ALICE IM TOTENLAND

3,99 

Mainak Dhar

ZOMBIE-THRILLER

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Inhalt:


Unsere Zivilisation endete vor mehr als fünfzehn Jahren. Zurück blieb eine karge, öde Welt, die man fortan das Totenland nannte, und eine neue Bedrohung: Horden unzähliger Untoter – die Biter.
Die fünfzehnjährige Alice ist in dieser Welt aufgewachsen. Die Biter sind als Gefahr allgegenwärtig, und deshalb besteht ihre Ausbildung auch zu großen Teilen aus dem Umgang mit Schusswaffen und Messern. Eines Tages beobachtet Alice, wie einer der Biter in einem Loch in der Erde verschwindet. Alice folgt ihm, denn schon lange hält sich das Gerücht, dass die Biter über geheime unterirdische Höhlengänge verfügen. So stößt sie auf ein Geheimnis, das sie in ein actionreiches Abenteuer katapultiert und ihr Leben und das der anderen Überlebenden des Totenlandes für immer verändert.
Gibt es eine weltweite Verschwörung, die das Ende der Menschheit zur Folge hatte? Was ist der Ursprung der untoten Biter? Und was hat es mit der mysteriösen Königin und ihrer rätselhaften Prophezeiung aus einem der letzten Bücher im Totenland auf sich – einem Buch namens »Alice im Wunderland«?

Weitere Informationen

Ersterscheinung

2017

Formate

Klappenbroschur / Ebook (epub, mobi)

Seiten

ca. 280

eISBN

978-3-95835-151-6

Leseprobe


Alice war es langsam leid, neben ihrer Schwester auf der Anhöhe zu sitzen, ohne ein paar Biter abknallen zu können. Hin und wieder spähte sie durch das Zielfernrohr ihres Scharfschützengewehrs, aber da war nichts zu sehen. Welchen Sinn macht ein Hinterhalt, wenn keine Biter in die Falle tappen, denen man in den Kopf schießen kann?, fragte sie sich.
Alice war fünfzehn Jahre alt und war nur drei Monate vor den Geschehnissen geboren, die man Den Ausbruch nannte. Hin und wieder sprachen ihre ältere Schwester und ihre Eltern davon, wie die Welt davor gewesen war. Sie erzählten von Kinos, Fernsehen, Fahrten ins Grüne und der Schule.
Alice konnte sich unter all dem nichts vorstellen. Das einzige Leben, dass sie kannte, bestand darin, sich vor den Biters zu verstecken. Die einzige sinnvolle Bildung, die sie erfahren hatte, bestand aus drei simplen Regeln:
Erstens: Wenn du von einem Biter gebissen wirst, wirst du zu einem von ihnen.
Zweitens: Wenn ein Biter jemanden beißt, den du kanntest, dann spielt es keine Rolle, ob das vielleicht einmal dein bester Freund gewesen ist – er ist von da an ein Biter und würde dir ohne zu zögern die Kehle herausreißen.
Und drittens: Wenn du nur einen Schuss abgeben kannst, dann ziele auf den Kopf. Nur den Kopf. Nichts anderes kann einen Biter nennenswert aufhalten.
Und da war sie nun, lag mit ihrem Gewehr an der Schulter auf dem kleinen Hügelchen und wartete darauf, Nachzügler auszuknipsen, die den Kampfverbänden durch die Lappen gegangen waren. In ihren ersten Lebensjahren hatte sie sich hauptsächlich nur versteckt und versucht zu überleben. Doch dann hatten die Menschen sich neu formiert und angefangen zurückzuschlagen, und seither wütete ein endloser Krieg zwischen den Lebenden und den lebenden Toten. Alice’ Eltern waren ein Teil der Hauptkampftruppe, die gerade eine Gruppe Biter ausradierte, die man in der Nähe ihrer Siedlung ausgemacht hatte. Gelegentlich hörte sie Schüsse, aber bislang war hier noch kein Biter vorbeigekommen. Ihre Schwester lag ruhig neben ihr, gehorsam und mürrisch, wie immer. Alice hielt es aber nicht mehr aus, nur herumzuliegen und sich zu langweilen, während woanders die Post abging, also kroch sie an den Rand des kleinen Hügels, sah durch ihr Zielfernrohr und versuchte, einen Blick auf die Kämpfe zu erhaschen.
Und das war der Moment, als sie ihn sah. Der Biter trug rosafarbene Plüschhasenohren. Aber das allein kam Alice gar nicht so seltsam vor. Wenn jemand gebissen wurde und sich damit den Untoten anschloss, behielt er einfach am Leib, was er in dem Moment gerade getragen hatte. Der erste Untote, den sie selbst erschossen hatte, war in einen zerlumpten Weihnachtsmann-Mantel gehüllt gewesen. Aber im Gegensatz zu den Kindern, die vor dem Ausbruch lebten, mussten sie ihre Eltern nicht sanft darauf vorbereiten, dass es den Weihnachtsmann in Wirklichkeit gar nicht gab. Was an diesem Biter so außergewöhnlich war, war die Tatsache, dass er nicht einfach nur geistlos herumirrte, sondern scheinbar nach etwas suchte. Die Biter sollten nichts anderes sein als hirnlose Kreaturen, deren einziger Antrieb in einem unstillbaren Appetit auf Menschen bestand. Alice konzentrierte sich und richtete das Fadenkreuz ihres Zielfernrohrs auf den Kopf des Biters. Er war gute zweihundert Meter weit entfernt und bewegte sich schnell. Kein leichter Schuss.
Dann verschwand der Biter mit den Hasenohren im Boden.
Alice traute ihren Augen nicht und war zuerst verwirrt, doch dann rannte sie ohne nachzudenken zu der Stelle, wo der wandelnde Tote vom Erdboden verschluckt worden war. Ihr Herz pochte wild, als sie näher herankam. Seit Monaten gab es Gerüchte, dass die Biter große, unterirdische Basen errichtet hatten, in denen sie sich versteckten und aus denen sie hervorkrochen, um Chaos und Verwüstung anzurichten. Es gab Geschichten, dass ganze Armeen von Bitern vernichtet wurden, die einfach aus dem Nichts aufgetaucht und ebenso schnell wieder verschwunden waren. Doch bis jetzt hatte noch niemand eine solche Basis gefunden und man hielt diese Geschichten weitestgehend für wenig mehr als blumig ausgeschmückte Märchen. Sollte Alice gerade eine solche Basis entdeckt haben?
Ihre Aufregung ließ sie alle Vorsicht vergessen, und sie rannte allein weiter, obwohl sie ihre Schwester alarmieren oder Verstärkung hätte rufen sollen. Sie hätte überhaupt einige Dinge beachten sollen. Aber in diesem Moment schwirrten ihr nur zwei Dinge durch den Kopf – wo der Biter im Boden verschwunden war und was passieren würde, wenn sie wirklich gerade eine unterirdische Biter-Anlage aufgespürt hatte. Sie war eine exzellente Schützin, viel besser als die meisten Erwachsenen in ihrer Siedlung, und sie war schnell. Sie war eine geborene Kämpferin, darin waren sich alle Lehrer seit ihrem ersten Trainingstag einig. Sie konnte einen großen Mann auf die Matte legen, noch bevor dieser überhaupt zwinkern konnte, und hatte ihren Mut bereits in unzähligen Gefechten gegen die Biter unter Beweis gestellt. Trotzdem durfte sie noch keine Angriffe weiter draußen von der Siedlung entfernt anführen. Das wurmte sie schon die ganze Zeit über, aber da ihr Vater einer der Anführer des Dorfes war, gab es nichts, was sie dagegen tun konnte. Er behauptete, dass ihre ausgezeichneten Fähigkeiten als Schützin und Späherin viel besser in der näheren Umgebung ihres Dorfes aufgehoben wären, zur Verteidigung, und dass er darüber noch einmal nachdenken würde, wenn sie älter wäre. Aber sie wusste, dass da aus ihm nur der ängstliche Vater sprach und weniger der Anführer ihrer Siedlung.
Diese Entdeckung aber konnte alles ändern.
Plötzlich spürte sie, wie der Boden unter ihr nachgab, und sie fiel. Das Gewehr umklammert, rutschte sie einen weichen, abschüssig gewundenen Gang hinab. Es schien keine Möglichkeit zu geben, sich mit den Händen oder den Füßen festzuhalten und den Sturz abzubremsen oder gar wieder hinauf zu klettern. Sie sah nach oben zu dem Loch, durch das Tageslicht fiel, aber durch die vielen Kurven und Windungen des Tunnels immer schwächer wurde. Schreiend stürzte Alice immer tiefer in die absolute Finsternis.

Alice brauchte ein paar Minuten, um sich zurechtzufinden. Die Dunkelheit hatte sie verwirrt, und von den vielen Kurven war ihr schwindelig. Ein dickes Polster aus Ästen und Laub hatte ihrem Fall ein Ende bereitet. Sie hatte gehört, wie einige hinter vorgehaltener Hand die Vermutung geäußert hatten, die Biter wären gar nicht die seelenlosen Hüllen, für welche die Erwachsenen sie hielten, aber die meisten Leute taten diese Ideen als alberne Geschichten ab. Sie fragte sich allerdings, ob nicht womöglich doch etwas Wahres dran war. Nachdem sich ihre Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erblickte sie zu ihrer Rechten einen schwachen Lichtschein und kroch darauf zu, tiefer in den Tunnel hinein. Sie konnte vielleicht noch nicht viel erkennen, aber der Geruch war unverkennbar. Dieser faulige Gestank, der nur einen Ursprung haben konnte – die verrottenden Körper der lebenden Toten. Und obwohl sie bei vielen Gefechten mit den Bitern dabei gewesen und den Gestank gewohnt war, wurde ihr übel. Dann näherte sie sich der Lichtquelle und sah, dass sich der Tunnel zu einem kleinen Raum öffnete, der von Fackeln an den Wänden beleuchtet wurde.
Sie hörte Stimmen, und als sie um eine Ecke spähte, sah sie, dass der Biter mit den Hasenohren, dem sie in das Loch gefolgt war, in eine angeregte Diskussion mit zwei anderen Untoten vertieft war. Eine von ihnen war zumindest in ihrem früheren Leben eine gut aussehende junge Frau gewesen. Jetzt war ihre Haut gelb und verfault, und hing in losen Fetzen von ihrem Gesicht. Ihre Kleidung war zerfleddert und blutverschmiert.
Der dritte Biter war ein plumper, kleiner Mann, dem ein Großteil seiner linken Körperhälfte fehlte. Wahrscheinlich war sie von einer Mine oder einer Granate abgerissen worden. So weit ihre Erinnerung zurückreichte, hatte Alice bereits mit Waffen zu tun. Und obwohl in diesen Zeiten jeder Mensch in der Lage sein musste, sich zu verteidigen, hatte Alice, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, ein besonderes Talent für den Kampf gezeigt. Wenn es nach ihrer Mutter gegangen wäre, hätte sie Alice lieber wie die anderen jungen Leute als Wachposten in der Nähe der Siedlung gesehen. Aber Alice wollte schon immer ganz vorn dabei sein und den Nervenkitzel spüren, der damit einherging. So wie es aussah, bekam sie nun ihren Nervenkitzel, und würde sich zudem eine ganze Menge Ärger einhandeln. Sie war gefangen in einer unterirdischen Biter-Basis, ohne einen Ausweg.
Die Biter unterhielten sich in einer Mischung aus Knurren und Stöhnen, schienen sich so aber verständigen zu können. Jetzt, wo sie einen genaueren Blick auf den Biter mit den Hasenohren werfen konnte, stellte Alice fest, dass er kaum älter als sie war. Möglicherweise war er auf dem Weg zu einer Kostümparty gebissen worden. Er drehte sich zu ihr um, und Alice erblickte eine Art Lächeln, von dem aber nicht viel mehr als ein wildes Grinsen mit blutigen Zähnen übrig geblieben war.
Als Hasenohr sie direkt ansah, blieb ihr fast das Herz stehen. Für einen kurzen Moment hoffte sie, dass er sie nicht gesehen hatte, aber er bleckte die Zähne und stieß ein kreischendes Heulen aus, das ihr durch Mark und Bein ging. Nun drehten sich alle drei Biter zu ihr um, und Alice setzte sich in Bewegung.
Ihre Fertigkeiten im Lesen waren eher dürftig, trotz der vielen Versuche ihrer Mutter, ihr die alten Sprachen beizubringen. Aber sie sah nach dem Ausbruch auch keinen großen Nutzen darin. Es gab keine Bücher mehr, die man hätte lesen können. Und selbst wenn, wäre dafür gar keine Zeit. Aber in einer Sache war Alice in ihrer Schule unübertroffen, und das beherrschte sie sogar im Schlaf: Sie konnte in weniger als drei Sekunden ihre Pistole mit dem Daumen entsichern und mit beiden Händen auf ein Ziel ausrichten. Der erste Schuss traf den fetten Biter direkt zwischen die Augen, und er brach plumpsend zusammen.
Die anderen beiden hielten in dem für sie typischen langsamen, schlurfenden Gang auf sie zu, und Alice feuerte wieder und wieder. Das Echo der Schüsse hallte durch die unterirdische Höhle. Den weiblichen Biter traf sie wenigstens zwei Mal in die Brust, und schickte sie dann mit einem Kopfschuss zu Boden. Hasenohr war nur noch wenige Schritte entfernt, als die Waffe in ihrer Hand nutzlos klickte. Keuchend verfluchte sie sich für ihre miserable Trefferquote. Es war viel leichter, im Training auf Übungsziele zu schießen oder aus hunderten Meter Entfernung einzelne Gegner anzuvisieren als den blutrünstigen Bitern so nah direkt gegenüber zu stehen, wenn einem das Herz so schnell in der Brust hämmerte, dass man die Hände kaum ruhig halten, geschweige denn zielen konnte.
Hinter sich hörte Alice Schritte und Stöhnen und stellte in einem Anflug von Panik fest, dass sie nun zwischen Hasenohr und anderen, die hinter ihr den Gang entlang kamen, gefangen war.
Verzweifelt sah sie sich um und entdeckte in der Wand zu ihrer Rechten eine kleine Öffnung. Sie lief auf Hasenohr zu und tauchte im letzten Moment unter seinen ausgestreckten, blutverkrusteten Fingern hindurch. Alice war kaum größer als anderthalb Meter und außerdem recht hager, aber Klassenbeste im unbewaffneten Nahkampf. Sie trat dem Biter mit einer geschickten fließenden Bewegung die Beine weg und stand wieder aufrecht, noch bevor dieser auf dem Boden aufschlug. Sie stürmte auf das Loch in der Wand zu und blickte zurück. Vier weitere Biter folgten ihr.
Alice nestelte an ihrem Gürtel herum und löste die einzelne Blitzgranate, die dort baumelte. Sie zog im Laufen den Sicherungsstift, ließ die Granate hinter sich fallen und stürzte dann so schnell sie konnte in das dunkle Loch. Ein paar Sekunden später hörte sie den dumpfen Schlag der explodierenden Granate und hoffte, dass der grelle Lichtblitz ihre Verfolger für ein paar Sekunden verwirren und sie etwas Zeit gewinnen würde. Doch mit der Hoffnung kam ihr ein ernüchternder Gedanke: Zeit wofür? Sie saß in einem Nest voller Biter fest und verrannte sich immer tiefer in dessen Untiefen. Sie war gefangen.