Die dreizehn größten Autorenirrtümer


von Andreas Gruber

 

  1. Ich dachte …

… als Autor genügt es, Talent und Ideen zu haben, um leicht einen Verlag zu finden.

In Wahrheit …

… waren das gleich meine ersten beiden Irrtümer. Talent allein genügt nicht, denn Schreiben ist ein Handwerk, das wie jeder andere Beruf erlernt werden muss. Eine Faustregel besagt, dass man etwa zehn Jahre benötigt, bis man seinen ersten Roman in einem Großverlag veröffentlicht hat. Bei mir dauerte es vierzehn Jahre. Dazwischen sollte man Creative Writing Bücher lesen, Autorenworkshops besuchen, Autorengruppen beitreten, deren Mitglieder sich gegenseitig die Texte lektorieren, mit Testlesern zusammenarbeiten, sich von Lektoren beraten lassen und üben, üben und nochmals üben. Und selbst dann gibt es keine Garantie, einen Großverlag für seinen Roman zu finden. Dazu ist dann nochmal eine große Portion Glück notwendig, das richtige Thema zur richtigen Zeit einem Lektor anzubieten, der an den Autor glaubt und versucht, seinen Bekanntheitsgrad langsam aufzubauen.


  1. Ich dachte …

… dass ich intensiver und fleißiger schreiben würde, wenn mir mehr Zeit zur Verfügung steht.

In Wahrheit …

… hemmt mich mehr Freizeit. Es klingt paradox, aber tatsächlich ist es so. Kaum musste ich eine Woche lang nicht zu meinem Brotjob ins Büro, sondern war stattdessen zu Hause, dachte ich, dass ich in dieser Zeit enorm viel schaffen könnte. Doch einen Großteil dieser Zeit verplemperte ich im Internet und mit Tätigkeiten, die ich in einer stressigen Zeit niemals getan hätte. „Morgen beginne ich mit der Arbeit“ lautete mein täglicher Vorsatz, zu der es dann aber selten kam. Besser war es also – zumindest für mich –, sich täglich nur ein paar Stunden für das Schreiben bereit zu halten und diese Zeit intensiv zu nutzen.


  1. Ich dachte …

… mit genügend Erfahrung würde ich eines Tages aufs Plotten verzichten können und wie Stephen King meine Romane aus dem Bauch heraus schreiben können.

In Wahrheit …

… ist dieser Moment noch nicht gekommen. Und ich wage zu bezweifeln, ob er überhaupt jemals kommen wird. Vor allem als Krimi- und Thriller-Autor. Oft wird mir nach Lesungen die Frage gestellt, ob ich als Autor, wenn ich an einem Roman zu schreiben beginne, selbst schon den Mörder kenne. Natürlich wäre es da eine überaus lässige Antwort zu sagen: „Nein, zu diesem Zeitpunkt weiß ich es noch nicht. Ich lasse mich von der Handlung überraschen. Ich warte, wie sich die Figuren entwickeln. Den Mörder finde ich immer erst gegen Ende des Buches.“

Klingt gut – ist aber nicht so!

Würde ich so arbeiten, müsste ich nicht nur die Motivation und Handlungsweise des Mörders komplett neu überdenken und das Buch von Grund auf überarbeiten, sondern große Teile des Buches sogar völlig neu schreiben. Ein Thriller mit Rückblenden und mehreren Handlungssträngen, die noch dazu zu einer nur wenige Tage dauernden Handlung zusammengedampft werden, muss auf einem raffiniert aufeinander abgestimmten Zeitgerüst basieren. Ich muss wissen, an welcher Stelle ich welche Informationen dem Leser serviere, damit ich auf nichts vergesse und nichts unnötig doppelt erkläre. Die Motivation aller Figuren muss von Anfang bis Ende in sich stimmig und plausibel sein, nichts darf dem Zufall überlassen sein – und doch müssen die Wendungen so überraschend sein, dass sie der Leser nicht vorhersehen kann.

Lange Planung, viele Gespräche mit Testlesern und intensive Recherchearbeit sind dazu nötig. Ich bin noch weit davon entfernt, einen solchen Roman ohne Plot aus dem Bauch heraus zu schreiben.


  1. Ich dachte …

… dass die Texte nach intensivem Überarbeiten stets perfekt seien und ich vor allem bei Kurzgeschichten keine Testleser mehr heranziehen müsste, bevor ich die Storys Verlagen anbiete.

In Wahrheit …

… bin ich immer noch betriebsblind gegenüber meinen Fehlern. Aus einem leisen Bauchgefühl heraus gebe ich die Texte dann doch immer wieder Testlesern, mit der Erwartung, dass sie ohnehin keine gravierenden inhaltlichen Fehler finden, da ich bereits alles in der Story berücksichtigt habe: Genialer Plot, überraschende Wendungen, ausgefeilte Charaktere, brillante Dialoge und eine knallige Pointe.

Doch dann kommt fast immer derselbe Kommentar: „Oh je, in diese Story musst du noch viel Arbeit stecken.“

„Warum?“

„Die Handlungsweise der Charaktere ist nicht plausibel. Die Motivation der Figuren lässt sich nicht nachvollziehen. In welcher Jahreszeit spielt die Handlung eigentlich? Und vor allem wo? Diese Szene ist nicht spannend. Das Ende ist vorhersehbar. Dieser Charakter agiert plump und naiv. Dieser Dialog ist hölzern. Hast du diesen Punkt auch wirklich recherchiert? Wie kommen diese Figuren eigentlich auf genau diese Schlussfolgerung?“

Und so weiter, und so fort.

Darum habe ich mir angewöhnt, auch die meiner Meinung nach besten Texte immer wieder Testlesern zu geben, denn sie finden immer etwas. Und auch wenn ich mich anfangs gegen die Überarbeitung wehre, merke ich spätestens bei der Überarbeitung, dass sie dem Text, der Handlung und den Charakteren gut tut.

Und noch etwas: Die Testleser haben immer recht!


  1. Ich dachte …

… wenn ein professioneller Veranstalter eine Lesung organisiert, muss ich mich um nichts mehr kümmern.

In Wahrheit …

… sollte man sich nie auf die Organisation verlassen. Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört? „In unserem Saal brauchen Sie kein Mikrofon, da wir eine so gute Akustik haben.“

„Könnten Sie sicherheitshalber doch ein Mikrofon organisieren?“, bitte ich dann regelmäßig.

„Wenn Sie unbedingt meinen.“

Und wie sich herausstellt, habe ich es immer gebraucht. Mit Mikrofon klingt es einfach besser, vor allem bei geflüsterten oder wie in Gedanken gesprochenen Dialogstellen.

Sicherheitshalber versichere ich mich ein paar Tage vor der Veranstaltung, dass ein bodenlanges Tuch über dem Tisch liegt, damit die Zuhörer nicht von meinen zappelnden Beinen abgelenkt werden, dass ich eine Leselampe auf dem Tisch habe, dass der Buchhändler den Büchertisch auch wirklich mit den aktuellen Büchern ausgestattet hat und dass die Lesung auch ausreichend mit Plakaten und via Facebook angekündigt wurde.

Denn wie oft habe ich diesen Satz schon gehört: „Wir dachten, wir müssten keine Werbung machen, allerdings haben wir nicht bedacht, dass heute so schönes Badewetter ist, ein Ländermatch im Fernsehen läuft und Simon Beckett und Jussi Adler-Olsen heute Abend in einem Saal nur wenige Meter weit entfernt lesen.“

Tja, dumm gelaufen!

Außerdem mache ich eine Stunde vorher immer einen Soundcheck, denn oft geht die Funkanlage gar nicht, es gibt hässliche Rückkoppelungen, oder der Mikroständer lässt sich nicht verstellen, der Tisch wackelt oder die Lampe funktioniert nicht.

Alles schon erlebt. Mehrfach und gleichzeitig!

Und eines noch: Sprechen Sie sich mit dem Veranstalter ab, wie er Sie ankündigen soll. Nichts ist peinlicher, als wenn man den Veranstalter nach seiner Rede korrigieren muss, dass man nicht fünf Bücher, sondern schon fünfzehn Bücher veröffentlicht hat, aber die Gesamtauflage nicht 300.000 sondern nur 30.000 Exemplare beträgt.


  1. Ich dachte …

… dass eines Tages der Zeitpunkt kommen würde, an dem ich nur noch vor mindestens vierzig bis fünfzig Zuhörern lesen und dafür immer ein sattes Honorar erhalten würde.

In Wahrheit …

… sind das gleich zwei Irrtümer. Manche Lesungen halte ich nur vor fünf bis zehn Zuhörern. Manche Veranstalter bieten sogar an, die Lesung abzusagen, wenn es zu wenige Voranmeldungen gibt. Dabei geht es bei Lesungen gar nicht darum, vor möglichst vielen Zuhörern zu lesen. Ein Irrglaube! Eine Lesung ist nicht dann erfolgreich, wenn die Buchhandlung gerammelt voll ist und möglichst viele Bücher verkauft werden. Nein, bei Lesungen geht es um den Kontakt zum Buchhändler!

Man muss nicht nur die Leser überzeugen, sondern vor allem auch den Buchhändler. Wenn der von Lesung und Buch überzeugt wurde, wird er das Buch nachbestellen und es seinen Kunden empfehlen. Und dieser Effekt ist nachhaltig. „Unlängst war der Autor So-und-So bei uns und hat dieses Buch vorgestellt. Grandios, sage ich Ihnen!“

Es geht um Mundpropaganda!

Wenn Sie sich ins Zeug legen, wird die begeisterte Buchhändlerin – sogar bei fünf Zuhörern – Ihr Buch nicht nur empfehlen und weiter bestellen, sondern Sie auch nächstes Jahr wieder für eine Lesung buchen. Und dann können Sie davon ausgehen, dass mehr Leute zur Lesung kommen werden.

Und was das Honorar betrifft: Newcomern und jungen Autoren würde ich empfehlen, wenn sich die Möglichkeit ergibt, auch für weniger Honorar zu lesen. Dann haben Sie zwar hundert Euro weniger in der Brieftasche, aber einen begeisterten Buchhändler, der Werbung für Sie macht. Und nächstes Jahr können Sie dann Ihr übliches Honorar verlangen.

Und noch ein Tipp: Signieren Sie nach der Lesung einige Buchexemplare für den Buchhändler. Nicht weil er sie dann signiert an seine Kunden verkaufen kann, sondern weil er sie dann nicht mehr an den Verlag zurückschicken kann und verkaufen muss!


  1. Ich dachte …

… wenn ich mal bei einer Literaturagentur unter Vertrag bin, muss ich nicht mehr Klinkenputzen gehen und meine Manuskripte würden sich problemlos wie geschnitten Brot verkaufen.

In Wahrheit …

… geht es mit der Knochenarbeit dann erst so richtig los, da es eine zusätzliche Ebene gibt, der ich mein Manuskript „verkaufen“ muss.

Denn ein guter Literaturagent nimmt nicht jedes Manuskript, sondern nur jene Manuskripte, von denen er überzeugt ist, dass es Chancen bei einem Verlag hat. Und der Literaturagent kennt die Branche besser als ich, d.h. er weiß, wonach zurzeit gesucht wird.

Insgesamt musste ich meinem Literaturagenten anfangs zehn Exposés inklusive jeweils dreißig Seiten Leseprobe liefern, bis er eines davon herausgepickt und in seinen Projektkatalog aufgenommen hat, mit dem er zur Frankfurter Buchmesse gereist ist, um es Verlagen anzubieten.

Warum die anderen neun nicht?

Weil es die Handlung in diesem oder jenem Verlag schon mal gab und das Buch grandios gefloppt ist. Weil die Handlung zwar gut ist, aber dieses Vatikan-Thriller-Genre bereits wieder im Abklingen ist. Weil dieser Schauplatz – Kriegsgebiet im Kosovo – nicht attraktiv genug ist, damit Leser dieses Buch kaufen würden. Wir brauchen also eine sexy Location, wie es so schön heißt.

Weil dieser Charakter – ein Verrückter in einer Irrenanstalt – als Erzählperspektive nichts taugt, weil sich die Leser nicht damit identifizieren wollen. Da fast alle Charaktere in diesem Roman Männer, aber 80% aller Leser Frauen sind, bräuchten wir starke und taffe Frauencharaktere in der Handlung.

Weil das Genre nicht astrein definiert und ein so genanntes Crossover-Projekt ist, das kein Verlag kaufen würde, da die Buchhändler nicht wissen, in welches Regal sie den Roman stellen sollen.

Lange Rede – kurzer Sinn: Zuerst muss einmal der Literaturagent von dem Projekt überzeugt werden, um danach die nächste Hürde zu klimmen: den Verlag zu überzeugen.


  1. Ich dachte …

… dass meine Lektorin nur Rechtschreibung, Grammatik, Tippfehler, Wortwiederholungen und stilistische Fehler korrigieren würde.

In Wahrheit …

… hat sie eine Menge Ahnung von Spannungsbögen, Erzählstrukturen, Charakteren und ein gutes Bauchgefühl für die Handlung, mit dem sie nicht hinterm Berg hält. Bevor das Manuskript stilistisch überarbeitet wird, kommen also Vorschläge zur inhaltlichen Korrektur. Manche Szenen sollten gekürzt werden, aber nicht, damit das Buch dünner wird, um Druckkosten zu sparen – denn das ist völlig irrelevant – sondern, weil die Leser immer ungeduldiger werden, in der Handlung weiter voranschreiten möchten und schon gar nichts langwierig oder mehrfach erzählt bekommen wollen.

Manche Szenen sind doppelt gemoppelt, wodurch eine ersatzlos gestrichen werden kann. Andere Szenen sollten noch ausgebaut werden, manche Szenen sollten überhaupt neu dazu erfunden werden.

Manche Charaktere könnten zu einer Figur zusammengedampft werden, sodass sich aus zwei schwachen Figuren eine starke ergibt. Manche Szenen im Showdown sollten anders aufgebaut werden. Hier fehlt noch eine plausible Begründung, dort fehlt noch ein Übergang. Dieses Kapitel könnte womöglich aus einer anderen Erzählperspektive besser erzählt werden. Mit einem Wort, die Datei ist voll mit roten Kommentaren.

Anfangs wehrte ich mich innerlich noch gegen diese Änderungen, da sie enorme Arbeit bedeuteten und ich nicht sicher war, ob sie für die Handlung tatsächlich förderlich waren. Aber sobald ich sie in Angriff genommen hatte, merkte ich, dass sie dem Buch gut taten.

Gute Lektoren versuchen das Buch besser zu machen und die Stärken des Autors und das Potential des Romans herauszuarbeiten. Schlechte Lektoren wollen ihren eigenen Stil und ihre eigenen Ideen ins Buch bringen. Aber schlechte Lektoren arbeiten sowieso nicht lange in der Buchbranche, also sollten wir unseren Lektoren ganz einfach vertrauen.

Mittlerweile ist es so, dass ich sowohl meine Lektorin als auch meine Testleser bereits in der Phase des Brainstormings vor dem Erstellen des Exposés einbinde, weil sie so gute Ideen haben und mich vor Sackgassen bewahren, in die ich mich mit meiner Betriebsblindheit und Themen-Verliebtheit eventuell hineinmanövriert hätte.

Darum sind meine Danksagungen am Ende des Buches auch so lange.


  1. Ich dachte …

… dass die Sache gegessen sei, wenn ich erst einmal meinen Literaturagenten und meine Lektorin von dem Thema überzeugt habe.

In Wahrheit …

… geht es dann erst so richtig los, mit der Überzeugungsarbeit. Denn zu einem Zeitpunkt, an dem das Buch etwa zur Hälfte in der Rohfassung vorliegt, bittet mich meine Lektorin um eine erste Leseprobe von etwa hundert Seiten.

Wozu?

Weil der Vertrieb schon neugierig ist, wie das Buch beginnt. Anfangs dachte ich, das sei bloß eine Schikane, um mich zum schnelleren Arbeiten zu drängen. Tatsächlich wollen die Kollegen aus dem Vertrieb, der Werbung und dem Marketing aber schon ins Buch lesen.

Warum?

Ein passendes Titelbild soll gefunden werden, ein Klappentext soll entworfen und die Werbung für den neuen Buchkatalog designt werden, der Veröffentlichungstermin muss auf andere ähnliche Genreromane abgestimmt werden und die ersten Gespräche mit den Buchhändlern erfolgen bereits.

Hat die Lektorin es geschafft, dass der Vertrieb bei der Vertretertagung von „ihrem“ neuen Buch überzeugt ist, wird es entsprechend angepriesen. Und so bekomme ich öfter zu hören: „Der Vertrieb würde sich freuen, wenn …“

Schließlich können die Vertreter nicht bei jedem Besuch in der Buchhandlung zu jedem neuen Buch den Satz abspulen: „Dieser Thriller ist der Hammer! So etwas haben Sie noch nicht gelesen. Grandios! Ihre Kunden werden begeistert sein.“

„Mein Gott, das erzählen Sie mir schon seit über zehn Jahren über jedes Buch“, bekommen sie dann zu hören und verlieren so ihre Glaubwürdigkeit.

Ein guter Vertreter muss aber seriös bleiben und eine Ahnung davon haben, was er anbietet.

Letztendlich ist ein Verlag nichts anderes als eine Firma, die ein Produkt auf den Markt bringt, das sich gut verkaufen und womöglich gegen die Produkte der Konkurrenz durchsetzen soll. Mit über 80.000 Neuerscheinungen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt jedes Jahr ist das kein leichtes Unterfangen.


  1. Ich dachte …

… dass das Thema nun endgültig gegessen sei, wenn ich erst einmal den Vertrieb von meinem neuen Buch überzeugt habe.

In Wahrheit …

… ist das nur die halbe Miete. Denn die Vertreter eines Verlages besuchen – wie vorhin beschrieben – die Buchhändler und preisen ihre Ware an.

Zuletzt muss also noch der Buchhändler von dem Buch überzeugt werden. Darum gibt es vorab auch Lese-Exemplare, die dem Buchhandel zur Verfügung gestellt werden. Gefällt dem Buchhändler der Roman, wird er ihn auch seinen Kunden empfehlen. Bekommt er von ihnen eine positive Rückmeldung, wird er das Buch weiterhin bestellen. Verkauft es sich gut, wird er auch die Backlist des Autors, also seine gesamten älteren Werke, bestellen und ins Regal stellen.

Das heißt, Vertrieb und Buchhandel müssen einen Autor erst langsam aufbauen, indem sie ihn bekannt machen. Und dieser Prozess dauert in der Regel mehrere Jahre.


  1. Ich dachte …

… sobald ich einen Roman in einem Großverlag untergebracht hatte und dieser in den Buchläden liegt, würde mich dieser Verlag auf Lesereisen schicken.

In Wahrheit …

… kann man nur dort lesen, wo man gebucht wird, und der Verlag hat keinen Einfluss darauf. Er druckt zwar den Button „Der Autor steht für Veranstaltungen zur Verfügung“ in den Buchkatalog, aber dann kommt es darauf an, ob Buchhändler, Bibliotheken oder Veranstalter von Literaturfestivals beim Verlag wegen einer Lesung anfragen. Wird man sich über Termin und Honorar einig, kommt es zu einem Lesungsvertrag. Und wenn man Glück hat, kann man mehrere Lesungen zu einer Lesereise kombinieren. Allerdings steckt da viel Organisation dahinter, die man in der Regel selbst stemmen muss.


  1. Ich dachte …

… sobald einmal ein Regisseur von einem Roman überzeugt ist und die Filmrechte verkauft wären, würde es eine Verfilmung geben.

In Wahrheit …

… muss man den Produzenten einer Filmfirma von dem Stoff überzeugen, der den Film zu finanzieren versucht, das Drehbuch schreiben lässt und einen Regisseur engagiert, der ein Casting macht.

Angesichts der Tatsache, wie viele schlechte Filme es gibt, höre ich oft die Frage: „Wann wird denn mal etwas von Ihnen verfilmt? Eine Verfilmung liegt doch auf der Hand. Ihre Bücher sind doch spannend.“

Vielleicht stimmt das sogar, aber trotzdem – so einfach ist das nicht. Denn zunächst wird die Option auf das Filmrecht verkauft, d.h. die Produktionsfirma sichert sich für ein, zwei oder drei Jahre das Recht, den Film machen zu dürfen, ohne dass der Autor in dieser Zeit das Recht einer anderen Firma anbieten darf.

Wird die Option gezogen, sind sich alle einig, und es wird versucht, den Film zu drehen. Eine Garantie ist das aber immer noch nicht, dass ein Film entsteht, da es noch Dutzende Gründe geben kann, die eine Produktion stoppen können.

Falls die Option aber nicht gezogen wird, fallen die Rechte an den Autor zurück. Ich würde mich also hüten, eine geplante Verfilmung meines Romans groß hinauszuposaunen, solange der erste Drehtag noch nicht begonnen hat.

Mit dem Verkauf von Filmoptionen wird man übrigens nicht reich, aber es ist ein schönes Gefühl, wenn man merkt, dass sich jemand für den Stoff interessiert und sich dafür einsetzt.


  1. Ich dachte …

… Werbung für das neue Buch macht der Verlag mit seiner Vertriebsmannschaft und ich muss mich nicht mehr darum kümmern, sondern habe von nun an mehr Zeit zum Schreiben.

In Wahrheit …

… bleibt mir weniger Zeit zum Schreiben als vorhin. Denn Verlage brauchen die Unterstützung des Autors, und wenn sie erkennen, dass sich der Autor werbetechnisch voll ins Zeug legt, wird der Markt erst so richtig attackiert.

Was bedeutet das für den Autor?

Er nimmt sämtliche Angebote für Lesungen in Buchhandlungen, öffentlichen Bibliotheken und Literaturfestivals an, kombiniert diese wenn möglich zu ausgedehnten Lesereisen, gibt Signierstunden, begleitet Online-Leserunden bei Büchereule, LovelyBooks oder Leserunden.de, macht Werbung auf seiner Webseite und postet interessante, witzige, informative und intelligente Beiträge auf seiner Facebook-Autorenseite, um so den Kontakt zu seinen Fans zu halten.

Wie schafft man aber den Sprung in die Medien?

Alleine kaum. Dazu muss der Verlag einen Pressemenschen engagieren, der gute Kontakte hat. Und wenn dann die ersten Möglichkeiten für Zeitungs- und Radiointerviews kommen, für TV-Auftritte und sogar Kamerateams ins Haus kommen, um fünf Stunden lang für ein zweiminütiges Autorenportrait zu filmen, muss man sich dafür Zeit nehmen, und das bedeutet mitunter auch, lange Strecken zu reisen.

Rentiert sich der Aufwand?

Kommt darauf an, wie bekannt man werden und ob man sich als Spiegel-Bestseller-Autor rühmen möchte.

Viele Bestsellerautoren, die von ihrer Arbeit gut leben können, schreiben ihre Bücher mittlerweile zum Großteil unterwegs am Laptop bei Zugfahrten oder im Hotel. Weil es anders nicht mehr geht. Ich habe beispielsweise schon mal während eines Langstreckenflugs in der Nacht auf meinem Platz in der Maschine geschrieben, während alle um mich herum geschlafen haben.

Die Frage, die man sich hier stellen muss, ist einfach die: Begnügt man sich mit einem Auftritt als Vorgruppe bei einem Indie-Rockfestival oder will man als Headliner in einem Stadion auftreten? Arbeit bedeutet beides – bei letzterem eben mit verdammt wenig Freizeit. Darum sage ich immer, Schreiben ist kein Beruf sondern Berufung.


Andreas Gruber - AutorAndreas Gruber

Andreas Gruber, geboren 1968 in Wien, studierte an der dortigen Wirtschaftsuniversität und lebt als freier Autor mit seiner Familie und fünf Katzen in Grillenberg in Niederösterreich. Mittlerweile erschienen seine Kurzgeschichten in über hundert Anthologien, liegen als Hörspiel vor oder wurden als Theaterstück adaptiert. Seine Romane erschienen als Übersetzung in Frankreich, Italien, Türkei, Brasilien, Japan und Korea.

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von Andreas Gruber veröffentlicht.
Copyright © by Andreas Gruber
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