Phillip Hunter im Interview


Es ist ziemlich schwer, im Internet ein paar Infos über dich zu finden, von daher fangen wir vielleicht mit einer kleinen Vorstellung an:

Wer ist der Mann hinter der Killing-Machine-Serie?

Ja, stimmt, ich halte mich da etwas bedeckt. Ich schreibe für mein Leben gern, bin aber nicht sehr gut in solchen Dingen wie Eigenwerbung und dem ganzen Social-Media-Kram. Vielleicht sollte ich mich darum künftig etwas mehr kümmern.

Also, ich wurde 1970 in Essex geboren, am Rand des östlichen Londons. Meine gesamte Familie stammt von dort. Mein Ur-Urgroßvater kam aber tatsächlich aus Deutschland und ließ sich 1847 in Whitechapel nieder, wo er als Hafenarbeiter sein Geld verdiente.

Direkt nach der Schule bekam ich einen Job in einer großen Bank in London. Aber nach ein paar Jahren wurde mir klar, dass es nicht mein Ding war, einen Anzug zu tragen, die ganze Woche über an einem Schreibtisch zu sitzen und dort nur Zahlen hin und her zu schieben. Also schmiss ich den Job hin und reiste für ein paar Monate herum. Als ich zurückkam, hatte gerade die Rezession zugeschlagen und ich bekam keinen Job. Deshalb dachte ich, ich versuche einfach etwas zu tun, was mir Spaß macht, und ging auf die Universität, bis mir etwas besseres einfallen würde.
Die nächsten zehn Jahre habe ich dann mit verschiedenen Jobs und Reisen verbracht, aber ich habe die ganze Zeit über weiter geschrieben.

Interessant an deinem Lebensweg ist die Tatsache, dass du zum einen Englische Literatur und Drehbuchschreiben studiert hast, zum anderen aber Teil des Teams gewesen bist, welches das Humangenom entschlüsselt hat. Wie geht das zusammen?

Ich fürchte, das ist weniger interessant, als es sich anhört. Damals wohnte ich in Nord-Essex, ganz in der Nähe von Cambridge. Ich kam gerade nach ein paar Monaten aus Indien und Nepal zurück und hatte wie so oft keinen Job und kein Geld in der Tasche, also bewarb ich mich als Facharbeiter in einer örtlichen Einrichtung, in der das Genom sequenziert wurde und war schließlich für den Kapillaranordnung-Sequenzer verantwortlich. Gleichzeitig schrieb ich mich für ein Studium im Drehbuchschreiben ein und schaffte es, irgendwie beides gleichzeitig machen zu können.

Und während ich schrieb, arbeitete ich weiterhin in dem Labor. Ich hatte das Glück und die seltene Ehre, ein Teil des Humangenom-Projektes zu sein, auch wenn mein Anteil daran nur sehr, sehr klein war und das Forscherteam aus über hundert Menschen aus der ganzen Welt bestand.

Wir brauchen an dieser Stelle nicht zu erwähnen, dass wir von deinem Roman TO DIE FOR und den beiden Fortsetzungen schwer begeistert sind. Die Bücher sind unbarmherzig, trostlos, gewalttätig und desillusionierend. Joe, der Ich-Erzähler, wirkt wie der Archetyp des Antihelden; ein Mann, der sprichwörtlich nichts mehr zu verlieren hat, und es sein Leben lang nicht anders kennengelernt hat. Wusstest du von Anfang an, wie die Bücher sich entwickeln würden, oder warst du auf gewisse Weise selbst von deinen Ideen und der düsteren Stimmung überrascht?

Als ich anfing, TO DIE FOR zu schreiben, plante ich die Geschichte als eigenständige, abgeschlossene Erzählung. Irgendwann war der Roman fertig und ich war sehr zufrieden damit. Nach einer Weile aber dachte ich darüber nach und fragte mich: Was, wenn es eine Fortsetzung geben würde? Wie könnte diese aussehen?
Ich dachte weiter darüber nach, und bekam eine Idee, wie ich sie zumindest anfangen würde. Und bevor ich mich versah, hatte ich ein zweites Buch geschrieben.

An dem Punkt angekommen dachte ich wieder, dass ich die Geschichte zu Ende erzählt hätte, aber mein Agent – Peter Buckman von Ampersand – hatte einen Vertrag über drei Bücher abschließen können, also musste ich ohnehin ein drittes Buch schreiben.

Um ehrlich zu sein, war ich schon erstaunt darüber, dass ich überhaupt ein zweites Buch schreiben konnte, wo ich das doch eigentlich gar nicht geplant hatte. Und ich war noch erstaunter, als das mit dem dritten Buch wieder klappte. Von daher – ja, ich war tatsächlich von meiner Vorstellungskraft ein wenig überrascht. Es ist schon faszinierend, was man erreichen kann, wenn man erst einmal eine Herausforderung angenommen hat.

Was die dunkle Seite in meinen Büchern angeht, habe ich versucht, diese mit etwas Humor aufzuhellen, auch wenn der für Joe, dem Ich-Erzähler, typische Humor eher trocken und zynischer Natur ist. Ich finde, er und ein paar andere Charaktere sind tatsächlich recht witzig, insbesondere Brown. Ich glaube nicht, dass ich diese Bücher gänzlich ohne ein paar Lichtblicke und sogar ein paar romantische Szenen hätte schreiben können.

Außerdem dachte ich, dass man Joe die Chance geben sollte, sich zu ändern und zu verstehen, warum er zur »Killing Maschine« wurde. Charaktere wie Brenda, Kid und Browne stellen für mich das moralische Zentrum der Bücher dar, und sie haben auf Joe ihren Einfluss … zumindest ein bisschen.

Die Unterwelt Londons, wie sie in TO DIE FOR beschrieben wird, hat so gar nichts mit dem London zu tun, welches wir gemeinhin von Urlaubsreisen kennen, und doch hat man das Gefühl, dass die Handlungsorte authentisch und glaubhaft beschrieben wurden. Dichterische Freiheiten einmal außer Acht gelassen – wie realistisch ist deiner Meinung nach deine Beschreibung des kriminellen Milieus? Und wie sahen deine Recherchen auf diesem Gebiet aus?

London ist eine außergewöhnliche Stadt. Ich denke, das konnte man anhand der jüngsten Ereignisse erst wieder beobachten. Hier herrscht eine ganz wundervolle Stimmung, und die Stadt ist so ziemlich unzerstörbar. Aber wie jede andere Stadt hat auch London seine Schattenseiten, die Außenstehende kaum zu Gesicht bekommen. Für mich hat die zweitausend Jahre alte Geschichte Londons mindestens so viel mit Gewalt und Kriminalität zu tun wie mit Kunst, Geld, Wissenschaft, Politik und dem Königshaus. Oft hingen diese Dinge auch zusammen: Henry VIII ließ im alten London nur aus Spaß Königinnen hinrichten, Shakespeares Zeitgenosse Christopher Marlowe wurde wahrscheinlich aufgrund seiner illegalen Aktivitäten in Deptford umgebracht, die Kray-Zwillinge gaben sich mit der High Society und Filmstars ab, Boudica ermorderte Tausende und ließ London im Jahre 60 nach Christus bis auf die Grundmauern herunterbrennen, König Richard der Dritte ließ höchstwahrscheinlich die Fürstin im Tower umbringen, Guy Fawkes versuchte, das Parlamentsgebäude in die Luft zu jagen, und Jack the Ripper brachte in Whitechapel Prostituierte um und wurde zusammen mit Bill Sykes, Moll Flanders, Sweeney Todd und Professor Moriarty eine gefeierte Figur aus Dichtung und Wahrheit. Es ist genau diese faszinierende Verbindung mit den dunklen Seiten des Lebens, die ich so spannend finde. London fühlt sich in vielen Dingen so an, als hätte man die ganze Welt in dieser Stadt destilliert. Und wäre sie nicht so interessant, hätten wir wahrscheinlich nie etwas von Jack the Ripper gehört.

Die Orte, über die ich schreibe, kenne ich persönlich sehr gut, da brauche ich nicht viel zu recherchieren. Ich habe in Gegenden wie Aldgate und Kings Cross gearbeitet, oder auf Fabrikgeländen wie in Barking und Dagenham oder nördlich der North Circular. Ich bin in Tottenham aufs College gegangen. Außerdem habe ich oft Orte wie Hackney, Dalston und Clapton besucht. Nachts habe ich in Kings Cross gearbeitet, stand für Fish & Chips in der Schlange und hab mich mit den Prostituierten unterhalten. Das Kasino in TO DIE FOR ähnelt denen, die ich im West End besucht habe. Den Snooker Klub besuchte ich regelmäßig mehrmals die Woche – und dort lungerten immer die Jugendlichen in den Ecken herum und verkauften Pot. Oh, und meine Großmutter kam in Whitechapel zur Welt, nur wenige Monate, nachdem Jack the Ripper dort sein Unwesen trieb.

Was die Schilderungen von Gewalt und Kriminalität in meinen Büchern anbelangt, ist es meine Hauptintention, diese so realistisch wie nur möglich darzustellen. Verbrechen – und insbesondere Gewalt – sind brutale, angsteinflößende Dinge. Daran ist nichts Glamouröses, das ist nicht heldenhaft oder cool. Auf jeden Täter kommen unzählige Opfer. Und wie überall im Leben sind es die Schwachen, die am meisten zu leiden haben. Zu Anfang ist Joe noch jemand, der unschuldige Opfer auf seinem Weg hinterlässt, aber im Laufe der Trilogie bekämpft er Menschen, deren Taten noch weitaus schlimmer sind und wird so zu einer Art Verteidiger der Unschuldigen.

Die einzigen Recherchen, die ich wirklich betrieb, betrafen die spezifischen kriminellen Organisationen. Wann immer mir die Idee für ein bestimmtes Verbrechen kam, las ich in Zeitungen und Magazinen nach, und recherchierte online, ob es ein solches Verbrechen schon einmal irgendwo gab. Wenn ich etwas in der Art fand, beruhigte es mich zu wissen, dass ich mit meiner Geschichte nicht zu weit gegangen war. Wobei ich sagen muss, dass die Vorstellungskraft eines Autors kaum die Gier echter skrupelloser Krimineller überbieten kann.

Wie hast du mit Schreiben angefangen? Gab es ein bestimmtes Buch oder einen Moment in deinem Leben, der den entscheidenden Ausschlag dafür gab?

Ich habe schon immer viel gelesen, und als Teenager entdeckte ich meine Liebe für das Kino. Von da an wollte ich im Filmbusiness arbeiten – als Drehbuchautor vielleicht oder als Kameramann. Dann studierte ich Englisch an der Uni und fand so heraus, dass ich mich auf das Schreiben konzentrieren wollte.

Wenn ich einen Autor benennen sollte, der den entscheidenden Funken in mir zündete, dann wäre das Raymond Chandler. Mit achtzehn begann ich, seine Romane zu lesen. Ich saß mit seinen Büchern in der U-Bahn und wurde förmlich ins Kalifornien der Dreißigerjahre gesogen. Ich mochte Philip Marlowes Ehrbegriff, aber auch seinen trockenen Humor und seine bescheidene Art. Diese Bücher sprühen vor Stil und Witz.

Wie sieht ein typischer Schreiballtag für dich aus?

Ich habe eigentlich keinen typischen Ablauf. Es hängt immer davon ab, was ich gerade schreibe, und wie weit ich mit einem Projekt bin. Wenn ich zum Beispiel versuche, mir einen Plot auszudenken, nehme ich meine Notizen mit in den Pub oder in ein Café. Dort sitze ich dann für ein paar Stunden, versuche, Verbindungen zu ziehen, folge möglichen Handlungssträngen und jongliere mit überraschenden Wendungen, um zu sehen, was davon funktioniert.

Wenn ich mich dann im Schreibprozess selbst befinde, mache ich mir meistens eine Tasse Tee und setze ich mich an meinen Schreibtisch (so wie jetzt), setze meine Kopfhörer auf und schreibe drauflos. Wenn ich an einen Punkt komme, wo es nicht mehr weitergeht, überspringe ich den Part einfach oder kehre an eine frühere Stelle zurück.

Meistens schreibe ich am Nachmittag oder in den Abendstunden. An den Wochenenden auch schon mal nach dem Mittagessen. In meiner Wohnung liegen überall Notizbücher und Stifte herum. Oft kommen mir irgendwo irgendwelche Ideen, und dann muss ich sie aufschreiben. In Gedanken ist man immer bei seinem Stoff.

Eines deiner nächsten Projekte ist eine Mysterie-Serie, die im London der Dreißigerjahre spielt. Was kannst du uns darüber verraten?

Ich wollte mich an einem etwas fröhlicherem versuchen, und etwas im klassischeren Stil. Also schrieb ich den ersten Teil einer Serie, in deren Mittelpunkt Max und Martha Dalton stehen, ein wohlhabendes Ehepaar. Die Geschichten erinnern an den Stil von Dashiell Hammetts »Der dünne Mann«-Romane, oder an die Hitchcock-Filme »Eine Dame verschwindet« und »Die 39 Stufen«.
Der erste Teil der Serie trägt den Titel »Roll Call«.
Max wird von der Polizei wegen Mordes an seinem ehemaligen Armeefreund verdächtig – nicht zuletzt auch deshalb, weil die beiden ein dunkles Geheimnis verbindet, welches zwanzig Jahre zurückreicht, in die Zeit des Ersten Weltkrieges und der Flandernschlachten um Passchendaele. In ihrem Bemühen, den Fall aufzuklären, treffen Max und Martha unter anderem auf den britischen Secret Service, Winston Churchill, den deutschen Botschafter, ein ungeschicktes Dienstmädchen, einen liebeskranken Fleischer und natürlich Scotland Yard, vor denen sie auf der Flucht sind. In der Geschichte geht es hauptsächlich um Mord, Verrat und viel zu viel Alkohol.

In einem Interview auf www.nudge-book.com hast du zudem einen Krimi bzw. Verschwörungsthriller über einen ehemaligen Beamten der britischen Staatspolizei und der Tochter einer führenden IRA-Persönlichkeit erwähnt. Kannst du uns darüber noch etwas mehr verraten? Der Stoff allein hört sich schon einmal sehr filmisch an.

Das Buch wird »The Blood of Years« heißen, und sich mit den Konsequenzen beschäftigen, die das Leben der beiden Protagonisten nach sich zieht.
Zwanzig Jahre nach dem offiziellen Waffenstillstand mit der IRA begibt sich die Tochter eines ehemals ranghohen IRA-Funktionärs auf die Suche nach jenem Polizeibeamten namens Byrne, den sie für den Tod ihres Vaters verantwortlich hält, um ihn umzubringen. Byrne ist unterdessen damit beschäftigt, die entführte Tochter eines Londoner Gangsterbosses aufzuspüren. Schließlich kreuzen sich die Wege der beiden, und die Wahrheit über die Vergangenheit kommt ans Licht, eine Wahrheit, die immense Auswirkungen für viele der Charaktere in dem Buch hat.

Wer wäre besser geeignet, interessante Bücher zu empfehlen, als unsere Autoren selbst. Wenn du ein paar Bücher nennen müsstest, die dich in der letzten Zeit regelrecht umgehauen haben, welche wären das, und warum?

Komischerweise habe ich in den letzten Jahren hauptsächlich Fach- und Sachliteratur gelesen. Zum Teil, weil ich mich sehr für Geschichte und Kunst interessiere, und weil ich für meine Bücher recherchieren wollte.

Wenn du von mir wissen willst, was für mich die besten Kriminalromane oder Hardboiled-Krimis sind, würde ich dir die Wyatt-Romane von Garry Disher ans Herz legen. Über die bin ich vor ein paar Jahren gestolpert. Die sind hart und extrem gut geschrieben.
Ich bin durch Richard Starks großartige Parker-Romane auf Wyatt gestoßen. Sowohl die Wyatt- als auch die Parker-Romane sind hardboiled durch und durch. Ein weiterer, ebenfalls fantastischer Autor, den ich in der letzten Zeit gelesen habe, ist Dennis Lehane.
Und wen das Genre generell interessiert, dem würde ich die folgenden fünf Romane empfehlen – jeder für sich ein harter, zynischer, trotzdem poetischer, hammerharter und stilistischer Klassiker:

Double Indemnity & The Postman Always Rings Twice by James M. Cain, Rote Ernte & Der Malteser Falke von Dashiell Hammet, und die Get-Carter-Romane von Ted Lewis.

Und zum Schluß – von welcher Interviewfrage würdest du dir wünschen, dass man sie dir endlich einmal stellt, und was wäre deine Antwort darauf?

Ich würde gern einmal gefragt werden, warum ich überhaupt schreibe, und meine Antwort würde lauten:

Ich schreibe, um zurückzuschlagen.
Die wenigsten Menschen haben die Möglichkeit, für die Dinge zu kämpfen, an die sie glauben, oder gegen die Dinge vorzugehen, die sie hassen. Deshalb sind sie oft frustriert, wütend, haben das Gefühl, nicht beachtet zu werden, oder nur dann, wenn irgendwelche Politiker wieder gewählt werden wollen.

Ein paar von uns aber haben das große Glück, ihre Meinung nach draußen zu tragen und zu hoffen, dass ihnen jemand zuhört. Ich würde nicht so weit gehen, mich als Kämpfer gegen das Unrecht oder gegen Unmenschlichkeit oder Gier und Lügen oder gegen das ungehinderte Treiben riesiger Firmen oder Regierungen zu bezeichnen, aber ich schreibe über solche Dinge und andere Umstände, die mich wütend machen oder die mich inspirieren. In diesem Moment wächst das Schreiben über eine reine Arbeit hinaus und wird zu etwas größerem, einer Verstärkung der eigenen Gedanken und Gefühle, der Raserei und der Liebe.

Ich schreibe, um mich selbst herauszufordern, um mich zu testen.
Ich schreibe, weil ich es liebe und weil ich es einfach tun muss. Durch meine Adern fließt Tinte.


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