Buchcover:

Stone Mountain: Abwärts

von Kristina Stanley

»Eine lebendige, nervenaufreibende Geschichte voller Geheimnisse, Eifersucht und Verrat …« [Barbara Fradkin – preisgekrönte Autorin der Inspector Green Mysteries]

INHALTSBESCHREIBUNG


Kaum dass Kalin Thompson zur Sicherheitschefin des Stone Mountain Resorts befördert wird, bekommt sie es auch schon mit ihrem ersten Mordfall zu tun: ein vielversprechender Nachwuchs-Abfahrtsläufer mit Olympia-Ambitionen wird tot aufgefunden.
Eigentlich ein Fall für die Polizei, doch Kalins Chef will, dass sie ihre eigenen Untersuchungen anstellt.
Trotz der Abgeschiedenheit des Stone Mountain Resorts scheint es mehr Verdächtige mit einem Motiv zu geben als Tore beim Riesenslalom, und ihre Nachforschungen stoßen nicht überall auf Begeisterung. Offenbar scheint jemand ein ganz besonderes Interesse daran zu haben, dass die Identität des Mörders nicht gelüftet wird …

Kapitel 1


Erster Tag – 28. November

 

Der Tod fegte über den gefrorenen Schnee hinweg den Berg hinauf – ohne Vorwarnung oder bedrohliches Getöse, sondern nur mit ausgestreckten Fangarmen auf der Suche nach einem Opfer, während im Ferienressort Stone Mountain, wo gerade hektischer Betrieb herrschte, niemand etwas von der drohenden Gefahr ahnte.

Kalin Thompson startete den Motor ihres Schneemobils, lenkte seine Kufen über einen Hügel und raste dann auf den Gipfel der Strecke Alpine Tracks zu. Das Skiteam Holden kam direkt aus der Gegend und bestimmte deshalb den Wettkampf in den nächsten zwanzig Minuten, und Kalin plante hinterher, die Tore abzufahren, nur einmal und einfach nur für den kurzen Adrenalinschub zwischendurch.

Als sie eine vereiste Stelle erwischte, rutschte sie auf den Turm der Sesselbahn zu. Sie packte die Griffstange daraufhin fester und verlagerte ihr Gewicht nach links, um ihm auszuweichen, wobei ihre Skihose die Metallseite streifte. Falls sie ihre Ausrüstung nach nur fünf Tagen als Leiterin des Sicherheitsdienstes des Ressorts beschädigen sollte, würde sich ihr Vorgesetzter garantiert seinen Teil denken. Aber sie gewann die Kontrolle wieder und fuhr nun weiter auf die Kuppe zu. Schließlich kam sie schlitternd neben Ben Timlin zum Halten und johlte laut vor freudiger Erregung nach diesem Ritt.

Er fragte sie mit einem Zwinkern, das selbst kälteste Herzen zum Schmelzen gebracht hätte: »Du genießt das hier so richtig, oder?«

Kalin schaute sich um, denn sie wollte nicht, dass jemand zufällig in ihre Richtung schaute und das Folgende sah. Dann beugte sie sich über die Lenkstange und küsste Ben, wobei ihre Schutzhelme gegeneinanderstießen. »Jetzt ja.«

Am Startpunkt schob ein Super-G-Fahrer gerade seine Ski vor und zurück, indem er sich fest auf seine Stöcke stützte, eine aggressive Haltung kurz vor dem Abstoßen. Kalter Dampf trat aus seinem Mund, während er heftig Luft holte und darauf wartete, dass der Fahrer vor ihm endlich die Bahn freimachte.

Kalin löste den Haltegurt ihres Helms und schob sich den Schlauchschal unter das Kinn. »Wie läuft das Training?«

»Nicht so berauschend. Dass Coach Jenkinson es nicht abgeblasen hat, wundert mich wirklich.«

»Wieso?«

»Mehr als die Hälfte der Fahrer kam entweder von der Bahn ab oder ist gestürzt. Einer verstauchte sich sogar den Knöchel.«

»Wasserinjektion?«

»Genau, das ist 'ne regelrechte Eislaufbahn.«

Die Seilbahn von Stone Mountain, die hundertsechsundfünfzig Personen auf einmal befördern konnte, legte auf dem Weg vom Fuß der Strecke Alpine Tracks bis zum Gipfel fünf Meter pro Sekunde zurück. Am Landeplatz wendeten die Gondeln dann, nachdem die Fahrer und ihre Ausrüstung an einer Stelle wenige Meter von Ben und Kalin entfernt ausgestiegen waren. Sie zählte die letzten Mitglieder ihres Teams, die jetzt oben ankamen. Bevor sie selbst an die Reihe kam, mussten noch sechs Fahrer Läufe absolvieren.

Nur hauchdünne Skianzüge schützten die Sportler vor Wind und Wetter. Wenn Kalin blinzelte, verklebten ihre Wimpern sofort vor Kälte. Sie rieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger, damit das Eis schmolz. Ob Ben wohl auch fror? Sie musste schmunzeln, weil sie sich Sorgen um ihren Freund machte. Seine Hightech-Jacke von der Skipatrouille, die mit einem Erste-Hilfe-Set und Sicherheitswerkzeug ausgestattet war, schützte ihn bestimmt wesentlich besser vor den Minustemperaturen.

Ben stieß nun gegen die Ski, die Kalin am Heck ihres Schneemobils festgezurrt hatte. »Du kannst heute nicht fahren.«

»Willst du mir vielleicht Angst machen?«

»Die anderen tun sich wirklich schwer. Es ist einfach zu gefährlich.«

Kalin ließ sich nicht unbedingt gern sagen, dass sie aufpassen sollte, aber sie erkannte an Bens Gesichtsausdruck, dass sie in diesem Fall wohl besser nachgeben sollte. Dennoch wollte sie versuchen, ihn umzustimmen, wenn nicht noch mehr Fahrer stürzten.

Als das Signal laut dröhnte, zog der Mann am Start seine Beine zurück, sein Kopf mit den Schultern schnellte nach vorn und er drückte sich über die Linie. Während er sich die gebogenen Stöcke dicht an die Seiten hielt, ging er leicht in die Knie und passierte das erste Tor. Gegen das zweite stieß er mit einem Ellbogen, wahrte aber trotzdem sein Gleichgewicht. Er beschleunigte jetzt und fuhr am dritten vorbei, wobei die Zeitanzeige belegte, dass er bereits neunzig Stundenkilometer erreicht hatte. Die Kanten seiner Ski gingen durch das Eis wie Butter und hielten.

Im Super-G, einer Kreuzung aus Riesenslalom und Abfahrt, waren mindestens fünfunddreißig Tore üblich, und die Teilnehmer durften anders als bei Abfahrtsrennen zuvor keinen Testlauf machen. Jeder bekam also nur eine Chance und ging dabei direkt bis an seine Grenzen.

Beim Umrunden des vierten Tores kantete der Fahrer stark ab, doch anstatt dass sich die Kraft auf den Schnee übertrug, löste sich einer seiner Schuhe von der Bindung. Der Mann flog bei vollem Tempo in die Luft. Er verschränkte zwar geistesgegenwärtig seine Arme vor dem Körper, allerdings nicht schnell genug, um die Wucht des Aufpralls verringern zu können, und schlug jetzt mit dem Kopf auf die festgefahrene, vereiste Streckenoberfläche.

Ohne seine Augen von dem Skifahrer abzuwenden, drehte Ben den Zündschlüssel seines Schneemobils und sprach zugleich in sein Funkgerät.

Der Fahrer rollte nun kraftlos mit schlackernden Gliedern wie eine Stoffpuppe den Berg hinunter. Als er durch das fünfte Tor krachte, blieb dessen Stange umgeknickt liegen. Das orange Sicherheitsnetz an den Rändern der Piste bewahrte ihn davor, in den Wald hineinzurutschen.

Ben fuhr sofort zu ihm, und Kalin folgte kurz darauf mit ihrem Mobil.

Nun brach ein regelrechter Aufruhr los. Aus allen Richtungen kamen Zeugen herbeigelaufen.

»Bleiben Sie zurück.« Ben drängte sich durch die Menge und ging in die Hocke. Der Gestürzte lag mit verrenktem Körper und nach oben gerichtetem Gesicht im Netz, sodass man seinen unnatürlich schräg liegenden Kopf sehen konnte.

Obwohl er seinen Gesichtsschutz noch trug, hätte Kalin seinen Atem in der Frostkälte sehen müssen.

Ben suchte ihren Blick. »Geh besser Reed rufen.«

 

Kapitel 2


Vier Tage zuvor – 24. November

 

Kalin entdeckte Tom Bennett, den Sicherheitsleiter des Ressorts Stone Mountain, gemeinsam mit seiner Ehefrau Ginny an einem Tisch im Mountain ChaletRestaurant in der Nähe des Kamins. Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit, bis Ben eintreffen würde, also ging sie hinüber und sagte kurz Hallo.

»Gab es heute zufällig Sicherheitsprobleme beim Training?«

Ginny antwortete anstelle ihres Mannes: »Heute ist unser Jahrestag. Unsere Hochzeit ist fünfunddreißig Jahre her, also hat sich Tom den Abend freigenommen.«

»Glückwunsch.« Kalin schüttelte seine Hand. Sie war schweißnass und deshalb glitschig. »Dann lasse ich Sie beide mal lieber allein.«

Tom hielt ihre Hand jedoch weiterhin fest und zog sie zurück.

»Ginny …« Als er sie losließ, sackte er zur Seite. Kalin lehnte sich hastig über den Tisch. Sie berührte den Stoff seines Sweaters noch mit den Fingerspitzen, bekam den Ärmel aber nicht mehr zu fassen. Sein Kopf knallte kurz darauf auf den Schieferfliesenboden.

Kalin lief um den Tisch herum und stieß neben Tom mit Ginny zusammen. Sie kniete sofort nieder, um am Hals seinen Puls zu fühlen, spürte aber leider nichts.

»Holen Sie sofort den Defibrillator«, rief Kalin dem Barkeeper zu, der sie nur begriffsstutzig anstarrte.

Während ihr Herz zu rasen anfing, zeigte sie auf eine doppelte Schwingtür, wobei sie hoffte, der Kerl bemerke ihre zitternde Hand nicht. »Den Defibrillator! Er hängt an einer Wand in der Küche.« Sie behielt ihn im Auge, bis er sich umdrehte und loslief.

Nicht weit von ihnen Dreien entfernt verharrte ein Kellner. Kalin räusperte sich, um ruhig weiterzusprechen. »Rufen Sie sofort einen Notarzt und dann den Sicherheitsdienst. Moment, nein – keinen Sicherheitsdienst, lieber die Skipatrouille.«

»Deren Nummer kenne ich leider nicht.«

Kalin warf ihm daraufhin ihr Handy zu. »Zuerst den Notarzt. Bens Nummer ist die Letzte, die ich heute gewählt habe. Rufen Sie ihn danach an. Er ist sowieso schon hierher unterwegs.«

Ginny beugte sich nun so tief über Tom, dass ihre Lesebrille von der Brust baumelte und rüttelte an seinen Schultern. »Tom, Tom. Sag doch etwas.«

Kalin hielt die Hände der Frau fest. »Er braucht eine Herzmassage. Würden Sie bitte Platz machen, ja?« Kostbare Sekunden vergingen, in denen Ginny sich zu fassen versuchte. Kalin blies dem Sicherheitsleiter zwei Mal Luft in den Mund, wobei sie den strengen Geruch von gerade verzehrtem Knoblauch verdrängte, und begann danach, auf sein Brustbein zu pressen, was man für gewöhnlich dreißig Mal hintereinander tat.

Während dieses Wiederbelebungsversuchs legte einer der Kellner behutsam ein Geschirrtuch auf Toms blutende Stirn. Nachdem sie den Vorgang noch zwei Mal wiederholt hatte, war ihr Kreuz feucht vor Schweiß. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Ginny ebenfalls neben ihr kauerte und sich hin und her wiegte, während sie »Nein, nein, nein«, vor sich hinsagte. Achte nicht auf sie, drück einfach weiter.

Sie seufzte, als Ben eine flache Hand zwischen ihre Schulterblätter legte. Nach einem weiteren dreißigsten Mal hörte sie auf zu drücken und beugte sich zur Seite, damit ihr Freund den Mann erreichen konnte. Sie stützte die Hände auf ihre Oberschenkel, ließ den Kopf hängen und brauchte einen Moment, um sich wieder zu beruhigen. Dann ballte sie die Fäuste und stand auf. Weil Staub von den Schieferfliesen an den Knien ihrer Jeans hängen geblieben war, klopfte sie ihn geistesabwesend ab und hinterließ dabei Schweißabdrücke auf dem Stoff.

Ben ließ seine Wintermütze und die Skihandschuhe achtlos auf den Boden fallen und kniete sich neben den Bewusstlosen hin. Er zerschnitt Toms Sweater, der im Zopfmuster gewoben war, und das weiße T-Shirt darunter, um an seinen Oberkörper gelangen zu können, wo er das Brusthaar an zwei Stellen wegrasierte. Dann machte er je eine Elektrode daran fest und wartete, bis der Defibrillator den Herzrhythmus analysiert hatte. »Es empfiehlt einen Stromstoß.«

Kalin zog Ginny daraufhin von ihrem Mann weg und ließ einen Arm auf ihren Schultern liegen. »Ben weiß, was er tut.«

»Ich bin bereit, also los«, sagte er. Da sich nach einem Stoß leider immer noch kein normaler Rhythmus einstellte, gab das Gerät noch zwei weitere ab.

Ben wandte sich nun von Tom ab und Kalin zu.

»Mach weiter. Ich räume in der Zeit das Restaurant.« Sie widerstand dem Drang, in Tränen auszubrechen, und wandte sich dem Barkeeper zu. »Kümmern Sie sich bitte um Ginny.«

Der Betreiber des Lokals kam nun ebenfalls aus seinem Hinterzimmerbüro.

Nachdem sie sich der Lage im Saal vergewissert hatte, ging Kalin auf ihn zu. »Helfen Sie mir bitte. Ich möchte, dass alle Gäste sofort verschwinden.«

»Aber sie essen doch teilweise noch.«

Die Unterhaltungen waren allerdings verstummt, denn alle starrten auf Ben und Tom. Ein Mann hatte sich gerade eine volle Gabel in den Mund stecken wollen und mitten in der Bewegung innegehalten. Eine Frau presste sich eine Serviette vor den Mund.

»Niemand isst hier mehr. Bieten Sie ihnen von mir aus Gutscheine oder eine vollständige Rückerstattung an. Nur schaffen Sie diese Leute hier raus, koste es, was es wolle. Sie werden bestimmt Verständnis dafür haben. Lassen Sie sich von Ihren Angestellten dabei helfen. Das wird sie ebenfalls ablenken.«

Danach kehrte Kalin zu Ginny zurück. »War Tom krank?«

Ginny wickelte sich ihren Seidenschal um Schultern und Brust, als wenn sie verhindern wollte, dass sie die Fassung verlor. »Er hatte eine Erkältung, die sich fast zu einer Lungenentzündung ausgewachsen hatte, aber es ging ihm schon wieder besser.«

»Hat er noch irgendwelche Medikamente genommen?«

Als Ginny den Kopf schüttelte, wackelten ihre Ohrringe, die Tautropfen darstellen sollten. »Ihm geht es doch bald wieder gut, oder?«

Ben versetzte Tom weiterhin Stromstöße, die der Defibrillator mit einem Ticken zeitlich abpasste, doch der Mann zeigte immer noch keinerlei Lebenszeichen.

Niemand ging deshalb auf Ginny ein.

Sie drückte eine von Kalins Händen. »Kalin?«

»Ich weiß es leider nicht.«

 

***

 

Die Sanitäter trafen ein. Einer zog eine Rollbahre hinter sich her, der andere brachte einen weiteren Defibrillator mit.

»Wieso ging das so schnell?«, fragte Kalin verwundert. Das Ressort befand sich zwischen zwei Gipfeln der Purcell Mountains in British Columbia eintausendzweihundert Fuß über dem Meeresspiegel, und zur nächsten Stadt Holden, die achtzehn Kilometer entfernt lag, gelangte man nur über einen Highway, der extrem schlecht instand gehalten wurde.

»Jemand hat uns schon früher wegen etwas anderem gerufen.« Der eine Sanitäter warf einen Blick auf die Angestellten des Restaurants, die gerade entweder Gäste hinausgeleiteten oder Rechnungen abtippten. »Wir laden ihn ein, brechen sofort auf und behandeln ihn bereits während der Fahrt.«

Die beiden hoben Tom nun auf die Bahre und rollten ihn vorsichtig zum Ausgang. Ginny hielt sich dabei an einem seiner Unterschenkel fest, um mit ihm gemeinsam bis zum Krankenwagen zu gehen.

Kalin ließ erneut den Blick durch den Saal schweifen, bis sie den Kellner erkannte, der ihr Mobiltelefon hatte. Zuerst rief sie ihren Vorgesetzten an, der auch jener von Tom war und außerdem noch den Geschäftsführer des Ressorts Stone Mountain. »Tom Bennett ist im Restaurant zusammengebrochen. Ich vermute, er hatte einen Herzinfarkt.« Sie machte eine kurze Pause, während Reed sprach, und fuhr dann fort: »Er wird gerade ins Krankenhaus gebracht. Ginny ist bei ihm.« Nachdem sie die Verbindung getrennt hatte, schaute sie sich erneut unter den übrigen Anwesenden im Lokal um.

Als die letzten Gäste verschwunden waren, stellten sich die Kellner, der Barkeeper und der Besitzer vor den Kamin. Darin züngelten die Flammen um das Holz, das einen typischen Feuergeruch verströmte. Zwei Frauen weinten, der Rest der Gruppe war still.

Ben kam nun zu Kalin, strich ihr die Haare hinter ein Ohr und legte ihr eine Hand in den Nacken. »Alles in Ordnung mit dir?«

Sie ließ sich dazu hinreißen, ihn innig zu umarmen. Dabei schob sie ihre Arme unter seine Skijacke, drückte ihre Nase in seine braunen Locken und atmete tief den Duft seines Shampoos ein. Statt zu antworten, nickte sie nur, wobei seine Bartstoppeln an ihrer Wange kratzten.

Danach zog sie ihre knielange Weste aus und legte sie ordentlich gefaltet über den nächstbesten Stuhl. Mit einem Daumen blätterte sie jetzt im Adressbuch ihres Handys und rief die Nummer der derzeitigen Bereitschaftsärztin des Ressorts an. Nach dem Gespräch mit ihr ging sie zu den Angestellten.

»Sie brauchen Zeit, um das alles zu verwinden. Unsere Ärztin ist bereits unterwegs. Sie wird eine Nachbesprechung mit Ihnen abhalten. Sollte irgendjemandem von Ihnen nach Reden zumute sein, sei es in einer Gruppe oder unter vier Augen mit ihr, gedulden Sie sich bitte noch eine halbe Stunde.«

»Ist er tot?«, fragte der Barkeeper.

Kalin presste ihre Lippen fest aufeinander, sodass sie gleichzeitig lächelte und die Stirn runzelte. Sie wusste, dass diese Miene den Eindruck von Mitgefühl erweckte. »Ich weiß es leider nicht. Gavin Reed fährt gerade zu Tom und Ginny ins Krankenhaus. Er wird mich anrufen, sobald er etwas in Erfahrung gebracht hat.«

»Mr. Bennett sah nicht gut aus«, meinte einer der Kellner.

»Nein, da haben Sie recht.« Kalin wandte sich dem Lokalbesitzer zu. »Nehmen Sie doch bitte alle mit in einen der Konferenzräume und warten Sie dort auf die Ärztin.« Das Mountain Chalet Restaurant stand am Fuß des Skihügels fünf Minuten Fußweg vom Verwaltungsgebäude entfernt, wo Kalins Personalbüro, die Buchhaltung und mehrere Konferenzräume untergebracht waren. Abstand vom Ort des Geschehens zu nehmen, würde den Angestellten bestimmt guttun. Auch sie selbst hätte das gern getan. Aber das ging noch nicht.

»Wer räumt denn jetzt die Tische ab?«, wollte der Betreiber wissen.

»Das können Ben und ich später machen. Kümmern Sie sich nicht weiter darum, was hier geschieht. Für Ihre Mitarbeiter ist Seelsorge jetzt weitaus wichtiger.«

Als Nächstes rief Kalin den Hoteldirektor an und schilderte ihm die Situation. »Wen lassen wir Blut und Körperflüssigkeiten beseitigen?«

Statt ihr eine Antwort zu geben, legte er ihr nahe, ein darauf spezialisiertes Unternehmen zur Reinigung heranzuziehen. Nun da so weit alles erledigt war, konnte sie einen ganz bestimmten Anruf nicht mehr aufschieben. Sie wählte Fred Morgans Nummer und unterbreitete ihm die Neuigkeit. Als sie hörte, wie ihm der Atem stockte, schwieg sie kurz. Fred war der Sicherheitschef und arbeitete bereits seit zwölf Jahren unter Bennett.

»Wie viele Sicherheitsleute haben momentan Dienst?«, fragte sie.

»Zwei.«

»Sie müssen darüber in Kenntnis gesetzt werden. Möchten Sie, dass ich es ihnen mitteile, oder kommen Sie persönlich her?«

»Ich komme. Danke dafür, dass Sie die Skipatrouille und nicht uns verständigt haben. Unser Team steht Tom sehr nahe. Erste Hilfe zu leisten wäre ihnen garantiert schwergefallen.«

Kalin und Ben saßen allein im Lokal, während sie darauf warteten, dass sich ihr Vorgesetzter meldete, um sie auf den neuesten Stand zu bringen. Das Einzige, was von dem tragischen Vorfall übrig geblieben war, war Bennetts zerschnittene Kleidung, die Latexhandschuhe und Blut auf den Bodenfliesen.

Ende der Leseprobe

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