gute-dann-die-schlechte-Nachricht-Sache?«, wollte Brady wissen.

»Unglücklicherweise habe ich nur zwei schlechte Nachrichten«, erwiderte der Doktor.

»Schießen Sie los.«

Brady seufzte erneut. Er sah zu, wie der Doktor auf verschiedene Teile des Röntgenbilds deutete, und versuchte ihm zu folgen.

»Ihre beiden Knie haben ihr Knorpelgewebe eingebüßt. Das findet man normalerweise an der Stelle, wo zwei Knochen aufeinandertreffen. Man nennt das dann das Gelenk. Ein gesunder Knorpel wird auch Hyalin genannt, von dem Sie aber so gut wie nichts mehr besitzen. Das hat zur Folge, dass ihre Knochen aneinander reiben, was Ihnen ernsthafte Schmerzen bereitet. Ihre linke Schulter ist am Oberarmknochen zersplittert. Es wird schwer werden, die Knochenstücke wieder zusammenzusetzen. Wir haben es hier mit einer avaskulären Nekrose zu tun, einem schmerzhaften Zustand, der dann auftritt, wenn die Blutzufuhr zu den Knochen unterbrochen ist. Außerdem haben sie einen beträchtlichen Riss in der Schulter.«

Brady schluckte. Er kräuselte die Lippen, nickte und sah den Doktor an. »Und jetzt das Ganze noch mal so, dass jemand wie ich es auch versteht.«

Der Doktor musterte Joe von oben bis unten. Er sah einen einfachen Mann vor sich, der ernüchtert, beinahe besiegt wirkte. Und er sah jemanden, der die simple Wahrheit hören wollte, also sollte er sie bekommen. »Ihre Schulter und ihre Knie sind im Arsch.«

»Kopf, Schulter, Knie und Zehen. So viel zu meinem Lieblingskinderreim. Na großartig!« Brady stieß einen tiefen Seufzer aus, nickte und fuhr damit fort, sich weiter anzuziehen.

»Osteoarthritis ist eine bekannte Diagnose bei Knorpelschäden. Das kann zu einer eingeschränkten Beweglichkeit, anhaltenden Schmerzen und chronischer Müdigkeit führen«, bemerkte der Doktor.

»Hey, L’Oreal, den wissenschaftlichen Teil können Sie sich schenken. Wodurch wird so etwas verursacht?«

»Von Häusern zu fallen und Terroristen abzuwehren war sicherlich nicht besonders hilfreich dabei, aber wenn Sie meine ehrliche Meinung hören wollen, haben Sie es hauptsächlich starkem Alkoholkonsum zu verdanken.«

»Und ich dachte schon, Sie kommen mir mit Krebs um die Ecke«, witzelte Brady.

»Nun, es ist bekannt, dass das Metall in Knieprothesen über längere Zeitraum hinweg Stoffe abgibt, die für Blutkrebs verantwortlich sein sollen, also werden wir Sie auch auf Blutkrebs untersuchen.«

»Großartig. Könnt ihr Typen so was heilen?«

»Wenn Sie mit ihr Typen Ärzte meinen, lautet die Antwort ja. Auf diesem Gebiet der Orthopädie werden derzeit große Fortschritte erzielt. Was Ihre Schulter anbelangt, würde ich empfehlen, sie mit einer hochglanzpolierten Metallkugel und einer Gelenkpfanne aus Plastik ersetzen zu lassen.«

Brady unterbrach ihn, mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme. »Warten-Sie-mal. Sagten Sie gerade, die Kugel ist wirklich hochglanzpoliert?«

 

Vor der Tür des Untersuchungszimmers wischte eine männliche Putzkraft unmotiviert den Boden.

Brady trat auf den Gang und zog die Tür hinter sich zu. Dann schlurfte er über den Korridor und rief sich die Worte des Doktors ins Gedächtnis.

»Es gibt verschiedene Behandlungsmethoden. Beispielsweise benutzt man Zellen, um neues Knorpelgewebe zu züchten, welches das alte ersetzen soll. Einige Behandlungsmethoden sind bei jüngeren und gesünderen Patienten deutlich effektiver. Andere Methoden greifen auf ein Vliesgewebe zurück, mit dem die Zellen direkt ins Gelenk platziert werden, aber dieses Verfahren ist derzeit nur in Großbritannien und der Schweiz im Einsatz. Ich würde zudem zu einer Behandlung beider Knie raten. Ein Routineeingriff mit einer 95%igen Erfolgsrate.«

Die Reinigungskraft nahm unbemerkt Bradys Fingerabdrücke von der Türklinke und verstaute sie in einer kleinen Schachtel. Dann widmete sich der Mann wieder seinen Wischmopp, während Brady um die Ecke bog.

Das tägliche Treiben eines Krankenhauses zog an Brady vorüber. Ihm schossen tausendundein Gedanke durch den Kopf, während er auf den Ausgang zutrottete.

»Und was ist, wenn ich es nicht operieren lasse?«, hatte er den Doktor gefragt.

»Dann werden die Schmerzen stärker werden. Über kurz oder lang werden sie Ihr tägliches Leben beeinträchtigen. Selbst so einfache Dinge wie den Griff in einen Schrank, Körperhygiene, sogar den Gang zur Toilette.«

»Der Gang zur Toilette?«, äffte Brady den Doktor nach und lächelte spöttisch. Wer zur Hölle sagt denn ernsthaft Gang zur Toilette?

»Das muss unglaublich hart für Sie sein. Haben Sie Verwandte, bei denen Sie eine Weile bleiben und denen Sie sich anvertrauen können? Oder einen engen Freund?«, hatte ihn der Doktor gefragt.

Brady trat auf die Doppeltüren am Ausgang zu, die sich zischend öffneten und den Blick auf einen Afroamerikaner um die sechzig freigaben.

Sein Name lautete Jaynus Carter. Er war ein großer, drahtiger Kerl, der Joe Brady auf nicht immer nachvollziehbare Weise die Treue hielt … und darüber hinaus ein Mann, der wie kein zweiter an die Decke gehen konnte. »Ich hatte wenigstens mit einem verdammten Rollstuhl gerechnet!«, brüllte er drauflos.

Brady lief mit Jaynus über den Parkplatz und zündete sich im Gehen eine Zigarette an. »Komm schon, ich brauchte jemanden, der mich abholt«, murmelte Brady.

Jaynus sah ihn finster an. »Wenn du den Flur entlanglaufen kannst, kannst du auch zum Taxistand gehen. Und mach‘ die verdammte Zigarette aus, Mann. Mir sind die Duftbäume ausgegangen.«

Brady drückte seine Zigarette am Kotflügel einer geparkten silbernen Limousine aus und beobachtete Jaynus dabei, wie er seine Autoschlüssel hervorkramte und ihn anfuhr: »Brady! Das ist mein Auto, du Arschloch. Drück‘ sie dir meinetwegen in deinem Gesicht aus oder mach‘ es wie alle normalen Leute auch und wirf sie in den verdammten Müll, aber verschandle mir mit deinem Glimmstängel gefälligst nicht meinem Wagen, verstanden?«

Brady ächzte. »Woher wusstest du, wo ich bin?«

Jaynus hielt ein iPhone in die Höhe. »Deine Sprachnachricht, schon vergessen?«

Brady starrte das Handy an, während Jaynus die Fahrertür öffnete und sich hinter das Lenkrad klemmte. Erschöpft öffnete Brady die Beifahrertür und stieg ebenfalls in den Wagen.

Jaynus steckte den Zündschlüssel ins Schloss und sah zu, wie Brady sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Beifahrersitz sinken ließ.

»Ich glaube nicht, dass ich dir eine Nachricht hinterlassen habe.«

Jaynus steckte das iPhone in eine Plastikhalterhaltung am Armaturenbrett und scrollte durch eine Liste von Sprachnachrichten. Dann tippte er auf einen der Einträge: Erstklassiges Arschloch.

»Ich bin in deinem Telefon unter Arschloch abgespeichert?«, fragte Brady.

»Oh, bild‘ dir nur nichts drauf ein, Brady. In dem Telefon sind eine Menge Arschlöcher gespeichert. Aber du bist die Nummer Eins. Darauf kannst du stolz sein.« Jaynus legte den ersten Gang ein und parallel dazu plärrte die Sprachnachricht los.

»Scheiße, verdammt nochmal. Lieber Mister Brady, Ihr verschobener Krankenhaustermin findet nun am zwölften Dezember um 14:15 Uhr im Hackensack Medical Center statt.«

PIEP.

Ende der Leseprobe

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