Aftertaste – Jenseits des guten Geschmacks

von Andrew Post

»Eine groteske Südstaaten-Gothic-Mär, halb Evil Dead, halb Tucker and Dale vs. Evil … mit einem Helden, dessen Einsamkeit nur noch von seiner Leblosigkeit getoppt wird.« [Kirkus Reviews]

INHALTSBESCHREIBUNG


Früher war Saelig Zilch ein Koch. Nun aber, nach seinem Tod, hat ihn eine geheimnisvolle Organisation rekrutiert, um jene Monster zu jagen, die die Welt der Lebenden bedrohen.
Also klettert Zilch in North Carolina im Körper eines frisch Verstorbenen aus einem Grab. Ihm bleibt nur wenig Zeit, seine Mission auszuführen, bevor sein Körper auseinanderfällt und er wieder ganz von vorn anfangen muss. Nach wenigen wackeligen Schritten prallt er auch schon gleich in Galavance … beziehungsweise sie gegen ihn, mit ihrem pinkfarbenen Chevy.
Ein Zufall? Wohl eher nicht, denn besagtes Monster wurde in der Nähe des Trailerparks gesichtet, den Galavance ihr Zuhause nennt. Und ebenso wenig zufällig scheint zu sein, dass sich ihr Freund in letzter Zeit gern nachts draußen herumtreibt …

AFTERTASTE liest sich so, als hätte man widerlichen Humor, schmieriges Fast-Food und psychedelische Amphibien in einen Mixer gestopft und bei höchster Stufe durchpüriert. Eine haarsträubende Mixtur aus Jim Butchers Dresden Files und dem Zombie-Horror eines George A. Romero.

Pressestimmen

Dieser düstere aber gleichzeitig witzige Roman dürfte all jenen Lesern gefallen, die sich für Fäkalhumor gewürzt mit der richtigen Dosis Existenzangst begeistern können.

Publishers Weekly

Kapitel 1

Der Geschmack erinnert an Kupfer und wird von Sekunde zu Sekunde intensiver. Es lässt sich mit Ertrinken in Kuchenmasse vergleichen, ist aber weder so schön noch so dekadent, wie sich das anhört. Als er partout nicht einatmen kann, wird ihm bewusst, dass er unter der Erde liegt, und er scharrt panisch, um an die Oberfläche zu gelangen.

Dass der Sarg aufgebrochen ist, erweist sich als Glücksfall wie Hindernis. Obwohl er sich die Hände aufschneidet, die erst wieder zu Kräften kommen, während er sich an dem zersplitterten Holz hochzieht, hätte es ihm größere Schmerzen bereitet, wenn der Deckel intakt gewesen wäre. Auch als er seine Beine befreit hat, lässt er nicht nach, sondern zieht weiter, obwohl sich die satingefütterte Kiste, in der er gerade noch lag, mit Erde füllt. Je länger er schaufelt und kratzt: Der Boden wird mit jedem Zoll wärmer, den er unter sich lässt …

Schon riecht er frische Luft, und die ohrenbetäubende Stille der Isolation weicht dem Getöse der überirdischen Welt. Dort muten ein Flugzeug hoch oben am Himmel, brummende Insekten und selbst ein schwacher Sommerwind laut an. Verflucht laut.

Kaum dass er den Grund mit seinen Fäusten durchstößt, fällt ihm das Tageslicht so grellweiß ins Gesicht, dass die Schmerzen hinter seinen noch heilenden Augen unerträglich sind. Der Reanimierte lässt sich in dem schäbigen schwarzen Anzug, im dem seine geliehene Hülle beerdigt wurde, aufs Gras fallen und rupft daran. Das Geräusch, das beim Abreißen einer Handvoll frischgrüner Halme entsteht, lässt ihn immerzu an Haare denken, die mit der Wurzel herausgezogen werden. Die Grube liegt zwar hinter ihm, doch weil er Angst davor hat, wieder hineinzufallen – was nicht zum ersten Mal geschehen würde –, kriecht er weiter, bis seine Arme nachgeben. Gibt es etwas Schlimmeres, als sich aus einem Grab zu befreien? Ja, es zweimal tun zu müssen.

Nachdem er ein paar Meter sicheren Abstand gewonnen hat, sackt er zusammen und dreht sich auf den Rücken. Er streckt einen Mittelfinger gen Himmel – während er den Blick weiterhin abwendet, denn Gott, was tut diese Helligkeit weh –, und würgt »Geschafft, ihr Wichser« heraus. Die Confab kann ihn vermutlich nicht hören. Oder vielleicht doch?

Er lässt den Kopf zurückfallen, da er nach dieser Tortur zu schwach ist, um sich irgendwie zu rühren. Offen gestanden hatte er schon kaum genug Kraft, um den Stinkefinger zu zeigen.

Wo die Haut vom Kopf des ehemaligen Toten abgeschürft ist, schimmert stellenweise kalkweiß der Schädel durch. In seiner linken Augenhöhle steckt ein Klumpen Erde. Er blinzelt, bis sie hinausfällt. Statt sich herumzuwälzen, bleibt er so liegen, entspannt seine Lider langsam und schaut sich gleichmütig am Himmel um. Mit jedem angestrengten Atemzug, mit jedem Röcheln regenerieren sich seine Lungenflügel. Er hat diesem Vorgang – wenn sich die ausgeborgte organische Hülle an ihn schmiegt, die Zellen sich wieder zusammenfügen – in Anspielung auf Zurück in die Vergangenheit einen eigenen Namen gegeben: SBP oder Samuel-Beckett-Prozess. Man mag es Assimilation, Rekombination oder wie auch immer sonst nennen. Heilung? Neukonfigurierung? Wiederaufbau dessen, was zusammengehört; Nanobugs, die ihren Dienst tun. Das ist weder annähernd so spektakulär wie in jener Serie, wo es immer zischte und brutzelte wie nichts Gutes, noch nimmt er die Gestalt der Menschen an, deren Körper er annektiert, aber es handelt sich um das gleiche Prinzip. Ungeachtet der Unterschiede hat er diese Bezeichnung dafür verinnerlicht.

Was von den blond melierten Haaren seiner Hülle übrig geblieben ist, wird bald braun und fettig sein. Auch behält er die schmale Mundpartie nicht, sondern bekommt wieder hohle Wangen wie ursprünglich, als er, dieser Körperentleiher, ein neuer Springer und noch er selbst war – nicht tot, ihr wisst schon. Knochen knacken, die braun gewordenen Mineralstümpfe in seinem Mund wachsen sich wieder zu richtigen Zähnen aus. Während er mit der Zunge am Gebiss entlangfährt, brechen sie so plötzlich hervor, wie hängen gebliebene Tasten eines Selbstspielklaviers hochschnellen, wenn sie sich lösen, einer nach dem anderen und schief wie ehedem, zwei vollständige Kauleisten.

Als er so in der Sonne liegt, holt er ruhig Luft und lässt sich den geschundenen Leib wärmen. In ihm klickt, knirscht und gurgelt es. Nicht lange aber, da wird es still, und er hört lediglich Zikaden zirpen, ein regelrechtes Trommelfeuer. Seine Haut schließt sich zuletzt, und unterdessen spürt er die Hitze nicht nur auf dem ungeschützten Fleisch an seinen Händen, im Gesicht sowie am Hals, sondern kann sie schmecken: Feuchtigkeit, schwer in der Luft und anschmiegsam wie ein nasser Lappen. Sie bedrückt und vermittelt ihm das Gefühl, sogar seine Seele triefe davon, weshalb er jeden Atemzug regelrecht hinunterwürgen muss.

Schließlich setzt er sich aufrecht hin und dreht sich nach dem Grabstein um, der die Stelle markiert, an der er eben emporgekommen ist.Jacob F. Stein, geliebter Vater und Ehemann.

»Ich sehe zu, dass du alles wieder zurückbekommst, Jake. Pfadfinder-Ehrenwort.«

Als er selbstbewusst sarkastisch vor Jacob F. Stein salutiert, schaut er auf die Innenfläche seiner Hand und beobachtet, wie sie immer weniger schrundig und rissig wie das Bett eines ausgetrockneten Sees aussieht, dafür elastischer und ledrig wird … wobei die Narben zuletzt verschwinden, als ob sie ihren Einsatz verpasst hätten. Der Nagel eines eingekerbten Zeigefingers wächst bis zur Hälfte heraus. Die rechte Daumenkuppe wird langsam von hellen Linien überzogen, gerastert wie mit einem Parkettmuster. Die Gelenkhöcker ragen sprunghaft auf, wobei sich die schwer verbrannte Haut flächig verfärbt, glänzende Flecke wie hingeschmiert. Einige der tieferen Löcher, die sehr stark bluteten, wenn er sich recht entsann, schließen sich wulstig, bleiben jedoch taub und völlig farblos. Alles nur, weil er zu oft achtlos in Öfen langte, wenn er überarbeitet, abgelenkt, high oder all dies auf einmal war.

Jetzt schaut der jüngst noch Begrabene, der nunmehr vollständig wiederhergestellt ist und überzeugend lebendig wirkt, auf seine Beine, die er in der schlottrig weiten Hose vor sich ausgestreckt hat. Die Knie stehen hubbelig hoch, doch das Material liegt dermaßen locker an, dass er wahrscheinlich mit dem ganzen Körper von Kopf bis Fuß in ein Hosenbein schlüpfen könnte.

Tief Luft holen. »Also gut, probieren wir die alten Gräten mal aus, oder?«

Sobald er aufgestanden ist, bringt ihn das Vestibularorgan in seinen Innenohren aus dem Gleichgewicht, als sei er seekrank, doch das Gefühl lässt rasch nach. Schon seltsam, dass die Sinne am längsten brauchen, um sich zu erholen.

Ein Schritt, dann ein zweiter, wacklig.

Er bewältigt den Pfad über den Friedhof mühelos, während der feinkörnige, graue Schotter unter seinen schwarzen Wildleder-Slippern knirscht. Im Vorbeigehen fällt ihm auf, wie einige der neueren Grabsteine funkeln, weil der Marmor erst kürzlich bearbeitet wurde, sodass die Beschriftung deutlich erkennbar ist, unberührt noch von Regen und Wind. Die Namen wecken teilweise vage Erinnerungen in ihm, Geistesblitze wie Sirenen, die meilenweit entfernt aufheulen. Und dann diese Daten, Geburts- und Todestage … Es liegt nahe, denn in der Zwischenzeit müsste er sie alle gekannt haben. Dennoch zwingt er sich dazu, es zu verdrängen.

Um dies zu schaffen, konzentriert er sich auf seine Umgebung. Immerhin dürfte es ihm helfen, zu erfahren, wo er ist.

Zwei Hinweise tun sich außerhalb des Friedhofsgeländes auf. Vorm Zaun wachsen Wildblumen, dicht gedrängt am begrünten Rand des unbefestigten Feldwegs neben dem Gottesacker. Hinweis eins ist die Farbe des Bodens der Straße: ein rostiges Orange wie die Graberde, also eisenhaltig. Hinweis zwei sind die Blumen selbst. Während er dem Pfad humpelnd folgt und das Klicken, das Einrasten in ihm weitergeht, ruft er ab, was ihm über Pflanzen im Gedächtnis geblieben ist.

Die klumpigen, borstigen Wirtel der … Zitronengoldmelisse.

Die buttergelben Blüten an den Stängeln von Carolina-Jasmin. Ja, das ist definitiv Carolina-Jasmin.

Und schließlich Goldglöckchen. Wie traurig lässt es seine Köpfe hängen. Kein anderes Gewächs sieht so herrlich leutselig aus.

Einen Moment lang denkt er an Salat aus wilden Blumen, Radicchio und geriebenen Möhren, den er widerwillig für eine Hochzeit gemacht hatte, nachdem er als Caterer engagiert worden war. Die Braut, eine Kanadierin, hatte eine Schwäche für Trends, und zu jener Zeit war dieses Rezept in, genauso der ach so verantwortungsvolle Kauf lokaler Erzeugnisse, also bestand sie darauf, nur Blumen aus der Gegend zu verwenden. Der Bräutigam, ein solider Typ, stammte aus Virginia, wo die Feier auch stattfand, und dort wachsen eben sowohl Zitronengoldmelisse als auch Carolina-Jasmin.

Daraus ergibt sich, dass ich im Süden sein muss. Angesichts der vielen Nadelbäume auf der anderen Straßenseite kann es allerdings nicht zu weit unten sein, keineswegs Florida oder so. Vielmehr irgendwo auf der Kante West Virginia, Tennessee. Die rote Erde grenzt die Möglichkeiten auf nur diese beiden Staaten ein.

»Erklärt auf jeden Fall, warum es so warm ist«, brummt er leise und wischt sich die Stirn ab. »Bitte lass es keinen der zwei Staaten sein, die ich vermute. Mehr verlange ich nicht.«

Wieder überfliegt er die Grabinschriften und ordnet seine Eindrücke von früher neu, sodass sie sich allmählich ineinanderfügen, als würde er unter einem Sturzbach aus saurem Regen stehend ein Puzzle aus Rasierklingen und Angelhaken zusammensetzen. Ein klares Bild will sich einfach nicht ergeben. Dennoch tauscht er die Teile weiter aus, schneidet und ritzt oder sticht sich daran.

Natürlich haben viele der Toten identische Namen. Das ist nicht ungewöhnlich, aber so viele, die ihm geläufig sind, an einem einzigen Ort wie diesem? Er grunzt und kehrt der stummen Steinansammlung auf dem Friedhof den Rücken zu. Vergiss es. Darum lässt er es auf sich beruhen und tritt unter dem ätzenden Wasserfall heraus, den er sich einbildet, woraufhin es ihm sofort besser geht. Sein altes Leben bedeutet nichts. Erinnerungen sind bloß Schmutzflecken.

Als er das Tor erreicht und hinausgehen möchte, knarren die rostigen Angeln beim Öffnen. Sich am Straßenrand zu halten, ohne in den Graben zu kullern, der halbhoch mit stinkend kaffeebrauner Brühe vollgelaufen ist, wird zu einem Drahtseilakt. Einmal verliert er die Balance, verlagert sein Gewicht zu stark zur Fahrbahn hin und betritt sie. Hupen, ein erschrockenes Glucksen. Ist er das selbst gewesen?

Ein Auto braust vorbei; weil es so knapp war und Lärm herausdrang, der wohl Musik sein sollte, bekommt er Herzklopfen. Er verzieht das Gesicht, während das Heck des Wagens in der aufgewirbelten Sandwolke verschwindet, windschnittig elegant und in geschmacklosem Grün lackiert, wie man es nur in tropischen Regenwäldern oder schlechten Drogentrips sieht. Er weiß weniger über Autos als die Flora, doch der Modellname steht rechts am Kofferraum: Accord. Mit zerzausten Haaren und feinem Schmutz an den Wimpern, gegen den er anblinzelt, bleibt er stehen und schlägt nach dem heißen Staub, der ihn umweht. Dabei beobachtet er, wie das Fahrzeug auf der Straße davonrast und hinter einer Kurve außer Sicht gerät. Nur den Namen konnte er lesen; um das Nummernschild zu erkennen, war es zu schnell, aber der Hip-Hop wummert länger, als er den Wagen sieht. Ein »Yo, Motherfucker« schnappt er noch auf, wütend gebellt und dabei durchaus glaubwürdig, weshalb er, der früher wohl nicht über die stärkste Pumpe verfügte, kurzzeitig verärgert neben der Straße weitergeht.

Hätte mich fast angefahren, der kleine Scheißer. Junge Leute … völlig rücksichtslos, nichts als laute Bässe und Vögeln in der Birne.

Er lässt Dampf ab, indem er einen dicken Stein in den Graben tritt, wo er einen Schwarm Stechmücken aufscheucht und mit einem Ploppversinkt. Um Rache zu üben, stürzen sie sich auf ihn. Ein paar landen mit ausgefahrenen Rüsseln, schwirren aber wieder ab, ohne von seinem Blut probiert zu haben. Nein. Der schmeckt wohl nicht. Er lacht, während sie fortfliegen und sich eine normalere Mahlzeit suchen. »Jawohl, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht allzu gut schmecke.«

Das Grinsen vergeht ihm schnell. Er regt sich immer noch darüber auf, beinahe wieder getötet worden zu sein. Eigentlich ist es aber irrelevant. Die Erwägung, sich Kennzeichen zu merken, sieht einem lebendigen Menschen ähnlich, aber niemandem unter der Fuchtel der Confab. Er darf mit niemandem sprechen, außer es lässt sich nicht umgehen, und kann sich irgendwie denken, dass es seine Vorgesetzten nicht unbedingt für notwendig halten, bei den örtlichen Behörden Anzeige gegen einen Raser zu erstatten. Den Beckett soll er hier machen, seine Aufgabe erledigen und die Hülle dort hinterlassen, wo er hineingeraten ist. Mehr nicht.

Damit – also dem Vermeiden von Gesprächen – hatte er nie ein Problem, weil er sich generell nie als umgänglicher Mensch verstand. In seinem alten Leben war es genauso, bloß dass er einen freien Willen und einen Job hatte, der sich indes erheblich von seiner jetzigen Tätigkeit unterschied: Koch und angehender Küchenchef. Das schloss einige Erfahrung mit ein. Er blickt auf Anstellungen in siebzehn verschiedenen Restaurants zurück (einige gut, die meisten nicht), und zwar vor seiner Bewerbung auf der Meisterschule. In jenen engen, heißen Küchen war es, wo er eingezwängt zwischen wohlmeinenden Einwanderern und Studienabbrechern schuftete, unerhörte Schichten schob und dabei inständig hoffte, minderwertige (oder schlicht kaputte Utensilien) würden gnädigst ihren Dienst tun, sich in Anbetracht unzuverlässiger Gehaltszahlungen auf die Zunge biss und doch nie aus den Augen verlor, worauf es ankam: Er zog es durch, führte das Leben eines Kochs, und der Rattenschwanz, den dieser Wandel nach sich zog, stärkte sein Rückgrat, sodass er sich bei all dem Scheiß seine Würde bewahren konnte. Kommt mir nicht mit Zutaten, sondern lasst mich machen, worin ich am besten bin. Er liebte das.

Freilich liegt es in der Vergangenheit, und dies ist die Gegenwart. Hier und jetzt soll er eine Art von Arbeit verrichten, in deren Rahmen es ihm selbst nach zahllosen Stunden Praxiserfahrung nicht gelingt, die ständigen Fettnäpfchen zu umgehen, obwohl es in der Theorie leicht klingt: Töte die Lusus naturae, oder krieg sie zumindest so weit unter Kontrolle, dass man sie festnehmen und dorthin abschieben kann, wo sie keinen Schaden anrichtet. Zu dem, was er früher gemacht hat, besteht ein himmelweiter Unterschied, klar, doch er erinnert sich oft an früher, als einmal falsch bestellt wurde und ein Hängebauchschwein aus dem Lieferwagen kam, aus eigenen Stücken wohlgemerkt, nicht zerstückelt, verdammt lebendig und schnaubend. Es kaltzumachen oblag dann ihm, weil man Koteletts als Tagesgericht anbot, der Chefkoch aber in Urlaub (auf Entzug) war und die Zeit fehlte, einen Schlachter oder auf Borstenvieh abonnierten Auftragskiller zu rufen. Müßig zu erwähnen, dass an dem Tag ausgiebig mit Messern hantiert wurde, und bei jedem Sprung, wenn unser Held heute den Beckett mimt, entsinnt er sich jener fürchterlichen Schicht mindestens einmal, weil die Arbeit für die Confab ihr stark ähnelt. Ganz richtig, du, dem jegliche Erfahrung im Töten abgeht – du sollst das für uns erledigen, und zwar dalli, Dummkopf.

Zu einem Job genötigt zu werden, der ihm nicht liegt, macht ihn fast glauben, er sei mit jemand anderem verwechselt worden. Gab es dabei allerdings eine andere Wahl? Nicht dass er wüsste, und er hat nachgefragt, verlasst euch drauf.

Ferner durfte er über jene Sau reden, die er durch die Küche gejagt hat. Sobald man aber unfreiwilligerweise von der Confab eingestellt wird, darf man niemandem davon erzählen – von den Lusus naturae, den Launen der Natur, die da draußen umgehen –, denn ansonsten bricht offensichtlich die Hölle los. Man sei aber mal so frei und kritisiere die Machenschaften, die Geheimniskrämerei der Organisation, da man selbst im Wissen darum leben könne, dass diese Abscheulichkeiten frei überall herumlaufen (diejenigen, die sich benehmen, dürfen dies tatsächlich), und eben nicht den Verstand verlieren. Der gemeine Pöbel erträgt nicht einmal die Vorstellung, ihre »Diät«-Erfrischungsgetränke enthielten womöglich doch eine Kalorie, geschweige denn die Tatsache, dass Geschöpfe existieren, die imstande sind, das Skelett eines erwachsenen Menschen mit einem gezielten Rotzer zu verflüssigen.

Nachdem er minutenlang nur sein eigenes Schlurfen und das unermüdliche Zirpen gehört hat, mit dem die Zikaden seine Wanderschaft begleiten, gelangt unser mit Erde verschmierter Geselle kleinlaut auf sein Los schimpfend an eine Einfahrt. Es handelt sich um eines jener Häuser, deren Bewohner dem Postboten gewogen sind, denn die Adresse steht vollständig ausgeschrieben in goldenen, kursiven Klebbuchstaben und -zahlen an der Mauer: Familie Miller, Kit Mitchell Road 7984.

Der Auferstandene bleibt abrupt stehen und dreht sich um. »Moment mal.« Er überlegt, und der Puls seines reanimierten Herzens setzt einmal ganz deutlich aus. »Bedeutet das jetzt etwa …«

Der Name der Besitzer spielt keine Rolle, jenen der Straße starrt er mit offenem Mund an.

Er vergewissert sich: Kit Mitchell Road.

»Nein, im Ernst, Mann. Nein

Er schaut zurück zu dem Stück Weg, auf dem er gekommen ist. Der Verlauf der Straße, die leichte Biegung, die Bäume am Rand. Die Landschaft ist zugewuchert, hat sich verändert und gibt ihm deshalb das Gefühl, er sei geschrumpft, seitdem er zuletzt hier war, bleibt jedoch ein und dieselbe. Er ist diese Strecke zu oft gegangen, als dass er mitgezählt hätte, wie oft. »Das kann nicht wahr sein.« Als er sich wieder ruckartig umdreht, muss er einen Schritt vorwärts machen, um sein Gleichgewicht zu halten, weil ihm schwindlig wird, entweder wegen der Hitze oder da er den Beckett-Prozess noch nicht lange hinter sich hat.

»Elender Mist«, flucht er, schnauft und lächelt verächtlich. »North Carolina, zum Donnerwetter.« Nach vorne gebeugt lässt er die Schultern hängen und steckt kopfschüttelnd die Hände in die Hosentaschen. »Arschlöcher.«

Schließlich trottet er weiter. Dabei lacht er schrill und tritt gegen jeden Stein, der auf dem Weg liegt. »Unfassbar«, stöhnt er immer wieder laut. Ein bisschen wehmütig denkt er an den Friedhof und die vielen Namen zurück, die Freunden seiner Eltern und Lehrern gehörten, einer auch jener alten Dame, die in einem Schnellimbiss arbeitete. Er schwänzte die Schule und lief Gefahr, erwischt zu werden, nur weil die Burger in dieser schmierigen Bude so verboten gut schmeckten. Kein Zweifel, er ist in North Carolina, und zudem nicht irgendwo, sondern in einer Gegend, die er persönlich kennt, da er hier aufwuchs.

»Als sei's nicht schon schlimm genug, Tag für Tag herumgeschickt zu werden, auf dass mir irgendwelche angepissten Freaks den Arsch abbeißen und ins Gesicht kotzen, muss es jetzt hier sein, wo an jeder zweiten Kreuzung und Ladentheke all die beschissenen Erinnerungen …« Er verliert seinen Schwung beim Zetern und wird immer leiser. Er hätte sowieso nicht gewusst, wie er diesen Satz zu Ende bringen sollte.

Beim Weitergehen mault und meckert er vor sich hin.

Ende der Leseprobe

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