101 Gedanken an Tom

INHALTSBESCHREIBUNG


Jule, genannt Jerry, leidet unter schrecklichem Liebeskummer.
Vor ziemlich genau 12 Tagen wurde sie von ihrem Freund Tom verlassen.
Tom und Jerry … eigentlich perfekt.
Eigentlich.

So aber pendelt Jule zwischen Selbstmordgedanken und Mordfantasien hin und her, zwischen Trauer und Wut und dem Versuch, alltägliche Abläufe wie Körperhygiene oder Nahrungsaufnahme nicht zu sehr zu vernachlässigen. Denn Tom geht ihr nicht aus dem Kopf. Also beschließt sie in einem Selbstversuch, ihre Gedanken an Tom zu zählen. Was anfänglich und gemessen an Jules Zustand nach einer arithmetischen Höchstleistung anmutet, leitet ganz langsam und zuerst unbemerkt einen reinigenden Prozess ein. Und genau diese Entwicklung hilft der jungen Frau, über ihren Ex-Freund hinwegzukommen und ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Ein Wegweiser der anderen Art bei Liebeskummer – für Menschen, die keine Ratgeber mögen. Oder schon erfolglos alles ausprobiert haben.

Tag 13 

Ein Morgen wie jeder andere der zwölf davor

 

Scheiße, denke ich im ersten Moment; im zweiten, dass ich üblicherweise nicht sofort nach dem Aufwachen fluche – weder laut noch stumm.

Mein Name ist Jule, Spitzname Jerry. Ich bin 27 Jahre alt, von Beruf Journalistin und wurde vor zwölf Tagen und … Moment, ich muss auf die Uhr schauen … ziemlich genau elf Stunden von meinem Freund verlassen. Thomas, Rufname Tom, 32 Jahre alt, war scharf gewesen auf eine schlanke Blondine mit riesigem Silikonbusen und prallem Hinterteil und damit so ziemlich genau das Gegenteil von mir. Und dieses lebende Klischee hat ihn nach dem Seitensprung noch in derselben Nacht mit ihrem Liebesgesäusel um den Finger gewickelt und zum Bleiben überredet. Ihren Namen wollte ich nie wissen, habe ihn dann aber doch versehentlich erfahren: Fabienne!

Keine Sorge, Sie müssen jetzt kein Bild im Kopf malen, auf dem ich im Bett neben mich greife, in der flüchtigen Hoffnung, mein Freund läge wieder neben mir und alles wäre nur ein böser Traum gewesen. Ebenso wenig brauchen Sie sich vorzustellen, wie ich mit hängenden Mundwinkeln und steiler Falte zwischen den Augenbrauen auf die Stelle starre, an der Tom noch bis vor kurzem das Laken wärmte. Ich beginne auch nicht zu weinen, sobald der Phantomschmerz bei Feststellung die Abwesenheit der pelzigen Männerbrust an meiner Seite einsetzt. Wir sind doch nicht in Hollywood!

Kennen Sie auch eine dieser Filmszenen, in welchen die Hauptdarstellerin nach der ersten gemeinsamen Liebesnacht beim Herumtasten auf der anderen Matratzenhälfte mit dämlich-verklärtem Gesichtsausdruck eine dornenlose Rose und eine Nachricht vorfindet? Diese symbolträchtige Geste bedeutet, die Frau kann fast sicher sein, dass der Mann nur frische Brötchen holen gegangen ist und nicht das letzte Mal das Bett mit ihr geteilt haben wird. Die weit ungünstigere Ausgangssituation besteht beim Auffinden eines Zettels mit den hastig darauf gekritzelten Worten: Du hast einen Besseren verdient, daher muss ich gehen. Im Falle einer solchen Situation sieht die Dramaturgie vor, dass sich die betreffende Schauspielerin kurz darauf gemeinsam mit ihren besten Freunden in ihr kleines rotes Auto quetscht, mühelos das Taxi mit ihrem Liebsten an Bord einholt, es in halsbrecherischer Geschwindigkeit – dabei jedes Ampelrot und sämtliche Einbahnstraßen ignorierend – bis zum Flughafen verfolgt, um den Typen dann in letzter Sekunde abzufangen, bevor der eine Maschine nach Rio de Janeiro besteigt und für immer aus ihrem Leben verschwindet.

Also ich würde nie … Sie etwa? Aber ich habe ja auch kein rotes Auto … und außerdem eine Heidenangst vor Verkehrsunfällen.

Doch zurück zum fehlenden warmen Körper. Der meines Ex-Freundes liegt nun seit genau zwölf Nächten nicht mehr bei mir, sondern neben zwei Gummititten. Und wäre derselbe mittlerweile schon kalt und steif, würde mich das auch nicht weiter tangieren. Natürlich ohne, dass ich diesen Zustand verursacht hätte, denn zum Morden habe ich sicher kein Talent. Ich bin ja so furchtbar ungeschickt, rutsche ständig ab und aus, schütte mir außerdem regelmäßig diverse Flüssigkeiten über die Kleidung und will mir daher gar nicht vorstellen, was im Moment von Toms Exekution alles schiefgehen könnte.

Meine Mutter sagt häufig: »Kind, konzentriere dich auf das Positive, auch in deinen schlimmsten Momenten!« Sind Sie auch so ein gnadenloser Optimist? Der selbst, wenn er sich vor Wut ankotzen möchte, noch der Sonne entgegen lächelt und sich freut, dass nicht er, sondern andere Menschen eine tödliche Krankheit in sich tragen? Der froh ist, genug zu essen zu haben, während woanders Kinder verhungern?

Schön, ich kann ja einmal versuchen, meinem gegenwärtigen Dilemma zumindest einen Vorteil abzugewinnen … Ich hab’s: Es riecht jetzt nicht mehr in meinem, sondern im Schlafzimmer meiner Kontrahentin jeden Morgen so ähnlich käsig wie nach Sex mit Mickey Mouse. Ha! Darüber hinaus kann ich wirklich froh darüber sein, dass mein Ex-Freund aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen und bei der Plastiksexpuppe für Geizkragen eingezogen ist – mehr Platz für mich! Blöd nur, dass ich jetzt die Miete alleine aufbringen muss, aber das Fehlen von Toms schalem Morgenatem gleich nach dem Aufwachen hat eben seinen Preis.

Obwohl vom Gedanken wälzen im stillen Selbstgespräch bereits 13 Minuten nach dem Aufwachen schon wieder müde, beschließe ich, aufzustehen. Nach 15 Stunden Schlaf am Stück ist das vermutlich wirklich das Beste. Wie Tom mir den Buckel hinunter kann, rutsche ich langsam in meinen bunten Einhorn-Socken Richtung Bad, eine handfeste Depression mit mir herumschleppend. Lasse ich meinen Kopf noch weiter absinken, radiert vermutlich meine Nase über den Boden. Typischer Morgenkater, nur ohne Alkohol. Anders ausgedrückt, ich bin stocksauer auf mein Schicksal und hab eine beschissen schlechte Laune.

Missmutig, um eine weitere Umschreibung für meinen Istzustand zu strapazieren, ändere ich spontan die Richtung und schlurfe mit fast noch geschlossenen Augen in die Küche. In meinen eigenen vier Wänden kann ich dankenswerterweise auf meinen Orientierungssinn verlassen, in fremden Wohnungen verlaufe ich mich im Normalfall sogar auf dem Weg zum WC – jedenfalls spätestens nach dem dritten Bier. Und fragen Sie mich bitte nicht, wie es mir in einem großen und verwinkelten Lokal geht, wo ich jedes Mal am liebsten wie Gretel Brotkrumen streuen würde, um ohne Umwege von den Toiletten zurück zu meinen Freunden zu finden.

Ich schalte die Kaffeemaschine ein und höre anstatt des üblichen gemütlichen Brummens ein hektisches Surren, so als würde das Gerät jeden Moment wie eine aufgeregte Drohne von ihrem Standplatz abheben.

»Nur die Ruhe, Schwester«, krächze ich mit meiner schönsten Morgenstimme und tätschle das auberginefarbene Gehäuse. »Zick jetzt bloß nicht herum, sonst tausche ich dich aus!«, warne ich es anschließend böse grinsend. Bei diesem plumpen Einschüchterungsversuch handelt es sich dennoch um keine leere Drohung. Tatsächlich schlummert in den Tiefen meines Küchenkastens eine zweite Maschine, identisch mit der, die nach einem leisen Zischen endlich gluckernd meinen Morgenkaffee produziert. Ich habe nämlich die Angewohnheit, wenn etwas gut und billig ist, diesen Gegenstand sofort ein zweites Mal zu kaufen.

Tom hat mich auch einfach ausgetauscht, assoziiere ich, dabei funktioniere ich doch wirklich noch einwandfrei.

Der herbe Duft eines koffeinstarken schwarzen Ethiopia Abayas zieht durch den Raum, und ich erinnere mich daran, wie sehr mein Ex-Freund den Geruch von frischem Kaffee liebte. Verdammt, schon wieder so ein unseliger Flashback, der fünfte seit dem Aufwachen. Ich komme mit Sicherheit auch heute wieder, so wie jeden Tag der zwölf davor, auf zehn bis 15 Gedanken, die meinen Ex-Freund betreffen und unnötigen Speicherplatz in meinem Gehirn belegen.

Kein Wunder, dass er mich sogar nachts verfolgt, denke ich. Die Träume handeln allerdings von Reue, Vergebung und wiederhergestellter Harmonie – scheinbar lässt es mein Unterbewusstsein nicht zu, im Schlaf ein Blutbad anzurichten. In meinen Visionen tagsüber hingegen funktioniert das fabelhaft!

Ich klebe meinen beiläufig schweifenden Blick auf eine mit Affenkopfmagneten am Eiskasten befestigte Zeichnung. Die beiden Strichmännchen, gezeichnet von der Tochter einer Freundin, stellen mich und Tom dar. Die kleine Elena hat das Bild beim letzten Grillabend angefertigt, vor drei Wochen, als ich noch nicht wusste, dass mein Ex-Freund längst Hand an eine andere Frau legt. Das Mädchen hat es doch tatsächlich geschafft, mich sogar mit ein paar wenigen geraden Linien und einigen Punkten wie ein Junge aussehen zu lassen. Keine Titten, null Hüfte und Akne im Gesicht.

Gierig schlürfe ich den Ethiopia Abaya, als handle es sich dabei um ein jungbrunnenähnlich wirkendes Lebenselixier, ziehe dann mit einer ruckartigen Bewegung die Zeichnung unter dem an der Tür des Eiskastens haftenden Affenkopf hervor und versenke sie im Altpapierkorb. Sorry, Elena.

Die nächsten Schritte, die ich nun tun muss, damit ich nicht komplett meine Selbstachtung verliere, sind die ins Badezimmer.

Während ich meine Beißerchen aus Angst vor Karies niemals vernachlässigt würde, ist es dem Rest meines Körpers in den letzten Tagen weniger gut ergangen. Aufgrund momentan nicht verpflichtend notwendiger sozialer Integration – ich habe frei, muss also nicht in die Redaktion, und besitze außerdem ausreichend Lebensmittel auf Vorrat –, sehe ich bereits recht speckig aus. Das Haar klebt in fetten Strähnen am Kopf und mein Gesicht glänzt wie traniger Fisch, der Blick aus meinen Augen in die Augen meines Spiegelbilds ist leer. Der Pyjama verströmt außerdem ein muffiges Geruchsgemisch, das ich, müsste ich es benennen, als Schweißkäsemoder bezeichnen würde. Haben Sie es jetzt auch in der Nase?

Eine Generalsanierung muss vorgenommen werden, zumindest eine des Körpers, sonst lässt sich dieser jämmerliche Zustand womöglich nicht mehr ändern und ich kann nie wieder unter Menschen gehen. Zudem will ich nicht riskieren, dass meine neugierige Nachbarin glaubt, in meiner Wohnung verwest etwas. Auf meinen vernachlässigten Geist kann ich derzeit allerdings keine Rücksicht nehmen – hoffentlich verblöde ich nicht komplett. Und die Seele wird noch schlimmer verdrecken, als sie es aufgrund des Unrats aus meiner Kindheit ohnehin schon ist. Danke Tom, du Wichser, für dieses Elend!

Ich wasche, shampooniere und rasiere, steige wenig später lavendelduftend und mit rund einem Drittel weniger Haare am Körper aus der Dusche und wickle mich in mein flauschigstes Badetuch. Zum ersten Mal seit Tagen fühle mich sogar ein bisschen wohl. Trotz des verbalen Abschusses vor zwölf Tagen – mitten ins Herz: »Jerry, ich hab mich in eine andere Frau verliebt!«

Was werde ich heute noch tun? Soll ich wieder einmal den Computer aufdrehen? Sicher quillt mein Mailkasten vor elektronischen Briefen schon über. Und im sozialen Netzwerk meines Vertrauens haben mir meine reellen und virtuellen Freunde während der Kommunikationsstoßzeit unmittelbar nach der Trennung von Tom – dieser Gedanke zählt jetzt aber eindeutig nicht, denn es handelt sich ausschließlich um eine Feststellung – wahrscheinlich bereits Hunderte Posts hinterlassen. Darunter befinden sich vermutlich zahlreiche sinnleere Fragen wie Lebst du noch *lol*?Oder, noch schlimmer, Trostparolen á la Auch andere Mütter haben hübsche Söhne. Vermutlich haben die besonders empathischen Personen sogar ein paar laientherapeutische Maßnahmen nach dem Motto Wir gehen raus und lassen es krachen! Also melde dich! vorgeschlagen. Übrigens habe nicht ich das Aus der Beziehung unserer gemeinsamen Online-Community verkündet, sondern Tom. Und der Gedanke gilt auch nicht!

Ich will den PC eigentlich gar nicht hochfahren und im Posteingang nachsehen, habe keine Lust, mich zu rechtfertigen, weil ich noch lebe, nicht an andere hübsche Söhne denken mag – außer, sie würden sich in genau diesem Moment bereits nackt und voller Sehnsucht nach mir in meinem Bett wälzen – oder zwangsbespaßt werden möchte. Da ich zudem augenblicklich sowieso über eine Aufmerksamkeitsspanne wie ein Regenwurm verfüge, sobald ich das Interesse auf andere Menschen richten muss, wäre ich kein guter Kommunikationspartner.

Und bei Ego-Floskeln in Richtung »Weißt du, auch mir wurde schon einmal das Herz gebrochen …« würde ich spontan den Wunsch verspüren, mich zu entleiben. Deshalb gehe ich ja auch nicht ans Telefon.

Geduscht und geföhnt marschiere ich erstmal in die Küche zurück. Früher habe ich einen Kaffee und eine Zigarette gefrühstückt, doch das Rauchen hat mir Tom abgewöhnt.

Gedanke Nummer acht an den Scheißkerl seit dem Aufstehen. Sollte ich vielleicht wieder damit beginnen, an mit getrocknetem Kraut gefüllten, brennenden Papierröllchen zu nuckeln? Weil‘s schmeckt! Vielleicht aber auch nur aus Trotz. Oder einfach deshalb, weil es keinen Weltfrieden gibt. Wen interessiert schon der Grund? Was meinen Sie? Zunächst einmal beschließe ich jedoch, Tabakpflanzenschützerin zu bleiben und meinen Drogenkonsum auf Kaffee zu beschränken.

Ende der Leseprobe

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