Alex Shaw im Interview


Alex ShawHallo Alex! Da es vielleicht noch ein paar Leser gibt, die dich nicht kennen, fangen wir doch einfach mit einer kleinen Vorstellung an:

Wer ist eigentlich dieser Alex Shaw? Und was macht er so?

Die Frage ist schwierig zu beantworten, denn ich glaube, niemand weiß so ganz genau, wer oder was er eigentlich ist. Ich bin zuerst einmal ein Vater und Ehemann, und dann Autor. Ich habe einen Abschluss in Theatre and Media Drama und ein Postgraduate Certificate für Lehramt. Ich liebe es zu reisen, ich liebe Sprachen und Literatur. Ich habe als Leiter der Exportabteilung für eine englische Niederlassung von Siemens gearbeitet, aber seit den letzten zehn Jahren bin ich hauptberuflich Autor und stolzes Mitglied der ITW (The International Thriller Writers Organisation) und der CWA (The Crime Writers Association).

Du wurdest in England geboren, lebtest aber für einige Jahre in Kiew. Welcher Wirbelsturm hat denn dein Haus mitsamt Toto dorthin geweht?

Nachdem ich meinen Abschluss erwarb, der mich befähigte, Schauspiel und Englische Sprache zu unterrichten, kam ich zu dem Schluss, dass ich damit im Prinzip überall auf der Welt arbeiten könnte. Eine ukrainische Firma trat mit mir in Kontakt und machte mir das Angebot, für sie eine Englische Schule in Kiew aufzubauen. Das Angebot nahm ich an, und so begann meine Odyssee durch die Ukraine.Cold East - Alex Shaw

Einige von uns erinnern sich vielleicht noch an die Zeit des kalten Krieges, als sich die Osteuropäischen Staaten und die Westmächte säbelrasselnd gegenüberstanden. Und wenn man sich die Nachrichten so ansieht, scheint die Ukraine auch heute noch ein gefährlicher, politisch instabiler Ort zu sein. Für jemanden wie dich, der sowohl Außenstehender als auch Insider gleichermaßen ist – welche Erfahrungen hast du persönlich in den letzten Jahren in der Ukraine gemacht?

Für mich war die Ukraine immer ein sicheres und gastfreundliches Land gewesen, aber ich würde lügen, wenn ich nicht eingestehen müsste, dass die Spannungen gerade in den letzten Jahren, nach dem Sturz des korrupten Ex-Präsidenten und der illegalen Annektierung der Krim und der Dombass-Region durch Russland drastisch zugenommen haben. Im Prinzip ist Kiew jedoch so sicher wie jede andere europäische Hauptstadt. Noch vor zwanzig Jahren hatten die Ukrainer wenig Nationalgefühl, doch nach den Auseinandersetzungen und der Invasion ist der Patriotismus im Land so populär wie nie. Ukrainer sind mittlerweile stolz auf ihre ukrainischen Wurzeln. Ich sollte vielleicht noch anmerken, dass die Ukrainer Russland tatsächlich nicht hassen, trotz der anti-ukrainischen Propaganda, die tagtäglich den Kreml verlässt und das Klima vergiftet. Der Einfluss jener Generationen, die nach dem Zusammenfall der Sowjetunion geborgen wurden, wird immer stärker, und diese Generationen kehren ihrem Bruder Russland mehr und mehr den Rücken zu. Es sind keine leichten Zeiten für die Menschen in der Ukraine, aber ich denke, dass die Ukraine früher oder später ein vollständig anerkanntes Mitglied der europäischen Union sein wird.

Kommen wir auf deine Aidan Snow-Romane zu sprechen. Es mag vielleicht ein Zufall sein, aber … Aidan Snow und Alex Shaw haben die gleichen Initialen. Daher die Frage: Wie viel von Alex Shaw steckt in Aidan Snow – und umgekehrt?

Nun, im Grunde bin ich Aidan Snow, wenn ich denn beim SAS und beim MI6 gewesen wäre. Was ich übrigens nicht war. Wir beide sind ungefähr gleich groß und teilen die gleichen Überzeugungen, aber ich habe mich bemüht, aus ihm einen echte ausgeformte Figur zu machen, und nicht nur ein Sprachrohr für mich selbst. Er steht leidenschaftlich hinter seinem Tun, nicht nur in seinen Missionen, und versucht einfach nur, das Richtige zu tun.Cold Blood - Alex Shaw

Deine Aidan-Snow-Thriller sind angefüllt mit jeder Menge Informationen über verschiedene Spezialeinheiten, Geheimdienste, politische Intrigen, Waffentechnologien usw., und sie führen uns an die unterschiedlichsten Orte dieser Welt. Nicht umsonst werden sie auch als »internationale Thriller« beworben. Wie viel dieser Informationen basiert auf deinem eigenen Wissen (und woher weißt du diese Dinge?), und wie viel davon ist Recherche und Google?

Tatsächlich habe ich Freunde, die früher einmal in einer Spezialeinheit gedient haben oder die Mitarbeiter bei Geheimdiensten waren. An die kann ich mich wenden, wenn ich eine bestimmte Information brauche oder Klarheit in gewissen Details haben möchte. Außerdem habe ich viele Länder gesehen, in vielen Ländern gearbeitet und viele interessante Leute kennengelernt. Daraus schöpfe ich meine Inspirationen. Und ich lese mir viel Wissen innerhalb meines Genres an. Was Waffen und ähnliches angeht, versuche ich, nicht allzu sehr ins Detail zu gehen, weil das oft überladen wirkt und das Erzähltempo drosselt. Die meisten Handlungsorte meiner Geschichten habe ich aber persönlich gesehen und hin und wieder habe ich einige Szenen sogar direkt vor Ort geschrieben. Das letzte Mal, als ich Moskau besuchte, fühlte ich mich wie ein Spion, besonders in dem Moment, als ich zum Schreiben im Gorky Park saß. Aber ich muss zugeben, dass ich auch Google Earth oder Street View zurate ziehe, wenn alle Stricke reißen. Das ist besonders dann nützlich, wenn man eine bestimmte Szene mit kleinen Details anreichern möchte, wie beispielsweise die Farbe einer Haustür oder den Namen einer Kneipe.

Wie hast du mit Schreiben begonnen? Gab es ein bestimmtes Buch oder einen besonderen Moment in deinem Leben, die den Auslöser dafür gegeben haben?

Vor und auch noch während meiner Zeit an der Universität wollte ich Dramatiker werden. Mit 19 Jahren schrieb an einer Komödie mit, die von zwei Zeitreisenden Verkäufern von Doppelglasfenstern handelte. Später habe ich die Geschichte in einen Roman für Jugendliche umfunktioniert. Aber erst als ich in der Ukraine lebte spürte ich das Verlangen, selbst Romane zu schreiben. Ich hatte zu jener Zeit kein Fernsehen, also laß ich eine Menge Bücher. Und die meisten dieser Bücher handelten vom SAS, sowohl Romane als auch Fachbücher. Da kam mir eine Idee: Die Autoren dieser SAS-Bücher (die zum Teil selbst Soldaten des SAS waren) waren Experten, was den SAS anging – wussten aber nichts über die Ukraine. Ich hingegen kannte die Ukraine, und entschied daher, darüber zu schreiben. So wurde ich der erste renommierte westliche Schriftsteller, der seine Erzählungen hauptsächlich in der heutigen Ukraine und darum herum ansiedelte. Die beiden Autoren, die mich damals am meisten dazu inspirierten, selbst zu schreiben, waren Andy McNab und Chris Ryan – ebenfalls beide ehemalige SAS-Soldaten. Und jetzt, nach all den Jahren, freut es mich wahnsinnig, dass meine Bücher beim Luzifer Verlag neben denen von Chris Ryan veröffentlicht werden!

Wie sieht für gewöhnlich dein Schreiballtag aus?

Witzigerweise sind meine Familie und ich in diesem Sommer nach Qatar gezogen und leben jetzt in der Hauptstadt Doha. Daher ist mein Schreiballtag auf einmal richtiggehend glamourös geworden! Morgens um sieben bringe ich meine Söhne in die Schule, dann fahre ich zu unserer Villa zurück und schreibe etwa zwei Stunden, bevor ich eine Pause mache und etwas schwimmen gehe. Dann schreibe ich noch einmal für etwa zwei Stunden, bevor ich die Jungs wieder von der Schule abhole. Im Prinzip bin ich also jetzt ein im Ausland lebender englischer Autor, der am Pool seine Geschichten zusammenkritzelt.

Wow, Doha – das ist ein ziemlicher Unterschied zu England oder der Ukraine. Können wir damit rechnen, dass Qatar nun Einzug in eine deiner zukünftigen Geschichten findet?

In »Cold Black« kam Doha kurz vor, und es ist toll, jetzt die Orte zu sehen, über die ich da schrieb! Ich sauge hier sehr vieles auf und denke darüber nach, wie ich diese neuen Eindrücke literarisch verarbeiten könnte, aber bislang taucht das Land noch nicht in meinen aktuellen Projekten auf.

Du hast dich ja als Autor auf actiongeladene Thriller- und Krimilektüre spezialisiert – Themen, die stets sehr filmisch sind. Was fasziniert dich an diesem Genre am meisten, und fällt es dir manchmal schwer, Szenen zu beschreiben, bei denen im Film einfach verwackelte Kameras, Blutbeutel und Pyrotechnik zum Einsatz kämen?

Ich schreibe hauptsächlich das, was ich auch selbst am liebsten lesen würde. Lesen sollte keine lästige Pflicht sein und in Arbeit ausarten, sondern uns erfreuen. Lesen sollte aufregend sein. Einige der bekannten Actionhelden sind mir ein wenig zu eindimensional geraten, daher versuche ich, meine Figuren ein wenig glaubhafter zu gestalten. Die Actionszenen sehe ich vor meinem geistigen Auge vor mir, und und ich denke, dass es mir in den meisten Fällen ganz gut gelingt, sie aufs Papier zu bringen. Was das Blut angeht, denke ich, dass hier weniger oft mehr ist. Der Leser neigt dazu, bei diesen Dingen sehr schnell abzustumpfen. Ich überlasse diese Dinge daher lieber der Fantasie des Lesers, als ihm ein blutrünstiges Bild direkt vor die Nase zu setzen. Die eigene Vorstellungskraft kann der furchteinflößendste Ort überhaupt sein. Dieses Genre im Speziellen eignet sich wunderbar, um für ein paar Stunden in eine andere Welt zu entfliehen, aber die guten Vertreter können uns obendrein auch noch etwas über uns selbst und unsere Gesellschaft erzählen.Cold Black - Alex Shaw

Du hast über die Jahre eine Menge anderer bekannter Autoren getroffen – ich erinnere mich beispielsweise noch, dass wir beide uns einmal über deine Begegnung mit Lee Child unterhielten. Gibt es vielleicht eine besondere Anekdote, die du uns erzählen kannst, oder eine besonders interessante Unterhaltung? Gab es jemanden, der einen besonders bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen hat?

Einer der Vorteile, die man als veröffentlichter Autor hat, ist, dass man die Chance bekommt, jene Menschen zu treffen, die man seit Jahren beneidet und bewundert hat. Auf der CrimeFest-Awards-Gala saß ich einmal direkt neben Lee Child, und mir gegenüber der nicht minder beeindruckende Maj Sjöwall (ein schwedischer Autor, der besonders als Miterfinder der einflussreichen Martin Beck Detektivserie bekannt sein dürfte). Ich war ziemlich nervös, als ich da so saß und meinen Wein trank, aber die beiden waren überaus freundlich. Ich meine, das waren weltberühmte Autoren mit Millionen von verkauften Büchern, und sie behandelten mich als einen von ihnen! Etwas später an diesem Abend musterte mich Lee Child von oben bis unten und fragte: »Wie groß bist du eigentlich?«, und ich antwortete: »Genauso groß wie du, und genauso groß wie Jack Reacher.« Er nickte und meinte: »Das dachte ich mir.« Dann gab er mir seine Visitenkarte und bat mich allen Ernstes, ihm doch ein E-Book meines Romans »Cold East« zukommen zu lassen.

Gibt es ein neues Projekt, an dem du derzeit arbeitest, und kannst du uns eventuell schon Näheres darüber erzählen?

Ich arbeite derzeit an einer Serie, die von einem abtrünnigen russischen Auftragsmörder handelt. Die Recherchen zu diesen Büchern machen mir tierisch Spaß! Ich schätze, dass der erste Teil Anfang 2018 erscheinen und meinen Lesern dann hoffentlich gefallen wird.

Wer könnte besser Buchempfehlungen aussprechen als ein Autor selbst – wenn du zwei oder drei Bücher nennen müsstest, die dich in letzter Zeit absolut umgehauen haben, welche wären das, und warum?

Ich würde vielleicht lieber Autoren als einzelne Bücher nennen wollen. Meine Lieblingsautoren der letzten Jahre aber waren Mark Greaney, Jake Needham und Steve Cavanagh. Jeder von ihnen hat lebendige, atmende und auch blutende Charaktere erschaffen und sie in die unmöglichsten Situationen verstrickt.

Und als letzte Frage – welche Frage würdest du gern einmal gestellt bekommen, und was wäre deine Antwort darauf?

Könnte ich ein Autogram haben? - Aber sehr gern!


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